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Titan Desert 2016 Blog #2

Überlegungen eines Titanen vor dem Abflug

  • Alexander Brempel Ballester
 • Publiziert vor 6 Jahren

Unser Leser Alexander startet beim Titan Desert 2016. In seinem zweiten Blog-Eintrag steigt die Nervosität, denn in wenigen Tagen geht ab nach Marokko.

Sechs Marathons am Stück – zuerst durch Teile des Hohen Atlas-Gebirges und dann schön flach durch den marrokanischen Teil der Sahara-Wüste. Jeden Tag zwischen sieben und neun Stunden auf dem Bike in einer kargen menschenfeindlichen Landschaft. Bei Über 40 Grad Celsius, die sich nach gruseligen Berichten von Bekannten wohl doch um einiges brutaler und heißer anfühlen als die 27 Grad des deutschen Sommers, bei denen man schwitzend im Freibad vor sich hinbrütet. Zwei Etappen über 130 Kilometer. Eiskalte Nächte in nach Kamelfüßen müffelnden Zelten. Steiniger, ruppiger Untergrund. Minimale Beschilderung der Rennstrecke. Durchfall-Attacken der übelsten Sorte. Verpflegung nur alle 50 Kilometer. Skorpione im Sidi-Schuh… Man macht sich halt so seine Gedanken.

Privatfoto Auf Trainingstour für das Titan Desert 2016. Es gibt schlechtere Ort als Mallorca, um sich im Winter auf das Etappenrennen in Marokko vorzubereiten.

Bin ich hart genug? Natürlich fahre ich viel Mountainbike!

Als Bikeguide sitze ich fast täglich im Sattel, am Wochenende fahre ich Rennen, wo immer es was zu fahren gibt. Aber reicht das? Ich bin ein Mountainbiker voller Flamme. Aber bin ich ausdauernd genug, um mich täglich sieben Stunden mit Rucksack und 3-Liter-Wasserblase auf dem Rùcken durch eine Wüstenlandschaft zu schleppen, bei der ich im besten Fall total dehydriert nach sechs Stunden das Ziel erreiche und mich dann in einer Gemeinschaftsdusche vor 500 Jungs mit dem Gartenschlauch abspritzen darf?

Auch das Ausmalen des Verschollenseins und Fatamorganas voller Riesen-Cola-Dosen wirkt nun wenige Tage vor der Abreise intensiver auf mich. Das Training für so ein relativ flaches Rennen mit 0,0 Prozent Trail-Anteil ist komplett anders als das gewohnte. Die Standard-Tour, die jeder wohl zu Hause abfährt über dieselben flowigen Trails und 50 Kilometer rauf und runter, links und rechts durch Sträucher bereiten einen körperlich auf einen normales Ausdauer-Rennen vor. Bei Etappen mit 144 Kilometer über Autobahn-breite Schotterpisten mit freiem Blick bis zum Ende des Kontinents muss man das Training dagegen anpassen.

So bin ich im letzten Monat 1000 Kilometer über die ödesten Schotterpisten und misarabel asphaltierten mallorquinischen Straßen geheizt, die ich nur finden konnte. In voller Montur mit drei Liter Krahnwasser, das ich nicht angerührt habe. Und einmal bei zwölf Grad mit Schweißband am Handgelenk, um es so realitatsnah wie möglich zu halten. Die Sachen alle im Rucksack. Vor allem die „Etapa Marathon“, bei der man am dritten Tag losfährt und erst wieder am Ende des vierten Tages im Basislager ankommt, ist ein harter Brocken und das nicht nur für die Beine.
Der technische Support während der Etappen ist gleich Null und so muss man wirklich eine Menge Zeugs mitschleppen. Sachen wie Sahmurai Tubeless-Flickzeug, Ersatz-Hinterradbremse oder eine Dose Vaseline sowie eine Packung Durchfall-Tabletten und einen GPS-Tracker werden wohl nur die fatalistisch denkendsten Transalp-Racer mit ins Trikot packen.

Privatfoto Praxistest für die längsten Titan Desert-Etappen: meine längste Trainingsrunde mit 112 Kilometern.

Privatfoto Deutlich sandiger und karger als in Mallorca wird es beim Titan Desert aussehen.

Im Normalfall verstecke ich sogar meinen Hausschlüßel im Blumentopf, damit er mich im Trikot nicht nervt. In den vergangenen sechs Wochen habe ich mich aber so sehr an das Tragen des Camelbaks gewöhnt, dass ich mich ohne nackter fühle als Micaela Schäfer bei der Arbeit. Ich habe mich sogar auf ein paar Trainingseinheiten mit den „TIGRES“ eingelassen, dem harten Kern der mallorquinischen Radrennfahrer. Zwei von den Jungs haben mehrmals an der echten und wahrhaftigen Tour de France teilgenommen und halten entsprechend wenig von Durchschnittsgeschwindigkeiten unter 25 km/h. Bei der letzten Runde mit denen habe ich es sogar wieder zurück nach Manacor ins Café geschafft, von dem wir drei Stunden vorher gestartet sind. Die Jungs haben Bierchen geordert und den Kellnerinnen hinterher gepfiffen, während ich beim Ausklicken den zehnten Krampf des Tages durchleiden musste. Ich hätte eine Finisher-Medaille verdient gehabt, wurde aber nur in ihre Whatsapp-Gruppe aufgenommen. Immerhin!

Privatfoto Auf Tour mit den MTB-Kumpels.

Am Samstagmorgen um 7:30 Uhr geht es im gecharterten Air Europa-Flieger Richtung Fes zum großen Abenteuer Titan Desert . Ich werde so detailgenau wie möglich aus dem staubigen, mit Highend-Bikes ausgestatteten und Gratis-Clubmitglieds-Radhosen tragenden spanischen Peloton berichten. Wenn nichts kommt, bitte bei der Deutschen Botschaft in Rabat melden.


Bis bald, melde mich aus Marokko wieder,
Alexander

Privatfoto Wagt das Abenteuer Titan Desert: Unser BIKE-Blogger Alexander aus Mallorca.

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Themen: BlogEtappenrennenMarokkoRennenTagebuchTitan Desert


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