Enduro World Series 2017 #7 Whistler: Rennbericht

EWS: Local Jesse Melamed gewinnt in Whistler

  • Adrian Kaether
 • Publiziert vor 3 Jahren

Spätestens seit seinem Durchbruch bei der EWS in Whistler 2016 ist Jesse Melamed auf dem aufsteigenden Ast. Jetzt gelang ihm nach einem Kopf-an-Kopf-Rennen mit Sam Hill endlich der erste Sieg.

Es ist immer ein zweischneidiges Schwert, das mit dem Heimvorteil bei Mountainbike-Rennen. Insbesondere beim Cross Country und Marathon ist der Druck auf die Lokalmatadoren oft so groß, dass sie viel zu früh alles geben und schon vor den letzten Runden nicht mehr japsen können. Im Downhill ist das dagegen schon etwas anders, im Enduro-Racing erst recht. Denn hier ist Streckenkenntnis wirklich Gold wert und ein Gefühl für den Grip, den der Boden in unterschiedlichen Bedingungen bietet, haben oft nur echte Locals.


Man denke da nur an die Enduro World Series in Irland 2015 und 2016 . Beide Male stand Greg Callaghan vom Cube Action Team ganz oben auf dem Podium bei den Männern, mittlerweile hat er sich zu einem der schnellsten Enduro-Racer der Welt gemausert, egal wo er antritt. Doch das Heimatland gab ihm 2015 und 2016 den entscheidenden Vorteil. Und er war übrigens nicht der einzige Local, der hier abräumte. In der U21-Klasse gewann beide Jahre hintereinander die erst 17 Jahre alte Leah Maunsell. Geschichten wie diese gibt es viele, doch nun wurde in Whistler eine neue geschrieben, die wir wie die Siege von Greg Callaghan in Irland sicher so schnell nicht wieder vergessen werden.

Sam Hill saß Jesse Melamed den ganzen Tag eng im Nacken. Selbst auf Jesses Lieblingstrail konnte sich der Australier bis auf zwei Sekunden herankämpfen. Eine Wahnsinnsleistung.

Jesse Melamed: Ein echter Whistler-Local in der EWS


Jesse Melamed ist ein Lokalheld wie er im Buche steht und ein Mensch, wie es sie wohl nur im Bike-Mekka Whistler zu finden gibt. Sein Vater Ken war übrigens Bürgermeister hier. Sicher kein Zufall. Und Jesse ist ein echtes Allround-Talent, wie sich das für jemanden gehört, der so nah am wohl besten Bikepark der Welt aufgewachsen ist. Jump-Trails, Wurzeltrails, Felstrails, kurze Sprints, ewige Downhills vom Dach der Welt bis in die kühlen Wälder am Fuß der Berge. Alles Alltag für Jesse. Kein Wunder, dass der junge Kanadier auch im Rest der Welt bei Enduro-Rennen in den vergangenen Jahren immer gut abschnitt.

Isabeau Courdrier war schnell, doch an Cecile Ravanel kam sie nicht heran.


Ein Highlight seiner Karriere folgte dann letztes Jahr. Platz zwei bei der Enduro World Series im Heimatort. Lange führte er die Wertung sogar an, erst auf der letzten Stage, dem über zwanzig Minuten langen Downhill-Wahnsinn vom „Top of the World“ siegte die überlegene Fitness von Richie Rude. Doch der Grundstein war gelegt und Jesse hatte ein neues Selbstbewusstsein gewonnen, das sich auch in den guten Ergebnissen in dieser Saison niederschlug.

Revanche 2017

Cecile Ravanel fährt im Moment auf einem Level, das für die anderen Damen unerreichbar zu sein scheint.


Jetzt kehrte der EWS-Rennzirkus zurück nach Whistler und Jesse war vorbereitet. Wie immer hier nur ein Tag Racing, lediglich fünf Stages. Doch die hatten es mächtig in sich und die Rennfahrer bekamen das ordentlich zu spüren. Schon die Stages der anderen Enduro-World-Series-Rennen sind keineswegs aus Pappe, doch in Whistler ist einfach alles immer noch eine Nummer größer. Die Felsen steiler und noch riesiger, die Wurzelteppiche ausgesetzter, die Strecke staubiger, die Stages länger.


Und schon auf Stage eins begann alles mit einem Paukenschlag. „Top of the World“-Trail, gleich mal am Anfang des Tages. 7,3 Kilometer, fast 1300 Tiefenmeter ohne echte Möglichkeiten zum Durchschnaufen. Denn oben warten spitze Felsen, später taucht man in steile Waldtrails ein, der Staub ist rutschig und tief und verdeckt so manches Hindernis. Dieses Jahr konnte Sam Hill die Downhill-Karte ausspielen, er gewann nach 16:39,29 Minuten, Jesse Melamed wurde jedoch schon Zweiter, trotz fast 20 Sekunden Rückstand. Während bei den Damen Cecile Ravanel mit 19:35,62 Minuten die schnellste Zeit einfuhr, verfolgt wie immer von Isabeau Courdurier.

Pech für Martin Maes. Nach einem guten Start in den Tag stürzte er und musste aufgeben.

Stage zwei und drei – Keine Zeit zum Ausruhen


Nach kurzer Liaison dann schon die zweite Stage: mit lediglich 1,7 Kilometern recht kurz, doch steil und von großen Felsen durchsetzt. Wobei durchsetzt das falsche Wort ist, eher bestand die ganze Stage aus diesen großen Blöcken, die es immer auf die Coverfotos von Whistler-Fotostorys schaffen. Dazwischen kurze Uphills und enge Balance-Übungen. Auf ihre eigene Weise also eine ebenfalls total krasse und Whistler-würdige Stage, auf der Jesse Melamed seinen ersten Sieg des Tages davontrug.

Auch Adrien Dailly hatte etwas Pech. Sein Cleat löste sich auf Stage 1 und blieb im Pedal hängen. Dafür ist der sechste Platz noch ein gutes Ergebnis.


Auf Stage drei dann etwas weniger furchteinflößendes Gelände, dafür immer noch schnell und technisch. Dort fuhr Cecile Ravanel ihren dritten Sieg des Tages ein, auch Jesse Melamed konnte wieder punkten, während Sam Hill nach einem etwas schwächeren achten Platz auf der zweiten Stage wieder auf Platz zwei zurückkehrte. Das alles mit kaum zwei Sekunden Rückstand, auf einem von Jesses Lieblingstrails. Man muss dem Australier allein schon für diese Leistung großen Respekt zollen. Bei den Damen sah es also ganz nach einem weiteren Durchmarsch von Cecile Ravanel aus, bei den Herren stand ein Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen Jesse Melamed und Sam Hill ins Haus.

Stages vier und fünf: Das Finale

Auf den staubigen Wurzeltrails in Whistler hatte der Local die Nase vorne.


Obwohl manche Fahrer schon seit sechs Stunden im Sattel saßen, standen immer noch zwei Stages auf dem Plan. Beide mit über 600 Tiefenmetern und schwierigem technischem Gelände echte Ausdauerprüfungen. Der Howler-Trail stellte die vierte Stage, der Start musste schweißtreibend erst ertreten und dann sogar erschoben werden. Flow war hier sogar relativ viel vorhanden, doch wehe dem, der sich wegen der Erschöpfung zu viel gehen ließ. Die schmale Bahn schlitzte einige Reifen auf und warf auch manchen Fahrer ins Abseits. Und wieder triumphierten Cecile Ravanel und Jesse Melamed, während Sam Hill dem Kanadier weiter dicht auf den Fersen blieb. Aber einen kleinen Vorsprung hatte sich Jesse schon jetzt erarbeitet und konnte so entspannter in die letzte Stage gehen.

Sam Blenkinsop lässt es fliegen. Wie auch er, waren auch einige andere Worldcup-Downhill-Racer am Start. Zum Beispiel die Masters Brüder, die in Neuseeland so gut abgeschnitten hatten.


Ein Tag, gut acht Stunden auf dem Bike, gleich zu Anfang Top of the World. Jeder normale Biker wäre schon längst aus dem Sattel gefallen und auch Sam Hill und Jesse Melamed war die Erschöpfung am Ende deutlich anzumerken. Richie Rude und Cecile Ravanel holten die letzten Siege des Tages, Jesses Teamkollege Remi Gauvin fuhr auf den zweiten Platz, während Jesse und Sam auf sechs und sieben zu stehen kamen. Kraft zum Jubeln hatte Jesse Melamed aber zum Glück trotzdem noch. Denn drei Siege, ein zweiter und ein sechster Platz, das hatte gereicht. Für den Sieg, für den ersten Sieg in der Enduro World Series für Jesse Melamed!

Für Mark Scott ist der dritte Platz das beste Ergebnis seiner Karriere.


Zweiter wurde Sam Hill mit gut 14 Sekunden Rückstand, Platz drei ging an den Briten Mark Scott, der damit ebenfalls sein bestes EWS-Resultat überhaupt einfuhr. Adrien Dailly wurde Sechster, Greg Callaghan 13.

Bei den Damen gewann Cecile Ravanel vor Isabeau Courdurier und der Schottin Katy Winton. Bei den Frauen ist damit die Gesamtwertung schon zugunsten von Cecile Ravanel entschieden. In Finale Ligure wird es aber noch einen spannenden Kampf um Platz zwei geben: Katy Winton und Isabeau Courdurier haben beide 2070 Punkte, Ines Thoma liegt mit 2020 Punkten im Moment auf Platz vier, sogar Anita Gehrig mit 1950 Punkten liegt theoretisch noch in Schlagweite für Platz zwei. Bei den Männern wird in Finale aber noch der Kampf um den ersten Platz ausgefochten: Sam Hill liegt mit 2990 Punkten klar vorne, vor Adrien Dailly mit 2880 Punkten auf Platz zwei. Greg Callaghan hat durch die letzten Rennen etwas an Boden verloren und hält 2570 Punkten Platz drei. Dieser Platz sollte ihm jedoch relativ sicher sein, Jerome Clementz liegt auf vier mit 250 Punkten Rückstand.


Alle Ergebnisse zur Enduro World Series 2017 in Whistler und zum Gesamtranking finden sie auf der Website der Enduro World Series.  Das l etzte Rennen der EWS Saison 2017 findet vom 30. September bis 1. Oktober in Finale Ligure statt.

Die Sieger des Tages: Sam Hill und Isabeau Courdurier, Cecile Ravanel und Jesse Melamed, Katy Winton und Mark Scott.

Beim Feiern ist Cecile Ravanel nach dem Rennen auch immer gerne dabei.

Themen: Cecile RavanelEnduroEnduro World SeriesKanadaSam HillWhistler


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