Northshore: Auch Frauen biken spitze!

  • Karen Eller
 • Publiziert vor 14 Jahren

Frauen haben weniger Mut? Lüge! Karen Eller war in den kanadischen Wäldern unterwegs – und konnte den Mädels auf den Hühnerleitern kaum folgen.

Barb überlegt, ob sie den Job bei der Feuerwehr in Kelowna annehmen soll. Dort gibt es noch mehr gute Trails. Dort, wo sie herkommt, im Okanogan Valley. Dort ist sogar das Wetter besser als in ihrer Wahlheimat Vancouver, wärmer. Doch fürs Erste müssen die Überlegungen warten. Barb will mich auf die Trails an der Northshore mitnehmen.

Auf meinem Trip durch British Columbia ist Vancouver die erste Station. Ich möchte herausfinden, was die Mädels hier zu so guten Mountainbikern macht. So bin ich bei Barb gelandet. Seit zehn Jahren lebt sie in Nord-Vancouver, arbeitet bei der Flughafen-Feuerwehr. Dort fährt sie einen der monumentalen Trucks. In ihrer Freizeit verbringt sie jede Minute im Sattel. Auf dem Weg zum Mount Seymour treffe ich lokale Bike-Prominenz. Am Steuer des Shuttles sitzt der legendäre Johnny Smoke, ein berüchtigter Freeride-Guide – und Barbs Freund. Barb will mir einen ihrer neuen Trails zeigen. Die Beschreibung macht Appetit: „flowig, fordernd, aber alles fahrbar“ – mit diesen Worten verschwindet sie im Unterholz.

Ich kann ihr nur mit Mühe folgen. Flüssig ist der Trail. Trotzdem arbeitet meine Adrenalin-Produktion auf Hochtouren. Barb nimmt flink und ohne Zögern all die Northshores, Switchbacks und Felskanten. Langsam dämmert mir, warum Johnny mit so viel Respekt von den Fahrkünsten seiner Liebsten gesprochen hat. Ich jedenfalls muss all meine Reserven ausreizen, um dranzubleiben. Zumindest hören kann ich sie, wenn sie fröhlich summend um die Ecken fliegt. Nach drei, vier schnellen Kurven und ein paar Stunts, die ich einigermaßen sicher hinter mich bringe, spuckt uns der Trail direkt im feinen Stadtteil Deep Cove aus. Durchatmen. Ich weiß nicht, was mich mehr beeindruckt – der Trail oder Barbs Furchtlosigkeit.

Doch trotz Truck und Todesverachtung ist sie ein richtiges Mädel, liebt pinkfarbene Bikes, kocht und kuschelt gerne und träumt von einer kleinen Familie. Vor ihrem Holz häuschen stehen zwei alte Chevy Vans, der Putz bröckelt. So ganz anders als bei den Nachbarn in der noblen Gegend. Dafür woh nen Sie am Fuße der besten Trails der Welt.

Nördlich von Vancouver komme ich durch Squamish. Die alte Holzfällerstadt wirkt ein wenig verwahrlost. Und doch spürt man neues Leben: Immer mehr Kletterer und Biker, denen es woanders zu voll wird, kommen nach Squamish. So wie Courtney, die vor einem Jahr hergezogen ist. Nach zehn Jahren hatte sie genug von der Zirkuswelt in Whistler. Courtney ist die einzige Frau, die bei Johnnys Freeride-Touren als Guide arbeitet. Sie möchte mir den „Deliverance“-Trail zeigen. Courtneys Pick-up kämpft sich eine alte Forststraße hinauf. Die Straße wird immer steiler, bis uns schließlich eine Schranke stoppt. Ein Schild mit einem schwarzen Diamanten weist den Weg. „Black Diamond“ bedeutet „schwer zu fahren“. Danach kommt nur noch der „Double Black Diamond“ – doppelt schwer. „Go for it“, lächelt Courtney und lässt mir höf lich den Vortritt. Weicher Waldboden, steiniger Untergrund, dazwischen immer wieder Felsplatten und kleinere Drops. Immer am Limit, aber doch noch alles fahrbar, habe ich richtig viel Spaß. Plötzlich bremse ich dann doch abrupt. Dieser Drop ist mir definitiv zu hoch. Ohne die Bremse auch nur anzutippen fliegt Courtney an mir vorbei. Der wippende Pferdeschwanz ist das Letzte, was ich sehe, bevor sie um die nächste Kurve driftet.

Courtney ist erst seit fünf Jahren mit dem Mountainbike unterwegs. Umso erstaunlicher ist, wie sie selbst große Drops und steilste Felspassagen elegant meistert. Mit ihrem Mann Darcy fährt sie nur am Wochenende. Der Macher der Bike-Filme „The Collective“ und „Roam“ ist viel auf Reisen. Ich schließe wieder zu Courtney auf. Es ist entspannend, hinter ihr zu fahren. Ich fühle mich sicher. Der „Deliverance Trail“ ist ein Fest. Ich wünsche mir, dass er nie aufhören möge. Links, rechts, runter, drüber, die richtige Mischung aus Adrenalin und Spaß. Courtney führt ihr Specialized „Demo“ elegant durch die Kurven. Ihr Bike ist ein richtiges Gerät, mit bestimmt achtzehn Kilo. Und wenn es der Trail wert ist, schiebt sie das Monster ohne Murren auch mal längere Passagen bergauf.

Noch eine schnelle Kurve und wir landen wieder auf der Forststraße, die uns am Morgen in die Höhe geführt hat. Wir rollen vor den besten Coffeeshop in Squamish und bestellen Sandwiches und Chai Latte. Zum Mountainbiken kam Courtney, weil sie in Whistler einen Ausgleich zu ihrer Nachtarbeit in einem Irish Pub suchte. Schnell fand sie gleichgesinnte Mädels. Wenn Courtney erzählt, fällt ihre angenehm ruhige Art auf. Eine Hardcore-Bikerin stellt man sich anders vor. Ob sie beim Biken Angst hat? „Klar“, sagt sie, „manchmal“. Aber nie so stark, dass sie eine schwierige Stelle verweigern würde.

Am nächsten Tag erreiche ich Whistler, das Disneyland der Mountainbiker. An der Liftstation stehen auffallend viele Bikerinnen mit großen Bikes. Betrieb wie in der Fußgängerzone vor Weihnachten. Mütter in Bike-Klamotten schieben Kinderwagen, links und rechts nehmen Könner die riesigen Zielsprünge. Lässige Bike-Shorts, Nietengürtel, schwere Bikes und viele Zöpfe schauen unter den Vollvisierhelmen hervor.

Ich bin mit Candace verabredet. Eine zierliche Bikerin mit einem strahlenden Lachen begrüßt mich. „Let’s go“, heißt, dass wir nicht erst Kaffee trinken, „wir quatschen im Lift“. Candace ist die größte amerikanische Anbieterin von Mountainbike-Camps für Frauen. Selbst wenn sie einfach nur erzählt, reißt sie mit, begeistert für ihren Sport. 400 Frauen hat sie im vergangenen Sommer in ihren Camps betreut. Biken ist ihr Leben. Sie hat es zum Beruf gemacht. Von April bis Oktober ist Candace in ganz Nordamerika unterwegs. Jetzt genießt sie die freie Zeit, um einfach für sich zu biken. Deshalb ist sie auch wieder Single. Ihr Ex wollte sie überreden, nach North Carolina zu ziehen. Die Liebe zu den Bergen war größer. Ich bin gespannt, wie es sich anfühlt, auch mal mit einer „Lehrerin“ biken zu gehen.

In Whistler gibt es unzählige Strecken in allen Schwierigkeitsgraden. Candace wählt für uns den Trail mit dem hohen Drop. Im Lift erzähle ich, dass ich diese Passage bisher immer umfahren habe. Ihre Antwort lässt mich aufhorchen: „Gib mir fünf Minuten und du springst das Ding.“ Sie schwingt sich auf ihr Bike und rollt los. So ganz begeistert bin ich noch nicht, habe aber keine Zeit, lange nachzudenken. Diesmal grüßt der „Double Black Diamond“. Zögernd folge ich ihr bis eben zu dieser Hühnerleiter. Die Holzkonstruktion führt über einen Felsen, um dann nach eineinhalb Metern mitten im Nichts einfach zu enden. Da stehe ich nun, BIKE-Expertin, Fahrtechnik-Trainerin, das Herz in der Hose, und soll lernen, dieses „Herrengedeck“ zu springen. Ich erinnere mich kaum daran, was Candace gesagt oder getan hat – aber ich droppe wirklich und lande völlig sicher. Als wir unten am Lift ankommen, zittere ich noch immer. Ohne große Pause fallen wir nach der Liftfahrt in den nächsten Trail ein. Ich habe unter ihrer Obhut keine Chance, auch nur die kleinste Passage zu umfahren. Sie freut sich mit mir über jede bewältigte Schwierigkeit. Wir verbringen einen richtig guten Bike-Tag.

Langsam verstehe ich, was die Mädels hier von den Bikerinnen bei uns unterscheidet. Candace, Barb und Courtney definieren den perfekten Mountainbike-Tag nicht über Höhenmeter, Kilometer und Fettverbrennung, sondern über Adrenalin, Technik und Flow. Ich glaube, ich kann mich daran gewöhnen.

Barb Haley, 35: „Zwischen meinen Nachtschichten entspanne ich mich beim Biken. Aber ich brauche die technische Herausforderung.“

Courtney Wittenburg, 29: „Ich bin kein Wettkamp-Typ. Ich bike, weil es mein Leben ist“

Candace Shadley, 35: „Ich habe selber manchmal Angst. Ich taste mich langsam an neue Herausforderungen heran und gebe nicht auf, bis ich stärker bin als meine Angst.“

Themen: FrauenKanadaNorthshore


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