Brandl: Viel gelernt für Paris 2024 Brandl: Viel gelernt für Paris 2024 Brandl: Viel gelernt für Paris 2024

Olympia-Tagebuch #2: Max Brandl in Tokio

Brandl: Viel gelernt für Paris 2024

  • BIKE Magazin
 • Publiziert vor 2 Monaten

Max Brandl bestritt in Tokio sein erstes olympisches MTB-Rennen im deutschen Nationaltrikot und kam als 21. ins Ziel. Uns hat er seine Eindrücke geschildert.

An der Seite von Olympia-Routinier Manuel Fumic repräsentierte Maximilian Brandl vom Lexware Mountainbike Team Deutschland beim Mountainbiken in Tokio . Mit Startnummer 15 am Lenker ging Brandl von der zweiten Startreihe aus ins Olympia-Rennen. Der anspruchsvolle Cross-Country-Bewerb auf dem Izu MTB-Kurs forderte Material und Fahrer aufs Härteste. Zum ersten Mal fuhr Brandl das neue Scott Spark RC im Rennen. Während der Olympia-Sieg an den jungen Briten Tom Pidcock ging, kämpfte der 24-jährige Brandl abseits der TV-Bilder um eine Platzierung in den Top 20. Von Rang 13 zu Beginn der ersten Runde fand sich Brandl gegen Rennmitte auf Rang 22 wieder. Am Ende verbuchte er mit 4:35 Minuten Rückstand den 21. Platz bei seinem Olympia-Debüt. Wie seine ersten Olympischen Spiele liefen, was er zu van der Poels Sturz sagt und ob er zufrieden ist, erzählt er uns in seinem Tagebucheintrag:

„Kaum zu glauben: Jetzt ist das Rennen tatsächlich rum. Ich kam als 21. ins Ziel. Aber vielleicht fang ich erstmal vorne an. Gestern, am Tag vor dem Rennen, habe ich versucht, mich etwas abzuschotten und keine Nachrichten gelesen. Ich wollte mich nicht verrückt machen – und war auch eigentlich kaum aufgeregt. Nun ja, außer mich fragte jemand danach, dann durchzuckte mich die Nervosität doch ein bisschen. Statt Nachrichten von zu Hause zu lesen habe ich Hörbuch gehört und Kreuzworträtsel gemacht. Das letzte Streckentraining verlief gut, ich ging mit einem sicheren Gefühl ins Rennen und meine ganze Konzentration war auf die Strecke gerichtet.

Am Start war ich voll konzentriert und auch nicht nervöser als bei einem Weltcup. Der Start an sich funktionierte auch echt ganz solide. Aus der zweiten Reihe startend konnte ich meine Position gut halten. Leider musste ich noch in der Startrunde an einer Stelle kurz absteigen, was blöd war, aber durchaus mein Fehler. Wir fuhren zu dritt durch eine enge Passage, es war klar, dass es eng ist. Insgesamt habe ich mir aber keinen großen Stress gemacht in den ersten beiden Runden, das Tempo war auch nicht so hoch und die Gruppe relativ nah beisammen. Ich konnte mich gut auf die technisch anspruchsvollen Abfahrten konzentrieren und fand meinen Rhythmus.

Leider ist mir in der dritten Runde an einem der vielen kurzen und sehr steilen Anstiege ein Fehler unterlaufen, der auf dem rutschig-trockenen Steinboden auch nicht toleriert wird. Ich habe mit meinem Vorderrad das Hinterrad eines vor mir fahrenden Fahrers touchiert, musste absteigen und etwa zehn Meter rennen. Zu dem Zeitpunkt lag ich etwa auf Platz 14 und habe direkt vier Plätze verloren. Auch van der Poel ist an mir vorbeigezogen. Nach seinem Sturz an einem großen Drop kam er mit ziemlich Druck auf dem Pedal von hinten und hat mich, als ich gerade wieder aufs Rad aufgestiegen bin, und auch die drei vor mir fahrenden Fahrer überholt. Er ist mit dem Messer zwischen den Zähnen gefahren und hat die Jungs an einer Stelle überholt, an der überholen eigentlich nicht möglich ist. Van der Poels Sturz muss im Fernsehen ziemlich krass ausgesehen haben. An der Stelle springt man ab, ohne zu sehen, wo man landet. Mich wundert aber, dass van der Poel nicht wusste, dass die Holzrampe abgebaut wurde. Beim offiziellen Training gestern war sie bereits abgebaut und diese Änderung wurde auch an die Nationaltrainer kommuniziert.

Nachdem der Niederländer an unserer Gruppe vorbeizog, sind die vorderen beiden aus unserer Gruppe hinterher und die Gruppe löste sich auf. Ich konnte in dem Moment nicht mitfahren, da ich gerade erst von dem Rutscher im Aufstieg wieder auf dem Rad saß und mir der Speed fehlte. In den weiteren drei Runden war ich hauptsächlich allein unterwegs. Ich habe beobachtet, dass die Abstände nach vorne und hinten relativ gleichbleiben. Nur Gerhard Kerschbaumer habe ich ein paar Mal vor mir entdeckt. Im letzten Anstieg war ich am Limit und da ich dachte, Kerschbaumer sei außer Reichweite, bin ich dort noch nicht komplett all-in gegangen. Etwas, das mich im Nachhinein ein wenig ärgert, denn 500 Meter vor dem Ziel habe ich gesehen, dass Kerschbaumer langsam unterwegs ist. Ich sprintete mit aller Kraft los, aber mein Antritt kam etwas zu spät und es reichte ganz knapp nicht für den 20. Platz. Der Sprint am Schluss zog mir aber dermaßen den Stecker, dass ich Krämpfe bekam – aber nicht nur in den Beinen, sondern auch in den Händen und sogar im Nacken. Das kam sicherlich von den steilen Anstiegen, bei denen man auf dem losen Untergrund echt mit dem ganzen Körper arbeiten und sich sehr konzentrieren musste. Mich überraschte, dass im Ziel wenig los war. Ich setzte mich in unserem Deutschland-Container erstmal auf einen Stuhl und blieb dort 20 Minuten sitzen, ohne mich zu rühren – so fertig war ich. Mani Fumic und ich rollten dann gemeinsam in unsere Unterkunft und tauschten uns noch etwas aus, ein schönes Gefühl. Doch im Olympischen Dorf angekommen, war erstmal packen angesagt, denn die Bahnfahrer reisten an und ich zog aus meinem Einzelzimmer gemeinsam mit dem Bundestrainer und Physiotherapeuten in das Apartment von Mani Fumic. Dann ging es endlich zum Essen, es gab wieder einmal Reis, und ich gönnte mir gemeinsam mit unserem Team ein Bier.

Zu sagen, ich wäre zufrieden, ist vielleicht etwas übertrieben. Ich wäre gerne ein paar Plätze weiter vorne rausgekommen. Trotzdem freue ich mich darüber, dass mir vor allem bergab keine Fehler passiert sind und ich mit der wirklich anspruchsvollen Strecke und mit meiner Renneinteilung gut klargekommen bin. Und ich freue mich für meinen Teamkollegen vom Lexware Mountainbike Team, Martin Vidaurre, der 16. geworden ist. Groß gefeiert wird heute aber nicht, die Corona-Regelungen werden weiterhin eingehalten und das Frauenrennen steht morgen früh auch an. Und am Mittwoch steigen wir am frühen Morgen auch schon wieder in den Flieger zurück nach Deutschland. Um die Reise und das Rennen richtig zu interpretieren und Schlüsse daraus zu ziehen, brauche ich sicher noch einige Tage. Meine erste Olympia-Erfahrung verlief sicherlich anders, als man sich es vorstellt. Aber ich bin trotzdem sehr froh, dass ich dabei sein durfte und auf meinem Weg in Richtung Paris 2024 habe ich viel gelernt.“

Das Olympia-Rennen der Damen in Tokio findet am 27. Juli um 15:00 Uhr Ortszeit und 8:00 Uhr deutscher Zeit statt und wird vom ARD per Livestream übertragen.

Lynn Sigel,Lexware Mountainbike Team Als bester Deutscher auf Platz 31 der UCI-Weltrangliste im Cross Country: Max Brandl. Hier der << erste Teil seines Olympia-Tagebuchs aus Tokio >>

Themen: Cross CountryMax BrandlOlympia-Tokio-2021Olympische SpieleRace-BlogRennsport


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