Titan Desert 2016 Blog #8

Durch die Wüste: GPS vs. Verstand

  • Alexander Brempel Ballester
 • Publiziert vor 5 Jahren

Tag 5 des Titan Desert 2016. 95 Kilometer ohne einen einzigen Wegweiser oder Pfeil. Die totale Flatterband-Ödnis. GPS-Navigation ist unerlässlich, um nicht stundenlang über Dünen zu laufen.

Global Positioning System, kurz GPS. Drei Buchstaben, die die Welt bedeuten.

Nach dem gestrigen Ritt über 144 Kilometer bin ich um 21 Uhr scheintot ins Bett gefallen und erst 45 Minuten vor dem Start wieder wach geworden. Im Startbereich ein Bild des Grauens. 300 Biker, davon über die Hälfte vorm Tech-Support von Garmin, hektisch im Menü ihres Highend-GPS-Gerätes scrollend. Im abendlichen Briefing, dass ich verschlafen hatte, waren irgendwelche Koordinaten um ein paar Grad verschoben worden. Klingt einfach, liest sich aber wie folgt: aus N.4457' wird N.5773/64'. Zudem muss ich dazu sagen, dass ich gerade so einen Toaster bedienen kann und diesen Blog täglich per SMS schreibe. Elektronik-Muffel Nr.1 stellt sich der Navigation. Mein Garmin-Gerät kann insofern navigieren, dass man selbst als kleiner blauer Pfeil einer weißen Linie hinterher fährt. Das ist zu schaffen. Der Haken bei der "Etapa Garmin" ist, dass diese Linie zwischen den einzelnen Spots nicht existiert. Querfeldein auf gut Glück für die meisten. Der einfachste Tag für die Gewieften, die sich Wochen vorher durch Satellitenfotos geblättert haben, um die beste Route zu finden. Ein bis zwei Dünen sind ok, solange die Kilometer nicht steigen und die Pisten kompakt bleiben. Meine einzige Chance: mit dem Hauptfeld mit und dem richtigen Hinterrad vertrauen, wenn alle ihren eigenen Weg gehen. Keine leichte Aufgabe mit meinen abgefahrenen Beinen.

Privatfoto Mein Bike vor dem Zelt. Das Titan Desert lässt es in wenigen Tagen um Jahre altern.

18 Kilometer barfuß durch haushohe Dünen

Diese Etappe war der größte Murks, den ich je mitgemacht habe. Bei Kilometer eins war das Feld schon in hundert Gruppen zerfallen, manche fuhren sogar direkt hinterm Zielbogen in die komplett andere Richtung. Panik Level hoch 10. Nach 15 Kilometern, mit drei Jungs aus Burgos, ging es in die Dünen. Die Jungs sahen mir vertrauenserweckend aus mit ihren mit Klebeband ans Oberrohr getapten Ersatzbatterien. Doch es sollte anders kommen. Die Dünen nahmen kein Ende, die Pisten dazwischen so sandig, dass man nur mit Vollspeed fahren konnte oder gar nicht. Bei Kilometer 37 waren wir schon fast sechs Stunden auf dem Bike. 18 Kilometer barfuß durch haushohe Dünen. Zehn Stunden Zeitlimit sind eine lange Zeit, könnte man meinen, aber in den endlosen Weiten der Sahara vergeht die Zeit – endschuldigt das Klischee – wie feiner Sand. Bei Kilometer 72 um 16:35 Uhr bei 35 Grad, die sich wie das doppelte anfühlen unterm Zelt der letzten Feed Zone, kam es zur Bestandsaufnahme. Zehn Männer mit hochroten Köpfen und verlorenem Blick verdorrt von der Sonne. Nur noch 1:35 Stunden bis ins 22 Kilometer entfernte Ziel im Hotel Xaluca Palace. Ich war kurz davor eine Rede wie Mel Gibson in Braveheart zu schwingen, um mit zehn Helden glorreich zwei Minuten vor Limit ins Ziel zu kommen. Wünschen reicht manchmal nicht. Die Jungs waren alle hinüber, der einzige Vorfahrer war einfach zu stark für mich. Nach fast neun Stunden im Sattel ist aufgeben einfach nicht drin. Also Rucksack auf, raus aus dem schützenden Zelt und alles was die Beine hergeben, um dem Vordermann und hoffentlich mit GPS ausgestattetem Mordskerl hinterher zu fahren. Von der folgenden Stunde hab ich keine genaue Erinnerung mehr. Ein immer kleiner werdender Tunnelblick, ein Klopfen im Kopf wie drei Maurer bei der Arbeit. Diesem einen Biker hinterher, der ungefähr 509 Meter vor mir ähnliches durchmachte.

Das Titan Desert: Finisher-Trikot, Kamele, Marokko, der Blog, Frühstück, Dünen, Steine, Palmen, Sand, alles ausgeblendet. Der größte Rausch des Zeitfahrens durch die Wüste. Der letzte Kilometer, high, ohne zu wissen, welcher Tag überhaupt ist. Im Ziel Dunkelheit, Aufregung und Wasser über den Kopf. Nach fünf Tagen, nach einer zehnstündigen Etappe fliege ich heute wegen zwölf Minuten aus der Wertung. Eigentlich nur wegen sieben, weil wir wie jeden Tag zu spät gestartet sind.

Da ich es aber ins Ziel geschafft habe, darf ich morgen wieder starten und kriege den Titan Desert-Stein als Zeichen, dass ich alle Kilometer gefahren bin.

Die Laune ist nach Dusche und einem halben Kilo Nudeln wieder gut. Das Finisher-Trikot und die Gesamtwertung haben heute fast 50 Fahrer an den Nagel gehangen. Am Tag, an dem am meisten schief gehen kann, eines der kürzesten Zeitlimits zu setzen, macht keinen Sinn. Alle haben Schwielen an den Füßen vom Laufen in den Carbon-Tretern und der Beschwerde-Briefkasten ist fast explodiert. Auch das ist das Titan. Ein Chaos voller Magie, nicht mit anderen Rennen zu vergleichen, das merke ich jeden Tag mehr.

Morgen letzte Etappe, Merzouga – Maadid. 27-Prozent-Rampen sind angekündigt, das fehlt mir noch...


Bis morgen, Inscha ´Allah (so Allah will)!


Alexander

Privatfoto Wagt das Abenteuer Titan Desert: Unser BIKE-Blogger Alexander aus Mallorca.

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