Titan Desert 2016 Blog #5

Affentheater im Hohen Atlas

  • Alexander Brempel Ballester
 • Publiziert vor 5 Jahren

9 Stunden, 7 Minuten und 43 Sekunden: Mehr braucht man eigentlich nicht zu sagen. 135 Kilometer über 2560 hm sind schon eine Ansage für einen friedlichen Montagmorgen in einem abgelegenen Provinznest.

Es ging zuerst zackig über Schotterpisten durch einen von hunderten Affen bewohnten Wald und dann, ab Kilometer 26, anderthalb Stunden schnurgerade bergab. Man brauchte weder steuern noch bremsen, nur hin und wieder mal die Kurbel befeuern, um das 40-köpfige Feld nicht zu verlieren, in dem ich mich versteckt hatte. Es lief richtig gut bis zum 18 Kilometer langen Anstieg, dem höchsten Punkt des diesjährigen Titan Desert. Ab 2200 Meter wurde die Luft immer dünner und trockener und mein Gesicht immer länger. Vier Kilometer vor dem falsch ausgeschilderten Checkpoint #2 hätte ich unter Eid schwören können nur noch aus einer leeren Hülle zu bestehen. Ein Rauschen im Kopf wie schlechter Empfang im Radio, verschwommene Sicht, flau im Magen und blau angelaufene Fingernägel. Der totale CO2-Super-GAU. Ein Gefühl wie nach sieben Bier zu viel. Anstatt vier Bahnen der Checkpoint-Matten habe ich acht gesehen. Schnaufend, fluchend, mich krümmend bis Kilometer 57.

Ein Gefühl wie nach sieben Bier zu viel erlebte unser Blogger Alexander auf der zweiten Etappe des Titan Desert 2016. Die Führenden im Bild spürten davon nichts.

Nach der Abfahrt – wieder in erträglicher Höhe – haben wir es wieder gut rollen lassen. Die Laune war zeitweise so gut und Sauerstoff in solchem Überfluss vorhanden, dass ich zwei Kolumbianern bergauf folgen konnte und ihnen dabei die erste Strophe von "Oh Tannenbaum" beigebracht habe. Totales Affentheater der Gefühle, mal zum Heulen, mal zum Totlachen. Ein Mini-Leben komprimiert in neun Stunden.

Die letzten 20 Kilometer gingen über einen fünf Meter breiten, total verblockten Trail, der meiner ausgetrockneten Gabel den Rest gab. Mit vier Zentimeter Retro-Federweg ins Nirwana gerüttelt.

"So lange wir nicht tot sind leben wir für immer". Dieses Motto hat mich ins Ziel gebracht. Danke dafür!

Dienstag: dringender und nötiger Ruhetag

Heute sind wir in der Wüste angekommen. Um sechs Uhr war Aufstehen angesagt. Unser kompletter Bungalow hat sich über Nacht in einen Swimmingpool verwandelt. Eine Dichtung in der Küche war wohl hinüber. Meine Handschuhe, in knöchelhohem Wasser treibend Richtung Eingangstür, waren das erste Bild des Tages.

Die 350 Kilometer lange Busfahrt war was zum Genießen. Gemütlich Recovery-Pringels knabbern, den Geruch von Kühlgel auf 120 Männerbeinen ignorierend, während Bilder wie aus Indiana Jones am laufenden Band an mir vorbeizogen. Um 18:00 Uhr gab's ein kleines Showrennen mit den Kindern aus dem Dorf. Danach ging es Richtung Marktplatz zum Tee und Kuchen. Der Bürgermeister war stolz, dass hier was los ist und gab einen aus.

Morgen Etapa Maraton Teil 1.

100 Kilometer mit Schlafsack und Luftmatratze im Gepäck.


Bis morgen,
Alexander

Wagt das Abenteuer Titan Desert: Unser BIKE-Blogger Alexander aus Mallorca.

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Themen: BlogEtappenrennenMarokkoRennenTagebuchTitan Desert


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