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Mitgefahren: Etappenrennen "Eurasia" in Zentralrussland

Eurasia – Etappenrennen jenseits des Urals

Adrian Kaether/Igor Schifris/Ekaterina Poklonova am 03.07.2019

Nahe Jekaterinburg hinter dem Uralgebirge treffen die Kontinente Europa und Asien aufeinander. Seit drei Jahren gibt es dort ein MTB-Etappenrennen, das "Eurasia". Unsere Bloggerin Ekaterina berichtet.

Eigentlich kam ich vom Tourenfahren zum Rennsport. 2017 war das erste Jahr, in dem ich mir in den Kopf gesetzt hatte, meine Kräfte auch mal mit anderen zu messen und ich meldete mich gleich bei zwei Events an, die ich sogar ohne spezielle Vorbereitung gewinnen konnte. Das hat mich dann so richtig gepackt und als ich dann auch noch meinen Freund Alexej, einen hundertprozentigen Mountainbike-Freak kennenlernte, da war es um mich geschehen. Ich wurde selbst Mountainbike-verrückt.


Zwischen Mai und September 2018 (die Saison ist bei uns am Ural viel kürzer als in Zentraleuropa) nahm ich an den ersten Eintagesrennen teil, auch meine technischen Fähigkeiten kamen auf ein neues Level – nicht zuletzt dank meines neuen Bikes, einem Specialized Epic Carbon 29er von 2017. Und mit dem Fahren und den Rennen und den Bekanntschaften, die sich dabei einfach ergeben, führte eins zum anderen. Bald erzählte mir jemand auf einem Event vom "Eurasia" und ich wusste, ich muss dabei sein. Gleich im Januar 2019 bei Anmeldungsstart trug ich mich in die Liste ein.

Eurasia 2019

Unsere Bloggerin, Ekaterina Poklonova. Sie fährt erst seit wenigen Jahren Mountainbike, verlor aber auf die Gesamtführende bei ganzen 18 Stunden Renndauer nur gut 45 Minuten.


Seit kaum zwei Jahren auf dem Bike und schon die ersten Rennsiege in der Tasche


Bis jetzt war ich allerdings noch nie bei einem Mehrtagesevent gestartet und nüchtern betrachtet, wagte ich kaum davon zu träumen, gleich mehrere Tage hintereinander im Renntempo zu bewältigen. Beim Eurasia erwarteten uns aber gleich fünf Etappen! Ich hatte so meine Zweifel an mir und meiner Kondition, aber von Januar bis Juni schien ja noch eine Menge Zeit zu sein.


Erst Mitte März begann ich mit regelmäßigem Training, zunächst auf der Rolle, dann auf der Straße. Mitte April dann gönnte ich mir drei Wochen auf der Krim – Bergtraining und Fahrtechnik. Doch die ganze Sache mit festem Trainingsprogramm war doch noch sehr neu für mich. Trotz des Zeitdrucks: Meine Kondition dankte es mir und es fühlte sich schnell deutlich realistischer an, dass ich die fünf Tage am Ende auch schaffen würde.

Eurasia 2019

Das ehemalige Pionierlager (Sommerlager für Kinder) am Isset-See stammt noch aus Sowjet-Zeiten und dient als Schlafplatz und Unterschlupf für die Teilnehmer und als Race-Office. Die Etappen starten und enden alle hier.

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Ekaterina ist eine von drei Frauen, die das Rennen vollständig beenden konnten. Bei den Männern wäre sie mit ihrer Zeit immer noch 17. geworden.


Das "Eurasia" als Debüt: Upgrade für Material und Fahrtechnik


Neben meiner Athletik sollte auch das Material für das Eurasia noch ein kleines Update erfahren. Im Frühjahr spendierte ich meinem Epic eine 12-fach Sram Eagle mit 11-50er Übersetzung und 32er-Blatt, dass ich dann auf der Krim aber doch schnell gegen ein 30er tauschte. Ein Tubeless-Aufbau mit Schwalbe Racing Ralph-Reifen sollte noch ein bisschen mehr Agilität und Pannensicherheit bringen, zuletzt bekam das Bike vor dem Rennen noch eine neue Kette.


"Hätte mir jemand vor zwei Jahren gesagt, dass ich mir eine Woche Urlaub für ein Etappenrennen nehmen würde, ich hätte ihn ausgelacht."


Und dann war das Rennen auch schon da. Das Event selbst begann mit einem Prolog, einer kurzen Cross-Country-Runde von zehn Kilometern, dem vier Eintagesmarathons folgen sollten. „Bloß zehn Kilometer?“ dachte ich, „wird wahrscheinlich sehr schnell vorbei sein“. Doch schon während der ersten Meter kamen mir schreckliche Gedanken. „Habe ich überhaupt genug trainiert? Werde ich diese fünf Tage überhaupt überstehen?“

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Der Gesamtsieger von 2018, Alexej Rassadnikov setzte auch dieses Jahr auf ein Starrbike und holte sich dank guter technischer Fähigkeiten auch auf der diesjährigen Strecke den Sieg. 


Zum Glück – muss man sagen – hatte die Strecke es ziemlich schnell in sich und mir blieb kaum noch Zeit zum Zweifeln. Lauter Anstiege und Abfahrten, keine schnellen und flachen Abschnitte zum Ausruhen, nur Singletrails, rauf und runter! Die Teilnehmer starteten im 30-Sekunden-Abstand, was das Ganze nur noch spannender machte. In solchen Situationen kommt schnell eine gewaltige Welle von Adrenalin über einen und man gleitet plötzlich in ungeahntem Tempo über die Rennstrecke. Die Sinne sind aufs Äußerste geschärft, die Konzentration steigt und man findet sich plötzlich bei Vollgas auf der Ideallinie zwischen den Felsen wieder, an Stellen bei denen man im Training lieber abgestiegen wäre. Als dann die Ergebnisse bekannt gegeben wurden, kannte meine Euphorie keine Grenzen. Ich war Zweite.


Etappe 1: Ein wildes Abenteuer


Bis zur ersten Verpflegungsstation verging die Zeit auf der ersten Etappe mit 70 Kilometern Renndistanz wie im Flug. Ich platzte fast vor Energie. Doch zur zweiten Etappe dann war die Euphorie vom Vortag verflogen und der mittlere Teil der Etappe wurde für mich zu einer ziemlichen Durststrecke. Von den Organisatoren wusste ich aus dem Briefing, dass wir bis auf den Berg Kotel (dt. „Kessel“) würden klettern müssen, doch am Abzweig zum Berg wusste ich plötzlich nicht mehr weiter.

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Der Gesamtzweite, Dimitri, oberhalb des Isset-Sees am langen Anstieg der ersten Etappe.


Auf dem direkten Weg prangte ein Verbotsschild, der Abzweig nach rechts war durch einen Pfeil gekennzeichnet. Ich dachte einen Moment lang nach und entschied mich dann, dem Abzweig rechts zu folgen. Doch zu lange kam keine Verpflegungsstation in Sicht, meine Flasche war schon fast leer und ich wusste noch nicht einmal, ob ich richtig abgebogen war. Da wurde es dunkel in meinem Kopf und ich dachte: „Überall nur Wildnis, jetzt noch Sümpfe und Schlamm und ich ganz alleine mittendrin, was mache ich hier nur?“

Fotostrecke: Eurasia 2019 - Etappenrennen am Uralgebirge


Gott sei Dank kamen wenig später dann doch andere Teilnehmer in Sicht, die ich langsam einholte. Und 15 Kilometer vor dem Ziel zeigte sich auch endlich die lang ersehnte, zweite Verpflegungsstation. Wie glücklich ich war! Nur noch einen kleinen Berg mussten wir jetzt bewältigen und das Gefühl, es fast schon geschafft zu haben, gab mir neue Energie. Ich hatte den richtigen Weg doch nicht verloren und auch mein Bike hatte mich nicht im Stich gelassen. Zwar waren meine Rivalinnen ganze sieben Minuten schneller gewesen, doch ich war zufrieden mit mir und meinem ersten, richtigen Etappenrenntag.


Etappe 2: Spurensucher


Oh man, so schlecht ging es mir vor einem Rennen echt noch nie. Appetitlosigkeit, Übelkeit, Bauchkrämpfe. Gott sei Dank war es dann nach einer kurzen Mütze Schlaf im Auto 20 Minuten vor dem Startschuss doch wieder etwas besser. Die Angst war eigentlich völlig unbegründet, denn die Etappe hätte mir kaum gelegener kommen können. Durch das Training auf der Krim konnte ich mit den technischen Hindernissen deutlich besser umgehen, als die meisten meiner Mitstreiterinnen. Auch die Übelkeit hatte ich schnell wieder im Griff. Nur die fehlenden Streckenmarkierungen wurden irgendwann zum Problem und ich musste mich mehr und mehr auf den GPS-Track meiner Uhr verlassen.

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Die Wasserdurchfahrt, einer der Momente, der den Eurasia-Teilnehmern sicher lange im Gedächtnis bleiben wird. Vorne die beiden Gesamtführenden Dimitri (in Blau) und Alexey (dahinter in schwarz).


Schade, denn so konnte mich meine ärgste Konkurrentin und die Organisatorin des Events, Anna Kalugina, nach einer Weile wieder einholen – ich hatte sie auf den ersten Stücken durch die technischen Passagen auf Abstand halten können. Wieder versuchte ich, mich loszureißen, doch nach kurzer Zeit bog ich wieder in die falsche Richtung ab. Am Ende erreichte ich dank meiner Uhr trotzdem das Ziel, zeitgleich mit Anna, so dass wir uns für heute den zweiten Rang teilen werden.


Etappe 3: Kräftezehrend


Ich fühlte mich besser als am Vortag, wenn auch noch immer nicht so, wie ich mir das wünschen würde. Vor allem, weil die Königsetappe ansteht. 80 Kilometer, nichts Technisches dabei, nur Vollgas auf verschiedenen Straßen und Wegen. Meine schweren Beine von den letzten Tagen und der ständige Seitenwind machten es mir auch nicht leichter und alles schien bei gleicher Intensität viel mehr Anstrengung zu kosten als gestern. Schon bei der ersten Verpflegung wurde mir mitgeteilt, dass meine Rivalinnen bereits drei Minuten Vorsprung herausgefahren hatten. Doch was mich vielleicht hätte demotivieren können, gab mir heute neue Energie und ich nahm die Verfolgung auf.

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Anna Kalugina vom Orga-Team fuhr selbst alle Etappen mit und wurde Zweite im Gesamtranking, mit nur acht Minuten Vorsprung auf Ekaterina.


Leider ziemlich vergeblich. Ich trat wie eine Wilde in die Pedale, aber die anderen wollten einfach nicht in Sicht kommen. In einer solchen Situation, gerade wenn man alleine fährt, ist der Geist einfach irgendwann machtlos. Einmal nur kurz etwas Intensität wegnehmen und ein bisschen Kraft schöpfen, das nimmt man sich vor. Und schon legt der Körper die Beine hoch und denkt gar nicht mehr daran die metaphorische Fernsehcouch auch wieder zu verlassen. Am Ende habe ich noch einen der Herren eingeholt und konnte vor dem Finish noch einen leichten Vorsprung auf ihn gewinnen, doch mein Abstand auf die Führende im Gesamtranking betrug bereits niederschmetternde 30 Minuten.


Etappe 4: Und Schluss


Für den letzten Tag bekamen wir noch einmal frisches Blut ins Feld. Die Teilnehmer, die die letzte Etappe als Tagesmarathon fahren wollten, schlossen sich uns an. Am Start standen plötzlich so viele Biker, dass das Eurasia plötzlich wie ein Riesen-Event wirkte. Diese Etappe sollte mit knapp über 40 Kilometern nur sehr kurz sein, aber sie würde die schwierigste von allen werden. Viele steinige Anstiege und massig verblockte und steile Downhills – für mich die Rosine beim Eurasia 2019. Da hatte ich die besten Chancen und ich wollte unbedingt alle technischen Abschnitte im Renntempo schaffen.

Eurasia 2019

Auf der vierten Etappe lief es besonders gut fur Katja und sie konnte den Etappensieg einfahren.


Beim Massenstart hängte ich mich direkt hinter eine neue Teilnehmerin, zu zweit ist es ja ohnehin viel interessanter zu fahren. Da wir unterschiedlich gewertet wurden, konnte kein Konkurrenzdenken zwischen uns aufkommen. Bergauf bin ich oft vorne, bergrunter ist sie noch schneller als ich und zieht mich mit. So sind wir schon die halbe Strecke zusammen gefahren, als ich am Anstieg merke, wie viel Kraft ich noch habe.

Mit Vollgas zum Sieg im Finale

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Die drei Finisher-Damen vom Eurasia 2019. Von links: Anna, die auch an der Organisation beteiligt war, Gesamtsiegerin Natalia Baryshnikova und Ekaterina. Faktisch wurde Ekaterina also Letzte, sie braucht sich mit einem Rückstand von 45 beziehungsweise acht Minuten auf die vorderen Plätze aber wahrlich nicht zu verstecken.


Also ziehe ich meiner Begleiterin mit Vollgas davon und beginne bald die Jungs einzuholen. Viele bewältigen die technischen Passagen zu Fuß, aber ich bleibe immer im Sattel. Ich merke, dass es super läuft und das gibt mir noch mehr Kraft und Selbstvertrauen. Auf dem Motaiha wird mir klar, wie nah wir dem Ziel bereits sind und das gibt mir noch ein bisschen mehr Antrieb. In meinem Kopf wummert es. „Nur nach vorne!“, „noch ein bisschen durchhalten!“, „du schaffst das!“, „jetzt nicht nachlassen!“ Und es klappt. Gefühlt Augenblicke später bin ich schon im Ziel, als Allererste der Etappenrennfahrerinnen.


Ich kriege mich kaum noch ein. Zittern, Gänsehaut, ich war so stolz auf mich! Ein Sieg auf der technischen Schlussetappe, das war etwas, dass ich mir noch vor fünf Tagen nie erträumt hätte. Schließlich habe ich erst vor einem Jahr angefangen auch mal etwas technischere Trails zu fahren. Mann, was war das für ein Sieg über mich selbst. Im Gesamtranking reichte es so bei den Damen für einen dritten Platz. Gerade auf der letzten Etappen hatte ich viel Zeit gewonnen, zu Platz zwei fehlten aber immer noch zwei Minuten. Egal, nächstes Jahr, nächste Chance! Bleibt mir nur noch Danke zu sagen an alle, ganz besonders den Helfern und Organisatoren dieses fantastischen Events.

Alle Informationen zum Eurasia finden Sie auch auf der Website des Events.

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Das Gesamte "Eurasia" auf einem Foto. 22 Finisher plus Organisatoren und Helfer. Bislang bleibt das Rennen ein kleines Event, wächst aber stetig weiter an.

Adrian Kaether/Igor Schifris/Ekaterina Poklonova am 03.07.2019

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