Das BIKE-Retro-Leserteam beim 24-h-Rennen München Das BIKE-Retro-Leserteam beim 24-h-Rennen München Das BIKE-Retro-Leserteam beim 24-h-Rennen München

Das BIKE-Retro-Leserteam beim 24-h-Rennen München

  • Michél Giesche
 • Publiziert vor 7 Jahren

Vier Leser, der längste Tag und Bikes im Gegenwert eines Laufradsatzes: So schlug sich unser Leserteam "Pepperoni Racing" beim 24-h-Rennen im Münchner Olympiapark.

Irgendwann im Jahr 2013 habe ich, Michél Giesche, mir gedacht, so ein grellbunter "MTB-Vogel" aus den 90ern könnte sich doch an der Wand ganz gut machen - so als Deko. Nach kurzer Zeit und dank ebay-Kleinanzeigen war ich für stolze 38 Euro Besitzer eines pink-lilanen Giant Terrago in Ich-stehe-schon-seit-10 Jahren-in-einem-Schuppen-Zustand. Neugierig wie ich war, musste ich das Teil nach einer gründlichen Reinigung erst mal in Betrieb nehmen und eine Runde drehen. WOW! Erstaunlich wie direkt Mountainbiken sein kann, wenn es auf einmal ungefiltert in Po, Rücken, Händen und Schultern ankommt.

Michél Giesche Unser Vierer-Team mit einem der alten Starr-Bikes.

Kurz danach stand noch ein Trek 930, ein Specialized Rockhopper und Marin Muirwoods in meinem Wohnzimmer - Fahrrad-Schrauben und Discovery Channel-Kucken kann ja so entspannend sein. Was musste ich mir von da an für Spott und Hohn anhören, warum ich mich jetzt mit so einem "alten Schrott" beschäftige, wobei Schrott hier noch das schönere Sch-Wort war.

Unser großer Tag, als die März-Ausgabe erschien

Mit der März-Ausgabe der BIKE kam dann mein großer Tag - zumindest in meiner Fantasie - es allen Spöttern heimzuzahlen. Der besagte, fast unscheinbare Artikel las sich ungefähr so:

"Wir sind dieses Jahr Medienpartner des 24h-MTB-Rennens im Münchener Olympiapark und verlosen einen Startplatz für ein Viererteam. Schreibt uns warum gerade Euer Team diesen Startplatz erhalten soll."

Nachdem die BIKE dieses Jahr ihr 25-jähriges Jubiläum feiert und auch schon einiges zum Thema Retro-Mountainbiken geschrieben hatte, fügte sich eins zum anderen:

vier alte Mountainbikes + Spott und Hohn + 25-jähriges Jubiläum + große Klappe = E-Mail senden

Am 3. April hatte ich der Jury ein Classic-24h-Viererteam auf bezahlbaren Stahlbikes mit Starrgabel via E-Mail angeboten. Wohlwissend, dass ich noch nie bei einem Preisausschreiben gewonnen hatte und dass der Einsendeschluss am 25.04. ist, habe ich mich erst mal zurückgelehnt und an nichts Böses gedacht.

Ende April hatte ich dann eine E-Mail in meinem Posteingang, mit folgender Betreffzeile:
"Herzlichen Glückwunsch, Ihr habt den Team-Startplatz fürs 24-h-Rennen in München gewonnen"

Häh, was is los, nö oder!? Viererteam? Welches Viererteam? Panikattacke. Das Team war nach einem verzweifelten Telefonat mit der BIKE-Redaktion dann doch innerhalb von zwei Tagen zusammengestellt - danke an Chrissy, Uli und Wolfgang.

Michél Giesche Ausblick vom Olympiaberg auf das Fahrerlager am Samstagmorgen.

Das 24-h-Leserteam

Wir haben uns letztes Jahr beim 12h-MTB-Rennen in Schnaittach kennengelernt und waren damals noch in getrennten Teams unterwegs, haben aber gleich gemeinsam eine "Renn-WG" gegründet. Der Uli ist schon seit ein paar Jahren auf 12h- und 24h-Rennen unterwegs. Wolfgang hatte bis dato auch noch keine 24h-Erfahrung. Chrissy und meine Wenigkeit haben erstmals beim oben genannten 12h-Rennen Rennluft geschnuppert. Chrissy ist mit Uli letztes Jahr dann noch den MTB-Marathon in Waldkirchen gefahren. Wolfgang und Uli waren 2014 schon beim Citybike-Marathon in München am Start und ich hab mein erstes 4h-Rennen Solo gefahren.

Beim Teamnamen haben wir dann etwas länger gebraucht. Von "total bescheuert" über "geschüttelt, nicht gerührt" und "ungefederte Massen" war alles Mögliche dabei. Als altem Cannondale-Fan ist mir dann aber der Bezug zur Pepperoni-Gabel eingefallen und somit wurde das "Pepperoni Racing-Team" aus der Taufe gehoben.

Nachdem ersten Bikecheck im Laden von Uli (Trail-On in Forchheim) stellte sich heraus, dass die vier Bikes nur teilweise die gestellten Anforderungen erfüllen. Somit war der Wiederherstellungs-Aufwand zu groß und/oder die Zeit bis zum Rennen zu kurz. Daher kamen in den letzten sechs Wochen noch zwei Scott Windriver, ein Giant Team-Worlcup und bei Uli ein Ridgeback dazu.

Was ich oben noch vergessen oder wegignoriert habe: In der besagten Bewerbungs-E-Mail hatte ich leichtsinnigerweise noch angegeben, dass keins der Bikes mehr als 100 Euro in der Anschaffung kosten würde - Selbstkasteiung mal anders.

Michél Giesche Retro-Feile für unter 100 Euro: Das Giant Team World Cup.

So schlugen sich die Starrbikes beim Rennen

Zielsetzung war es, je nach Durchhaltevermögen des Materials und der Gelenke, mindestens 54 Runden á 7,2 km mit jeweils 100 hm zu schaffen. Somit sollte es gelingen, nicht unbedingt als Letzter der Vierer-Mixedteams ins Ziel zu kommen. Aufgrund des dann doch etwas "älteren" Materials blieben aber ein paar Unwägbarkeiten offen und es wäre somit auch nicht schlimm, dann doch als Letzter ins Ziel zu kommen - wobei jedes Viererteam, dass wir hinter uns lassen einen persönlichen Triumph darstellen würde. Aber natürlich steht bei so einer saudummen Idee, erst mal nur der Spaß im Vordergrund. Unser Motto war somit: "fun & finish", obwohl sich das ja wie ein neuer Fensterreiniger anhört.

Michél Giesche Team-Kapitän Michél in der steilen Rampe.

Im Vergleich zur Vorgeschichte stellt sich der Rennverlauf dann recht unspektakulär dar. Wir sind jeweils mit Zweirunden-Blöcken gestartet, die wir dann in der Dunkelheit auf Vierrunden-Blöcke ausweiten wollten, damit die Nichtfahrer etwas länger Zeit zum schlafen haben. Für die Langstreckennovizen unter uns, war es erstaunlich zu sehen, dass in der Wechselzone von Anfang an um Millisekunden gefightet wurde. Nach den ersten Runden war die einhellige Meinung, dass der Kurs im Olympiapark "unserem Auftrag" entgegen kam, da er kaum anspruchsvolle bzw. technisch schwierige Passagen beinhaltete – eben ein schön fahrbarer 24h-Rundkurs.

Michél Giesche Wolfgang kurz vor der Einfahrt ins Olympiastadion.

Die Tücken der Starrgabel-Bikes

Nach etwa sechs Rennstunden mussten wir doch feststellen, dass der Bereich "Eingang Singletrail" und "Abfahrt Wendepunkt Singletrail" immer ausgefahrener bzw. ausgebremster wurde und unsere Starrgabel-Bikes hier auf einmal gemacht haben, was sie wollten und nicht was wir gerne gehabt hätten – so ähnlich muss sich kompletter Kontrollverlust anfühlen. Unser Fahrstil sah für die anderen Teilnehmer bestimmt oft fragwürdig aus. Ansonsten ist vielleicht noch anzumerken, dass die Rennrad-ähnliche Geometrie der Oldies bergauf einen unheimlichen Vortrieb erzeugt hat und wir gerade an der Schwimmhalle und am Olympiaberg ständig Plätze gut machen konnten, die wir dann im Singletrail und bergab wieder verloren haben. Wobei dies für Uli nur teilweise gegolten hat, denn seine Downhilleskapaden sind mittlerweile legendär.

Michél Giesche Michél in den Wellen hinunter zum Olympiasee.

Von Pannen verschont bis auf einen Plattfuß

Erstaunt waren wir auch über die Zuverlässigkeit unserer Bikes. Bis auf einen Plattfuß, den ich mir wahrscheinlich auf dem Weg in die Wechselzone, im Bereich des Public-Viewings beim Media-Markt-Truck  - ziemlich viele Glasscherben, die ich im Dunkeln nur als knirschen unter meinen Schuhsohlen wahrnehmen konnte - eingefangen habe und der mich dank unserer Solobetreuer im Bereich der "Wand", nur etwas mehr als sechs Minuten Zeit gekostet hat, gab es keinen einzigen technischen Defekt.

Michél Giesche Unser Fahrerlager - direkt neben der Testcrew der BIKE.

Hier bestätigt sich wieder die alte Binsenweisheit: Was nicht dran ist, kann auch nicht kaputt gehen! Nachdem wir in der 22. Rennstunde festgestellt haben, dass wir uns mit zwei weiteren Teams um den 19. Platz balgen, haben wir entschieden die letzten Stunden in Einzel-Turns durchzuziehen. Es gelang uns mit dieser "Angaserei" auch die zwei Verfolgerteams auf fast eine Runde zu distanzieren.

Final sind wir mit beendeten 63 Runden äußerst zufriedene, glückliche und durchgerüttelte 19. der Vierteam-Mixed-Wertung geworden. Zusätzlich zu den fünf Mixedteams die wir hinter uns gelassen haben, waren wir auch noch schneller als 21 Herren-Vierer. Somit sind wir 68. In der Vierer-Teamwertung geworden, die mit 94 Teams neben den Solos wieder die zahlenmäßig am stärksten besetzte Kategorie war.

Michél Giesche Noch alle frisch: Vor dem Start auf dem Olympiaberg.

Fazit des BIKE-Leserteams

Nachdem ich jetzt genug gesabbelt habe, überlasse ich das Schlußwort mal meinen Teamkollegen:


Uli:  "Wir als Fahrer der "Hathat"-Bikes kennen jetzt jede Wurzel, Kante und Kopfsteinpflaster rund um das Olympiagelände. Trotz eines gefühlten Schleudertraumas mit leichter Gehirnerschütterung überwiegt die Euphorie es geschafft zu haben, mit unseren ollen Rappelkisten, die toll durchgehalten haben. Wir sind weit mehr und weit schneller gefahren, als wir dachten und unsere Dame auch weit wilder und erfolgreicher, als sie selber glaubte."

Michél Giesche Uli im Wiegetritt beim Umrunden des Olympiasees.


Chrissy: "Unglaublich wir haben es geschafft! Ich bin stolz auf unser Team und unsere Solos. Danke an Uli, dass er mir geduldig dabei geholfen hat, meine Grenzen neu zu stecken, an Wolfgang dafür, dass er wie ein Fels in der Brandung da war und mir immer neuen Mut gegeben hat und an Michél, der fest an mich geglaubt hat und mich aufgefangen hat, wenn ich kurz vor dem Scheitern war. Natürlich auch fetten Dank an die Betreuer und Zuschauer an der Strecke, die uns mit ihrem anfeuern durch die 24 Stunden gepusht haben."


Wolfgang: "Dass wir mit unseren ungefederten Retro-Stahlbikes so gut mithalten konnten, hat mich begeistert, auch wenn die im Laufe des Rennens immer schwieriger gewordenen steilen Abfahrten grenzwertig wurden. Aber Klettern können die Starr-Bikes, die Steilauffahrt hat jedes Mal gefunzt. Traumhaft waren die Runden zum  Sonnenuntergang und zum Sonnenaufgang,  die ich zufällig beide erwischt habe. Und mit unserem super Team wird mein erstes 24h-Rennen nicht mein letztes sein."

Michél Giesche Warmfahren mit Panorama: Von unserer Rolle hatte man einen tollen Überblick über die Strecke.

Somit bleibt uns jetzt nur noch Vielen Dank zu sagen, an die BIKE, an Schwalbe, Sigma, Uvex und Dowe, dass Ihr uns bei der Umsetzung dieser saudummen Idee unterstützt habt und damit den Beweis angetreten habt, dass man auch mit einem Team-Materialwert von unter 400 Euro erfolgreich an einem 24h-MTB-Rennen teilnehmen und auf alle Fälle eine Menge Spaß haben kann.

Euer Pepperoni Racing-Team

Themen: 24-Stunden-RennenBIKE 9/2014LeserteamMünchenOlympiaparkRaceRennenStartplatz


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