Cross Country Worldcup 2017 #2 Albstadt: Rennbericht

Generationenwechsel im XC-Worldcup?

  • Adrian Kaether
 • Publiziert vor 3 Jahren

Beim zweiten Cross-Country-Worldcup 2017 in Albstadt drängten vor allem die jungen Fahrer nach vorne und setzten die Favoriten massiv unter Druck. Bei den Damen holte die Ukraine ihren ersten Sieg.

Der MTB-Worldcup in Albstadt wird als eines der spannendsten Rennen der letzten Jahre in die Geschichte eingehen. Zwar bot die Strecke im Vergleich zum Auftakt in Nove Mesto etwas weniger Highlights, doch so blieb viel Raum für fesselnde Zweikämpfe. Einige Fahrer und Fahrerinnen wurden von den staubigen Bedingungen und der enormen Hitze im Bullentäle aus dem Sattel gehoben. Im Damenrennen musste sich erst Sabine Spitz und dann auch Maja Wloszczowska ihren jungen Verfolgerinnen beugen, im Rennen der Herren geriet Favorit Nino Schurter durch gleich mehrere junge Verfolger enorm unter Druck.


Kein Wind, fast 30 Grad, hohe Luftfeuchte. Die Hitze steht im Bullentäle, dem natürlichen Amphitheater, das das Herz der Rennstrecke in Albstadt bildet. Dabei ist es gerade erst 11:00 Uhr morgens und die Startreihen für das Damenrennen beginnen sich so langsam zu füllen. Die Augen der Deutschen sind vor allem auf eine gerichtet: Sabine Spitz. Die Worldcup- und Olympia-Legende auf ihrem schwarzen Hardtail des koreanischen Carbon-Spezialisten Wiawis könnte es heute reißen. Die Sterne stehen gut. Ein zweiter Platz beim Auftakt in Nove Mesto, auch das Training für Albstadt lief gut und die langen Anstiege liegen der Rennfahrerin aus Bad Säckingen.

Sabine Spitz geht in Führung


Vor allem Annika Langvad gilt es zu überwinden, denn die Dänin war schon beim ersten Rennen in Topform und auch ihr liegt die Strecke in Albstadt tendenziell. Beim Worldcup im vergangenen Jahr fuhr sie der Konkurrenz gnadenlos davon und brachte den Sieg sicher nach Hause. Als der Startschuss fällt, ist Sabine Spitz gleich ganz vorne mit dabei und übernimmt schon in der ersten Kurve die Führung des Feldes. Auch Langvad kämpft sich im ersten Anstieg in die Führungsgruppe vor, in der außerdem die Sprintspezialistinnen Linda Indergand und Jolanda Neff wiederzufinden sind.

Langvad stürzt


Doch der schnelle Start kostet Kraft. Am Beginn von Runde zwei hat Annika Langvad bereits seit längerem die Führungsrolle übernommen, in ihrem Windschatten folgen Linda Ingergand und Maja Wloszczowska und dann, mit gut 25 Sekunden Abstand Spitz und Dahle-Flesjaa. Doch die Pace von Annika Langvad ist zu hoch. Erst muss Dahle-Flesja sich zurückfallen lassen, dann bringt ein Problem mit dem Schaltwerk auch Spitz aus dem Rhythmus, so dass auch sie langsam Zeit auf Annika Langvad verliert. Leider hat Sabine Spitz die Rechnung ohne ihren Magen gemacht. Schon in der ersten von insgesamt sechs Runden begann dieser zu rebellieren, was mit zunehmender Renndauer immer schlimmer wurde und letztlich auch die Atmung erschwerte. Stattdessen drängen nach und nach erst Jolanda Neff, später auch Yana Belomoina nach vorne, während Langvad in einer rutschigen Kurve die Kontrolle verliert, die auch Jenny Rissveds vergangenes Jahr zu Fall brachte.

Startete furios ins Rennen, doch dann machte Sabine Spitz ein rebellierender Magen zu schaffen. Doch Spitz kämpfte sich durch und wurde Siebte.

Gleich zwei Stürze brachten Weltmeisterin Annika Langvad in Albstadt aus dem Rhythmus.


Damit und mit einem weiteren kleinen Crash ist Langvad aus dem Rennen und kann nur noch versuchen, um möglichst viele Punkte zu fahren. Doch an der Spitze tut sich einiges. Linda Indergand hat den Kontakt zu Maja Wloszczowska an der Spitze verloren und wird am Beginn von Runde fünf von Jolanda Neff und Yana Belomoina eingeholt. Die junge Ukrainerin hat sichtlich ihren Rhythmus gefunden und zieht im zweigeteilten Red Bull Climb gar an Neff und Indergand vorbei, um die Lücke zu Wloszczowska zu schließen.

Mit überlegener Kletterstärke und guten technischen Fähigkeiten konnte Yana Belomoina in Albstadt ein starkes Rennen fahren und gewinnen.

Emotionales Finale


Und es gelingt Belomoina auch. Mit guten Kletterkünsten und Jolanda Neff im Nacken gibt die Ukrainerin eine Pace vor, der Maja Wloszczowska auf die Dauer nicht Paroli bieten kann. Am Beginn der letzten Runde ist der Vorsprung Wloszczowskas auf die Hälfte geschrumpft, noch trennen sie dreizehn Sekunden von ihrer Verfolgerin. Aber Yana Belomoina gibt nicht auf und in den langen Anstiegen von Albstadt kann die 24-jährige ihre Stärken ausspielen. Vor dem Albstadt Drop fährt sie ihre Attacke und geht in Führung, auch im folgenden Gonso Uphill können ihr die beiden Teamkolleginnen vom Kross Team nicht mehr folgen. Belomoina leistet sich keinen Fehler mehr. Mit vor dem Gesicht zusammengeschlagenen Händen, aufgelöst in Tränen und Emotionen erreicht sie das Ziel. Es ist der erste Worldcup-Sieg für die Ukraine überhaupt, der erste Worldcup-Sieg in der Elite-Kategorie nach einigen vielversprechenden Rennen für Yana Belomoina und der sicher emotionalste Sieg der letzten Jahre.

Zwischen Tränen und Euphorie. Yana Belomoina konnte ihren ersten Sieg im Elite-Worldcup gar nicht richtig fassen.


Maja Wloszczowska wird Zweite, Platz drei geht an Jolanda Neff, die nach dem schwachen Ergebnis in Nove Mesto endlich wieder auf dem Podium steht. Das Siegerpodest komplettieren Linda Indergand und Rebecca Henderson, beste Deutsche wurde Sabine Spitz auf Platz sieben vor Adelheid Morath auf Platz acht. Zur Rennmitte hatte Sabine Spitz gar daran gedacht, aufzugeben: „Es ging mir wirklich schlecht, was auf einem so harten Kurs bei der Hitze natürlich besonders fatal ist“, sagte Spitz im Ziel.

Kein Sieg, aber ein guter Tag für die Teamkameradinnen vom Kross Team. Yana Belomoina vorne kann es noch gar nicht begreifen.

Das Podium der Damen: Linda Indergand, Maja Wloszczowska, Yana Belomoina, Jolanda Neff, Rebecca Henderson.

Schurter unter Druck


Wie bei den Damen drängte auch im Rennen der Männer die Jugend mächtig nach vorne. Die erwartete Attacke von Julien Absalon blieb aus, dafür setzten ganz andere Weltmeister und Olympiasieger Nino Schurter mächtig unter Druck. Schon von Anfang an setzte sich der Schweizer an die Spitze des Feldes, doch mit der Sprint-Power seiner eigentlichen Hauptdisziplin Cyclocross gab der erst 22 Jahre alte Mathieu van der Poel das Tempo vor. Eigentlich keine Seltenheit, dass die Favoriten in Cross-Country-Rennen kurz nach dem Start durch sprintstarke Fahrer, insbesondere aus dem XCE unter Druck geraten. Doch spätestens in Runde zwei ist Schluss mit Sprinten und die Ausdauer eines Nino Schurter oder Julien Absalon verweist die Sprinter in ihre Schranken. Nicht so bei Mathieu van der Poel. Statt an Schurters Hinterrad zu kleben, versuchte der Niederländer Nino Schurter durch eine mörderische Pace zu brechen und tatsächlich war Nino Schurter extrem gefordert und konnte sich weder im Uphill, noch im Downhill auch nur ein paar Sekunden Ruhe gönnen. Der Kampf, der erst nach David gegen Goliath aussah, wurde immer ausgeglichener und bald gesellte sich auch noch Mathias Flückiger zu den beiden Duellanten.

Schwerer Crash von Mathias Flückiger


Ständig wechselten die Führungspositionen, in Runde vier hatten Schurter, van der Poel und Flückiger fast 45 Sekunden Abstand auf ihre Verfolger herausgefahren. Erst jetzt musste van der Poel die Pace etwas abreißen lassen, während Schurter und Flückiger weiter vorneweg preschten. Aber auch Flückiger machte das Rennen in der Hitze zusehends zu schaffen, erst recht jetzt, wo Schurter das Tempo wieder selbst vorgab. In einer Kurve verlor er den Grip und rutschte in die Absperrung, beim nächsten Drop war er nicht mehr konzentriert genug, landete vorderradlastig und wurde gegen einen Baum geschleudert. Schwere Blessuren am rechten Bein waren die Folge und Flückiger musste sich einige Runden später aus dem Rennen zurückziehen. Gebrochen ist jedoch zum Glück nichts.

Nino Schurter feiert seinen Sieg.


So mussten Nino Schurter und Mathieu van der Poel den Sieg unter sich ausmachen. Doch der Abstand van der Poels war mit knapp 30 Sekunden zu groß und obwohl Nino Schurter sichtbar die Zähne zusammenbeißen musste, konnte er seinen Vorsprung auf van der Poel konstant halten. So fuhr van der Poel auf Platz zwei, Platz drei ging an das neuseeländische Nachwuchstalent Anton Cooper, der in der U23-Kategorie bereits alles gewonnen hatte, was es zu gewinnen gibt und gleich in seinem zweiten Worldcup-Eliterennen auf dem Podium landet. David Valero Serrano und Maxime Marotte komplettierten das Podium.

Steht ein Generationenwechsel an?

Das Podium der Herren in Albstadt: David Valero Serrano, Mathieu van der Poel, Nino Schurter, Anton Cooper, Maxime Marotte.


Trotz des Sturzes von Mathias Flückiger: Eine Erkenntnis bleibt. Nicht nur Flückiger, sondern auch Mathieu van der Poel können Schurter in den roten Bereich pushen. Beide sind starke Sprinter und Kletterer, doch erst recht schnelle Abfahrer. Eine Kombination, die Nino Schurter schon häufig zum Sieg verholfen hat. Und wenn Anton Cooper so weitermacht wie bisher, dann wird er in spätestens zwei Rennen ebenfalls an Schurters Hinterrad kleben. Das Selbstvertrauen dazu wird er nach seinem dritten Platz in Albstadt jetzt haben. Ein Fragezeichen schwebt dagegen über Julien Absalon. Zwar fuhr der Franzose am Ende in Albstadt auf Platz sieben, doch für ihn ist das auf dieser Strecke kein gutes Ergebnis, erst recht nicht mit fast 2,5 Minuten Rückstand auf Schurter. Steht also ein Generationenwechsel im Cross-Country-Worldcup an? Die nächsten Rennen werden Klarheit bringen.

Alle Ergebnisse finden sie auf der Website der UCI .

Schlagwörter: Albstadt Jolanda Neff Nino Schurter Rennbericht Sabine Spitz schwäbische Alb UCI Worldcup


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