Worldcup #2 Cairns: Downhill Rennbericht

Loic Bruni holt ersten DH-Worldcup-Sieg

  • Adrian Kaether
 • Publiziert vor 5 Jahren

Der Downhill-Worldcup in Cairns war alles andere als gewöhnlich. Australiens Tracey Hannah und Troy Brosnan brillierten, konnten aber Rachel Atherton und Loic Bruni beim Heim-Worldcup nicht schlagen.

Tropische Bedingungen herrschten beim zweiten Downhill-Worldcup in Cairns, Australien. 30 Grad und 70 Prozent Luftfeuchtigkeit. Dazu der etwas ungewöhnliche Track, der nach einigen Kehren zum Einschwingen im oberen Teil direkt in einen der fiesesten Rock Gardens des Rennkalenders mündete. Im mittleren Teil mit vielen Wurzeln und flachen Kurven kombiniert mit einigen großen Sprüngen bestrafte die Strecke die Fahrer für jeden Fehler mit großem Schwungverlust und endete in einem 250 Meter langen Zielsprint. Auch Downhill-Piloten müssen also sprinten und Tempo halten können.

Kein Wunder, dass diese ungewöhnliche Strecke das Fahrerfeld komplett durcheinander wirbelte. Regen, Sonne, Regen und wieder Sonne machten die Sache für die Fahrer während des Trainings und Qualifyings nicht einfacher. Die Rock Gardens waren meistens nass, während die Jump-Section oft sehr schnell wieder abtrocknete. Ständig wechselten die Bedingungen und so kam es, dass auch die Teams ständig die Taktik änderten. 18 Reifenwechsel verkündete die imaginäre Strichliste von Gee Atherton alleine nach dem Training.

Loic Bruni on Track: Die Startnummer verrät den Franzosen. Das Bild kann aber nicht im Rennen entstanden sein, weil er dort in einem anderen Outfit unterwegs war.

Locals vorne – Australier holen Top-Platzierungen

Dass die Australier selbst eine wichtige Rolle im Rennen spielen würden, war nach dem Qualifying überdeutlich. Mit Troy Brosnan und Mick Hannah auf den ersten beiden Plätzen der Männer und Tracey Hannah immerhin auf dem dritten Platz in der Damenwertung. Doch der Renntag sollte viele überraschen. Die Nacht hindurch hatte es nicht mehr geregnet und auch am Renntag klarte es weiter auf. Die örtlichen Temperaturen taten ihr übriges, so dass die Strecke im Finale komplett trocken war. Bedingungen also, die niemand wirklich im Training oder Qualifying erlebt hatte.

Mick Hannah wieder in Bestform.

Bei den Damen konnte Ex-Weltmeisterin Morgane Charre vom Bergamont Hayes-Team die erste konkurrenzfähige Zeit in den Dreck von Cairns brennen. Ihr folgte Tahnee Seagrave (Transition), die Charres Zeit zwar deutlich unterbot, aber trotzdem kaum hoffen konnte, Rachel Atherton mit dieser Zeit schon in Schach zu halten. Emilie Siegenthaler (Pivot) stürzte leicht im oberen Rock Garden und verlor damit wertvolle Sekunden.

Tracey Hannah mit eindrucksvollem Run

Als nächste startete Tracey Hannah (Polygon). Die Strecke in Cairns ist lediglich fünf Kilometer von dem Haus ihrer Eltern entfernt. Sie hatte den Winter über hier mit ihrem Bruder Mick trainiert und die Hoffnung der Australier auf einen Heimsieg in der Damenwertung lastete auf ihren Schultern. Kein Wunder, dass sie motiviert bis in die Haarspitzen aus dem Startgate sprintete. Perfekte Linienwahl im ersten Rockgarden, das Bos-Fahrwerk bügelte die fetten Bruchsteine glatt und Hannah sprintete aus der folgenden Kurve.

Tracey Hannah gab sich keine Blöße – und wurde doch geschlagen. Schade für die Australierin, sie hätte den Sieg trotz sieben Sekunden Rückstand verdient gehabt.

Auch im weiteren Verlauf der Strecke ließ sich Tracey Hannah keinen Fehler zuschulden kommen. Mit perfekter Linienwahl und guter Geschwindigkeit ließ sie sowohl die als Alien Tree bekannte und gefürchtete Riesenwurzel, wie auch den flacheren, wurzligen Sektor, die Jump-Section und das zweite Steilstück mit einem Durchschnittsgefälle von über 40 Prozent hinter sich. Trotzdem hatte sie noch genug Kraft in den Beinen, um den Run mit einem Zielsprint im Wiegetritt zu komplettieren.

Manon Carpenter und Rachel Atherton

Manon Carpenter startete als Vorletzte und fuhr ein solides Ergebnis ein, hatte der Orts- und Streckenkenntnis Hannahs aber wenig entgegenzusetzen. Als Letzte folgte Rachel Atherton (Trek). Die Britin hatte vor Cairns bereits sieben Worldcup-Siege in Folge eingefahren. Sogar acht, wenn man die Weltmeisterschaft in Andorra 2015 mitzählt. Und auch in Cairns hatte sie wieder ein schier unglaubliches Niveau.

Rachel Atherton sprintet ins Ziel. Die Helmhaltung ist ein Hinweis darauf, was 250 Meter Sprint am Ende eines Worldcup-Tracks wirklich bedeuten.

Obwohl Hannahs Run bereits perfekt aussah, legte Rachel Atherton einfach überall noch einmal eine Schippe drauf. Sie fuhr schneller in den Rock Garden, schneller durch die flachen Kurven, duckte sich über die großen Sprünge, pushte durch das Steilstück und beendete alles mit einem einwandfreien Zielsprint. Knapp über sieben Sekunden schneller als Tracey Hannah überquerte sie die Ziellinie. Wahnsinn!

Ist Rachel Atherton überhaupt zu schlagen?

Es zeichnet sich schon länger ab, aber das Rennen in Cairns machte eines noch einmal ganz deutlich: Rachel Atherton ist auf der absoluten Höhe ihre sportlichen Karriere. Acht Worldcup-Siege in Folge plus Weltmeisterschaft, Prognose steigend. Bei fast jedem Rennen fährt die blonde Britin in ihrer eigenen Liga und lässt die schnellsten Frauen der Welt bei einem durchgängig extrem hohen Wettkampfniveau quasi stehen. Mehr als sieben Sekunden Abstand auf die Zweitplatzierte in Cairns, mehr als zehn in Lourdes. Auch vergangenes Jahr erinnern wir uns an über zehn grüne Sekunden in Mont-Sainte-Anne. Rachel Atherton ist mit insgesamt 28 Worldcup-Siegen in ihrer Karriere auf dem besten Weg, eine zweite Anne-Caroline Chausson zu werden. Und es stellt sich die Frage: Wer überhaupt kann sie nach dem Rückzug Emmeline Ragots noch stoppen?

Manon Carpenter gratuliert Rachel Atherton. Tracey Hannah sieht verständlicherweise nicht nur glücklich aus.

Tracey Hannah wohl nicht. Die Australierin mit dem Dauerlächeln und der Kombination aus pinkem Girly-Look und ihrer unglaublichen Fähigkeit, auch die heftigsten Stürze wegzustecken, gehört zwar zu den sympathischsten Figuren im Frauen-Worldcup. Aber sie war auch in Cairns unter idealen Bedingungen nicht in der Lage, Rachel das Wasser zu reichen. Auch Manon Carpenter ist aktuell nicht schnell genug, obwohl sie durchaus das Potenzial dazu hat, wie sie etwa in Hafjell 2014 gezeigt hat, Tahnee Seagrave hat ebenso noch viel Potenzial, doch ihr scheint noch die Erfahrung zu fehlen. Charre und Siegenthaler sind völlig außer Reichweite. Nur Myriam Nicole kam Atherton letztes Jahr einige Male gefährlich nahe, ist aber aktuell verletzt. Wir sind gespannt, ob sie bei ihrer Rückkehr Athertons Dominanz ein Ende setzen kann.

Überaschungen im Finale der Männer

Deutlich ungewöhnlicher verlief das Finale der Männer. Schon Qualifyier-Nummer 15, Joshua Button, der sich bisher im Worldcup nicht wirklich einen Namen gemacht hat, fuhr mit einer Zeit von 3:27,480 Minuten eine Spitzenzeit ein, die mit jedem Fahrer, der die Ziellinie überquerte, nur noch stärker wurde. Mit Greg Minnaar und Josh Bryceland scheiterten beide Syndicate-Fahrer am Unbekannten und seiner Zeit. Genauso erging es Mark Wallace, Michael Jones und Marcelo Gutierrez Villegaz, bis ein ebenso eher unbekannter Greg Williamson von Cube in Reichweite von Button gelangte – ihn aber nicht schlagen konnte. Ähnlich erging es Loris Vergier, doch dann scheiterten wieder viele weitere große Namen am unbekannten Australier.

Troy Brosnan attackiert das Steinfeld im Wald und bleibt trotzdem Herr der Lage.

Gee Ahterton, Danny Hart, Connor Fearon und George Brannigan hatten das Nachsehen. Bei Podiumsfavorit Steve Smith alias "The Chainsaw" vom Devinci-Team, der mit seinem zweiten Platz in Lourdes endlich wieder an der Spitze angekommen zu sein scheint, platzte der Vorderreifen. Doch als nur noch die vier schnellsten Qualifyier – Loic Bruni, Aaron Gwin, Mick Hannah und Troy Brosnan – am Start standen, hatte es mit der Dominanz von Joshua Button ein Ende. Trotzdem landete der Australier damit vor Greg Williamson auf Platz fünf insgesamt. Für beide ein Topergebnis, mit dem so niemand gerechnet hätte.

Loic Bruni mit weniger Druck

Auf Loic Bruni lastete ausnahmsweise – wegen seiner mittleren Position im Qualifying – etwas weniger Druck als sonst. Er sprintete unaufgeregt aus dem Startgate, traf den ersten Rock Garden gut und konnte viel Schwung mitnehmen, ohne die Kontrolle zu verlieren. Auch im Rest der Strecke wirkte Bruni unaufgeregt und präzise. Fehler waren bis auf einen kleinen Hinterradrutscher im mittleren Teil keine zu sehen. Er beendete das Rennen mit einem Zielsprint, der den Kollegen von der Cross-Country-Fraktion alle Ehre gemacht hätte. Mit 3:23,696 Minuten war die Regentschaft Joshua Buttons deutlich gebrochen.

Aaron Gwin ist nicht ganz zufrieden mit seinem Rennen in Cairns.

Dem nachfolgenden Aaron Gwin (YT Industries) gelang es trotz eines ziemlich fehlerfreien Runs nicht, seinen großen Konkurrenten zu schlagen. Er reihte sich mit fast drei Sekunden Abstand hinter Bruni ein. So war es Zeit für die beiden Hoffnungen Australiens, Mick Hannah und Troy Brosnan, zu zeigen, was die Ortskenntnis in einem solchen Wettbewerb wirklich wert ist.

Mick Hannah und Troy Brosnan: zwei schnelle Australier

Mick Hannah absolvierte seinen Run für seine Verhältnisse recht sauber. Nur ein kleiner Drift hier und da, aber im Großen und Ganzen wurde "Sick Mick" immer schneller, desto mehr sich der Kurs seinem Ende näherte. Im Qualifying hatte er dem Erstplatzierten Troy Brosnan alleine in der letzten Sektion mit dem Zielsprint mehr als eine Sekunde abgenommen. Doch auch Loic Bruni war hier fehlerfrei und sehr schnell gewesen. Mit einer Zeit von 3:24,620 Minuten konnte sich Mick Hannah zwar nicht vor Bruni, aber dennoch vor Gwin schieben. Ein eindrucksvolles Rennen für einen Fahrer, den wir schon lange nicht mehr in Reichweite des Podiums gesehen haben.

Mick Hannah konnte in Cairns eindrucksvoll an die Spitze zurückkehren. Ob er das auch außerhalb seiner Heimstrecke schafft? Wir werden sehen.

Ganz anders dagegen Troy Brosnan (Specialized). Die ganze Saison 2015 glänzte er mit konstanten Podiumsplatzierungen. Und auch in Cairns blieb er immer Herr der Lage. Schnell, aber kontrolliert raste er durch den oberen Part der Strecke, durch die flachen Kurven und die Motocross-Sektion und gab im Zielsprint alles. Doch die Zeit von Loic Bruni verfehlte er knapp, um weniger als eine halbe Sekunde.

Damit hat Loic Bruni nun bei einem sehr emotionalen Worldcup nun endlich seinen ersten Worldcup-Sieg eingefahren. Als Brosnan die Ziellinie überquerte, war er nicht mehr zu halten, holte sich eine Bierdusche beim Santa Cruz Syndicate ab, umarmte den Kameramann und alle, die verfügbar waren, und zelebrierte seinen Sieg wahrhaft euphorisch. Verdient – nach so einer langen Wartezeit. Absolut niedergeschlagen wirkte dagegen Troy Brosnan, er hatte alles daran gesetzt, in seinem Heimatland zu gewinnen und war nur um Haaresbreite gescheitert.

Loic Bruni wird von Josh Brycland mit Bier geduscht.

Schlagwörter: Aaron Gwin Australien Cairns Downhill Loic Bruni Rachel Atherton UCI Worldcup Worldcup


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