Downhill Worldcup #1 2016 Lourdes: Rennbericht

Aaron Gwin gegen Loic Bruni

  • Adrian Kaether
 • Publiziert vor 5 Jahren

Der erste Downhill Worldcup 2016 in Lourdes ist Geschichte. Im Norden der Pyrenäen gab es ein britisch-britisches beziehungsweise amerikanisch-französisches Duell. Hier der Rennbericht.

Es ist geschafft! Mit der Stimme von Red Bull TV-Kommentator Rob Warner im Vordergrund und dem Klackern von Ketten, dem Gedröhn von Motorsägen und Vuvuzelas und dem Geschrei der französischen Fans im Hintergrund ging der erste Downhill Worldcup 2016 in die Geschichte ein. 35000 Fans waren zum Rennen in den kleinen Wallfahrtsort in den nördlichen Pyrenäen angereist, um schon mit dem Startschuss zur Saison einen Blick auf die Downhill-Weltmeister von morgen zu erhaschen.

Viele Teamwechsel hatte es über den Winter gegeben und so war es im Vorfeld besonders schwer einzuschätzen, wer 2016 besonders gute Chancen haben würde. Rachel und Gee Atherton wechselten zu Trek, Aaron Gwin zu YT, Loic Bruni und Loris Vergier zu Specialized, Brook MacDonald und Wyn Masters zu GT. Außerdem waren Danny Hart und Steve Smith wieder vollständig genesen und bestens vorbereitet.

Aaron Gwin stürzt im Qualifiying

Das Qualifying brachte kein Licht ins Dunkel der Favoritenfrage. Der Downhill-Track in Lourdes war nass und schlammig, insbesondere die gefürchtete Sektion "The Wall" warf die Topfahrer reihenweise in den Dreck. Das Vertrauen all derer, die an einen Sieg von Aaron Gwin auch auf dem neuen YT Tues glaubten, wurde durch zwei Stürze massiv erschüttert. Auch George Brannigan und Loris Vergier hatten sehr unerfreulichen Bodenkontakt. Ersterer zerschmetterte dabei sogar seine Kurbel und konnte das Qualifying nicht mit einer Zeit beenden, die ihn für das Finale qualifiziert hätte.

Bei den Frauen gab es weniger unliebsame Überraschungen. Lediglich Tracey Hannahs Kette riss direkt am Start, sie wurde auf den siebten Platz durchgereicht. Überzeugend war allerdings der Lauf von Tahnee Seagrave, die sich trotz eines Sturzes noch den ersten Platz vor Rachel Atherton und Manon Carpenter sicherte. Entgegen früherer Pressemitteilungen nahm Emmeline Ragot nicht an Qualifying oder Rennen Teil, auch Myriam Nicole konnte wegen eines erneut gebrochenen Schlüsselbeins nicht starten, sondern war gezwungen, das Rennen hinter der Absperrung zu verfolgen.

Die Schlümpfe waren beim Downhill-Worldcup in Lourdes auch vor Ort.

Kann Seagrave Rachel Atherton schlagen?

So stand die große Frage im Raum, wer wird Rachel Atherton 2016 schlagen können? 2015 hatte sie eine beinahe perfekte Saison erlebt und sich alle Worldcup-Siege bis auf den ersten gesichert, bei dem sie Zweite wurde. Der Weltmeistertitel setzte ihrer Saison das Sahnehäubchen auf. Doch sowohl Tracey Hannah als auch Manon Carpenter lagen nach dem Qualifying in Reichweite, Tahnee Seagrave hatte Atherton sogar überholt. Doch die Strecke präsentierte sich im Rennen ganz anders als in Training und Qualifying.

Tahnee Seagrave sollte man 2016 im Auge behalten.

Zunehmend trockener wurden die einzelnen Abschnitte. Ob Regenreifen oder Reifen für trockene Bedingungen aufgezogen wurden, entschieden die Teams häufig erst Minuten vor dem Start. Viele standen deswegen mit einem zweiten Satz Laufräder für kurzentschlossene Wechsel in der Startbox. Die erste podiumsverdächtige Zeit brannte Tracey Hannah auf die Felsen von Lourdes. Mit 4:03,974 Minuten musste sie sich auch der nachfolgenden Ex-Weltmeisterin Morgane Charre und der Schweizerin Emilie Siegenthaler nicht geschlagen geben.

Doch dem Druck von Manon Carpenter hielt Hannahs Zeit nicht stand. Mit knapp über vier Minuten unterbot die Britin die Zeit ihrer australischen Konkurrentin. Dann stand Rachel Atherton auf der Startrampe. Wie gut würde die Weltmeisterin mit dem neuen Bike zurechtkommen, wie hatte sie auf die wechselnden Bedingungen und den Druck ihrer jungen Konkurrentin Tahnee Seagrave eingestellt?

Rachel Atherton spielt ihre Erfahrung aus

Rachel Atherton auf dem Weg zum Sieg.

Doch die Weltmeisterin ließ sich nicht aus der Ruhe bringen. Routiniert sprintete sie aus dem Gate und schien in keiner Sekunde von ihrem neuen Bike zurückgehalten zu werden. Jede Linie saß, in "The Wall" war sie sichtbar schneller als die Konkurrenz. Auch beim letzten Drop sprang sie furchtlos in die Tiefe, während Carpenter hier der Sicherheit halber etwas gebremst hatte. Mehr als zehn Sekunden Abstand auf Manon Carpenter entlohnten Rachel Atherton für ihre Risikobereitschaft angemessen.

Wegen ihres Sieges im Qualifying war Tahnee Seagrave die letzte Frau im Startgate. Auch sie absolvierte den oberen Streckenteil routiniert, lag jedoch beim Road Gap am Eingang in den Wald schon 4,5 Sekunden zurück. Zwar konnte sie zwischenzeitlich noch einige Zehntel auf Rachel Atherton wieder gutmachen, doch sie hatte offensichtlich entschieden, lieber auf einen guten zweiten Platz zu fahren, als alles für Platz eins zu riskieren. So überquerte sie die Ziellinie mit 4,472 Sekunden Rückstand auf die Weltmeisterin.

Das Podium der Damen: Tracey Hannah, Tahnee Seagraven, Rachel Atherton, Manon Carpenter und Emilie Siegenthaler (von links).

Amaury Pierron – Newcomer im Hot Seat

Im Finale der Männer gab es zunächst eine kleine Überraschung. Amaury Pierron vom Team Lac Blanc Commencal Racing sah nicht nur sehr schnell aus, sondern war es auch. Mit einer Zeit von 3:13,440 setzte er sich vor Downhill-Größen wie Sam Hill, Eddie Masters oder auch Michael Jones, der letztes Jahr in Lourdes mit einem dritten Platz brilliert hatte. Auch von den Nachfolgenden ließ sich Pierron zunächst nicht entthronen. Sowohl Brook MacDonald, Sam Blenkinsop, Harry Heath und Luca Shaw als auch Mat Simmonds und sogar Greg Minnaar hatten das Nachsehen. Und das obwohl Greg Minnaar diesmal sein Handgelenk nicht verletzungsbedingt an den Lenker tapen musste.

Doch als endlich Danny Hart im Startgate stand, musste Pierron zittern. Der Brite ist ein Spezialist für rutschige und schwierige Bedingungen und außerdem ist er, im Gegensatz zu letztem Jahr, den Winter über vollkommen unverletzt geblieben. Sein Team Mondraker hat zudem von Marzocchi zu Fox-Federelementen gewechselt, die zumindest aktuell wesentlich renntauglicher sind. Und Danny Hart enttäuschte nicht. Obwohl er im oberen Teil des Kurses mehr als eine Sekunde auf den jungen Franzosen verlor, konnte er ihn im mittleren Abschnitt, dem Wald, überholen und fuhr mit 1,623 Sekunden Vorsprung über die Ziellinie.

Danny Hart und Steve Smith wieder auf alter Höhe

Mit Danny Hart muss man nun endlich wieder rechnen.

Schon der zweite Fahrer nach Danny Hart war Worldcup-Gesamtsieger Aaron Gwin. Er sprintete aus dem Startgate. Das neue Team und die Aussicht alle Zweifel nach dem Qualifying zu zerstreuen, müssen ihn stark motiviert haben. Und es gelang ihm, die Zweifler ruhig zu stellen. Mit hoher Risikobereitschaft und kreativen Linien raste er über die Strecke in Lourdes und konnte Danny Hart  über die ganze Strecke verteilt Zehntel um Zehntel abnehmen. Am Ende leuchteten 2,686 grüne Sekunden auf der Anzeigetafel auf.

Auch Steve Smith zeigte mit seinem zweiten Platz beim Downhill-Worldcup in Lourdes, dass er 2016 wiedererstarkt ist.

Die nachfolgenden Fahrer konnten der offensichtlich wiederhergestellten Brillianz des Amerikaners wenig entgegensetzen. Marcello Gutierrez Villegaz, Loris Vergier und Brendan Fairclough lagen vollkommen außer Reichweite, Troy Brosnan konnte sich immerhin auf dem dritten Platz hinter Danny Hart einreihen. Doch schließlich war es Steve Smith, der als Erster wieder in Reichweite zu Aaron Gwins Zeit lag. Der Devinci-Fahrer, der die beiden vergangenen Jahre mit Verletzungen zu kämpfen hatte, war wiedererstarkt und konnte zwar Aaron Gwin nicht schlagen, doch immerhin den zweiten Platz holen.

Troy Brosnan kann an seine Konstanz von letzter Saison anknüpfen. Für ihn reicht es für Platz vier.

Loic Bruni schnell wie nie

Aaron Gwin auf dem Track in Lourdes.

So war es nach guten, aber nicht ausreichend schnellen Runs von Gee Atherton und Josh Bryceland an Qualifying-Gewinner und Weltmeister Loic Bruni, Gwin den Sieg doch noch vor der Nase wegzuschnappen. Jenseits aller menschlichen Vernunft raste Loic Bruni den Worldcup-Track hinunter und konnte dabei trotzdem die Kontrolle behalten. Im ersten Rock Garden übersprang er mit zwei Sätzen die größten Hindernisse und vermied so als einziger das nach oben schlagende Hinterrad. Auch im späteren Verlauf war er wahnsinnig schnell unterwegs und immer wieder zeigte die Anzeigetafel höhere grüne Split-Zeiten an. Doch in der vorletzten Kurve rutschte Bruni das Vorderrad weg. Der Franzose stürzte und obwohl er keine drei Sekunden nach dem Sturz schon wieder auf dem Bike saß, war der Sieg dahin.

Loic Bruni war in Lourdes verdammt schnell unterwegs. Wäre sein kleiner Fehler nicht gewesen, hätte er ganz oben auf dem Podium gestanden.

Aaron Gwin und Rachel Atherton triumphieren also auch zu Beginn der Downhill-Saison 2016, doch beide werden sich ihrer Siege in Zukunft nicht mehr so sicher sein können. Tahnee Seagrave ist konstant schnell, mehr noch als sie es in der Saison 2015 war. Auch Manon Carpenter scheint wieder auf ihrer alten Höhe zu sein. Bei den Männern sind Danny Hart und Steve Smith wiedererstarkt, doch Respekt flößte Aaron Gwin offensichtlich vor allem der Lauf von Loic Bruni ein, bei dem Aaron Gwin seinen Sieg schon vor seinen Augen zerbröseln sah.

„Loic ist heute der Sieger hier. Er hatte mich definitiv geschlagen und er fährt schon das ganze Wochenende genial“, sagte ein ungewöhnlich entspannter und cooler Aaron Gwin nach dem Rennen. Überhaupt wirkt Aaron Gwin nach seinem Wechsel zu YT wesentlich entspannter und gelöster. Von seiner ehrgeizigen und konzentrierten, aber wenig humorvollen Seite, die im vergangenen Jahr so dominant war, war in Lourdes jedenfalls wenig zu sehen.

Feiern können aber auch Danny Hart und Steve Smith wegen ihres Comebacks, vor allem aber Amaury Pierron. Zwar musste er sich am Ende mit dem fünften Platz hinter Gwin, Smith, Hart und Brosnan zufriedengeben, doch das störte den jungen Franzosen, der 2015 lediglich auf den 35. Gesamtrang fuhr, eher wenig. In ehrwürdiger Gesellschaft gönnte er sich deswegen auf dem Podium erstmal einen großen Schluck Champagner.

Übertragung verpasst?

Hier geht's zur Wiederholung des kompletten Downhill-Finales in Lourdes auf Red Bull TV. Sehenswert insbesondere die Runs von Rachel Atherton, Tahnee Seagrave, Aaron Gwin und Loic Bruni. hier klicken

Schlagwörter: Aaron Gwin Downhill Loic Bruni Lourdes Rachel Atherton UCI Worldcup World Cup


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