Rennreport: Am Start beim Brasil Ride Rennreport: Am Start beim Brasil Ride Rennreport: Am Start beim Brasil Ride

MTB-Etappenrennen: Brasil Ride 2016

Rennreport: Am Start beim Brasil Ride

  • Adrian Kaether
  • Igor Schifris
  • Pau Zamora Perez
 • Publiziert vor 5 Jahren

Brasilien ist nicht gerade als MTB-Hochburg bekannt. Doch schon seit 2010 existiert hier das größte Etappenrennen Amerikas. Zwei Spanier vom Buff Pro Team gingen beim Brasil Ride 2016 an den Start.

Brasilien. Da denken wir an Cocktails und Flip-Flops, an kilometerlange weiße Strände und braungebrannte Schönheiten in knappen Bikinis, an den Amazonas, den Regenwald, Fußball und die Christus-Statue von Rio. Zwar wurden dort im vergangenen August die Olympischen Spiele im Mountainbiken ausgetragen, doch als MTB-Hochburg ist Brasilien nicht gerade bekannt.

Allerdings gibt es schon seit 2010 ein großes Etappenrennen. Der Brasil Ride, der sich mittlerweile selbstbewusst als "größtes Etappenrennen Amerikas" bezeichnet und den Teilnehmern verspricht "mehr [zu sein] als nur ein Rennen, eine Etappe in deinem Leben". Der Fotograf Igor Schifris hat das spanische "Buff Pro Team" bestehend aus Pau Zamora Perez und Ortiz Barranco Antonio begleitet, die dem Versprechen des "Brasil Ride" dieses Jahr auf den Grund gegangen sind. Hier ihre Story.

Igor Schifris So kennen wir Brasilien: Paradiesischer Strand vor paradiesischer Kulisse.

„Wir haben das Rennen unterschätzt“

„Bevor wir dieses Jahr nach Brasilien kamen, hatten wir – wie wahrscheinlich die meisten Menschen – die üblichen Klischees im Kopf. Strand, Bikinis, Bananen. Man kennt das. Doch einiges hat sich seitdem geändert. Und wenn jetzt Brasilien im persönlichen Gespräch oder in den Nachrichten auftaucht, stellt sich plötzlich eine ganz andere, untypische Reaktion ein. Rein zu Präventionszwecken scheint das Laktat in die Oberschenkel zu schießen, die Schweißdrüsen stellen sich auf maximalen Durchfluss ein, sonstige Körperaktivitäten werden auf ein Minimum zurückgefahren. Ok, das ist jetzt vielleicht ein bisschen übertrieben, doch der Brasil Ride ist ein echt harter Brocken. Ein Brocken, den wir anfangs ganz gründlich unterschätzt haben.

Igor Schifris Nicht immer blieben alle im Sattel.

Kein Wunder, denn das Höhenprofil sah nicht nach Schinderei der Extraklasse aus. 600 Kilometer, 13000 Höhenmeter, sieben Etappen. Das ist guter Durchschnitt im Dschungel der Langstrecken-Rennen. Nach sechs Austragungen in der Region "Chapada Diamantina" (Plateau der Diamanten) im Bundesstaat Bahia, dessen Name nur von der Schönheit der Landschaft dort übertroffen wird, haben die Veranstalter das Rennen für die 2016er-Ausgabe in die Region Porto Segura (ruhige Bucht) an den Küstenort Arrajal d'Ajuda verschoben. Genau hier landeten am 22. April 1500 übrigens auch die ersten Europäer unter dem Kommando des Portugiesen Pedro Àlvarez Cabral, die damit Brasilien entdeckten.

Prolog: City-Cross-Country in Arrajal d'Ajuda

Der erste Eindruck vom Rennen: Es ist tatsächlich riesig groß und passenderweise gut organisiert. Die Teilnehmerzahl ist auf 500 Teams begrenzt, das macht tausend Fahrer, teilweise plus Support-Teams und Anhang. Zum Reinkommen wird am ersten Tag nur ein kurzer Prolog im Umkreis von Arrajal d'Ajuda veranstaltet. Der launige Kurs führt durch die engen Gassen der Altstadt, über die Stufen einer der ältesten Kirchen Brasiliens und über sandige Trails in der nahen Umgebung, teilweise mit Atlantik-Panorama. Die 21,1 Kilometer und 318 Höhenmeter bewältigen wir in knapp unter einer Stunde. Danach können wir ein bisschen entspannen und das Fahrerfeld kennenlernen. Die feuchte Hitze, die uns in den nächsten Tagen in die Knie zwingen wird, ist auch in Arrajal d'Ajuda schon deutlich zu spüren.

Schon am nächsten Tag aber geht es richtig los. Das euphemistisch als "Umzugsetappe" betitelte zweite Teilstück ist alles andere als entspannt. Zwar erwarten uns nur knapp über 2200 Höhenmeter, doch wir müssen stramme 128 Kilometer ins Landesinnere strampeln. An effizientes Kilometerfressen im Triathlon-Modus ist nicht zu denken. Ständig geht es auf und ab, immer wieder wird ein schneller Trail oder eine fiese Rampe eingestreut, so können wir weder dem Kopf, noch den Oberschenkeln eine kurze Pause gönnen. Fast sechs Stunden nach dem Startschuss erreichen wir völlig erledigt und dehydriert die Ziellinie in Guaratinga und fragen uns, was da noch kommen soll, wenn das nur die "Umzugsetappe" war.

3. & 4. Etappe: Physisch und mental eine echte Herausforderung

Unsere Erwartungen sollten nicht enttäuscht werden. Während der nächsten beiden Tage dient Guaratinga als Basis, von wo aus die Etappen drei und vier starten. Unsere Zeltstadt liegt an einer Art Oase, acht Kilometer vom Zentrum der namensgebenden Kleinstadt entfernt, irgendwo im nirgendwo. Ringsherum nur Felder, in der Ferne ein paar Berge. Aber die paradiesische Kulisse kann über die Schinderei der zwei Tage nur schwer hinwegtäuschen. Selbst ohne das Klima, das sich anfühlt wie in einer Dampfsauna und den Kreislauf auf eine harte Probe stellt, blieben pro Tag immer noch mehr als 90 Kilometer und mehr als 3000 Höhenmeter. Anständige Werte für eine Transalp-Königsetappe!

Igor Schifris Die Kulisse kann über die Plackerei nicht immer hinwegtäuschen.

Dazu immer wieder steile Schiebepassagen, beinharte Rüttelpisten, die den Fahrfluss stören, und schnelle, gefährliche Downhills. Auch die Bikes wurden nicht geschont und müssen unzählige Pfützen und einige Flussdurchfahrten über sich ergehen lassen: Gift für Lager und Antrieb, die die Tortur mit nervigen Knarzgeräuschen quittieren. Das Ganze dann auch noch im Renntempo – wir kämpfen mit allen Mitteln darum, uns in die Top 10 zu schieben. Auch die Profis werden beim Brasil Ride an ihre Grenzen getrieben. Wie man sich vorstellen kann, ist die Erinnerung an Details der Etappen lückenhaft, doch jedes Finish fühlte sich wie ein kleiner Sieg an.

Geblieben sind jedoch auch jede Menge guter Eindrücke, trotz all der Qualen, die Mensch und Maschine hier über sich ergehen lassen mussten. Ich erinnere mich an traumhafte Wege unter Platanen, an Trails durch endlose Kakaoplantagen, an das wundervolle Gefühl von kaltem Wasser auf meinem Kopf, an den Enthusiasmus der Einheimischen, die in jeder Siedlung die Strecke säumten und uns mit ihren Jubelrufen vorantrieben, an riesige schwarze Felsblöcke die malerisch den Weg säumten und uns zusammen mit der üppigen Vegetation mehr an ein Postkartenmotiv, als an die Wirklichkeit erinnerten.

Zurück nach Arrajal d'Ajuda

Auch über Etappe fünf, die zweite "Umzugsetappe" zurück nach Arrajal d'Ajuda, ist mir mehr Positives als Negatives in Erinnerung geblieben. Zwar waren die 134 Kilometer kein Zuckerschlecken, doch der "Avatar Trail" am Ende der Etappe war eine Flow-Dusche, die uns für die Strapazen mehr als ausreichend entschädigte. Mit dem Atlantik wieder vor Augen und der Gewissheit, dass das Schlimmste hinter uns lag, starteten wir in den vorletzten Tag.

Brasil Ride 2016

21 Bilder

Die sechste Etappe war ein Cross-Country-Rennen auf einem acht Kilometer langen Rundkurs. Vier Runden mussten gefahren werden, da der Kurs aber zum Großteil aus spannenden Trails bestand, kam keine Langeweile auf. Einziger Kritikpunkt hier: Der Start. Schon gut 100 Meter nach der Startlinie begann der Trail. Vor allem in den hinteren Reihen war der Stau damit vorprogrammiert. Aber gut, man kann nicht alles haben und die Trails waren so gut, dass selbst uns Profis der ein oder andere Freundenschrei über die Lippen kam.

Etappe 7: Grande Finale

Das Beste hatten sich die Brasil-Ride Veranstalter für den Schluss aufgehoben. 70 Kilometer und entspannte 1100 Höhenmeter mussten bewältigt werden, das meiste davon auf echten Mountainbike-Trails. Rauf und Runter, wellig und flowig und immer abwechslungsreich. Für mich die absolut beste Etappe und ein kleiner, positiver Nebeneffekt: Wir erreichten das Ziel nicht völlig ausgelaugt und konnten unseren zwölften Gesamtplatz gehörig feiern. Fast 29 Stunden saßen wir insgesamt beim Brasil Ride im Sattel, von den Erstplatzierten trennten uns am Ende drei Stunden.

Igor Schifris Der "Brasil Ride" ist kein Cape Epic. Aber nah dran.

Jetzt ist es jedefalls erst mal Zeit für die Winterpause. Das "Buff Pro Team" wird reorganisiert, manche Fahrer wechseln das Team und auch sonst gibt es einiges zu tun. Form halten, das nächste Jahr planen usw. Mein Brasil Ride-Partner Antonio wird nächstes Jahr nicht mehr in unserem Team fahren, doch unsere Freundschaft wird uns sicher noch zu dem ein oder anderen gemeinsamen Abenteuer auf dem Bike führen."

Lust bekommen? Hier geht's zur Website des Brasil Ride . Und hier Näheres zum Buff Pro Team.

Themen: BrasilienCenturion vaudeEtappenrennenSüdamerika


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