Frauen-MTB: Canyon Spectral WMN CF 9.0 2018

Neu und schon gefahren: Das neue Canyon Spectral WMN

  • Gitta Beimfohr
 • Publiziert vor 3 Jahren

Während andere Hersteller langsam aus dem Frauen-Segment zurückrudern, präsentiert Canyon für 2018 erstmalig speziell für Frauen entwickelte Bikes. Wir fuhren das All Mountain Spectral WMN in Nizza.

Frauen sind kleiner und leichter als Männer. Das haben weltweite Studien schon vor Jahren festgestellt. Der Bike-Hersteller Canyon weiß es allerdings noch genauer, denn der Koblenzer Versender hat mit seinem PPS-System eigene Daten gesammelt. 68.000 Frauen haben in dieses System auf der Homepage des Versenders ihre Körpermaße eingegeben, um sich eine optimale Rahmengröße errechnen zu lassen.

Demnach ist die bike-interessierte Frau im Durchschnitt 1,68 Meter groß und zu leicht für herkömmlich produzierte Federelemente. Im Verhältnis zur Rückenlänge hat sie außerdem kürzere Arme und schmalere Schultern als ein Mann. Diese Erkenntnisse veranlassten Canyon nun dazu, mit der Neugestaltung des Verkaufsschlagers Spectral auch gleich ein spezielles Frauenbike mit zu entwickeln.

Das Canyon Spectral WMN CF 9.0 kostet in der kompletten Carbon-Variante mit Top-Ausstattung 4999 Euro. Das Bike kommt aber auch in den Varianten Alu und Hybrid (Carbon mit Alu-Hinterbau) und zwar in fünf Modellen. Die günstigste Version ist schon ab 2199 Euro zu haben.

Wie unterscheidet sich das Spectral WMN vom Unisex-Modell?

Auf den ersten Blick erkennt man das zwei Zentimeter tiefer gezogene Oberrohr am Frauen-Modell. Die geringere Überstandshöhe soll gerade kleineren Fahrerinnen in grobem Gelände mehr Sicherheit geben. Außerdem wurde der Reach verkürzt und ein kürzeres Steuerrohr verbaut. Der Lenker misst 740 mm statt 780 mm und die Griffe sind etwas schlanker. Um Gewicht einzusparen rollt das WMN-Bike statt auf 2,6er-Reifen, auf 2,4 Zoll breiten Reifen. Ein Nachrüsten auf 2,6 ist aber möglich.

Die 140 Millimeter Federweg hinten und 150 Millimeter Federweg vorne lassen sich auch für 50-Kilo-Fahrerinnen optimal einstellen. Die Sattelklemme der Teleskopstütze ist wie beim Unisex-Modell im Rahmen integriert.

Sram X01 Eagle mit 30er-Kettenblatt und 1x12 Gängen. Das Alu-Modell kommt ab Werk mit Zweifach-Kettenblatt (36/26 Shimano XT/SLX). Die Kurbelarme sind 170 Millimeter lang, bei Rahmengröße M fünf Millimeter länger.

Beim WMN-Modell sitzt das Cockpit ab Werk etwas tiefer als beim Unisex-Modell, das Steuerrohr ist kürzer. Die Züge und Leitungen sitzen auch hier klapperfrei in einem Kabelschacht. Das entzückt jeden Hobby-Mechaniker.

Neu sind auch die Rahmen-Größen: Die Palette reicht von XXS bis M, für Frauen von 1,48 Meter bis 1,79 Meter Körpergröße. Das Herzstück der Konstrukteure ist allerdings die für leichte Frauen optimierte Kinematik. Zusammen mit Fox wurde so lange an Gabel und Dämpfer getuned, dass sich das Fahrwerk auch für 50 Kilo leichte Fahrerinnen einstellen lässt.

Erster Fahreindruck

Wir durften das Spectral WMN in den Bergen von Blausasc, eine halbe Autostunde nördlich von Nizza, schon mal testfahren. Bei meiner Größe von 1,71 Meter passt das Spectral WMN in Größe M perfekt. Die Sitzposition ist aufrecht und bequem, das Fahrwerk fühlt sich auch im offenen Modus angenehm straff an. Selbst im Wiegetritt ist kaum ein Wippen zu spüren.

„High Horst“ wird der extrem hoch gelegte Drehpunkt in der Kettenstrebe genannt. Er sorgt für eine verbesserte Kinematik, das Bike liegt satt auf dem Trail.

Nettes Detail: Aus der Steckachse am Hinterrad lässt sich der Hebel herausziehen, mit dem die Achse aufgekurbelt wird.

12,5 Kilo soll das Carbon-Modell Spectral WMN CF 9.0 komplett wiegen. Tatsächlich kurbelt sich das All Mountain auch wegen der Carbon-Laufräder leichtfüßig bergauf. Eine Alpenüberquerung mit langen Anstiegen kann man sich bequem vorstellen. Lediglich in steilen Rampen muss man sich wegen der aufrechten Sitzposition weit nach vorn beugen, damit das Vorderrad nicht abhebt.

Richtig zuhause aber fühlt sich das Spectral in der Abfahrt. Dank der relativ kurzen Kettenstreben dreht es agil in jede Serpentine, behält dabei aber mit dem 66er-Lenkwinkel eine angenehme Laufruhe, um präzise steuern zu können. Das Fahrwerk arbeitet harmonisch, hält das Bike satt auf dem Trail und bügelt auch größere Schläge von unten weg.

Optional gibt es für das neue Spectral eine kleine Toolbox, die man ins vordere Rahmendreieck klicken kann. Nur im XXS-Rahmen ist dafür leider kein Platz.

Kleine Rahmen, große Lösung: Da in den beiden XS-Rahmen keine 0,5-Liter-Flaschen Platz finden, haben die Konstrukteure eine 2 x 400 Milliliter-Lösung gefunden. Die kleineren Flaschen lassen sich seitlich aus dem Halter klicken.

Sehr bissig greift die Sram Guide RSC mit den riesigen 200-mm-Bremsscheiben – und zwar schon bei leichtem Zug am Hebel. Sobald man sich an das kraftsparende Handling gewöhnt hat, schenkt das gerade auf ruppigen Trails viel Selbstvertrauen. Am Ende der Abfahrt liefert der O-Ring am Dämpfer eine weitere Erklärung für den Fahrspaß: der Federweg wurde komplett genutzt – bei Frauen-Bikes keine Selbstverständlichkeit.

Wie fährt sich im Vergleich das Unisex-Spectral?

Das Unisex-Modell Canyon Spectral CF 9.0 fühlt sich schon beim Draufsetzen massiver, bulliger, frontlastiger und fast eine Nummer größer an. Der Lenker ist 40 Millimeter breiter, die Griffe sind dicker, die breiteren 2,6-Zoll-Reifen schwerer und träger. Allerdings ist das beim Einstieg in den groben, leicht stufigen und engkurvigen Trail zunächst ein Vorteil. Vor allem der breitere Lenker hilft beim Steuern durch die engen Spitzkehren. Auch durch den längeren Reach sitzt man sportlicher und aggressiver auf dem Bike.

Spectral WMN (rechts) gegen Spectral Unisex (links): Fühlt man die Unterschiede auf dem Trail überhaupt? BIKE-Redaktuerin Gitta Beimfohr findet: ja!

Die dicken Reifen schlucken noch mehr grobes Terrain einfach weg. Aber es kostet auch deutlich mehr Kraft, die Kontrolle über das Vorderrad zu behalten – was auch an den dickeren Griffen und am längeren Steuerrohr liegt. Im Gegenanstieg greifen die breiten Reifen auf dem sandig, bröseligen Terrain besser, auf Asphalt schlucken sie mehr Energie. Obwohl der Trail gröber und anspruchsvoller war, als der Testparcours des Spectral WMN, konnte ich mit meiner Fahrtechnik und 65 Kilo Körpergewicht den Federweg am Ende nur zu zwei Dritteln ausnutzen. Das präzise Fahrgefühl wie beim Frauen-Modell hat daher gefehlt.

Fazit: Frauen-Modell leichtfüßiger, agiler, präziser

Obwohl ich es bei meiner Größe und Gewicht nicht zwingend müsste, würde ich das Frauen-Modell wählen. Schon weil sich das Fahrwerk optimal einstellen lässt und sich das Canyon Spectral WMN damit leichtfüßiger, agiler und präziser anfühlt. Auf Trail-orientierten Touren würde ich allerdings einen etwas breiteren Lenker montieren.

Geometreietabelle Canyon Spectral WMN 2018. Weitere Infos auf  www.canyon.com .

Themen: All MountainCanyonFrauen-BikeSpectral WMN


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