Die lustigsten Anzeigen aus BIKE

Werbung ist alles

  • Henri Lesewitz
 • Publiziert vor 4 Jahren

40 Jahre Mountainbiken: Henri Lesewitz hat im BIKE-Archiv gewühlt und eine Auswahl der skurrilsten, buntesten und coolsten Anzeigen aus den Anfangsjahren des MTB-Sports ausgegraben.

In diesem Herbst feiert das Mountainbike 40-jähriges Jubiläum. Biken ist ein Volkssport. Doch das war nicht immer so. Als Anfang der Neunziger der MTB-Boom von Amerika nach Europa schwappte, hatten die allermeisten Menschen noch nie von dieser Art der Freizeitgestaltung gehört. Nur gut, dass es die BIKE gab, wo Firmen ihre Produkte der Zielgruppe präsentieren konnten. Wir haben in alten Ausgaben geblättert und präsentieren eine Auswahl der originellsten, schrägsten und coolsten Anzeigen aus den Anfangsjahren des Sports.

Bianchi: Ach, Italien, Du wunderbarer Ort der Sehnsucht! Cappuccino, Dolce Vita und rassige, langbeinige Signorinas, die den ganzen Tag lang mit ihren Mountainbikes durch prachtvolle Landschaften strampeln. Liegt es an der blickdichten Sonnenbrille, dass sich diese Ladies auf dem Weg zum Tremalzo-Pass an den Strand nach Rimini verirrt hat, obwohl sie in Erwartung der Schotter-Serpentinen bereits auf das kleine Kettenblatt geschaltet hat? Egal! Die Bianchi-Anzeige ließ tausenden männlichen BIKE-Lesern Anfang der Neunziger das Blut in die Lenden schießen und lenkte mit ihrem ungeniert sexistischen Motiv wunderbar vom eigentlichen Thema ab – dem zu bewerbenden Bike nämlich.

Klein: Aus den Requisiten des Splatter-Klassikers "Das Tomatenbeet-Massaker" stammt der Zombie der wohl legendärsten Klein-Anzeige. Handlung des Films: Oberzombie Walter, dem von der "Armee der Finsternis" Arme und Beine ausgerissen wurden, gelingt die Flucht aus den Kerkern der Untoten. Weil er keine Arme und keine Beine mehr hat, entschließt er sich, mit gefletschten Zähnen eine Hochstromleitung entlangzuhangeln, ähm, zu beißen. Der Highway to Hell, an dem die Stromleitung entlangführt, liegt fast hinter Walter, da wird er von einem grinsenden Halbtoten nach der Uhrzeit gefragt. Vor lauter Stress vergisst Oberzombie Walter, dass er ja nur mit den Zähnen an der Leitung hängt und stürzt – die Antwort rufend – ab. Mitten rein in ein frisch gegossenes Tomatenbeet. Tja, jetzt wäre eine Dusche gut! Okay, ob es sich exakt so zugetragen hat, können wir nicht sagen. Nur, dass sich Kinder wohl nie mehr vor einer Anzeige mehr erschreckt haben dürften, als vor dieser der Highend-Schmiede Klein.

Günters: Ach herrje, morgen ist ja Anzeigenschluss und die verdammte Werbeagentur hat schon zu. Ups, so ein Glück, da ist ja noch ein Film in der Knipse! Vielleicht hat die scharfe Renate aus dem Nachbarblock ja Lust, sich in ihren neckischen Pünktchen-Fummel zu werfen! Keine Ahnung, ob die Lady auf dem Foto wirklich Renate heißt. Auch entzieht sich unserer Kenntnis, ob sie im Nachbarblock von "Günters Bike Shop" wohnte. BIKE-Leser der ersten Stunden werden aber zustimmend nicken, wenn wir behaupten, dass die Anzeige zum Coolsten gehörte, das der Kleinanzeigenteil damals zu bieten hatte. Kecke Zungen behaupten gar, die Anzeige hätte den Bianchi-Leuten als Inspiration für ihr ikonisches Rimini-Motiv gedient.

Gore: Herbststurm? Dauerregen? Nebelsuppe? Gore-Tex zeigte, dass Biker selbst bei Miesepeter-Wetter so überbordend von Glückshormonen geflutet sein können wie die Menschen in der Margarine-Werbung. Zumindest, wenn sie das gute, edle Titan-Mountainbike im mollig warmen Wohnzimmer in Sicherheit wissen. Auf der engsten Stadtmöhre ist schließlich Platz für alle.

Cannondale: Rock’n’Roll? Verfechter der Musikrichtung Heavy Metal kräuseln sich schon beim Gedanken an den Begriff sowohl Zottelhaare als auch Lederjacken-Fransen. Ein nettes Wortspiel war es dennoch. Mit 1,6 Kilo zählte Cannondales Alu-Rahmen damals zu den absoluten Gewichtsrekordlern. Das seltsame Ding an der Sattelstütze war übrigens der Vorläufer der versenkbaren Seatposts. Bergab: Schnellspanner auf, Sattel runter, Schnellspanner zu. Bergauf: Schnellspanner auf, zack! – Stütze hoch in exakte Ausgangsposition, Schnellspanner zu. Kompliziertes kann so simpel sein!

KTM: Wurde das Mountainbike doch nicht in Amerika erfunden? Sondern von den Engländern? Und zwar bereits im 18. Jahrhundert? Im Wrack der Bounty stießen Taucher auf dieses gelb-blaue Stahl-Hardtail. Oder war es die Titanic? Oder doch nur das Süßwasser-Aquarium des KTM-Fotografen? Google weiß es leider auch nicht.

Hercules: Nein, das ist nicht Speedway-Legende Egon Müller. Der war blond. Das ist einfach ein Typ in Aerobic-Klamotten, der für Hercules stilecht um die Kurve driftet. Die Kurvenfahrtechnik "Teufelsritt" war damals tatsächlich recht verbreitet. Nachdem so manches Genital dabei zu Schaden kam, wurde es aber irgendwann still um diesen Move. Vielleicht hätte man mal Egon Müller fragen sollen, wie das mit dem Driften richtig funktioniert.

Magura: Tja, das hat der Typ mit dem albernen Sternchen-Höschen nun davon. Geht mit Cantilever-Bremsen auf Tour. War doch klar, dass er abschmiert. Da kann der schlaue Leggins-Mann mit seinen Maguras natürlich nur lachen. Der hat nämlich nicht nur die brandneuen "Hydro-Stop-Mountain", sondern auch noch ein schickes Leopardenmuster-Stirnband aus schlagabsorbierendem Frottee-Material. Für den Fall des Falles. Sicher ist sicher.

Mistral: "Die Easy Rider treffen sich am Sunset Strip...." Was sich der Schöpfer dieser Quatsch-Anzeige gedacht hat, würde uns brennend interessieren. Wie viele Menschen sind nach Anblick dieser Werbung wohl in die Mistral-Shops gestürmt, um zu jenen dubiosen Ort namens Sunset Strip zu biken, der von sabbernden Surfern bevölkert wird?  

Pacific: Ja, da kann der Fönfrisierte mit der Ledertasche nur ein kehliges Lachen aus den finsteren Tiefen seiner Seele herauswürgen. Hätte der Kollege mal lieber eine Hosenklammer benutzt. Dann wäre seine Hugo-Boss-Hose nicht in die Kette gekommen. Tja, jetzt muss er eben Muttis Strumpfhose anziehen, solange das Teil in der Reinigung ist. Immerhin passt die Farbe zum Rahmen. Was die Betrachter dieser Anzeige aber viel mehr interessierte: Was, zum Teufel, hat der Fönfrisierte bloß in seiner Tasche versteckt, dass er sie so vehement festhält? Wir werden es wohl nie erfahren.

Riff Raff: Es gehört zu den großen Rätseln der Menschheit, welchem ästhetischen Empfinden die Mode in den frühen Neunzigern zugrunde lag. Eine mögliche Erklärung wäre diese: Ein zu schriller Extravaganz neigender englischer Graf mit asymmetrischer Frisur schloss mit dem Boss der damals ultraangesagten Szene-Schneiderei Riff Raff einen Pakt. Man wolle mal austesten, in welche modischen Randgebiete sich Menschen treiben lassen würden, wenn man ihnen nur penetrant genug erklärt, dass es cool und angesagt ist. Und tatsächlich: Das Experiment gelang. Die Biker hüllten sich voller Vergnügen in quietschbuntes Lycra und machten selbst vor psychedelischen Farbkombinationen nicht halt. Sie ließen die Träger ihrer Lycra-Leggins jauchzend auf die Schultern schneppsen. Manche zogen sich sogar badekappenartige Überzüge über den Helm. Irgendwann entdeckte ein Biker den Grafen und den Riff-Raff-Boss, wie sie den Irrsinn hinter einer Spiegelwand feixend beobachteten. Tja, das war’s dann. Irgendwie so muss es sich zugetragen haben.

Rock Shox: Himmelhölle! Was ist das denn? Gehört das nicht ins Motorrad? Die erste Rock-Shox-Werbung ließ die Gesichtszüge der Biker vor Unglauben erstarren. "Die Sensation aus USA", informierte der Begleittext. Und: "Überschläge beim Downhill können mit Rock Shox fast immer verhindert werden." Tja, fast. Was diese Anzeige auslöste, ist jedem bekannt. Ach ja: Twix hieß damals noch Raider und die Federgabel im Szeneslang noch Puffergabel.

Specialized 1: Fotos? Überbewertet. Die nüchterne Verkündung eines "zielgruppen-orientierten Rahmen-Systems" reichte Specialized 1990 als zielgruppen-orientierte Werbung.

Specialized 2: Keine Federgabel am Bike? Dann doch hoffentlich ein Kletterseil! Das prima Fahrverhalten von Specialized-Bikes war in der Szene bekannt. Dass man sich mit ihnen auch super von Klippen abseilen kann, wussten BIKE-Leser spätestens nach dieser Anzeige.

Staiger: Schmollt da etwa jemand? In BIKE 11/1991 reagiert Staiger auf die bissige Formulierung eines Testredakteurs ein Heft zuvor. Der hatte sich eine Bemerkung über den mäßigen "Coolness-Faktor" des deutschen Herstellers erlaubt, woraufhin Staiger ganzseitig zurückstichelte. Ob sich die Test-Redakteure vom Anzeigenerlös eine Siesta gönnten, ist nicht überliefert.

Thule: Helme, wie ausgehärteter Bauschaum. "Optimale Belüftung" versprach Hersteller Thule damals, was beim Anblick der poppig lackierten Styropor-Murmeln etwas sehr vollmundig klingt. Egal, aus Angst um ihre Frisur trugen damals viele Biker keinen Helm. Jeder Kopfschutz war besser, als keiner.

Prym: Eines von des Teufels berühmten drei goldenen Haaren? Quatsch, das Ding ist doch silber! Wie ein ausgezupftes Kraushaar wirkten die Prym-Speichen aber dennoch. Sie besaßen eine eingebaute "Reserve", falls mal ein bisschen zu viel Spannung anliegt, etwa bei forschen Downhill-Ritten. Der "elastischen Speiche" blieb der Durchbruch trotz dieser Anziege verwehrt. Ein Versuch war’s aber natürlich wert.

Schlagwörter: 30-Jahre-BIKE 40-Jahre-Mountainbiken Bike-Magazin Jubiläum Retro


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