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Exklusiv-Interview: Nino Schurter nach Stellenbosch-Worldcup

Trotz Platz 2: Nino Schurter bleibt gelassen

Ludwig Döhl am 15.03.2018

Der Worldcup-Auftakt war so spannend wie noch nie. Wir haben Nino Schurter gefragt, warum er im Zielsprint ausgeklickt ist und wie er sich nach der Niederlage auf die Revanche in Albstadt vorbereitet.

Nino Schurter blieb in der Saison 2017 ungeschlagen. Beim Worldcup-Auftakt 2018 in Südafrika musste er nach über einem Jahr zum ersten Mal wieder mit Platz zwei vorliebnehmen. Der 23 Jahre junge Neuseeländer Sam Gaze hat den Weltmeister und Olympiasieger in einem spannenden Sprintfinale (siehe Video) geschlagen. Allerdings passierte Schurter ein Fauxpas. Er klickte mitten im Zielsprint aus Versehen aus dem linken Pedal aus. Wir haben Nino Schurter im Interview gefragt, ob er ohne diesen Zwischenfall gewonnen hätte.

BIKE: Hättest du Gaze besiegt, wenn du nicht ausgeklickt wärst? Es sah in der Live-Übertragung ja ganz knapp aus.
Nino Schurter: Ich kam effektiv mit mehr Speed von hinten. Ob es bis zur Ziellinie gereicht hätte? Wer weiß! Ich denke jedoch schon. Ist aber auch egal. Sam Gaze ist der unbestrittene und verdiente Sieger. Da trägt mein Malheur nichts davon ab.
             
Du fährst schon immer auf Ritchey-Pedalen. Wie kann es passieren, dass so ein routinierter Fahrer wie du ausgerechnet in so einem wichtigen Moment aus dem Pedal rutscht? Warst du nervös?
Ich fahre Ritchey-Pedale seit 15 Jahren. Das ist mir so noch nie passiert. Ich muss aber auch darauf hinweisen, dass ich wohl noch nie so brutal in die Pedale treten musste. Für Nervosität bleibt in so einem Moment keine Zeit. Es war wahrscheinlich eher die extreme Maximalbelastung. Sicher ein Punkt zum Nachgehen. Wird ja wohl mit der Einführung des Short Race nicht das letzte Mal sein, wo es in einem Sprint knapp zugeht.
             
Absalon oder Kulhavy konntest du bergab immer schlagen. Sind junge Fahrer wie Gaze oder Cooper für Dich so gefährlich, weil sie keine Schwächen mehr haben?
Die junge Generation ist ganz klar technisch versierter als die genannten Namen der älteren Generation. Den Jungen mache ich bergab kaum mehr was vor. Es ist mir absolut bewusst, dass die Jungen nachdrängen. Das ist gut so. Weniger für mich, aber definitiv für den Sport. Dass diese aber keine Schwächen haben, würde ich nicht bestätigen. Schauen wir dann mal, wie die Jungs mit dem Druck umgehen, mit dem ich die letzten Jahre gelebt habe.
             
Du hast letztes Jahr dominiert, jetzt wurdest du im ersten Rennen geschlagen. Marotte war nur knapp hinter Dir und van der Poel ist aus der Mitte des Feldes auf Rang vier gefahren. Es scheint, als würde uns eine sehr spannende Saison bevorstehen. Bist du schwächer als sonst, oder haben die anderen Fahrer aufgeholt?
Die Luft wird dünner, keine Frage. Alles rückt enger zusammen, das ist gut für unseren Sport. Doch ich spüre, ich bin noch auf demselben Level wie letztes Jahr. Warten wir mal ab, wie es dann Ende der Saison ausschaut, anstatt voreilige Schlüsse zu ziehen.

Legst du jetzt ein bisschen Extra-Training ein, um in Albstadt wieder zu gewinnen? Oder ändert der zweite Platz nichts an deinem Programm?
Wegen dem Ausgang in Stellenbosch mache ich mir nun nicht gerade in die Hose. Mein Training stelle ich deshalb auch sicher nicht auf den Kopf. Es ist ein über Jahre ausgefeiltes Programm mit sehr vielfältigen Inhalten. Wie gesagt: Es hat nicht viel gefehlt.

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Der Sieger Sam Gaze war im Ziel vollkommen entkräftet. Der 23 Jahre junge Neuseeländer wurde letztes Jahr U23-Weltmeister. Trotz deutlich weniger Rennerfahrung als Schurter hat sich Gaze während des ganzen Rennens taktisch extrem geschickt verhalten. Seine Abgebrühtheit hat sich ausgezahlt. Er führt in seinem ersten Elite-Jahr nun den Worldcup an.

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Schurter ist ein Sportsmann. Er kann mit der Niederlage umgehen und gratuliert Sam Gaze kurz nach der Zieleinfahrt. Außerdem ist Schurter der einzige Fahrer im Worldcup, bei dem ein zweiter Platz als Niederlage eingestuft wird.

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Die Saison 2018 verspricht spannender denn je zu werden. Mathieu van der Poel kämpfte sich von der Mitte des Feldes auf Rang vier vor. In Albstadt dürfte er eine deutlich bessere Startposition haben und vielleicht sogar mit um den Sieg kämpfen.

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Auch beim Damenrennen wurde fleißig gesprintet. Die Deutsche Helen Grobert kämpfte sich in der letzten Runde von Platz acht stetig nach vorne. Im Zielsprint überholte sie dann die Weltmeisterin Jolanda Neff. Cannondale-Teamchef Daniel Hespeler erklärte uns: „Wir rechneten aufgrund der Streckenführung schon vor dem Rennen mit vielen Sprintentscheidungen. Deshalb hat sich Helen die letzten Meter vor dem Ziel ganz genau angeschaut.“ Die Mühe hat sich gelohnt. Wir gratulieren der jungen Schwarzwälderin zum besten Worldcup-Ergebnis ihrer Karriere: Rang vier!

Für alle, die mit dem Namen Sam Gaze nichts anfangen können. Der Neuseeländer dominierte in den vergangenen Jahren die U23-Klasse und absolviert jetzt seine erste Elite-Saison.

Ludwig Döhl am 15.03.2018