Singletrail-Schnitzeljagd Ötztal 2014

  • Josh Welz
 • Publiziert vor 6 Jahren

Seine Bilanz bei der Singletrail-Schnitzeljagd im Ötztal ist kein Helden-Epos: Zweimal angetreten, aber nie das Ziel erreicht. Und das, obwohl es bei dem Enduro-Event nicht einmal um die Wurst, sondern nur um ein goldenes Riesenschnitzel geht. BIKE-Chefredakteur Josh Welz gab sich noch eine Chance.

Le-Mans-Start auf dem Gipfel des Gaislachkogl

Erfolg ist relativ, er hängt von der Höhe des gesteckten Ziels ab. Nehmen wir Brasilien und Bosnien-Herzegowina als Beispiele bei der Fußball-WM. Für die einen wäre es ein Desaster, nicht Fußball-Weltmeister zu werden, für die anderen war es schon ein riesen Erfolg, in der Endrunde mitkicken zu dürfen. Wenn ich bei Bike-Rennen an den Start gehe, fühle ich mich grundsätzlich eher wie Bosnien-Herzegowina, ganz gewiss nicht wie Brasilien.

Für Jäger und Sammler: der Schnitzelpass

Dabei dreht es sich bei der Schnitzeljagd im Ötztal im engeren Sinn noch nicht einmal um ein Rennen. Zwar zählt am Ende die schnellste Gesamtzeit. Voraussetzung, überhaupt im Ranking zu erscheinen, ist aber ein vollständiger Schnitzelpass. Das heißt: Rund um Sölden herum sind vier Missionsstationen und vier Checkpoints verteilt. Jeder Teilnehmer erhält vor dem Start seinen Schnitzelpass, in dem er die Stempel für alle Checkpoints und Stationen sammeln muss. Eine vorgeschriebene Route gibt es nicht, jedes Team kann sich anhand einer Karte selbst überlegen, wie es die Stationen und Checkpoints am effizientesten verbindet, auch das Benutzen der Bergbahnen ist erlaubt. An jeder Missionsstation wartet dann eine Aufgabe, die man als Team gemeinsam lösen muss.

Nic Dörpholz, Josh Welz, Lukas Eller: Team Triple X

Also, wie kann es überhaupt sein, dass ich bei so einem Gaudi-Event schon zweimal angetreten, aber noch nicht im Ziel angekommen bin? 2012 hatte ich meinen ersten Versuch unternommen. Schluss war schon nach der Startetappe vom 3058 Meter hoch gelegenen Gaislachkogl zur 900 Höhenmeter tieferen Mittelstation – mein Teampartner war dort nie eingetroffen. Auf dem wilden Downhill-Gebolze waren ihm die Bremsbeläge weggebrutzelt wie Butterflocken, seine Route führte dann erst durch ein Geröllfeld und später ins Krankenhaus.

Letztes Jahr der nächste Versuch. Kurzfristig war mein Teampartner ausgestiegen, der Zufall brachte mich mit Downhill-Worldcupper Wolfi Eysholdt zusammen. Stichwort Brasilien und Bosnien-Herzegowina ... Ob es chronische Überforderung oder eine simple Unachtsamkeit auf dem glitschigen Geläuf war, weiß ich gar nicht mehr. Jedenfalls landete ich irgendwann abseits des Trails: Salto, Pirouette, Fels, Knack – Krankenhaus: Drei Rippen waren durch.

Dauer-Moderator: Schnitzeljagd-Erfinder Holger Meyer hält die knapp 300 Starter bei Laune

Nun also der dritte Versuch, wenigstens mal das Ziel zu erreichen. Zwei wichtige Fragen sind vorab noch zu klären: Welcher Partner? Welches Bike? Fangen wir mit dem Partner an: Ein passender Partner ist bei der Schnitzeljagd das A und O. Fährt einer bergauf stärker und einer bergab, summieren sich nicht die Stärken, sondern grundsätzlich immer die Schwächen. Gut also, wenn die Qualitäten der Partner dicht beieinander liegen. Meine Downhill-Qualitäten sind nicht das Problem, doch mein mäßiger Trainingszustand macht die Partner-Suche im Kreise der topfitten Redaktionskollegen zu einer peinlichen Mission. Am Ende muss ich meine Angel in einem anderen Teich auswerfen. Am Haken hab ich dann Nic, den 16-jährigen freeridenden Sohn unserer Grafikerin, und Lukas, Nics besten Kumpel.

Die Frage nach dem perfekten Bike muss ich mir auch nochmal durch den Kopf gehen lassen: Bei der Schnitzeljagd sind je nach Routenwahl 1000 bis 1500 Höhenmeter zu erstrampeln, 600 davon in einem steilen Schotter-Anstieg. 3000 bis 4000 Höhenmeter geht es über Singletrails bergab, zum Teil technisch recht anspruchsvoll. Als Dauertest-Rad fahre ich ein gewichtsoptimiertes Liteville 301: leichte Komponenten, hydraulische Sattelstütze, Fox DHX Air Dämpfer mit Lenker-Remote, Schwalbe Hans Dampf, Gesamtgewicht 12,5 Kilo. Im Prinzip eine gute Wahl für den Event. Aber die Sram 1x11 mit 34er Blatt bereitet mir angesichts der langen steilen Schotterrampe und meines fragwürdigen Trainingszustandes etwas Kopfschmerzen. Also bastele ich mir kurz vor dem Start doch noch ein 30er Kettenblatt ans Bike – damit sollte keine noch so steile Rampe unbezwingbar sein.

Mal schnell, mal technisch, mal verblockt – und immer mit bomben Panorama: Sölden bietet das komplette Trail-Repertoire

Samstag, 10:30 Uhr, am Gipfel des Gaislachkogl. Schnitzeljagd-Schirmherr Holger Meyer befindet sich in der Aufwärmphase einer zwölfstündigen Dauermoderation. Meyer zählt den Countdown herunter, etwa 150 Teams machen sich für den Le-Mans-Start bereit. Alle Fahrer mussten zuvor ihre Bikes innerhalb eines abgesteckten Areals auf die breite Startpiste drapieren. Der Start ist bei der Schnitzeljagd eigentlich der einzige Moment, in dem etwas Rennsport-Nervosität aufkommen kann. Ein guter Start kann einen entscheidenden Vorteil bringen: Man steht nicht im Stau. An der Mittelstation wird nämlich ein Teil der Teilnehmer nach rechts Richtung Heidealm abbiegen, der andere Teil nach links zur Missionsstation Gampe Thaya – wer nicht vorne wegfährt, muss sich an den ersten Stationen hinten in die Schlange einreihen.

Holger Meyer feuert den Startschuss ab. Nach wenigen Sekunden hat sich das Fahrerfeld über den Haufen Bikes hergemacht wie ein Schwarm Fliegen über einen Kuhfladen. Dann lösen sich die ersten Fahrer aus dem Pulk und treten in die Pedale. Ich schaue nach meinen Teampartnern Lukas und Nic, kann sie im wirren Treiben aber schon nicht mehr ausmachen. An der Mittelstation werden wir aufeinander warten.

Mission auf der Edelweißhütte: Kegeln

Auf der breiten, steilen Schotterpiste saugt mich die Hangabtriebskraft im Nu auf Topspeed. Mangelnde Geschwindigkeit wird hier nicht zum Problem werden, mangelnde Bremskraft schon. Die ersten Kehren nehme ich noch im ambitionierten Renntempo, dann merke ich, wie meine Bremsen immer schwächer und meine Kurvenradien immer weiter werden. Nur nicht zu viel riskieren!

Wir sammeln uns an der Mittelstation, auch Nic und Lukas sind sturzfrei runter gekommen. Unsere Taktik sieht nun vor, dass wir die Hauptverkehrsrouten meiden, um nicht im Stau vor den Missionsstationen stecken zu bleiben. Also weder zur Gampe Thaya noch Richtung Heidealm, stattdessen fahren wir als erstes zur am weitesten entfernten Station: der Edelweißhütte.

Autor Josh Welz auf Trail-Jagd

Schon auf diesen ersten Kilometern zeigt sich das Ötztal von seiner schönsten Bike-Seite. Von der Mittelstation geht es ein paar hundert Meter über Asphalt gen Tal – perfekt zum Schwungholen, um mit maximalen Speed in den nach links abzweigenden, sanft ansteigenden Trail zu donnern. Etwa eineinhalb Kilometer windet sich der launige Pfad durch Alpenrosen-Büsche und Felsenfelder, vor uns das spiegelnde Antlitz des Rettenbachgletschers. Dann spuckt uns der Trail auf die Mautstraße, die zum Gletscher hinauf führt. Ein paar Asphalt-Höhenmeter weiter oben biegen wir schon auf den nächsten Trail Richtung Hochsölden ab und sammeln dort gleich den ersten Checkpoint-Stempel ein. Etwas unterhalb des Skiortes weist ein Schild Richtung Edelweiß-Hütte. Zwei Trailkilometer noch, dann stehen wir an der ersten Missionsstation: Kegeln mit Conti-Reifen heißt die Aufgabe. Strike!

Unweit der Edelweißhütte haben begabte Trailbauer einen der interessantesten Trails des Ötztals ins Unterholz gefräst. Ein technischer, recht steiler Pfad, der immer wieder die Gelegenheit bietet, die Bremsen aufzumachen, sich in Anlieger zu pressen und über Bodenwellen zu fliegen. Ein über 600 Höhenmeter langer Trail-Rausch, der erst am Waldrand kurz oberhalb der Giggijoch-Talstation endet.

Stau auf der Stallwies Alm: Viele Starter hatten sich den 600-Höhenmeter-Anstieg als Schluss-Etappe aufgehoben

Es gibt viele unterschiedliche Möglichkeiten, die Stationen während der Schnitzeljagd anzusteuern und miteinander zu verbinden. Diejenigen, die es auf die beste Gesamtzeit abgesehen haben, werden die Gondeln so sparsam einsetzen wie möglich, stattdessen die kürzesten Verbindungen suchen, auch wenn diese zusätzliche Uphills bedeuten. Unser Plan sieht vor, dass wir nicht mehr als eine Gondelfahrt benötigen, unterwegs aber alles an Trails abräumen, was unsere Route hergibt.

Von der Bergstation der Giggijochgondel führt ein kniffeliger Pfad zur Sonnblick-Alm hinab: loses Gestein fordert viel Fingerspitzengefühl auf dem schmalen steilen Rinnsal, das sich einen Grat hinunter hangelt. Dann, nach ein paar hundert Forstweg-Metern, geht es auf ein zackiges Trailstück zu Gampe Thaya hinab. Auf der lauschigen Berghütte würden wir uns am liebsten in die gemütlichen Lounge-Möbel flätzen, uns einen Kaiserschmarrn oder ein paar Kasspatzen schmecken lassen. Stattdessen muss Nic auf einem Kinderbike eine Runde um die Hütte drehen. Dafür kriegen wir unseren Stempel für die zweite Mission.

Anstrengender Spaß: nach gut vier Stunden im Ziel

Hin und wieder hatten in den vergangenen Jahren auch Spezialisten bei der Schnitzeljagd nach dem goldenen Riesenschnitzel gegriffen. Cross-Country-Racer, die mit leichtem Gerät gezielt die Checkpoint ansteuerten und das Gros der Abfahrten auf Schotterwegen abspulten. Theoretisch machbar und auch erlaubt. Doch wozu? Preisgeld gibt es keines, und mit einem Sieg bei der Schnitzeljagd wird man nicht in der Ruhmeshalle des Mountainbike-Rennsports verewigt werden. Als Holger Meyer und Karen Eller vor sechs Jahre die Schnitzeljagd ins Leben riefen, wollten sie sich bewusst von Rennsport-Konventionen abgrenzen und gossen damit den Ur-Gedanken des Enduro-Bikens in ein Event-Konzept: kein Rennen, kein bierernster Wettkampf, und dennoch eine sportliche Herausforderung mit einem für alle Teilnehmer übergeordneten Ziel: maximale Trailausbeute, maximale Spaßausbeute. Im ersten Schnitzeljagd-Jahr gingen 60 Teilnehmer an den Start, größtenteils rekrutierte sich das Fahrerfeld aus Holgers und Karens eigenem Freundes- und Bekanntenkreis. Heute ist der Event auf 300 Teilnehmer limitiert und schon nach kurzer Zeit ausgebucht. Während die Rennen bei den derzeitigen Enduro-Serien immer ehrgeiziger geführt werden, hat sich an der familiären Atmosphäre der Schnitzeljagd nichts geändert. Statt Preisgeld gibt es eine Tombola, statt langatmigen Siegerehrungen gemeinsames Schnitzelessen und eine entspannte Abschlussparty. Statt über Platzierungen tauscht man sich am Ende des Tages über die besten Trails aus.

Entspannte Athmosphäre: gemeinsames Schnitzelessen und Tombola statt langatmiger Siegerehrungen

Schweres Gerät ist bei der Schnitzeljagd ebenso fehl am Platz wie ein Race-Hardtail. Die wenigen Starter mit Full-Face-Helmen bereuen ihre Entscheidung auf den zahlreichen Tretpassagen. Eine solche wartet nun auch auf uns: Unsere letzte Mission auf dieser Talseite heißt Heidealm. Etwa 20 Minuten kurbeln wir im leichten Anstieg, müssen missionsmäßig ein paar Luftballons balancieren und nehmen dann den 900-Höhenmeter-Downhill bis nach Sölden in Angriff. Als wir das Event-Gelände an der Gaislachkoglbahn überqueren, sind wir schon fast drei Stunden unterwegs. Die ersten Teams werden von Holger bereits im Ziel interviewt, auf uns aber wartet noch der Anstieg zur Stallwies-Alm. Die knapp 600 Höhenmeter haben wir uns als Schlussakkord aufgehoben, bei dieser Taktik aber nicht bedacht, dass dann die Mittagssonne unerbittlich auf die Schotterrampe herunterbrennt. Nach 100 Höhenmetern sind unsere Trinkreserven aufgebraucht, 50 Minuten lang mühen wir uns den zähen Aufstieg hinauf, dann ist es geschafft. An der Stallwies Alm hat sich vor der letzten Missionsprüfung eine kleine Schlange gebildet. Ein paar Teilnehmer nehmen es locker und bestellen sich Cappuccino und Kaiserschmarrn.

Objekt der Begierde

Die letzte Abfahrt ist nochmal ein echter Leckerbissen: Es warten ein paar fahrtechnische Herausforderungen und unser letzter Checkpoint. Einige Teams lassen es danach auf dem Forstweg ausrollen – fast 4000 Downhill- und über 1000 Uphill-Höhenmeter haben ihre Spuren hinterlassen. Wir schrubben die letzten Meter Trail bis ins Tal, nach gut vier Stunden rollen wir dann durch den Zielbogen. Glücklich, dass wir den Tag ohne Stürze überstanden haben, und zufrieden mit unserem Ergebnis. Mit Rang 28 sind wir besser als erwartet. Aber wie gesagt: Erfolg hängt von der Höhe des gesteckten Ziels ab.

Die schnellsten: Christian Morgenroth und Flo Dumperth brauchten knapp zweieinhalb Stunden

Themen: 2014EnduroHolger MeyerKaren EllerÖtztalSchnitzeljagdSingletrail


Lesen Sie das BIKE Magazin. Einfach digital in der BIKE-App (iTunes und Google Play) oder bestellen Sie es im Shop als Abo oder Einzelheft:

iTunes Store Google Play Store Delius Klasing Verlag
  • Neue Enduro-Rennserie in Europa
    Continental Enduro Series soll Einstieg erleichtern

    19.01.2018

  • BIKE App Revierguide: Bike Republic Sölden
    Sölden: Neue Heimat für Trailsurfer

    22.06.2016

  • Neuheiten 2020: Santa Cruz Hightower
    Santa Cruz Hightower – alles neu für 2020

    02.07.2019

  • Lapierre Spicy 916

    28.02.2008

  • Eurobike 2015: Neues Enduro von Rose
    Pikes Peak: das neue Carbon-Enduro von Rose

    07.09.2015

  • Absage European Enduro Series und Nordkette-Events
    Trail Solutions sagt alle Rennen für 2016 ab

    08.01.2016

  • Testsieger 2018: Die besten Enduro-MTBs
    Best of Test: Die 4 besten Enduro-Bikes

    20.09.2018

  • Enduro-Blog 2015 von Raphaela Richter #05
    Raphaela mag nicht: Langeweile, Hunger, Matsch

    15.09.2015

  • Vorstellung: Last Bikes Coal
    Coal: Neues Enduro-Fully von Last Bikes

    22.10.2015