Worldcup #1 2018 XCO Stellenbosch Worldcup #1 2018 XCO Stellenbosch

XCO MTB Worldcup 2018 #1 Stellenbosch: Rennbericht

Schurters Dominanz gebrochen – Grobert wird Vierte

Adrian Kaether am 10.03.2018

Der MTB-Worldcup in Stellenbosch war ein Wahnsinns-Rennen. Bei den Damen kämpften Langvad und Ferrand-Prevot um den Sieg, Grobert fuhr im Sprintfinish auf Platz vier. Schurter nur auf Platz zwei.

Sie beäugen sich. Abwartend. Kalkulierend. Wie zwei Kampfhunde auf Joghurt-Diät und zu allem bereit. Es ist der letzte lange Anstieg der letzten Runde im südafrikanischen Stellenbosch. Rot hebt sich der Sand des Trails von den grünen Sträuchern am Wegesrand ab, doch dafür haben Nino Schurter und Sam Gaze jetzt keine Augen. Ganz richtig. Sam Gaze. Genau der Sam Gaze, der 2016 und 2017 noch den Titel bei der U23-WM holte. Der Sam Gaze, der wie aufmerksame Fans der Rennszene wissen, in harten Rennen regelmäßig von Migräne geplagt wurde. Ein großer aber schlaksiger Neuseeländer, ebenfalls fahrend für Specialized und damit mit Jaroslav Kulhavy durchaus zu verwechseln. Auch wegen der Haltung und Statur auf dem Bike. Und nun ist es ausgerechnet der junge, erst 22 Jahre alte Newcomer, der gegen den amtierenden Weltmeister und Olympiasieger Nino Schurter – unbesiegt seit mehr als zehn Worldcup- und WM-Rennen, in die Attacke geht.

Moderate Temperaturen: Malene Degn gewinnt die U23

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Pauline Ferrand-Prevot fuhr ohne Fehler. Doch der schier unglaublichen Kraft von Annika Langvad hatte sie am Ende nichts entgegenzusetzen.


Aber ganz von vorne: Das Wetter meint es gut mit den Rennen an diesem Tag. Bedeckt ist der Himmel über Stellenbosch (Südafrika), einem kleinen Ort, bekannt für seinen Weinanbau und nur einen gefühlten Steinwurf von Kapstadt entfernt. Die Temperatur liegt bei noch verhältnismäßig angenehmen 25 Grad, extra für das Rennen haben die Organisatoren noch einmal die Strecke ein wenig bewässert, damit der Staub nicht völlig unerträglich wird. Als erstes dürfen an diesem Tag die U23-Damen auf die Strecke, wo am Ende Malene Degn aus Dänemark den Sieg einfährt, vor Sina Frei aus der Schweiz und Evie Richards aus Großbritannien. Beste Deutsche wird Antonia Daubermann auf dem zehnten Platz.


In der U23 der Herren fährt mit Petter Fagerhaug auch ein Skandinavier zum Sieg, ihm folgen Ben Oliver aus Neuseeland und Neilo Perrin Ganier aus Frankreich mit einigem Abstand. Ein anständiges Ergebnis auch für Simon Andreassen, der trotz eines schweren Sturzes in Stellenbosch vor ein paar Tagen zum Rennen antrat und am Ende Platz vier holte. Nur knappe vierzig Sekunden hinter dem Dänen rauschte Max Brandl als schnellster Deutscher ins Ziel, am Ende reichte es zwar nicht wie bei der WM für die Bronzemedaille, aber immerhin für den sechsten Platz.

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Jolanda Neff folgt Catharine Pendrel.


Jolanda Neff: Schnell auch mit gebrochenem Schlüsselbein


Und schon folgt das erste echte Highlight des Tages, das Rennen der Elite-Damen. Kann Jolanda Neff die Konkurrenz mit einem gerade erst verheilenden Schlüsselbein und trotz der damit verbundenen Trainingsdefizite in die Schranken verweisen? Am Start sieht es noch ganz so aus, aber schnelle Starts ist man ja von Jolanda Neff gewohnt. Aber auch andere drängen nach vorne. Multitalent Pauline Ferrand-Prevot aus Frankreich und vor allem die Dänin Annika Langvad. Und der Macht der beiden Konkurrentinnen scheint Jolanda Neff im letzten Anstieg des Startloops keine Paroli mehr bieten zu können. Durch einen Fehler von Ferrand-Prevot gerät sie aus dem Rhythmus und muss absteigen, dann findet sie mit ihrem Hardtail im Anstieg kaum Traktion, die Fully-bewehrte Konkurrenz zieht gnadenlos an der Schweizerin vorbei. Doch zu viel auf einmal gewollt?

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Anne Tauber fuhr in einer starken Leistung auf Platz drei.


Aber Jolanda Neff gibt nicht auf. Sie drosselt die Pace ein wenig, hängt sich dann irgendwann an Catharine Pendrel und hat damit den richtigen Partner gewählt. Denn die Kanadierin fuhr insbesondere in den mittleren Runden ein starkes Rennen und zusammen kämpfen sich die beiden wieder nach vorne bis die Spitze in Sicht kommt. Weiter hinten kämpfen Helen Grobert und Sabine Spitz erbittert um jede Position. Erstere versucht sich nicht nach hinten durchreichen zu lassen, kann aber in der zweiten Rennhälfte die Ausdauer ausspielen und die eigene Position gut verteidigen, letztere kämpft sich von Startplatz Nummer 19 immer weiter nach vorne. Doch was bald folgen würde, das hätte wohl bis in die letzte Runde niemand für möglich gehalten.


Langvad gegen Ferrand-Prevot


An der Spitze tragen Annika Langvad und Pauline Ferrand-Prevot das Rennen unter sich aus. Die Dänin ist stärker, das merkt man deutlich und sie geht so immer wieder in Führung, doch kleinere Fehler werfen sie immer wieder zurück und kosten sie viel Kraft und Zeit. Im Duett ziehen die beiden vorneweg, dahinter folgt als Solistin und mit einigem Abstand ausgerechnet die niederländische Meisterin Anne Tauber, die diese Position bis ganz zum Schluss halten kann. Platz drei für die Niederlande, was für ein Ergebnis.


Um die letzten Positionen des Podiums wird aber erbittert gefochten. Catharine Pendrel wird gegen Ende des Rennens etwas schwächer und kann Jolanda Neff nur noch bedingt Paroli bieten, dann gesellt sich zu Pendrels Nachteil auch noch Neffs Teamkollegin Maja Wloszczowska zu der Gruppe dazu. Und plötzlich ist da Helen Grobert. Wie aus dem Nichts taucht sie im letzten langen Anstieg hinter Pendrel auf. Mit einer sichtbar höheren Geschwindigkeit. Schon am Ende des letzten Anstiegs hat sie Pendrel eingeholt und die Attacke folgt prompt, Grobert geht mit Vollgas an Catharine Pendrel vorbei, die der Deutschen nichts mehr entgegensetzen kann. Und die junge Deutsche nimmt die Verfolgung des Cross-Duos auf. Volle Kraft voraus, bloß jetzt keinen Fehler machen.

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Ein verdienter, aber deutlicher Sieg für Annika Langvad. Nur an Kleinigkeiten muss sie noch arbeiten, dann wird sie nicht mehr zu schlagen sein.


Aufholjagd und Zielsprint: Grobert schafft es aufs Worldcup-Podium


Über die Sprünge, durch die Kurven, durch die letzte schwierige technische Sektion: Helen Grobert klebt jetzt am Hinterrad von Maja Wloszczowska. Doch das Rennen ist so gut wie vorbei. Ein kleiner Sprung auf schmaler Strecke noch, dann wird die Strecke breiter, führt über eine Brücke und eine breite Rechtskurve auf die kurze Zielgerade. Völlig unmöglich, dass Helen Grobert hier noch überholen kann, oder? Doch sie gibt alles. Sie sieht die Podiumsplatzierung winken und mobilisiert die letzten Kräfte. Auf der Brücke rückt sie Wloszczowska gefährlich nahe, fast hört man die Stollen der Reifen aneinander reiben.

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Zielsprint um Platz vier. Am Ende hatte Helen Grobert (ganz rechts) die Nase vorne.

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Helen Grobert im Ziel mit ihrer Schwester Hannah.

MTB-Worldcup Stellenbosch Sabine Spitz

Mit Rang acht beim ersten MTB-Worldcup ist Sabine Spitz mehr als zufrieden. Bemerkenswert: Sie konnte den Zielsprint gegen zwei deutlich jüngere, sprintstarke Schweizerinnen gewinnen.


Dann ein Fehler von Wloszczowska. Sie geht zu weit außen in die weite letzte Linkskurve, mutig sticht Helen Grobert durch die Mitte und ist plötzlich fast bei Jolanda Neff. Jetzt erst recht, fast ist es geschafft, alle drei geben alles und schießen im Wiegetritt auf die Ziellinie zu. Grobert hat die größeren Reserven und lässt Neff hinter sich, doch Wloszczowska kann Paroli bieten und hat noch einen geringen Vorsprung und das sprintfreudigere Hardtail. Aber Grobert packt noch einmal ein paar Watt obendrauf. Nur wenige Sekundenbruchteile vor Maja Wlszczowska überquert Helen Grobert die Ziellinie und sichert sich Platz vier.


Platz fünf geht an Maja Wloszczowska, Platz sechs an Jolanda Neff. Platz drei holt die Niederländerin Anne Tauber, Platz zwei konnte Pauline Ferrand-Prevot bis zum Ende halten, der Sieg geht trotz einiger kleinerer, ärgerlicher Fehler an eine überlegen starke Annika Langvad. Zweitbeste Deutsche wird Sabine Spitz mit einem ebenfalls starken achten Platz direkt hinter Catharine Pendrel auf Rang sieben. Linda Indergand und Alessandra Keller vervollständigen die Top 10. Und dann ist da noch die stille Heldin des ersten Worldcups in Stellenbosch: Elisabeth Brandau. Die Schönaicherin rollte das Feld im wahrsten Sinne des Wortes von hinten auf. Für sich genommen mag ein Platz 13 nicht sehr beeindruckend sein, aber von der fast letzten Starposition überhaupt aus? Respekt. Wer weiß, was sie in Albstadt reißen kann, mit einer besseren Startposition auf einer Strecke, die ihr liegt und auf der sie schon einmal brillierte.

Männer: Wie gefährlich ist van der Poel?


Nun ist endlich das Rennen der Männer an der Reihe. Kann dieses Jahr jemand Nino Schurter wirklich schlagen? Aspiranten gibt es einige. Nino Schurter selbst macht sich aber die meisten Gedanken um den jungen Cyclocross-Helden Mathieu van der Poel aus den Niederlanden. Der junge Sportler hat nicht nur eine Familie mit einer intensiven Radsportgeschichte – der Vater gewann eine Etappe der Tour de France, der Großvater in den Sechzigerjahren die Vuelta – sondern er hat auch letztes Jahr in Albstadt schon bewiesen, dass er Schurter massiv unter Druck setzen kann. Sein Handycap in Stellenbosch: Die schlechte Startposition von Rang 47.

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Mathieu van der Poel. Von Rang 47 auf Rang vier. Das soll ihm auch erstmal jemand nachmachen.

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Der Start des Herrenrennens. Anton Cooper (ganz vorne, rechts von Schurter in weiß) wird zunächst in Führung gehen.

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Gaze verfolgt Schurter.


So sind es zunächst andere, die im Start ganz nach vorne drängen. Nino Schurter selbst natürlich. Und der junge Neuseeländer Anton Cooper, der U23-Champ von 2015. Der führt das Feld zunächst an, bis Schurter selbst bald das Heft in die Hand nimmt. Als das Feld den ersten Anstieg bewältigt, sichten die Adleraugen von Kommentator Bart Brentjens schon Sam Gaze, in der Mitte des Feldes ganz nah bei Schurter. Göttliche Eingebung muss das gewesen sein, denn was folgen würde, das konnte selbst der ehemalige Olympiasieger nicht ahnen.


Schurter attackiert – Sam Gaze lässt sich nicht abschütteln

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Sam Gaze im Downhill der letzten Runde. Schurter (in weiß) sitzt ihm dicht im Nacken.


Anton Cooper wurde bald von Nino Schurter in die Schranken gewiesen. Doch es war Sam Gaze, der Schurter beständig folgte, der sich unermüdlich nach vorne arbeitete und der schon bald am Hinterrad des Weltmeisters und Olympiasiegers klebte. Doch das hat es schon ein paar Mal gegeben. Zuletzt vielleicht wirklich mit Mathieu van der Poel, vergangene Saison in Albstadt. Der Schweizer kennt diese Situation, und er ist vorbereitet. Seine Taktik: Gut in die Pace des Rennens hineinfinden. Dann, so etwa ab Runde zwei bis drei Attacken starten, bis die Verfolger aufgeben.


Nur hatte dieser Plan heute in Stellenbosch einen entscheidenden Haken. Denn Sam Gaze gab und gab nicht auf. Unglaublich, wie der junge Neuseeländer dem Schweizer Champ Paroli bot, jede Attacke mitging und immer in Schlagweite blieb. Bald ließ das Duo die Verfolger weit hinter sich zurück. Maxime Marotte zementierte in der Mitte des Rennens seine Position auf Platz drei, während Mathieu van der Poel in einer unglaublichen Aufholjagd von seiner Startposition auf Platz 47 das Feld von hinten aufrolle und der Spitze immer näher kam.
Das musste Schurter jedoch keine großen Sorgen machen, denn auf Platz vier angekommen, war der Tank von Mathieu van der Poel erstmal ziemlich leer. Zwar konnte er die Position halten, aber insbesondere in der zweiten Rennhälfte blieb auch der Abstand zu Maxime Marotte stabil. Es hätte völlig übermenschliche Kräfte gekostet, jetzt auch noch die Attacke auf das Spitzenduo zu starten. Und die hatte in Stellenbosch nur einer.


Sam Gaze: Relaxed und taktisch


Und das war nicht Nino Schurter, sondern ausgerechnet Nachwuchstalent Sam Gaze. Noch in den Runden fünf und sechs bleib der Neuseeländer sichtlich entspannt, deutlich an seiner Körpersprache zu erkennen und ließ Schurter den Großteil der Führungsarbeit erledigen, der sichtlich die Zähne zusammenbeißen musste, um seine Pace zu halten. Dann, in der letzten Runde, im letzten Anstieg, ließ Nino Schurter Sam Gaze passieren. Taktik?

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Im Ziel bricht Sam Gaze erschöpft zusammen, ein Fotograf muss ihm nach einem Krampf im Oberschenkel wieder auf die Beine helfen. Er hat alles gegeben. Aber es war genug.

Wahrscheinlich. Nun musste Sam Gaze immer über seine Schulter schauen, um im Fall einer Attacke gut vorbereitet zu sein. Wahrscheinlich wollte Schurter Gaze überraschen, hinters Licht führen, seine überlegene Erfahrung ausspielen. Aber das Manöver ging gründlich schief. Denn Gaze nahm selbst das Heft in die Hand und setzte entschlossen zum Sprint an. Auch das ein taktisches Manöver, wie später klar wurde – Gaze konnte die Situation einfach zu diesem Zeitpunkt besser einschätzen als Schurter.


Der letzte Downhill


Wollte Gaze jetzt allen Ernstes Schurter abschütteln? Vielleicht. Wahrscheinlicher ist jedoch, dass es ihm wohl nur darum ging, als Erster in den letzten Downhill zu gehen, um für den unausweichlichen Zielsprint die bessere Position zu haben. Als Schurter aufging, welchen Plan Gaze verfolgte, war es schon zu spät. Im gefährlichsten Downhill wählte Schurter die gefährlichste und schnellste Linie, doch auch Gaze leistete sich kaum Fehler und die halbe Radlänge reichte Schurter zum Überholen nicht aus. Der kleine Sprung noch, dann die Brücke. Und Sam Gaze war es wieder, der in Führung liegend die Attacke zum Zielspringt startete. Runter von der Brücke, um die Kurve und dann alles was geht.

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Maxime Marotte hat wieder einmal Durchhaltevermögen bewiesen. Noch in der letzten Runde schloss er fast bis zu Schurter/Gaze auf.

Ein toller Anblick, wie die beiden Sprintspezialisten in den Alles-oder-Nichts-Modus umschalteten. Gaze vorneweg, Schurter hinterher, doch nach zwei, drei, vier Pedalschlägen rutschte Schurter aus dem Pedal, der Sieg war dahin, der Fluch war gebrochen. Sam Gaze von Adrenalin durchfluteter Körper reckte noch kurz die Fäuste zum Zeichen des Siegs in die Höhe, dann brach der Neuseeländer völlig entkräftet in sich zusammen.


Epilog


Gut eine Sekunde später erreichte Schurter das Ziel, nun seit fast zwei Jahren das erste Mal nicht in Siegerpose. Gegen Maxime Marotte, der sich am Ende den beiden Kontrahenten doch noch annähern konnte, konnte sich Schurter aber noch behaupten. Marotte erreichte das Ziel zwei Sekunden nach Sam Gaze. Platz vier ging an Mathieu van der Poel, der sich damit für das nächste Rennen einen wesentlich bessere Startposition sichert, Platz fünf ging dank einer starken Leistung an Tituan Carod vom BMC Team. Anton Cooper, Florian Vogel, Henrique Avancini, Mathias Flückiger und Andri Frischknecht komplettierten die Top-10. Bester Deutscher wurde Manuel Fumic, der trotz einer längeren Krankheit in der Off-Season Platz 16 für sich behaupten konnte, Markus Schulte-Lünzum kämpfte sich immerhin von Platz 56 auf Platz 38 vor. Auch hier also eine klare Aufwärtstendenz.

Wir sind gespannt, was der nächste MTB-Worldcup in gut zwei Monaten in Albstadt bringt!

Alle Ergebnisse finden Sie auf der Website der UCI, das Replay der Rennen gibt es auf Red Bull.tv zu sehen.

Adrian Kaether am 10.03.2018