DH Worldcup #1 2018 Losinj DH Worldcup #1 2018 Losinj

DH Worldcup 2018 #1 Losinj: Rennbericht

Gwin gewinnt Generationenduell in Kroatien

Adrian Kaether am 23.04.2018

Im Vorfeld viel belächelt erwies sich die Downhill-Worldcup-Strecke in Kroatien als echtes Biest. Im Rennen der Männer gab es ein Generationenduell, im Damen-Finale brillierte Myriam Nicole.

Man glaubt es kaum. Doch ausgerechnet die Downhiller, die Rockstars des MTB-Sports, die Härtesten der Harten, die auch nach heftigsten Crashs einfach wieder aufs Bike springen, als wäre nichts gewesen – ausgerechnet diese Jungs und Mädels haben eine Tendenz zum Nörgeln. Die Strecken zu kurz oder zu lang, zu wenig Höhenmeter, zu flach, zu Leogang und überhaupt, warum nicht eigentlich alle Rennen im mittlerweile ausrangierten Schladming?


Losinj: Eine echte Worldcup-Strecke? Auf jeden Fall!


Auch die neue Worldcup-Eröffnung im kroatischen Losinj (sprich: Loschin) war im Vorfeld von Nörglereien betroffen. Die Strecke sei zu kurz und zu flach, ein langweiliger Anfang, eine mittelmäßige Mitte und dann ein blödes Sprintfinish, um die Fernsehquoten zu pushen und das Fahrerfeld eng zusammenzuschieben. Und auch wenn sich die Sache mit den dicht beieinander liegenden Zeiten bewahrheitete, so hätten sich die Fahrer was den Rest der Strecke angeht wohl kaum mehr täuschen können. Nach der Startgeraden entpuppte sich die Strecke, die auf den Videos noch so harmlos ausgesehen hatte, als ein einziger fieser Rockgarden, voller spitzer, reifenschlitzender Felsen. Überall blinde Drops und fiese Sprünge, so gemein, dass man den legendären Sentiero 601 am Gardasee dagegen fast für einen Pumptrack halten könnte.

DH Worldcup #1 2018 Losinj

Nach längerer Absenz fand auch Sam Blenkinsop wieder zu alter Form zurück. Ein starkes Resultat.


Und am Ende, beim vermeintlich athletischen Sprintfinish dann ein Waldstück, dass jeden Fahrfehler an der Stoppuhr direkt hart bestrafte, die Tretpassage durch die Altstadt so eng und schmal, dass nicht wenige Fahrer die Flex zückten und in bester City-Downhill-Manier die Lenkerenden stutzten. Und auch sonst ließen die Überraschungen bei diesem Worldcup-Auftakt im Downhill nicht auf sich warten. Schon im Qualifying fand sich neben den erwarteten Favoriten – Aaron Gwin, Troy Brosnan, Rachel Atherton und Myriam Nicole – auch ein Name ganz oben, mit dem niemand so richtig gerechnet hatte. Brook Macdonald, wegen seines aggressiven Fahrstils auch bekannt als „The Bulldog“.


Brook Macdonald: Rückkehr des „Bulldogs“?


Viele Mythen ranken sich um den Publikumsliebling aus Neuseeland. In den Jahren zwischen 2011 und 2013 errang er mehrere Podiumsplätze in Fort William und Monte-Sainte-Anne und einen Sieg im Worldcup in Val d’Isere, auch ein Sieg beim IXS European Cup in Todtnau stand auf seiner Liste. So aggressiv war sein Fahrstil, dass man bald sagte, die Steine und Wurzeln fürchteten ihn, nicht umgekehrt. Dann Verletzungen nach 2013, ein wenig erfolgloser Wechsel zu Trek, ein völlig erfolgloser Wechsel zu GT. Für 2018 kehrte der Neuseeländer zu seinem ursprünglichen Profiteam zurück und es scheint, als stehe es gut für die Kombination MS Mondraker und Brook Macdonald. Der plötzliche Sieg in der Qualifkation ist jedenfalls ein deutliches Zeichen.


Norton, Shaw, Harrison: Eine neue Racer-Generation aus den Staaten?


Zwar gibt es im Downhill auch eine nicht zu unterschätzende Zahl an Punkten für die Qualifikation, doch die wahre Herausforderung wartet erst im echten Rennen. Bei den Männern konnte zunächst Florent Payet eine schnelle Zeit vorlegen und in den Hot Seat fahren, der Franzose profitiert ähnlich wie Greg Minnaar aufgrund seiner Körpergröße ganz besonders von den neuen großen Laufrädern. Mit einem Mondraker Summum in XXL und 29 Zoll hat er endlich das passende Bike für sich gefunden.

DH Worldcup #1 2018 Losinj

Dakotah Norton konnte in Losinj seine Fähigkeiten unter Beweis stellen. Auch Ex-Weltmeister Danny Hart war ihm in diesem Rennen nicht gewachsen.


Bald dann Dakotah Norton im Startgate, ein junger Amerikaner von dem Insider viel erwarten, der bis jetzt aber im Worldcup noch nicht sein volles Potential ausschöpfen konnte. Und Norton wurde grob unterschätzt, auch vom Autor dieser Zeilen, der sich bei der Ansage von Norton im Startgate erstmal einen Kaffee holen ging. Und dann bei seiner Rückkehr die Tasse fast fallen ließ, weil Norton die bereits schnelle Zeit von Florent Payet um mehr als eineinhalb Sekunden geschlagen hatte. Eine Welt auf einer kurzen Strecke wie der in Kroatien.


Minnaar wieder mit Platten, Macdonald stürzt


Niemand konnte jetzt schon ahnen, wie lange die Leistung von Dakotah Norton für den Hot Seat reichen würde. Doch nach und nach bissen sich auch echte Favoriten an der Zeit des jungen Amerikaners die Zähne aus. Danny Hart war langsamer, Loris Vergier auch, sogar Laurie Greenland und Jack Moir verpassten die Zeit von Norton um nur wenige Wimpernschläge. Greg Minnaar lag eine Zeit lang in Führung, dann aber machte ihm schon wieder ein platter Hinterreifen einen Strich durch die Rechnung.

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Luca Shaw ist neben Dakotah Norton der zweite Fahrer einer neuen Generation aus den USA.


Besonderes Pech hatte der Sieger der Qualifikation, Brook Macdonald. Mit unglaublichem Elan stürzte er sich in die Strecke, pushte in jedem Steinfeld das Limit von Mensch und Maschine und fuhr ebenfalls etwas Vorsprung auf Dakotah Norton heraus. Doch ausgerechnet bei einem der leichteren, aber blinden Drops erwischte es den Neuseeländer hart. Das Vorderrad sackte ab, Macdonald landete heftig auf der Front und wurde im Salto über den Lenker geschleudert, bevor er mit dem Rücken in den Steinen landete. Und er hatte noch Glück muss man sagen, die Muskeln hatten wohl den Großteil des Sturzes abgefangen. Länger konnte Macdonald nicht aufstehen, doch am Ende saß er wieder auf dem Bike und rollte die Strecke hinunter, er scheint sich nichts Schlimmeres getan zu haben.

DH Worldcup #1 2018 Losinj

So gut das Qualifying gelaufen war, im Rennen reichte es noch nicht. Brook Macdonald wirkt etwas zerschlagen. Vielleicht wird es ja in Fort William besser, die Strecke könnte dem Neuseeländer liegen.


Wo stehen Brosnan und Gwin?


So blieb es am Ende an den letzten fünf Fahrern hängen, Norton noch zu entthronen. Luca Shaw, ebenfalls eines der jungen amerikanischen Talente, machte den Anfang und verwies Dakotah Norton dann am Ende doch in die Schranken. Fast zwei Sekunden schneller war der Santa Cruz Syndicate-Fahrer als sein Landsmann aus dem Devinci-Team. Auch Sam Blenkinsop konnte Nortons Zeit knapp schlagen und setzte damit nach Jahren mit durchwachsenen Resultaten ebenfalls ein Ausrufezeichen.

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Aaron Gwin hatte am Ende gut lachen. Wieder einmal stellte der Amerikaner in Losinj seine Klasse unter Beweis und fuhr sicher und kontrolliert zum Sieg.


Troy Brosnan dagegen fand in Losinj nicht in den Rhythmus. Sein Lauf war kontrolliert und sauber, aber vielleicht etwas zu vorsichtig. Er musste sich weiter hinten einordnen und fuhr am Ende nur auf Platz neun. Nur Dean Lucas und Aaron Gwin standen nun noch im Startgate: Intense gegen YT, 29 gegen 27,5 Zoll, Australien gegen die USA, aufstrebender Youngster gegen erfahrenen Haudegen. Und Aaron Gwin sollte am Ende die Oberhand behalten. Mit der ihm eigenen Klasse fegte er über die Strecke, leistete sich kaum Fehler, prügelte den neuen YT-Prototypen durch die Rockgardens, nur am Ende ließ er beim Sprint ein wenig Zeit liegen. Egal, schneller als Luca Shaw war er trotzdem und Dean Lucas musste sich am Ende noch hinter Luca Shaw auf Platz drei einordnen. Trotzdem: ein bemerkenswertes Podium, bei dem mit Luca Shaw, Dean Lucas und Dakotah Norton gleich drei Nachwuchssportler ganz oben stehen und die Luft dünn werden lassen für die etablierte Klasse im Downhill.


Das Damenrennen: Atherton gegen Nicole


Im Rennen der Damen waren Überraschungen dagegen seltener. Hier triumphierten die etablierten Racerinnen, mit Ausnahme von Tracey Hannah, die mit einem Sturz ihre Chancen schnell zunichte machte. Doch auch hier eine kleine Ausnahme: Cecile Ravanel. Moment, die Frau, die in der EWS die Konkurrenz seit Jahren in Schach hält bei einem Downhill-Worldcup? Genau. Scheint, als suche die Französin nach einer neuen Herausforderung und die lieferte ihr der Downhill-Worldcup auch en Masse. Jetzt auf einem waschechten Downhill-Bike startete sie euphorisch aus dem Startgate und erlaubte sich auch in den Rockgardens so gut wie keine Fehler. Die Konkurrenz war chancenlos mit wenigen Ausnahmen.

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Rachel Atherton hatte gegenüber Myriam Nicole in Losinj noch das Nachsehen. Dennoch, auch Platz zwei nach längerer Verletzungspause ein gutes Resultat.


Keine drei Minuten nach dem Startschuss saß Cecile Ravanel schon im Ziel im Hot Seat, auch etablierte Downhillerinnen wie Emilie Siegenthaler, Monika Hrastnik, Caty Curd und Weltmeisterin Miranda Miller hatten das Nachsehen. Marine Cabirou und Tahnee Seagrave verwiesen dann Cecile Ravanel doch noch auf die unteren Plätze, beide konnten jedoch keine Zeit vorlegen, die sicher zum Sieg reichen würde. Ganz anders als Myriam Nicole. Die Französin war in Losinj in einer eigenen Klasse unterwegs, niemand konnte ihr auch nur ansatzweise das Wasser reichen.


Myriam Nicole fährt zum Sieg – Vali Höll holt theoretisch Platz sechs im Elite-Rennen

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Sicher und sauber bewältigte Myriam Nicole die vielen Steinfelder in der Mitte der Strecke. Dort entschied sie das Rennen für sich.


Präzise, schnell und doch kontrolliert bewältigte sie die steinigen Passagen, ihr Bike schien perfekt zu funktionieren und blieb auch über fieses Gerumpel noch verhältnismäßig ruhig. Am Ende packte Nicole noch die Sprintbeine aus und zimmerte eine Zeit von 2 Minuten 40 Sekunden auf die Strecke in Kroatien. Rachel Atherton dagegen schien nicht richtig in den Rhythmus zu finden und landete nur knapp vor Tahnee Seagrave mit guten vier Sekunden Abstand auf Myriam Nicole. Und noch eine kleine Randnotiz zum Schluss: Vali Höll holte wie zu erwarten den Sieg in ihrer Klasse, die Zeit der jungen Österreicherin hätte selbst bei den Elite-Damen noch für Platz sechs direkt hinter Cecile Ravanel gereicht. Wir sind beeindruckt!


Alle Ergebnisse zum Worldcup finden Sie auch auf der Website der UCI. Nach einer längeren Pause steht nun als nächstes, am 2./3. Juni der Worldcup-Klassiker in Fort William in Schottland auf dem Programm. Wird Minnaar wieder siegen? Oder kann Aaron Gwin zu Minnaars Rekord von 21 Worldcup-Siegen aufschließen? Findet Rachel Atherton auf britischem Boden zurück zu ihrer Form? Wir sind gespannt!

DH Worldcup #1 2018 Losinj

Vali Höll fuhr in der Junioren-Klasse überlegen zum Sieg. Selbst bei den Elite-Damen hätte ihre Zeit noch für Platz sechs gereicht.

Adrian Kaether am 23.04.2018
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