Die große Weite: Etappenrennen in Australien Die große Weite: Etappenrennen in Australien Die große Weite: Etappenrennen in Australien

Report: MTB-Etappenrennen Crocodile Trophy 2017

Die große Weite: Etappenrennen in Australien

  • Alexander Brempel Ballester
 • Publiziert vor 4 Jahren

Das legendäre MTB-Etappenrennen Crocodile Trophy führte unseren Marathon-Blogger Alexander Hunderte Kilometer durch das australische Outback. Ein Bericht über einsames Leiden und Nahtoderlebnisse.

Australien ist ein verdammt wilder Kontinent. Die rote Farbe der Erde und die "Warning"-Schilder kommen einem aus den Steve-Irwin-Dokus so bekannt vor, dass man beim Aussteigen aus dem Flieger meint, schon einmal da gewesen zu sein. Sich 32 000 Kilometer Economy Class anzutun, um ein Mountainbike-Etappenrennen in einem Land zu fahren, in dem die Hälfte der Tiere einen beim Anschauen scheinbar schon vergiften können, setzt allerdings schon eine besondere Affinität fürs Leiden voraus.

Abenteuerliche Radrennen gibt es in allen möglichen Ländern mit diversen Distanzen und Höhenprofilen. Aber bei keinem hatte ich bis jetzt dieses Gefühl der Abgeschiedenheit. Nur Pampa, so weit das Auge reicht. Tagein, tagaus 100 Kilometer durch das australische Outback brettern – über brachiale Steinpisten, die einem die Flasche samt Flaschenhalter vom Rahmen rütteln. 50 Kilometer lang am Stück sieht man keine Zäune, Strommasten, Stoppschilder, nicht mal Autowracks und schon gar keine Menschen, die den Weg kreuzen.

Crocodile Trophy Atemberaubende Szenerie der Crocodile Trophy.

Die große Leere spiegelt sich nach ein paar Stunden in der eigenen Seele wider. Irgendwannl ertappe ich mich selbst dabei, mich über eine leere Powerriegel-Verpackung zu freuen, die zwischen zwei Ästen eingeklemmt im Wind flatterte. Ohne Handyempfang oder GPS-Peilsender und bei dem überschaubaren Teilnehmerfeld auch gefühlt ohne Mitfahrer durch Wüsten und Dschungel zu heizen, gibt einem das Gefühl, der letzte Mensch auf Erden zu sein.

Die coolen Australier nehmen die Bedingungen total gelassen. Storys von zuschnappenden Schlangen und 33 % steilen Rampen werden von den erfahrenen Rennfahrern und professionellen Online-Forum-Betreibern einfach weggelacht. Nach der Etappe sitzen sie mit schnittigen Caps an ihren New-Generation-Notebooks und füttern ihre Social-Media-Accounts.

Ein Rennen ohne Netz und doppelten Boden

Für mich ist es Schwerstarbeit im Sattel unter einem Himmel, von dem weiße Wolken teilweise wie an einer Schnur hängende Wattebälle herunter hängen. Ein Rennen ohne Netz und doppelten Boden. Das pure Erlebnis solcher Etappenrennen wird oft von westeuropäischen Komfort-"must haves” wie Seife, Streckenposten, Hotelbetten, Kaffee, Kuchen und mit Top-Mechanikern besetzten Feed- und Tech-Zones verwässert.

Auf der vierten und fünften Etappe durch die Regenwälder Richtung Skybury Kaffee-Farm beträgt die Sicht im dichten Wald gleich null. Es ist eine von diesen Etappen, auf denen vor lauter Staunen über tropisches Gewächs und Schaudern vor dem mangelnden Grip von Cross-Country Reifen auf den vom Regen sehr glitschigen, lehmbedeckten Wurzelteppichen gar keine Zeit bleibt, sich richtig zu ärgern. Darüber, dass die neue sündteure Bike-Brille gerade flussabwärts treibt oder man vergessen hat, Not-Gels einzupacken für die 300 ”Phantom Höhenmeter” die man jeden Vormittag geschenkt bekommt, ohne das sie in irgendeinem Roadbook oder Höhenprofil je erwähnt wurden.

Crocodile Trophy Crocodile Trophy 2017: Die Etappen Überblick. Immerhin nur die Hälfte ging theoretisch über 100 Kilometer und mehr.

In Tepon sind wir auf einer Pferderennbahn untergebracht, die sich super zum Einfahren eignet, deren Sanitäreinrichtungen aber zu den Schlimmsten der gesamten Reise gehören. Selbst erfahrene Australier wie der Ex-Profi Michael Wilson müssen da die Nase rümpfen.

Das kleine Fahrerfeld ist unglaublich stark besetzt

Doch das ist auch der Reiz der Crocodile Trophy. Hier darf der Mann noch Mann sein. Zwei Aufpasser zu haben, die aufs trübe Wasser rausschielen während man seine Klamotten am See schrubbt, sind kein Luxus sondern pure Notwendigkeit.

Die Wahnsinns-Tortur, die sich der Österreicher Gerhard Schönbacher, dreimaliger Tour-de-France-Teilnehmer, vor 23 Jahren ausgedacht hat, als er die Crocodile Trophy aus der Taufe hob, hat sich in ein Paradies für abenteuerwütige Europäer verwandelt.

Jeder kennt die Bilder aus den Neunziger Jahren, auf denen unbehelmte in wildbuntes Lycra gehüllte Ausdauer-Fetischisten auf Alu-Hardtails mit Aerospeichen und absurd großen Lenkerhörnchen über 16 zum teil 200 Kilometer (!) lange Etappen kurbelten, bis sie sprechende Kängurus sahen.

Die ewig langen Stages über sandige Schotter-Autobahnen haben sich über die Jahre in flowige Dschungel-Trails und absurd steile mit Höhenmetern aufgeladene Mountainbike-Etappen verwandelt. Abwechslung ist Programm. An einem Tag zittert man kurz vor dem Zeitlimit unterm Zielbogen. Schon am nächsten Tag genießt man auf einer der kurzen Flach-Etappen die frische Brise am Hinterrad irgendeines übermotivierten Mitstreiters.

Crocodile Trophy Wer schlecht haushaltet, verdorrt unter der australischen Sonne wie das Land um ihn herum.

Das Fahrerfeld ist mit 69 Registrierten zwar klein aber unglaublich stark besetzt. Meine Zeltnachbarn sind Erik Dekker mit alleine vier verbuchten Tour-de-France-Etappensiegen und ein Tscheche, der jedes Jahr sieben Ironmans fährt. Ich bin ein Wallaby unter Salzwasser-Krokodilen.

Wegen der Finisher Medaille, einem mit Sekundenkleber auf Holz geklebtes Plastik-Krokodil, kommen sie aus allen Ecken der Welt nach Down-Under. Fünf-Watt-pro-Kilo-Menschen mit Bleistift dicken Adern unter brauner Haut schubsen sich morgens beim Essen um eines der englischen Zwiebel-Mett-Würstchen zu ergattern. Von Unsterblichkeit, Ruhm bis Flitterwochen reichen die Motive, die Crocodile Trophy zu bestreiten. Unter der kalten Dusche sind wir dann doch irgendwie gleich.

Auch der kanadische Worldcup-Star Leandre Bouchard vom Team BH-Suntour hat die saubere, von perfekt gespanntem Flatterband umgebene Welt des Cross-Country-Rennsports gegen die Strapazen der Crocodile Trophy eingetauscht. Abends am Lagerfeuer referiert er darüber, wie schnell man sich an widrige Umstände gewönnen kann.

Etappenrennen, nächste Woche? Gerne!

Die letzte Etappe über den wunderschönen weißen Sand von 4-Mile Beach, mit vollem Zug auf der Kette Richtung Zielbogen, nach über 700 km Strapazen, sind die leichtesten, die ich und die anderen Teilnehmer je gefahren sind. Beim Einpacken der Fahrräder in die Radkoffer direkt am Strand werden Bierflaschen rumgereicht und Fremde nun nicht mehr ganz so Fremde fallen sich schwitzig-sandig in die Arme.

Beim Zu-Zippen des Rucksacks kommt Martin Wisata, Crocodile Trophy Record-Teilnehmer, und gratuliert mir zum Finish. Wie nebenbei erwähnt er, dass ich als diesjährige rote Laterne und letzter offizieller Finisher des Rennens eine Startnummer in einem vom ihm organisierten Etappen-Event in Sydney gewonnen habe. "Nächste Woche!? Oh ja, gerne!" antworte ich, schüttle kurz den hochroten Kopf, packe meinen saucoolen Backpacker-Rucksack und renne so schnell es geht Richtung Shuttle-Bus. Auf dem Rain Forrest High Way, dem von Menschen geschaffenen Asphaltband zwischen Great Barrier Reef und dem ältesten Regenwald der Welt, bugsiert er uns aus Port Douglas.

Alles nur keine Radrennen in den nächsten Wochen, ist mein letzter Wunsch, bevor ich total erschossen ans beschlagene Busfenster gelehnt in einen Tod ähnlichen Schlaf falle.

Crocodile Trophy Leider reichen die Palmwedel nicht über die Strecke, um vor der sengenden Sonne zu schützen.

Crocodile Trophy Wer kann, hängt sich in den Windschatten. Nur wenige schaffen das.

Crocodile Trophy Blick auf die Ladefläche des Versorgungs-Pick-Ups. Ein Hauch von Luxus.

Crocodile Trophy Die spätere Gesamtsiegerin Haley Smith (CAN) mit der Starnummer 11 schart die Elite-Männer um sich.

Crocodile Trophy Gezeichnet: Jürgen Krieger aus Österreich beim Kampf im Outback.

Crocodile Trophy Rettungsoase: Tech- und Feed-Zone à la Crocodile Trophy.

Crocodile Trophy Der Belgier Jean-Luc de Bruyckere (69) zieht den Zug. Er wird 17. Hinten sammeln die Australier Bart Duraj and Brendon Skerke (111 und 110) Energie, mit Rang 19 und 20 am Ende das schnellste Zweierteam.

Crocodile Trophy Weiter geht's geradeaus. Wohin auch sonst?

Crocodile Trophy Zerissen: Hier presst eine kleine Gruppe durch das australische Outback. Wer abreißen lassen muss, hat Pech. 

Crocodile Trophy Endlich im Ziel: Leandre Bouchard hievt in Port Douglas überglücklich sein Bike in die Höhe. Nettofahrzeit: 27:15.59,5 Stunden.

Crocodile Trophy Links der Gewinner Leandre Bouchard, der sich mit seinem kanadischen Landsmann Andrew L'Esperance ein Kopf-an-Kopf-Rennen lieferte. Jetzt ist zum Glück alles vorbei.

Crocodile Trophy Namensgeber: Die vielleicht schreckenerregendste Siegertrophäe der Welt. Die Krokos sind aber Nachbildungen aus Plastik.

Crocodile Trophy Strand-Party: Die Australier Skerke und Duraj feiern den Sieg in der Team-Wertung.  

Crocodile Trophy Podium der Gesamtsieger 2017 (v.l.n.r): Daniela Erni Ruoss (Amateur women), Erik Dekker (Amateur), Leandre Bouchard (Overall winner), Daniel Beresford (Best Australian), Peter Urdl (Best Austrian), Bart Duraj and Brendon Skerke (Best Team).  Abwesend: Haley Smith, GAW Elite Women.

Am Sonntag, 8. Oktober 2017, wird das Österreichische Fernsehen einen Fernsehbericht zur Crocodile Trophy senden: um 09:15 Uhr auf ORF1. Einen englischen Film aus dem Jahr 2016 sehen Sie hier:

Themen: AbenteuerAustralienCrocodile TrophyEtappenrennenMarathon


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