SS Enduro Series Willingen: Ludwigs Diaries #5

  • Ludwig Döhl
 • Publiziert vor 6 Jahren

Ein Sturz im Prolog kostet Cube-Action-Team-Pilot Ludwig Döhl alle Siegchancen. Warum er trotzdem nicht aufgegeben hat, lesen Sie in seinem Blog.

Willingen, normalerweise dominiert von Junggesellenabschieden, Kegelklub-Ausflügen und Schlager-Partys, war vergangenes Wochenende Hochburg der deutschen MTB-Rennszene. Neben den Downhill-Recken und Marathon-Athleten kämpften auch die Enduro-Fahrer um die heiß begehrten Plätze auf dem Podium.

Die Strecke: Alles besser als im Vorjahr

Während letztes Jahr genau hier in Willingen ein großer Aufschrei durch die Szene ging, weil die Strecken etwas schlechtere Cross-Country-Trails darstellten, scheiterten dieses Jahr sämtliche Leichtbau- und Tuning-Versuche an den technisch anspruchsvollen Strecken rund um den Ettelsberg. Die Veranstalter haben den Kampf mit den Behörden nicht gescheut, um den über 320 Teilnehmern eine feine Kombination aus technischen Old-School-Downhills, Wiesenslalom und Ballerabschnitten – verteilt über fünf Stages – zu präsentieren.

Fokussiert auf den Trail und die feuchten Wurzeln in Willingen.

Neben der Streckenführung gab es für mich ein ganz besonderes Highlight in Willingen: Mein Teamkollege André Wagenknecht kam nach seinem Armbruch und langer Verletzungspause wieder in den Rennzirkus zurück – und zwar mit einer gehörigen Portion Schwung, aber auch etwas nervös. Von der zwanzig Jahre lang antrainierten Renn-Routine war diesmal bei ihm nichts zu spüren, als er im Eifer des Gefechts Rücken- und Lenkernummer verwechselte oder am Vorabend viermal das Wetter checkte. Aber letzten Endes sollte sich die alte Rennfahrer-Weisheit auch hier bewahrheiten: „Form kommt und geht, Talent besteht.“ Und so hatte André eigentlich nicht den geringsten Grund nervös zu sein. Zumal die Strecken seinem Fahrkönnen sehr entgegenkamen.

Eingespieltes Team: Routinier André und ich.

Der Prolog: Von der Muskelschau zum Manöver Bodenkontakt

Für mich war da eher die ein oder andere Überraschung dabei. Zum Beispiel der Wiesenslalom, welcher als Prolog zu bewältigen war. Auf einer vom Regen angefeuchteten Wiese vor dem Festival-Gelände boten selbst die gröbsten Stollenreifen nur wenig bis gar keinen Grip. So wandelte sich der Prolog – normalerweise als Muskelschau bekannt – zur Talentschau für die Feinfühligsten Fahrer im Peloton. Auf der Suche nach Grip schoss ich mich am Samstagabend etwas zu schnell aus dem Start, nahm die erste Kurve noch perfekt, verlor aber bereits in Kurve zwei den Kampf gegen rutschende Reifen und die Schwerkraft. Die Folge: Ich ging wieder einmal zu Boden. All zu viel Zeit verlor ich zwar nicht, aber mit 3-4 Sekunden schlug das „Manöver Bodenkontakt“ dennoch zu Buche.

Riesenslalom auf der feuchten Wiese: Mein Sturz beim Prolog.

Der Schlüssel zu den schnellen Zeiten

Sonntags morgens war der Willinger Ettelsberg in dichte Nebelwolken gehüllt, als wir uns um 8:00 Uhr an den Start begaben. Die nassen Wurzeln auf Stage 1, direkt neben der Freeride-Strecke, geizten dermaßen mit Haftung, dass ich schon früh morgens meine ersten Schreck-Sekunden erleben musste. Verzögern war trotz leistungsstarker Bremsanlage eine hohe Kunst. Das ganze Rennen über mussten Bremspunkte mit extrem viel Gefühl angesteuert werden. Mit der Brechstange war hier gar nichts zu holen, verhaltenes und geschmeidiges Fahren dagegen waren der Schlüssel zu den schnellen Zeiten. Auf den Tretpassagen habe ich ganz klar gemerkt, dass seit dem ersten Rennen schon wieder zwei Monate ins Land gezogen sind, in denen ich nonstop auf Achse war.

Mit dem Standard-Programm auf Rang sechs

Die Power aus den Beinen stagnierte irgendwo zwischen den Rennen der Toskana und dem Willinger Upland. Auch mein Kopf schrie langsam mal nach einer kleinen Pause vom wöchentlichen Renn- und Reisestress. Alles in allem spulte ich in Willingen ein Standard-Rennen runter, ohne großen Fehler – abgesehen vom Ausrutscher im Prolog. Damit konnte mich am Ende wieder auf Platz sechs einreihen. Ein fettes Comeback feierte mein Teamkollege André auf Platz zwei hinter dem Neuseeländer Joseph Nation und vor Fabian Scholz. Manchmal ist ein Hauch von Nervosität wohl gar nicht so schlecht…

ride on
Ludwig

Tolles Comeback: Mein Teamkollege André auf Platz zwei.

Gehört zur Artikelstrecke:

Ludwigs Enduro Diaries: Tagebuch aus der Enduro-Rennszene


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