Mythos Fahrerfrau: Motor der Mountainbike-Marathons Mythos Fahrerfrau: Motor der Mountainbike-Marathons Mythos Fahrerfrau: Motor der Mountainbike-Marathons

Mythos Fahrerfrau: Motor der Mountainbike-Marathons

  • Ulrich Rose
 • Publiziert vor 6 Jahren

Sie sind die heimlichen Heldinnen der Amateur-Marathons, sie stehen im Schatten und doch würde ohne sie gar nichts laufen. Eine Hommage an: Fahrerfrauen.

Vorsicht Kurve, eine kleine Staubwolke bildet sich, der rechte Arm geht raus und greift nach der Flasche. Kurz darauf die Anweisung, "Nächste Runde Gel und Cola". Der Befehlsempfänger oder sollte ich besser sagen, die Befehlsempfängerin ist eine Ehefrau, Lebensgefährtin oder Freundin. Eine von unendlich vielen Frauen, die ihre Freizeitprofis Wochenende für Wochenende zu Wettfahrten begleiten, um sie zu versorgen, zu trösten und zu bemuttern. ...

In den meisten Fällen ist der Ursprung dieser Rollenverteilung – er fährt, sie funktioniert – ganz harmlos. "Du Schatz ich nehme an so einem MTB-Event teil. Würdest du gern mitkommen? Ist mal was Anderes und vielleicht kannst du mir unterwegs auch eine Flasche anreichen?" Was sich anhört wie ein lustiger, entspannter Ausflug ins Grüne, kann schnell zu einem Teufelskreis aus Trinkflaschen, dreckigen Klamotten und verregneten Sonntagen verkommen. ...

Zwischen den Rennen – der allwöchentliche Rhythmus

Das Leben hat jetzt einen neuen Rhythmus: Montags heißt es für den Häuptling: Regeneration. Wenn er gemütlich auf dem Sofa mit entsprechender Fachliteratur rumlümmelt, erweitert Sie ihre geologischen Kenntnisse bei dem Versuch, die verkrusteten Bodenarten aus der Wettkampfbekleidung mit Hammer und Meißel herauszulösen.

Der Dienstag ist ein Trainingstag, nach einem anstrengenden Tag im Steinbruch des Kapitalismus stürmt er mit seinem Plastehobel die umliegenden Hügel hinauf. Frauchen darf indes den Haushalt vor der Verwahrlosung retten und die Kinder bespaßen, sollten diese nicht schon längst aus der Herberge des Hochleistungssport getürmt sein.

Focus RAPIRO Racing Team Nicht nur im Rennen darf die Rolle der Fahrerfrau niemals unterschätzt werden. Schon beim Warmfahren kann schließlich eine Menge schiefgehen.

Mittwoch und Donnerstag verlaufen sehr ähnlich. Nach dem Knechten des Sportgeräts, stürmt ein mit reichlich Waldboden geschmückter Sportler die saubere Küche, um Mitmenschen und Küchenboden mit allerhand Neuigkeiten sowie Erdreich zu berieseln. Zur Mitte der Woche schweift der Blick schon wieder gen Wochenende. In einem epischen Monolog wird der grobe Ablauf fürs Wochenende skizziert und zugleich der Besuch bei den Schwiegereltern, anlässlich ihrer goldenen Hochzeit abgesagt.

In Anbetracht dessen, stellt sich ihr die Frage, ob der adipöse Postbote in seiner durchgeschwitzten Polyesteruniform nicht doch eine verlockende und amouröse Alternative darstellen könnte. ... Der werte Herr lässt währenddessen seinen Blick durch die Weiten des WWW wandern, um überflüssiges Familienkapital in Anbauteile für sein Plasterad zu investieren. Geld spielt hier keine Rolle, denn es dient ja schließlich dem Allgemeinwohl.

Das Rennwochenende ist da. Endlich!

Zeit zum Reden findet sich auf der nicht enden wollenden Autofahrt. Chancen, Konkurrenten und sämtliche Rahmenbedingungen werden hier beleuchtet. Als Psychologin wider Willen, ist es ihre Aufgabe nun den Erfolgsweg vorzuzeichnen, um den Göttergatten so milde zu stimmen.

Ein plötzlich auftretender Verkehrstau und in Windeseile wird das Urlaubsproblem für den Sommer gelöst. ... Der Verweis ihrerseits in den letzten drei Jahren keinen richtigen Urlaub gemacht zu haben, kontert er geschickt mit diesen vielen kleinen Wochenendausflügen, die übers Jahr den Kalender füllen.

Der beste Tag der Woche beginnt mit einem frühen Erwachen, während draußen der Starkregen gegen die Fenster trommelt. Für Frühstück bleibt wenig Zeit, so dass im Auto Frischeiwaffeln und andere kulinarische Grenzgänger verzehrt werden. Wenn die Zeit für den Startschuss gekommen ist, verfällt die Angetraute in die Rolle des Packesels. Laufräder, Rucksack, Flaschen, Gel, Kamera, Werkzeug dienen als Grundausrüstung für den Tag... Ist der Start erfolgt, wird Position in der Feed Zone bezogen. In abgetragenen Teamklamotten wird dem Vorbeirauschen des Gatten entgegengefiebert. Gel an der Flasche, Laufräder griffbereit, beim Fotoapparat das Menü Sport gewählt, so kann es weitergehen. ...

Da kommt er dann auch, der Eroberer der Mittelmäßigkeit, greift nach seiner Flasche, lässt fast alles fallen, erkundigt sich noch hastig nach seiner Position, um sich zum Schluss noch über die Fehler bei der Flaschenübergabe auszulassen. Mit stoischer Ruhe erträgt sie vier weitere atemlose Verpflegungsszenarien dieser Art, an diesen sporthistorischen Tag am Rande der Zivilisation. Ist alles an Material erst einmal wieder ins Ziel geschleppt, nähert sich auch schon die Krone der Schöpfung. Ein Platz irgendwo in der Bedeutungslosigkeit, festgehalten auf einem Foto für die Enkel, steht am Ende auf der Habenseite.

Das bittere Ende und Danksagung

Begeistert von der eigenen Leistungsfähigkeit nutzt er nun jede Gelegenheit, um sich seinen Mitstreitern über Strecke, Platzierungen, persönliche Ausreden und den weiteren Saisonverlauf zu offenbaren. ... Mit stolz geschwellter Brust schreitet er, im Stile eines Feldherrn, nach geraumer Zeit seiner besseren Hälfte entgegen, bereit für das Belohnungsbussi. ...

Focus RAPIRO Racing Team Wenn er nicht so dreckig wäre, könnte unser Held der Mitelmäßigkeit direkt ins Bett fallen. Ihre Unterstützung ist ihm trotzdem sicher.

Ist die Autobahn erst einmal erreicht, fällt die Tachonadel zügig wieder nach links weg. So eine Ansammlung blechummantelter Fortbewegungsmittel ist schon was Feines. Im Dunste von Schweiß und am Rad hängender Rinderfäkalien, bibbert sie sich langsam in die vom Regen noch feuchte Fleecejacke, während er sein komplettes Vokabular an Kraftausdrücken gegen die Windschutzscheibe schmettert.

Glückselig, ein weiteres Wochenende näher an der Rente zu sein, wird die heimische Spielwiese für die Nacht betreten. An Spielen ist an diesem geschichtsträchtigen Abend nicht mehr zu denken, denn der Pedalritter ist einfach zu geschafft für weitere körperliche Glanztaten. In einem Anflug geistiger Umnachtung erwähnt er so nebenbei, das am nächsten Wochenende ein geiles Rennen gefahren wird, nur 400 Kilometer Autofahrt vom heimischen Herd. "Da fahren wir hin, ich habe schon gemeldet!"

Während Sie noch abwägt mit wie viel Jahren Zuchthaus sie zu rechnen hat, für Körperverletzung mit Todesfolge am eigenen Mann, röchelt er auf dem Weg ins Land der Träume "Danke, das du das alles für mich machst, ich liebe dich." ...

Danke an alle Tanjas, Doreens, Steffis, Ellas, Sonjas und wie ihr alle heißt. Danke, dass ihr uns so nehmt wie wir sind, wir können auch gar nicht anders.

An alle da draußen:

Ausnahme oder Regelfall? Wir wollen eure Geschichten von Fahrerfrauen hören. Und gibt es eigentlich auch Fahrerfrauen-Männer? All das bitte in die Kommentare unten.

Focus RAPIRO Racing Team Was wären wohl die vielen Hobbyracer ohne die Frauen an ihrer Seite?

Danke an das Focus RAPIRO Racing Team für die Einsendung dieses Beitrags. Hier geht's zum ungekürzten Originaltext.

Themen: FreizeitprofiKolumneMarathon


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