Schlaflos auf Sardinien Schlaflos auf Sardinien Schlaflos auf Sardinien

Sardinien: Event-Report MyLand Bike Festival

Schlaflos auf Sardinien

  • Henning Heilmann
 • Publiziert vor 4 Jahren

Bis zu 440 Kilometer. 10.000 Höhenmeter. Nonstop. MyLand ist ein MTB-Marathon an Sardiniens Westküste, der noch ein echtes Abenteuer ist. Die Schnellsten treten dafür Tag und Nacht in die Pedale.

Bis zu 440 Kilometer. 10.000 Höhenmeter. Nonstop. MyLand ist ein MTB-Marathon an Sardiniens Westküste, der noch ein echtes Abenteuer ist. Die Schnellsten treten dafür Tag und Nacht in die Pedale. Gute Ausrüstung ist ebenso wichtig wie Ausdauer und GPS-Orientierung. Wer das ursprüngliche Sardinien in seiner ganzen Wildnis auf dem Bike erleben will, der sollte sich das MyLand Mountainbike Festival Ende April dick anstreichen.

Sardinien: MyLand Bike Marathon

14 Bilder

Das MyLand MTB Non Stop Bike Festival an Sardiniens Westküste belehrt all jene eines Besseren, die meinen, Sardinien sei eine Insel, welche nur zum Faulenzen am Strand da ist. MyLand entstand aus einer Idee, die vor vier Jahren von begeisterten sardischen Mountainbikern entwickelt wurde, um die bis dahin unbekannte Marmilla, eine etwa vierzig Kilometer von Oristano gelegene bezaubernde Bergregion, aktiven Urlaubern bekannt zu machen. Die Region ist eine äußerst dünn besiedelte Landschaft, in welcher sich Sardinien noch auf natürliche Art entdecken lässt. Von sanften Hügeln geprägt, ragen immer wieder echte Berge in die Höhe, die sich meist nur im Schweiße des Angesichts auf dem Mountainbike erobern lassen: das Naturreservat Monte Arci (812 m), die Giara di Gesturi (609 m) mit seinen Wildpferden und schließlich die Ausläufer des Gennargentu, der sich auf bis zu 1834 Meter Meereshöhe erhebt.

Drei Strecken-Varianten: hart, härter, ultra

Auch die vierte Ausgabe von MyLand fordert die Mountainbiker auf drei Strecken heraus: Zur Wahl stehen dieses Jahr wieder 120, 220 sowie unglaubliche 440 Kilometer, die in maximal 24, 48 und 72 Stunden zu bewältigen sind – also ein, zwei oder drei Tage. Start ist am Nachmittag, die Sportlichsten fahren mehr oder weniger die ganze Nacht durch und sind schon nach weniger als sieben (120 km), 17 (220 km) oder 43 Stunden (440 km) im Ziel.

Noch aufregender ist die dabei akkumulierte Kraxlerei: Denn dies sind 2500, 5000 oder 10.000 Höhenmeter! Vom ersten Jahr an war das Myland Bike Festival stets ein Event, das die Ausdauer der Teilnehmer auf eine harte Probe stellte. Von Anfang an gab es jedes Mal wieder Beklagenswerte, die aufgeben mussten. Dennoch hat sich die Anzahl der Teilnehmer nach der ersten Auflage verdoppelt: 2015 waren es 60, 2016 schon 120, 2017 nahmen 166 Mountainbiker teil. 2018 werden es noch mehr Leidenswillige sein.

MyLand Bike Festival Im Schweiße des Angesichts: Biker müssen sich jeden Höhenmeter auf Sardinien hart erkämpfen.

Drei Tage, hunderte Kilometer, meilenweit absolute Wildnis, Verlass nur aufs GPS: Das MyLand Bike Festival ist ein Erlebnis, das unauslöschlich in Erinnerung bleibt. Wer einmal an MyLand teilnimmt, der wird Teil einer Gemeinschaft mit dem Slogan "Io sono un MyLander", oder zu Deutsch "Ich bin ein MyLander!" Irgendwann zwischen Morgengrauen und Mitternacht, irgendwo auf staubigen Trails im Dickicht der mediterranen Macchia, mal inmitten leuchtend roter Felder aus italienischem Süßklee und mal auf den letzten zähen Höhenmetern in der prallen Mittagssonne geschieht es: Hier werden Helden gemacht.

440 km, nur vier Stunden Rast

Wer sich für die 440 Kilometer entscheidet, sollte sich zutrauen, wenigstens 50 Stunden im Sattel zu sitzen und für eine Top-Platzierung auch nachts quasi ohne Pause in die Pedale zu treten. Gewiss, auch frühmorgens um drei sind die Checkpoints geöffnet und bieten ein warmes Pasta-Gericht oder einen Platz für ein kurzes Nickerchen. Einen der ersten Plätze belegt aber nur, wer ohne längeren Halt durchbrettert. "Ich habe nur vier Stunden ausgeruht, und könnte sofort wieder starten", erzählt Piero, angetreten auf den 440 Kilometern. Als einer der "Senatoren" hat er an allen drei bisherigen Ausgaben von MyLand teilgenommen und zuletzt Platz 9 belegt. Eigentlich habe er es "gemütlich angegangen".

Pfeilschnell, widerstandsfähig und mit goldenen Reflexen ausgestattet sollte man in der Tat sein, um einen der ersten Plätze dieses in ganz Italien einzigartigen Bike-Events zu erobern. Konzentration erfordert nicht nur die Aufmerksamkeit auf die in allen Varianten oftmals technisch anspruchsvollen Trails des Marathons, sondern auch aufs GPS-Gerät, welches zumeist alleinige Orientierung bietet, da es fast keinerlei Hinweisschilder gibt. Mancherorts ist in der Tat kein Weg zu erkennen. Tipp: Vor dem Start unbedingt nochmal das GPS und die Halterung checken.

MyLand Bike Festival Wenn in der Marmilla der Süßklee leuchtend rot blüht, hilft im tiefsten Dickicht oft nur noch Ur-Vertrauen ins GPS.

Mutig sind jene, die beim MyLand Bike Festival alleine antreten. Und fast naiv, wer nicht auf alle Eventualtitäten vorbereitet ist. Erste Herausforderungen lassen nicht lange auf sich warten. Schon in der zweiten steilen Passage kurz nach dem Start in Villa Verde ist es soweit. Eine Abzweigung verpasst, wenige Meter abseits des Tracks ist blitzartig mein Reifen platt. Doch allein bleibt man nicht lange unter den "MyLandern". Ein Fotograf eilt zur Hilfe herbei. Kaum ist der Defekt gefixt, wartet schon das nächste Malheur: Das GPS macht sich selbständig. Doch eine Gruppe sardischer Mountainbiker hilft mir mit Klebeband aus der Patsche.

Charmante Checkpoints und sardisches Wirrwarr

Die nette sardische Gruppe mit der charmanten Simona lerne ich kurze Zeit später näher kennen, als sie mir nach einer anderen verpassten Abzweigung entgegenkommen. Glück gehabt! Es sind "Skall aus" aus dem benachbarten Oristano, die mich zum nächsten Checkpoint begleiten. Ankunft in Assolo in der Abenddämmerung nach 43 Kilometern. Hier am Checkpoint erwartet mich mein Nachtquartier bei Francesca. Ein herzlicher Empfang mit köstlichem Kuchen, einer warmen Dusche, gemeinsamer Pasta-Party und Plauderei am Kamin. Schnell falle ich ins Bett. Die sardischen Biker aus Oristano bleiben tapfer. Sie radeln nach kurzer Rast weiter bis zum nächsten Checkpoint, der erst nach 86 Kilometern folgt.

Am nächsten Morgen um sechs Uhr sitze auch ich schon wieder im Sattel. Es sind nicht viele Grade über Null. Francesca reicht mir noch eine Tasse heißen Tee zum Abschied. Da sich niemand meiner Stopstrategie angeschlossen hat, bin ich heute auf mich allein gestellt. Schon nach den ersten Kilometern bekomme ich einen Eindruck davon, was die Biker aus Oristano in der Nacht zuvor noch geleistet haben. Auf einem Feldweg zweigt ein winziger Trail ab, den ich im Morgengrauen verpasse und nur dank GPS entdecke. Etwas später folgt schließlich ein Abschnitt, wo überhaupt kein Weg mehr ersichtlich ist. Doch aufs GPS ist Verlass. Sicher führt es mich über ein kleines Gatter hinaus aus dem Wirrwarr.

Wasser, Wildschweine und tolle Trails am Trenino

Im Ort Genoni habe ich die Hälfte der 120 km langen Rundstrecke geschafft. Der Wasserstand in meiner Trinkflasche bereitet mir Sorgen. Wer weiß, wo das sonnige Sardinien wieder frisches Wasser bereithält. So frage ich einen Mann im Garten, dem ich begegne. "Oggi domenica" erinnert er mich daran, dass heute Sonntag ist. Er winkt mich in eine Einfahrt, welche ich schon kurz darauf wieder sehr glücklich verlasse. Sardische Gastfreundschaft! Fix Mineralwasser, Kekse, Kuchen, frische Wildschweinsalami, Pecorino und Äpfel hinzu gepackt. "Graaazie mille!!!" Die Marmilla und ihre Bewohner zu entdecken, ist ein großes Geschenk.

Die folgenden dreißig Kilometer sind nun fast ausschließlich abschüssig. Einer der Gründe dafür ist, dass ich bei Nuragus auf eine stillgelegte Eisenbahnstrecke treffe. 70 Kilometer frühere Schmalspurbahn, herrliche Tunnel, ein Stückchen zum Rollen lassen. Bis nach Las Plassas, schon aus weiter Entfernung durch seine über allem thronenden Burg zu erkennen, habe ich das Vergnügen, dieser einst bedeutenden Bahnstrecke auf schottrigen Trails zu folgen. Die Marmilla ist nicht nur reich an Natur, sondern auch an Jahrtausende alter Kultur, von der Menhire, Felsengräber und imposante Nuraghen erzählen. Eindrucksvolle Beispiele sind Barumini mit seinen Nuraghen und Las Plassas im einstigen Königreich Arborea.

MyLand Bike Festival Wer rastet, der rostet: Die Trails führen auch entlang alter Bahnschienen im Hinterland Sardiniens.

Bald darauf erreiche ich den nächsten Checkpoint. Im idyllischen Baradili, Sardiniens kleinster Gemeinde mit nur 84 Einwohnern, werde ich schon seit einer Weile erwartet. "Wann ist den Simona aus Oristano angekommen?", frage ich. "Schon heut Nacht um drei", weiß Fabrizio und fährt mit frischem Kaffee, Kuchen und einer Dose Bier alles auf. Baradili liegt am Fuße der Giara di Gesturi. Kaum etwas zur Ruhe gekommen, winken schon die steilen Hänge dieser Hochebene am Horizont als nächste Herausforderung.

Hunderte Wildpferde

Zuletzt passiert MyLand auch das sehenswerte Naturreservat der Giara di Gesturi. Unter knorrigen Korkeichen an fruchtbaren Wassertümpeln in einem Meer aus weißen Blüten leben hier hunderte Wildpferde. Die bezaubernde Hochebene muss allerdings erst erklommen werden. In der heißen Mittagssonne ist der schwierige Anstieg auf die Terrasse über der Marmilla nicht zu empfehlen. Beim Raufstrampeln werde ich von rasanten Sarden, welche die 220-km-Runde fahren, eingeholt.

Ein Trail aus rotem Sand führt durch die wilde Macchia bald auf einen breiten Feldweg. Später folgen im Dickicht ein paar schwere Schiebestellen und Schrammen am Knie. Schließlich führt ein Trail durch den schattigen Wald hinab. Ich, der Mountainbiker, freue mich wieder über die ersten Straßen, jetzt ist es nicht mehr weit ins Ziel. Jubelnd werde ich empfangen. Auch wenn der Schnellste schon am Vorabend eintraf: Was zählt, ist anzukommen. "Non mollare" sagt der Italiener. Nur nicht aufgeben.

Hochgenuss im Ziel und Trails fürs ganze Jahr

Wer die bezaubernde Marmilla und ihre Menschen entdeckt, wird sich schnell in die Region verlieben. Spätestens wenn ein anstrengender Tag voller imposanter Eindrücke auf dem Sattel seinen entspannten Ausklang bei einem Glas Cannonau und einem guten Abendessen findet. Vielleicht bei Malloreddus oder den für die Region typischen frittierten Seadas. Als Nachtisch zuckersüße Pippia de Zuccuru (Zuckerpuppe) und Amarettus. Sportliche Verausgabung und Genuss: In der Marmilla liegt beides nie weit auseinander.

MyLand Bike Festival Sehnsuchtsort: Im Checkpoint Assolo gibt´s Cucina Italiana, einen offenen Kamin und einen Schlafsaal.

Ob 120 Kilometer, 220 Kilometer oder die vollen 440 Kilometer: Die Strecken und Trails des MyLand Bike-Festivals in der sardischen Marmilla, die ein echter Geheimtipp ist, lassen sich nicht nur während des Festivals, sondern theoretisch das ganze Jahr über entdecken. Das Klima ist im Frühling und Spätsommer am angenehmsten. Im Winter kann es manchmal schlammig sein, im Hochsommer ist schnell zu heiß. Zur Orientierung stehen die Tracks jederzeit zum Download bereit.

Info: MyLand Bike Festival Sardinien


Allgemein: Das MyLand Bike Festival findet Ende April 2018 (28.04.-01.05.) statt. Drei Strecken-Varianten stehen zur Wahl: 440 km in 72 Stunden (10.000 hm), 220 km (5000 hm) in 48 Stunden, 120 km in 24 Stunden (2500 hm).


Lage: Die Marmilla ist eine Hügellandschaft im Hinterland von Oristano an der Westküste Sardiniens. Hier findet alljährlich das MyLand Nonstop MTB Bike Festival statt. Sardinien gehört zu Italien.


Beste Reisezeit: Empfehlenswert ist natürlich Ende April, wenn das Bike Festival steigt. Die Tracks und Trails des Festivals lassen sich aber auch im übrigen Jahr abrufen und befahren. Vom Klima her ist April-Juni oder September-November am wärmsten zu empfehlen.


Anreise: Flug nach Cagliari, Mietwagen oder Bahn bis Uras-Mogoro, Abholung möglich.


Ausrüstung: Fahrradverleih z. B. in Oristano, geführte Touren auf Anfrage. GPS-Tracks auf der Homepage des Bike Festivals, GPS-Geräte können ausgeliehen werden. Bei Renn-Teilnahme an vernünftige Beleuchtung, Werkzeug, Schlafsack, warme Sachen denken.


Übernachtung: Teilnehmer des Bike Festivals können am Startort im Schlafsaal und in den Checkpoints in Schlafsäcken übernachten. Während des übrigen Jahres stehen Agriturismos und Alberghi Diffusi in kleinen Dörfern zur Wahl. Tipps: Albergho Diffuso Il Mandorlo, 09090 Baressa (OR); Agriturismo "Su Massaiu", 09020 Turri (CA)


Web:  www.mylandbikefestival.it


GPS-Tracks und Streckenbeschreibungen (zum Herunterladen):
www.mylandbikefestival.it/18-04-2017-le-tracce-waypoint-documenti-tutti-percorsi/

Themen: MarathonSardinienUltrabiker


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