Höher geht’s nicht: Mountainbike-Rennen im Himalaya Höher geht’s nicht: Mountainbike-Rennen im Himalaya Höher geht’s nicht: Mountainbike-Rennen im Himalaya

„Sky is the Limit“: MTB-Etappen-Rennen auf über 3000 Metern

Höher geht’s nicht: Mountainbike-Rennen im Himalaya

  • Henri Lesewitz
 • Publiziert vor 6 Jahren

Sechs Etappen, drei 5000er: Vor wenigen Tagen ging im indischen Ladakh das höchste Mountainbike-Etappen-Rennen der Welt zu Ende. Henri Lesewitz war dabei und geriet tief in die Sauerstoffschuld.

Der menschliche Körper ist ein Wunder der Evolution. Er kann so schnell sprinten wie ein Löwe und extremsten Bedingungen trotzen. Doch sobald er die 3000-Höhenmeter-Marke überschreitet, bekommt er die Krise. Die Sauerstoff-Gier des Körpers bleibt wegen der dünnen Luft ungestillt. Die Zellen werden nicht mehr richtig versorgt. Das Herz pumpt wie blöde, die Lungenflügel arbeiten am Anschlag. Jede Bewegung wird zur Qual. Selbst im Bett rast der Puls wie beim Dauerlauf.

Henri Lesewitz Dem Gipfel entgegen: Das Profil des Sky is the Limit glich dem der BIKE Transalp. Nur, dass die Täler in Ladakh schon 3500 Meter über dem Meeresspiegel liegen.

Man kann es also nur eine kühne Idee nennen, ausgerechnet in Ladakh ein Etappenrennen zu organisieren. Die Region im indischen Himalaya ist berühmt-berüchtigt für ihre gigantischen Felsmassive. Bereits der Flughafen der Hauptstadt Leh liegt 3500 Meter über dem Meeresspiegel. "Sky is the Limit" heißt der neueste Ausdauer-Wahnsinn des Mountainbike-Sports. Vor ein paar Tagen feierte das Rennen Premiere. Sechs Etappen, drei 5000er, das Finale ausgetragen als 55 Kilometer langes Bergzeitfahren (ja, nur hoch!) auf den 5602 Meter hohen Khardung La-Pass, der als höchster befahrbarer Pass der Welt gilt.

Eine Wahnsinns-Strapaze für die Fahrer. Und gleichzeitig auch ein irrer logistischer Akt für den Veranstalter, schließlich ist Ladakh nur äußerst dünn besiedelt. Alles musste über ruppige Schotterpisten von Etappenort zu Etappenort transportiert werden, teilweise im Schritt-Tempo. Die Zelte. Die Vorräte. Der Notstromgenerator. Der Sprit für die Transportfahrzeuge sowie die Begleitmotorräder. Eine von Schmelzwasser-Flüssen überflutete, zirka 40 Kilometer lange Passage, konnte nur gemeistert werden, weil die Crew Felssteine zu provisorischen Stegen aufschichtete.

Die Höhe war die größte Herausforderung

Gerade mal 15 Fahrer wagten das Abenteuer. Darunter Italiens Marathon-Legende Marzio Doho, der auch schon zweimal die Mongolia Bike Challenge gewann, sowie der französische Ex-Profi Thomas Dietsch, einer der erfolgreichsten internationalen Marathon-Fahrer überhaupt. Und auch BIKE-Reporter Henri Lesewitz war am Start, um hautnah vom Rennen zu berichten. Schon vor dem Rennen war klar, dass die Höhe zur größten Herausforderung für die Starter werden würde. Der Veranstaltungs-Fotograf litt schon in Leh an Höhenkrankheit und musste mit Sauerstoff aus der Flasche behandelt werden.

Henri Lesewitz Der Franzose Thomas Dietsch beendete vergangenen Herbst seine Profi-Karriere und erfüllte sich mit dem Rennen im Himalaya einen Traum.

"Ich muss ganz entspannt mein Tempo fahren. In dieser extremen Höhe hier ist es unmöglich, ein Rennen zu fahren, wie man es normalerweise daheim tut. Sobald man einmal zu hart auf das Pedal tritt, schnellt der Puls nach oben, dass man fast ohnmächtig wird", formulierte es Thomas Dietsch vor dem Start der ersten Etappe.

Die Ranglisten der einzelnen Etappen präsentierten sich dann auch entsprechend monoton. Marzio Deho, dem die Höhenluft nicht das Geringste auszumachen schien, preschte Tag für Tag vom Start weg los. Thomas Dietsch keuchte mit einigem Abstand hinterher. Auch, weil er – hingerissen von der schroffen Pracht-Landschaft – ständig den Fotoapparat aus der Trikottasche holte. Weit hinter ihm kämpften sich ein paar überambitionierte Italiener durch die Serpentinen, als ginge es um den Olympiasieg.

Henri Lesewitz Das ist ja die absolute Höhe! Reporter Henri Lesewitz tief in der Sauerstoffschuld, aber dem Himmel nah: Der 5602 Meter hohe Khardung La-Pass, höchster befahrbarer Pass der Welt und Finale des Rennens.

Die Letzten erreichten das Ziel meist erst gegen Tagesende. Mal auf dem Bike, manchmal im Besenwagen. Reporter Lesewitz fuhr mal bei dem einen, mal bei dem anderen Fahrer mit. Auf der fünften Etappe biss er sich (sprichwörtlich natürlich nur) am Führungs-Duo Deho/Dietsch fest und bekam den Sieg von den beiden großzügig überlassen. Beim 55 Kilometer langen Abschlusszeitfahren auf den 5602 Meter hohen Khardung La-Pass fuhr Lesewitz die drittschnellste Zeit, bekam aber eine Strafstunde aufgebrummt, weil er um eine frühere Startzeit gebeten hatte, um auf dem Gipfel die Ankommenden fotografieren zu können. Ja, da war der Veranstalter trotz der großen Leistungsunterschiede rigoros.

Im Ziel mit heißem Tee empfangen

Das Reglement war UCI-konform. Die Zeitmessung erfolgte pingelig auf die Zehntelsekunde genau per Transponder. Und das Fahrerfeld war in diverse Kategorien unterteilt. Das mag kleinlich klingen. Doch die Organisation war – verglichen mit anderen Veranstaltungen des Genres Abenteuer-Etappen-Rennen – absolut top. "Wer bei einem Rennen dieser Art mitfährt, stellt ganz schnell keine Ansprüche mehr. Wenn man dann, wie hier, im Ziel mit heißem Tee empfangen wird, fühlt man sich schon fast überverhätschelt", so Reporter Lesewitz, der sich von der Höhenluft derart ausgekocht fühlte, dass er diesmal auf die Produktion eines Erlebnis-Videos verzichtete.

Henri Lesewitz Thomas Dietsch und Sieger Marzio Deho waren auf dem Khardung La-Pass begehrte Fotomotive. Alle Touristen wollten Schnappschüsse mit ihnen.

An manchen Tagen waren die Kopfschmerzen so stark, dass er es nicht mal schaffte, sich nach der Etappe umzuziehen und starr im Zelt vor sich hinstinkerte. Aber das ist ja auch das Schöne an so einer Veranstaltung: Es interessiert niemanden, ob man nach Rasierwasser von Lagerfeld, oder nach tagealtem Schweiß müffelt. Zum Waschen standen eh nur die zwei Grundvarianten zur Auswahl: Entweder man sprang in einen Fluss, oder man schöpfte im Fluss einen Eimer voll Wasser, um ihn sich über den Kopf zu kippen.

Henri Lesewitz Der Italiener Gianni Tomè hat sich das Rennen während einer Ladakh-Tour ausgedacht. Am Vorabend des Rennens wurde im Camp sein Geburtstag zelebriert. 

Spätestens in zwei Jahren sollen beim Sky is the Limit 100 Fahrer am Start stehen. So die Pläne des italienischen Veranstalters. In BIKE 10/2015 erscheint die ausführliche Reportage von Reporter Henri Lesewitz. Die nächste Auflage von Sky is the Limit ist für Juli 2016 geplant. Infos gibt's auf der Veranstalter-Webseite:  www.mountainbike-wwb.com

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