Der letzte Kreuzzug Der letzte Kreuzzug Der letzte Kreuzzug

Titan Desert 2016 Blog #8

Der letzte Kreuzzug

  • Alexander Brempel Ballester
 • Publiziert vor 6 Jahren

Um 6:00 Uhr morgens schallt schlechter Pop aus den Zeltlager-Lautsprechern. „Buenos dias titanes! Good morning titans!“ Die Betonung auf dem Wort Titanes klingt wie eine Drohung für die finale Etappe.

Das Aufstehen fällt mir jeden Tag schwieriger, da hilft auch die Titanen-Begrüßung nicht. Nach den zehn Stunden des vierten Tages und der verrückten fünften Etappe, bei der ich auch die Zehn-Stunden-Marke geknackt habe, ist die Stimmung beim Frühstück noch gedämpfter als sonst. Die Schlange vor dem LKW, der die Taschen zum letzten Standort nach Maadid bringt, ist aber um 6:20 Uhr schon hundert Mann lang.

Privatfoto Mein Schlafplatz in der Nacht vor der letzten Etappe des Titan Desert.

Auf dem Weg zum von einer Million Fliegen bewohnten WC-Zelt treffe ich Abdassamad Abdou, ein gutmütiger, marokkanischer Riese. Stolz zeigt er mir sein 2010er Alu-Rockhopper. Den Hinterradreifen, der schon ordentlich Profil gelassen hat, haben sie ihm gestern Abend frisch aufgezogen. Er platzt vor Stolz und berührt sich beim Verabschieden die Brust auf Höhe des Herzen als Zeichen der Freundschaft. Das so ein Kerl, der Stunden hinter mir im Klassement rumbummelt und wahrscheinlich in den letzten beiden Tagen auch tausend Tote gestorben ist auf seinem 14-Kilo-Bike, so eine prächtige Laune hat, lässt mich tief in mich gehen. Seit gestern Abend hat mich der Frieden der Wüste eingeholt. An hundert barfüßigen Kindern pro Etappe vorbeizurasen und sich danach im Ziel darüber zu ärgern, kein Fully mitgenommen zu haben oder eine anders abstufte Kurbel, kommt mir auf einmal total dämlich vor. Die Musik ist verstummt und alle treffen die letzten Vorbereitungen für die Etappe. Gegenwind ist angekündigt und 27-prozentige Rampen mit der einzigen technischen Abfahrt der gesamten Rundfahrt. Ich freue mich schon darauf beim Schieben Zeit dafür zu haben, mir die Landschaft besser anzugucken. An eine Leistungsexplosion ist mit meinen verprügelten Beinen nicht mehr zu denken. Im Startblock neben mir stehen die vier letzten übriggebliebenen der Titan Contact. Eine Aktion des Titan Desert, das die 30 Startplätze für wenig Geld angeboten hat, um die letzten beiden Etappen zu fahren, um mal reinzuschnuppern um vielleicht nächstes Jahr das komplette Rennen zu bestreiten.

Gegelte Haare und auffällig helle Haut

Bei ihrer Ankunft im Camp hab ich mich an einen von diesen Kriegsfilmen erinnert, bei denen die frischen Soldaten mit sauberen Uniformen ins Lager kommen und die abgekämpften, unrasierten Veteranen ihnen verächtliche Blicke zuwerfen. Die Titan Contact-Jungs haben frisch gegelte Haare und auffällig helle Haut. Sie sehen erholt aus und voller Vorfreude. Für nichts hätte einer von uns mit ihnen getauscht. Die Dünen-Etappe von gestern hatte sie hart getroffen und nur 20 Prozent von ihnen haben es bis ins Ziel geschafft.

Es durfte, das muss man sich auf der Zunge zergehen lassen, sogar mit E-Mountainbikes gestartet werden und bei Kilometer 45 wartete sogar ein Reserve-Akku auf die großen Krieger. Ein 22 Kilo schweres Bike ohne Akklimatisierung an die Hitze über haushohe Dünen zu schieben, hatte aber auch seine Tucken, wie die Jungs verstellen mussten. Der Start wahr gemächlich und die Stimmung ab Kilometer 25 wirklich gut. Der unfassbare Gegenwind ließ den meisten keine andere Wahl als auf komplett ebener Fläche das kleine Kettenblatt einzulegen und bloß nicht mehr als eine Laufradlänge zum Vordermann aufkommen zu lassen.

Der in Spanien berühmte Blogger "Valentin San Juan" fuhr ein Stück mit mir, um sich nach meinem Blackout von gestern zu erkundigen, bei dem seine grinsende Visage das erste war, was ich gesehen hatte als wieder genug Sauerstoff vorhanden war. Die sechste Etappe war ohne Frage die landschaftlich schönste der ganzen Woche. Wahnsinnig schöne Canyons, Kamele auf weißen Dünen, fliegende Teppiche, zahnlose Beduinen mit Tuareg um den Hals beim Teetrinken vor der Hayma: das volle Marokko-Panorama-Programm.

Die angekündigte Abfahrt war haarsträubend, aber nicht besonders lang und der zweite und letzte Anstieg des Tages mit seinen schwarzen, von der unfassbaren Hitze aufgesprengten Steinplatten mit guter Laune sogar komplett fahrbar.

Der Titan Desert Finisher-Stein und das 100. Powerade

Kurz vorm Hotel ging es noch einmal über eine Müllhalde mit allen möglichen langsam dahinrostenden Fahrzeugen. Im Ziel nach 680 Kilometer Trompeten, der hart erarbeitete Finisher-Stein und das gefühlt 100. blaue Powerade-Isogetränk. Ich hatte mir einen lauten Schrei der Erleichterung vorgenommen. Doch mehr als den rechten Arm leicht Richtung Himmel heben war nach neun Tagen Strapazen einfach nicht drin. Dann ab ins Hotel zum Duschen und Rad einpacken. Der Titan Desert-Tross war schon voll mit dem Abbauen beschäftigt. Der Mythos Titan Desert verpackt in Kisten bis zum nächsten Jahr.

Privatfoto Nach harten, ungemütlichen Nächten auf der Luftmatratze endlich ein richtiges Bett und eine Dusche im Hotel.

Die Zeit im klimatisierten Hotel habe ich sehr genossen. Das kalte Bier, die Kameradschaft und das Austauschen von Heldengeschichten. Nach der Passkontrolle sitze ich nun wieder in einer altersschwachen Privilige Airlines-Maschine – der einzigen auf dem ganzen Rollfeld von Errachidia. Wenigstens die Bodenluft-Raketenwerfer am Rande der Startbahn sind gut bestückt und zielen bedrohlich Richtung Himmel. Links aus den Fenstern sieht man den Hohen Atlas mit weißer Schneespitze.

Privatfoto Unsere Maschine zurück in die Zivilisation

Ich hab die Stewardess gefragt, in welche Richtung wir denn starten, um noch ein paar Bilder zu schießen, aber sie meinte nur, dass sie und die komplette Crew inklusive Cockpit hier noch nie gewesen sind.

Ich lehne mich zurück und schließe die Augen, müde vom Erlebten der vergangenen Woche. Wie Peter O'Toole in Lawrence von Arabien schon sagt: „Man muss es mit eigenen Augen sehen, nichts steht geschrieben.“


Danke fürs Verfolgen des Blogs und 
Recuerdos!


Alexander

Privatfoto Geschafft! Abgekämpft mit dem Finisher-Stein in der Hand.

Gehört zur Artikelstrecke:

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