Merida ninety-six 2016 Merida ninety-six 2016

Neuheiten 2016: Merida Ninety-Six

Merida Ninety-Six: Worldcup-Race-Fully für jedermann

Stefan Loibl am 29.05.2015

Mit dem neuen Ninety-Six gibt Merida seinem Worldcup-Team ein reinrassiges Race-Fully an die Hand – mit agilem Handling, aggressiver Geometrie und in zwei Laufradgrößen. Alle Infos & ein Fahrbericht.

Für sein neues Race-Fully hat das Entwickler-Team um Jürgen Falke eng mit dem Multivan Merida Biking Team zusammengearbeitet. Herausgekommen ist die nächste Evolutionsstufe des Ninety-Six. Seinen Namen hat das Merida-Bike von den 96 Millimetern Federweg am Hinterbau. Bereits letztes Wochenende konnte man einen Erlkönig davon sehen: José Hermida und Gun-Rita Dahle-Flesjaa waren beim Worldcup in Nove Mesto darauf unterwegs. Dazu muss man wissen: Beide sind Hardtail-Verfechter und bei Rennen noch nie auf Race-Fullys gefahren – bis zum Worldcup-Auftakt 2015.

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Die Team-Version des Merida Ninety-Six kommt mit strafferen Dämpfer-Setup. Das passt zur RS-1-Gabel.

Geschichte zum Merida Nintey-Six

Auf der ersten Generation wurde Ralph Näf 2007 auf Anhieb WM-Zweiter in Fort William. 2008 gewann das 26-Zoll-Fully den BIKE Milestone Award. 2011 folgte die zweite Generation des Ninety-Six: Der Dämpfer wanderte von der Unterseite des Oberrohrs nach unten und die Kinematik wurde auf Zweifach-Antriebe hin optimiert.

Ergänzung zum Marathon-Fully Ninety-Nine

Im Jahr 2012 präsentierte Merida mit dem Ninety-Nine ein Race-Fully, das Thomas Litscher und Ondrej Cink bis Anfang des Jahres über die komplette Worldcup-Saison eingesetzt haben. Das 29er-Fully bietet hinten und vorne 100 Millimeter Hub, dazu eine sehr laufruhige Geometrie und ist im Multivan Merida Biking Team die erste Wahl für Marathons und Etappenrennen wie das Cape Epic. Dass dass Merida Ninety-Nine ein hervorragendes Fully ist und nach wie vor seine Berechtigung hat, beweist der jüngste BIKE-Test in Ausgabe 7/2015. Dort räumt es einen BIKE-Testsieg ab.

Merida ninety-six 2016

Das neue Merida Ninety Six in der Team-Version. Fast genau so fährt es das Multivan Merida Biking Team auch im Worldcup.

Neues Ninety-Six: Aggressivere Geo, zwei Laufradgrößen

Beim neuen Ninety-Six wendet Merida erstmals sein neues Konzept mit unterschiedlichen Laufradgrößen an. "Size Specific Wheeling" bedeutet nichts anderes, als dass die kleinen Rahmenhöhen S und M mit 27,5 Zoll-Laufrädern ausgestattet sind, während die drei Rahmengrößen M, L und XL auf 29 Zöller bauen. Wer Medium fährt, hat also die Wahl. Speziell für kleine Fahrer bietet die 27,5 Zoll-Variante viele Vorteile: sie ist leichter, das Cockpit baut niedriger, die Überstandshöhe fällt geringer aus und die Geometrie mit kurzem Reach und niedrigem Stack passt besser. Bei der Geometrie hat Merida auf die Profi-Racer des Multivan Merida Biking Teams gehört. Agiles Handling und eine aggressive Geometrie mit tiefer Front eignen sich perfekt für schwierige Worldcup-Strecken und Cross Country-Pisten.

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Die Kinematik ist zwar für Schaltungen ohne Umwerfer optimiert, aber wer lieber zwei Kettenblätter fahren will, kann einen High Direct Mount-Umwerfer fahren.

Gewicht und Kinematik des Ninety-Six

Auf 1750 Gramm (ohne Dämpfer) soll der neue Vollcarbon-Rahmen des Ninety-Six in der besten Kohlefaser-Qualität kommen – ein Topwert und auf Augenhöhe mit einem Scott Spark oder Specialized Epic. Dabei geht die Gewichtsersparnis zum einen auf das Carbon-Layup zurück, das durch das neue Hinterbau-System erst möglich wurde. Aber das sind keine großen Gewichtssprünge, es gilt eher: Mühsam ernährt sich das Eichhörnchen. 100 Gramm hat Merida im Vergleich zum Ninety-Nine abgespeckt. Beispielsweise durch die Integration des hinteren Bremssattels zwischen Ketten- und Sitzstrebe spart Merida am Ninety-Six 30 Gramm, die integrierte Zugverlegung ist am Ende genauso schwer wie die außenverlaufenden Leitungen am Ninety-Nine. Auf die Frage, warum man den Dämpfer wieder dorthin zurückverlegt hat, wo er beim Ninety-Six der ersten Generation saß, sagt Entwickler Jürgen Falke: "Dadurch können wir den Hauptdrehpunkt des Hinterbaus immer an dieselbe Stelle legen. Das war beim alten System nicht möglich. Jetzt gibt es lediglich noch Unterschiede zwischen 27,5 und 29 Zoll." Identische Drehpunkte für alle Rahmenhöhen versprechen eine gleichbleibende Hinterbau-Funktion – egal ob man auf einem S- oder XL-Rahmen sitzt. Da im Cross County-Bereich fast ausschließlich Einfach-Antriebe gefahren werden, wurde auch die Kinematik daraufhin optimiert. Der Hinterbau mit Vollcarbon-Wippe soll extrem effizient arbeiten und Pedalrückschlag minimieren. Bei der 27,5 Zoll-Variante stehen 109 Millimeter Hub zur Verfügung, das 29er hat 96 Millimeter Federweg und wird dem Modellnamen damit gerecht. Die leicht progressive Kennlinie soll für sensibles Ansprechverhalten sorgen und speziell im mittleren Federwegsbereich gut arbeiten. In der Regel ist man von Race-Fullys gegen Ende sehr progressive Kennlinien gewohnt, so dass sich die letzten Millimeter oft nur sehr schwer nutzen lassen.

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96 Millimeter Hub stehen an der 29-Zoll-Version des Ninety-Six am Heck zur Verfügung.

Kein Klappern, leichter Service: die Kabelführung

Das neue "Smart Entry"-System soll die integrierte Kabelführung vereinfachen und ab nun bei jedem neuen Merida-Mountainbike zum Einsatz kommen. Statt mit Linern im Rahmeninneren arbeitet Merida mit Klemmungen am Ein- und Ausgang der Leitungen. So werden die durchgehenden Zughülsen auf Zug geklemmt und können bei ruppigen Downhills gar nicht an die Kohlefaser-Rohre schlagen. Die Inserts zum Klemmen lassen sich austauschen und anpassen: Wer beispielsweise eine Lenkerfernbedienung für den Dämpfer fährt oder eine Teleskop-Sattelstütze mit Remote, kann ein Insert mit einem Eingang mehr montieren und die Leitung so am Steuerrohr-Eingang klemmen. Auch an Inserts für die elektronische Shimano XTR Di2 und Foxs iCTD-System wurde gedacht.

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Die Inserts, die die Leitungen beim Eingang in den Rahmen klemmen, lassen sich tauschen.

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Das Steuerrohr fällt beim Ninety-Six in Größe M mit 100 Millimeter kurz aus. Das ermöglicht ein tiefes Cockpit.


Drei Carbon-Klassen und eine Alu-Version

Der Top-Rahmen des Ninety-Six setzt auf hochwertigste Kohlefaser-Werkstoffe. Von "CF 5" spricht Merida dabei, das 20 % leichter und 10 % steifer sein soll als Standard-Carbon. In den günstigeren Modellen kommt "CF3"-Material zum Einsatz, was in der Summe etwas schwerer ist. Einen Carbon-Hauptrahmen kombiniert Merida bei den "CFA"-Modellen des Ninety-Six. Auch eine Aluminium-Variante des neuen Race-Fullys wird es geben. Die Wippe ist allerdings bei allen Modellen dieselbe, sie ist aus Carbon.

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Den hinteren Bremssattel hat Merida ins hintere Rahmendreieck versetzt. Das spart ein paar Gramm Gewicht.

Geometrie

Vom Profi-Team kam von den "Fully-Experten" Thomas Litscher und Ondrej Cink früh Feedback zu den ersten Prototypen des Ninety-Six. Herausgekommen ist eine sehr sportliche Geometrie mit kurzem Radstand, kürzerem Oberrohr und niedrigerem Tretlager wie beim Ninety-Nine. Moderner und agiler eben, wie man es von modernen Race-Fullys kennt.

Fahrbericht: Erste Testeindrücke von Merida Ninety-Six

Bereits beim Ausrichten der Lenker-Armaturen und den ersten Sekunden im Sattel spüre ich am eigenen Leib, was es heißt, auf einem Worldcup-Bike zu sitzen: Der negative Vorbau sorgt in Verbindung mit dem kurzen 100er-Steuerrohr für eine beträchtliche Sattelüberhöhung. Gut für die Aerodynamik, schlecht für meine Bandscheiben. Aber mit zwei kleinen Carbon-Spacern könnte ich das Cockpit noch ein wenig anheben – mache es aber erstmal nicht. Denn ich will die Vorteile der tiefen, gestreckten Sitzposition auskosten, die ohne viel Anstrengung mächtig Druck auf dem Vorderrad garantiert. Rock Shox RS-1-Gabel und Monarch RL-Dämpfer stimme ich auf 25 Prozent SAG ab. Reifendruck checken und los geht’s auf die kurze, aber knackige Cross Country-Testrunde.

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Beim Testen des Ninety-Six Team in der Nähe von Albstadt.

Ein Klick am Full Sprint-Hebel und schon zwingt mich der sanfte Wiesenhügel aus dem Sattel – Wiegetritt. Schotten dicht in den Federelementen, und ab geht die Post. Erst als mein Puls die 190er-Marke knackt, zwingen mich die brennenden Beine wieder in den Sattel. Zurückschalten, durchschnaufen. An der nötigen Steifigkeit mangelt es dem Race-Fully nicht, auch wenn die Testbikes noch keine Serienrahmen haben. Aber davon konnte man ausgehen, denn einem grenzwertig steifen Rahmen hätten die Watt-Maschinen des Worldcup-Teams niemals ihren Segen gegeben. Weiter auf der Runde, der erste Downhill. Erst über zwei Steinstufen, dann durch einen ausgewaschenen Wurzelteppich. Meine Linienwahl: bestimmt verbesserungswürdig. Die Bike: souverän. Danach lädt ein Wiesenweg mit einigen Querwurzeln zum Beschleunigen ein. Auf dem Hardtail hätte ich aus dem Sattel gehen müssen, auf dem Ninety-Six lasse ich den Hinterbau die Arbeit machen und spare meine Körner. Langsam gewöhne ich mich an die sportliche Position. Und das Fully, denn in letzter Zeit saß ich fast ausschließlich auf 29er-Hardtails. Aber speziell im feuchten mit Wurzeln und Felsbrocken gespickten Schlusanstieg der Testrunde bekomme ich zu spüren, warum José Hermida seine Hardtail-Philosophie überdacht hat. Drücken, ziehen, beißen: Mit der Kette auf dem kleinsten Gang, den die Sram XX1 hergibt, ackere ich mich in der Rampe ab. Aufstehen kann man nicht, weil sonst das Hinterrad durchgeht. Dämpfer blockieren ist auch keine Option, da überall kleine Stufen und Wurzeln lauern. Hier bin ich froh um das straffe Fahrwerk, das den Grip am Hinterreifen garantiert und meine Kraft effizient in Vortrieb umwandelt. Als sich der Anstieg zurücklegt und ich wieder weichen Waldboden unter den Reifen habe, wechsle ich bei hoher Trittfrequenz in den Wiegetritt. Das quittiert der Hinterbau mit leichtem Nicken. Noch ein paar Meter im blockierten Modus, dann habe die Runde geschafft. Ein Blick auf die Gummi-Ringe an Gabel und Dämpfer verrät, dass ich gut 100 Millimeter hinten und vorne den kompletten Federweg genutzt habe. So soll es sein. Nur einen langen Marathon könnte ich mit diesem tiefen Cockpit nicht fahren, aber muss ich ja auch nicht. Denn am Sonntag ist José Hermida dran.
 

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Mit dem Merida Ninety-Six kann man es ganz schön fliegen lassen, wenn man die nötigen Watt aufs Pedal bringt.

Stefan Loibl am 29.05.2015