Marathon mit Pummel-Reifen – ein Selbstversuch Marathon mit Pummel-Reifen – ein Selbstversuch Marathon mit Pummel-Reifen – ein Selbstversuch

Fahrbericht: VPace Ctrail Plus-Hardtail

Marathon mit Pummel-Reifen – ein Selbstversuch

  • Florentin Vesenbeckh
 • Publiziert vor 4 Jahren

Ein Trail-Hardtail für maximalen Fahrspaß, das auch im Marathon eine gute Figur abgibt? Mit dem VPace Ctrail haben wir auf der Ronda Piccola am Gardasee ausprobiert, ob dieses Versprechen haltbar ist.

Der erste Bike-Ausflug nach drei Wochen ohne Bewegung hätte so entspannt sein können: keine Wolke am Himmel, klare Luft, legendäre Trails und den fotogenen Gardasee direkt vor der Nase. Stattdessen starte ich beim ersten Marathon-Rennen meines Lebens. Als wäre das nicht genug, brummen 2,8 Zoll breite Reifen unter meinem Allerwertesten und das Bike, auf dem ich sitze, hat einen 65er-Lenkwinkel. Immerhin: Was nach Enduro-Bike klingt, ist ein nur 9,9 Kilo schweres Carbon-Hardtail.

Florentin Vesenbeckh Die Show-Version des Vpace Ctrail kommt mit Fox-Transfer-Teleskopstütze und Fox 34-Gabel auf schlanke 9,9 Kilo – feinste Ausstattung von Tune machts möglich.

Das Ctrail von VPace ist als spaßorientiertes Trailbike konzipiert, soll aber auch den jährlichen Marathon-Einsatz mitmachen, sagt Sören Zieher, Gründer der kleinen Bike-Schmiede vom Bodensee. Das lasse ich mir nicht zweimal sagen und unterziehe den edlen Prototypen dem Marathon-Test. Beim BIKE-Festival in Riva muss allerdings die kleine Runde mit gut 1500 Höhenmetern und 44 Kilometern reichen – mehr kann ich meinen Beinen nicht zumuten, drei Bike- und Sportfreie Wochen nach der Geburt meiner Tochter.

Das Bike

Konzipiert für 120-Millimeter-Gabeln und 27,5-Zoll-Reifen bis 2,8er-Breite ist das VPace Ctrail auf den Trail-Einsatz ausgelegt. Insbesondere der sehr flache Lenkwinkel von 65 Grad lässt viel Sicherheit in Abfahrten vermuten. Das Rahmengewicht soll bei 1200 Gramm liegen. Das Showbike, mit dem ich die Ronda Picola am Gardasee absolviere, landet inkl. Teleskopstütze bei einem Gesamtgewicht von 9,9 Kilo in Größe L – allerdings nur dank allerfeinster Ausstattung mit Tune-Parts, Schmolke-Carbon-Lenker und Carbon-Felgen. Das Serienbike soll unter 11 Kilo bleiben. Zum Glück sind am Showbike Schwalbes Rocket Ron-Reifen in der harten Pace-Star-Gummimischung montiert – das verspricht passable Rolleigenschaften.

Florentin Vesenbeckh Der Carbonrahmen kommt mit auffälliger Optik...

Florentin Vesenbeckh ...und eigenen Lösungen.

Das Ctrail kommt in den Größen S, M und L, wobei Größe L mit einem 450er-Reach und 636er-Oberrohr bei einer Sitzrohrlänge von 49,5 Zentimetern recht lang ausfällt. Die Kettenstreben sind nur 425 Millimeter lang und halten das Bike agil. Markantestes Merkmal ist der flache Lenkwinkel von 65 Grad, der selbst modernen Enduro-Bikes gut zu Gesicht steht und bergab entsprechend Sicherheit verleiht. Der Rahmen baut auf Boost-Maße und soll 899 Euro kosten. Das Rahmenset ist ab Juni 2017, Komplett-Bikes ab Juli 2017 verfügbar.

Florentin Vesenbeckh Die Reifenfreiheit reicht gerade so für 2,8er-Schwalbe-Reifen auf Felgen mit 45er-Maulweite. Auch wenn es eng ausschaut: Ein Schleifen war auf der ausgiebigen Testrunde nicht zu spüren.

Der Anstieg

Aber wie schlägt sich der Prototyp im Marathon-Einsatz? Auf den ersten Kilometern führt die Strecke von Riva am Gardasee flach ins Sarcatal. Hier ist Gasgben angesagt, um den Stau am Beginn des Anstiegs zu umgehen. Auf dem Asphaltuntergrund tun sich die breiten Reifen schwer, selbst im Windschatten muss ich richtig ackern, um an den 29er-Kollegen dranzubleiben. Das macht sich auch akustisch bemerkbar: Während das Fahrerfeld wie ein fleißiger Bienenschwarm um mich herum, bzw. an mir vorbei surrt, brumme ich wie ein behäbiger Bär in Richtung Arco. Ein dicker Minuspunkt. Als es endlich bergauf geht, scheint der Nachteil aber nahezu verflogen und ich finde langsam meinen Rhythmus. Und kaum wechselt der Untergrund von Aspahlt auf groben Pflasterstein oder rauhen Schotter, schlagen sich die voluminösen Reifen sogar richtig gut. In keiner Situation muss ich um mangelnde Traktion fürchten oder habe das Gefühl, an einem Hindernis hängen zu bleiben – so gehört alle Konzentration dem Vortrieb. Dass ich mich dennoch nicht nach Attacke fühle, sondern den Anstieg eher gemächlich hinter mich bringe, ist eher meiner mangelnden Form, als allein den Breitreifen geschuldet. Immerhin bleibt auch für einen Blick zur Seite Luft. Ich überhole einen Leidensgenossen, der ebenfalls mit Plusbereifung über den Asphalt walzt. „Starke Reifen“, rufe ich. „Nichts anderes mehr, das gibt so viel Komfort“, antwortet der Marathon-Aspirant. Im Langstreckenfeld stehen wir beide mit den breiten Pneus aber ziemlich einsam da – ob sich das im weiteren Rennverlauf noch auszahlt? Kurze Zeit später erblicke ich einen weiteren Exoten, der mich genau davon überzeugen will. Sein hautenges Lycra-Dress kombiniert der Marathonisti mit Skate-Schuhen und Plattformpedalen. „Coole Schuhe, auch nicht schlecht“, rufe ich und füge augenzwinkernd hinzu: „Da komme ich mir mit meinen blöden Breitreifen nicht mehr ganz so komisch vor.“ Die Antwort kommt überzeugt: „Auf den Trails sind wir dafür im Vorteil.“

Sportograf Weitwinkel-Modus oder Realität? Gegen die breiten Plus-Reifen wirkt die Marathon-Konkurrenz wie aufs Rennrad gepflanzt – klar, dass BIKE-Redakteur Florentin Vesenbeckh seine Kleiderwahl entsprechend anpassen und zu Shorts und Schlabbershirt greifen musste.

Zum Ende des Anstiegs warten richtig steile Rampen. Hier fällt mir erstmals der extrem flache Lenkwinkel wirklich negativ auf. Je langsamer die Fahrt, desto kippeliger das Fahrgefühl. Mit müden Beinen tue ich mich in den bissigen Steilstücken schwer, das Bike auf Kurs zu halten. In den flacheren Abschnitten ist der wenig kletterfreundliche Lenkwinkel aber nicht wirklich ins Gewicht gefallen. Und das Beste: mit jedem Meter steigt die Gewissheit, dass die Abfahrt naht!

Im Downhill

Wild fuchteln zwei Streckenposten mit Fahnen durch die kühle Morgenluft. Die Ansage ist eindeutig: LANGSAM! Etwas irritiert (Geht es bei einem Rennen nicht darum, SCHNELL zu sein?) und nicht weniger interessiert schieße ich um die folgende Kurve. Vor mir erspähe ich zwei Biker, die mit ihren Carbonschuhen den Trail hinabschieben und Mühe haben, sich so auf den Beinen zu halten. Im selben Moment kommen mir die Erzählungen der streckenkundigen Redaktionskollegen in den Kopf: Das muss die fiese Steinplatte sein, die gleich zu Beginn der Abfahrt viele Marathonfahrer zur Verzweiflung bringt. Ich passe meine Linie den schiebenden Fahrern an, die Ideallinie ist besetzt. Mit dem Grip der voluminösen Reifen ist das aber kein größeres Problem. Ein Grinsen macht sich auf meinem Gesicht breit: Jetzt bin ich an der Reihe – und mein Pummelchen.

Sportograf Auf der Überholspur: Bergab überzeugt das Plus-Bike mit Sicherheit, Komfort und Reserven. Da kommt Sehnsucht nach härterem Gelände auf.

Florentin Vesenbeckh Für harte Abfahrten gewappnet: Maguras MT7-Stopper bringen im Downhill Sicherheit en masse.

Erwartungsgemäß fühlt sich das Plus-Bike in der Abfahrt wohl. Der flache Lenkwinkel verleiht massig Sicherheit, die Reifen und die überragenden Magura-Bremsen tun ihr Übriges. Mit dem Ctrail-Hardtail ist man auf mittelschweren Abfahrten wohl sicherer und schneller unterwegs als mit einem klassischen 100-Millimeter-Marathon-Fully. Auch wenn die Plus-typische Trägheit nicht ausbleibt und dadurch nicht jede anvisierte Linie genau sitzt. Auf den technisch eher einfachen Trailabschnitten der Ronda Piccola können die Bremsen meist offen bleiben und ich mache viele Plätze gut. Es kommt mir vor, als hätte sich der fleißige Bienenschwarm in ein paar Fliegen verwandelt, die etwas orientierungslos umherschwirren, während der Bär unter mir gutmütig, aber bestimmt seine Bahnen zieht, als wäre er gerade von der Leine gelassen worden. Leider ist bald Schluss mit Gelände und ich muss mit meinem trail-hungrigen Bären auf Schotter- und Asphaltstraßen massig Höhenmeter vernichten. Immer wieder schiele ich sehnsüchtig zu Trail-Einstiegen am Wegesrand, die ich links liegen lassen muss. Das wäre genau das Richtige, um die Grenzen des Vpace-Prototypen auszuloten und noch die ein oder andere Sekunde gutzumachen. Da ich nunmal nicht bei einem Enduro-Rennen, sondern bei einem Marathon an den Start gegangen bin, gebe ich mich damit zufrieden, dass am Ende der großen Schotterweg-Sause nochmal ein echter Rumpel-Trail wartet. Mit einer gehörigen Portion Adrenalin im Blut tut das folgende Flachstück zurück nach Riva dann auch nur halb so weh. Zum Glück kann ich mich nach kurzer Zeit in den Windschatten eines Schmalbereiften hängen, den ich kurz zuvor in der Abfahrt überholt hatte. So erreiche ich nach 2:26 Stunden glücklich das Ziel. Auch, wenn mich das Ctrail sicher nicht zu einer persönlichen Bestzeit getrieben hat, hat es die Aufgabe Marathon passabel gemeistert und obendrein für eine Extraportion Fahrspaß gesorgt. Fazit: Verprechen gehalten! Und zum Glück darf ich auf der nächsten Bike-Runde die Abfahrt wieder selbst wählen – das Ctrail wäre bereit für den ein oder anderen Trail-Leckerbissen.

Update: Modelle, Ausstattung und Preise

Rahmen und Komplettbikes sind ab sofort verfügbar. Das Rahmenset mit Steuersatz geht für 899 Euro über die Ladentheke. Die günstige Ausstattungsvariante kostet 3490 Euro und kommt mit GX Eagle 1x12-Schaltung, Fox 34 Factory-Gabel, Fox Transfer-Sattelstütze, Magura MT Trail-Bremsen und WTB Scraper i40-Felgen. Die teurere Version schaltet zwölffach mit X01 Eagle, kommt ebenfalls mit Fox Transfer-Stütze und Magura MT Trail Carbon-Bremsen für 4290 Euro. Für einen Aufpreis von 300 Euro gibt´s zusätzlich ein Paket mit Tune King/Kong-Naben.

Themen: BIKE-Festival-Riva-2017FahrberichtGardaseeMarathonPlus-HardtailRiva del GardaVpace


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