Auf den Spuren von Eddy Merckx Auf den Spuren von Eddy Merckx Auf den Spuren von Eddy Merckx

Mitgefahren: Belgian Mountainbike Challenge

Auf den Spuren von Eddy Merckx

  • Alexander Brempel Ballester
 • Publiziert vor 3 Jahren

Von Mallorca ins Radsport-verrückte Belgien: Unser Marathon-Blogger Alexander versuchte sich am dreitägigen Rennen der Belgian Mountainbike Challenge. Obwohl er ausschied, ist sein Blog lesenswert.

Im französischen Teil Belgiens bei einem Radrennen an der Startlinie zu stehen, bedeutet zuerst einmal Staunen über die muskulösen Keulen-artigen Waden der Konkurrenz. In Belgien, wo Radsport fast schon eine Religion ist, sind die Startblöcke der unzähligen Straßen-, Cyclocross- und Bike-Marathons so stark besucht wie sonst nirgendwo. Nicht allein Eddy Merckx, dem vom Volk ernannten Papst von Belgien, dessen Ruhm weit über den Horizont des Schmalreifen-Rennen-Zuschauers hinausgeht, sei dank, dass der Radsport hier tiefer Teil der Tradition ist.

Jeder hat irgendeinen Kumpel, Bruder, Onkel oder Nachbarn, der früher Rennen gefahren ist oder noch aktiv fährt. Man atmet Radsportgeschichte in jeder zweiten Kneipe des beschaulichen Örtchens La Roche-en-Ardenne ein, das in den letzten Monaten des Zweiten Weltkriegs schwer in Mitleidenschaft gezogen wurde. Wohin man schaut, findet man Radsporttrikots längst vergangener Zeiten an den Wänden und Pokale von wild ausgetragenen Rennen, von denen noch nie jemmand außerhalb Belgiens je gehört hat, auf der Fensterbank.

Privatfoto Mit seinem Specialized Epic ist Alexander für die wurzeligen Strecken in den Ardennen gewappnet.

Ich müsste es eigentlich besser wissen

Obwohl man meinen könnte, die Marathon-Etappenrennen in Gott-verlassenen Wüsten oder durch den Dschungel seien die schlimmsten, so täuscht der Eindruck oft. Bein den Abenteuerrennen gibt's auch eine große Menge mehr oder weniger durchtrainierte Bike-Abenteuerer, die trotz gutem Zug auf der Kette, lieber die Action-Kamera laufen lassen und – wenn sie dürften – statt eines Leichtbauhelms lieber eine Tropenhaube oder eine Legionärsmütze aufsetzen würden.

Hier, im Herzen Belgiens, geht es um knallharten Rennsport. Das Summen von unzähligen Rollentrainern, auf denen sich schmale, sehnige Belgier und Holländer auf Betriebstemperatur bringen, ist zwischen den schmalen Gassen von La Roche zu hören und lässt mich wieder einmal an meiner Mission zweifeln. Gerhard Schönbacher, der Ur-Vater der Crocodile Trophy, sieht mein besorgtes Gesicht und schlendert zu mir herüber, um mir einen Glücksbringer in die Trikottasche zu stecken, wobei er nebenbei die Konkurrenz mustert. Seinem Kennerblick zu urteilen nach sind die Jungs in meiner Startbox alle „überfressen“. „Schön vorne mit in die ersten Anstiege gehen“, das gibt er mir als gut gemeinten Ratschlag mit auf den Weg.

Der Startschuss knallt und alle guten Vorsätze sind sofort vergessen

Vollgas in den ersten Anstieg, schielend in die erste feuchte mit Wurzeln übersäte Abfahrt und gleich wieder den nächsten 50-Höhenmeter-Stich nach oben. Es läuft bis Kilometer 50 richtig gut. Man kann mit ein bisschen Übung seine Platzierung an der Gesichtsfarbe der Biker erkennen, die gerade neben einem sind. Grau-gelb heißt in diesem Fall:  Gut gestartet, aber den Gashahn zu spät zugedreht und den richtigen Moment des Eintauchens in den optimalen Leistungsbereich verpasst, um jetzt pompös in einem Feuerwerk der sich leerenden Glykogen-Speicher unterzugehen.

Veranstalter Zu schnell gestartet? Sieht nicht so aus.

Veranstalter Fast 3000 Höhenmeter stellten sich den Startern auf der 100-Kilometer-Etappe am zweiten Tag in den Weg.

Es geht rauf und runter wie in einer kaputten Achterbahn, die nie zum Stehen kommt. Über Felder und Wiesen, vorbei an hunderten von Kühen und blühenden Rapsfeldern. Eine echte Augenweide, wenn man von einer vertrocknetenm von Touristenscharen belagerten Insel kommt. Diese Ruhe auf den waldigen Trails, nur das Keuchen und Stöhnen der anderen Biker und hin und wieder das Aufheulen mit Matsch garnierten Bremse. Herrlich!

Im Zielbereich wartet ein alter Herr auf mich, den ich ewig nicht mehr gesehen habe. Aus Düsseldorf ist er über die Autobahn gebrettert, um mich anzufeuern. Er findet, ich sehe abgemagert aus. Als Marathon-Fahrer darf man das wahrscheinlich als Kompliment werten. Im Hostel angekommen treffe ich auf Brams, den belgischen Nachwuchs-Marathon-Crack. 17 ist der Junge heute geworden. Seine Eltern präsentieren mir ihren jungen Sprössling, als wäre er ein frisch geputztes Carbon-Bike. Seine Mutter, Anfang fünfzig mit sportlicheren Beinen als meine, ist vor Jahren selbst Rennen gefahren. Nun kümmere sie sich nur noch um die Karriere von Brams, erzählt sie. Der Vater zieht für die zweite Etappe Regenreifen aufs Bike, während die Mutter die Wäsche auf die Leine hängt und das Massageöl aus dem Kofferraum holt. Von so einen semi-professionellen Betreuer-Stab wie Brams ihn hat, kann ich nur träumen.

Jan Geys Bei den Profis siegte der Niederländer Sören Nissen mit fünf Minuten Vorsprung in der Gesamtwertung.

Wenigstens gibt es günstige Waffeln direkt ums Eck

Am zweiten Tag treffe ich auf die Teilnehmer der Crocodile Trophy, ganze 15 an der Zahl. Zur Crocodile Trophy gehören ab diesem Jahr auch die Alpentour Trophy in Schladming und die Belgian Mountainbike Challenge (BeMC) . Mein australischer Wegefährte Blake ist extra aus Mackay 15000 Kilometer nach Brüssel geflogen, um sich auf der zweiten Etappe bei einem brutalen 100-Kilometer-Ritt über 3000 Höhenmeter wieder ein Duell mit mir zu liefern. Solche Momente des Wiedersehens machen den Reiz dieser Rennen für mich aus. Es ist diese ganz besondere Art von Bikern, die man bei solchen Events trifft. Sie sind die Basis der Bike-Bewegung. Ohne ihr Herzblut – trotz Null-prozentiger Siegeschancen – hunderte, wenn nicht gar tausende Euro zu bezahlen, um in fremden Ländern auf schottrigen Wegen Schweiß und manchmal auch ein bisschen Blut zu vergießen, würde es diese Art von Veranstaltungen gar nicht geben. Es sind diese unheilbar vom Etappenrennen-Virus infizierten Typen, von denen es auf der Welt wahrscheinlich nur ein paar tausend gibt, die der Sache wieder einen Sinn geben.

Privatfoto Begegnung mit alten Bekannten: Alexander (Mitte) trifft sich mit Rennfahrer-Kollegen, die er bei der Crocodile Trophy letztes Jahr kennengelernt hat.

Privatfoto Nervennahrung nach dem Rennen: Neben Bier ist Belgien auch für seine Fritten bekannt.

Wir sitzen abends nach der hammerschweren zweiten Etappe mit ramponierten Beinen am Tisch und sprechen über die Rennen, die wir dieses Jahr noch fahren wollen. BC Bike Race, BIKE Transalp, La Ruta de los Conquistadores, ach ja und einen neuen Laufradsatz mit 30 mm Innenmaulweite brauchen wir ja auch noch. Diese Selbstverständlichkeit, tausende Dollar zum Bike-Händler des Vertrauens zu tragen und den kompletten Jahresurlaub zu opfern, finde ich höchst sympathisch.

Weit weg von dem täglichen „Larifari“ des „ich bin müde“, „vielleicht nächste Woche“, „hab' zu viel zu tun“, etc. Hier gibt es nur ganz oder gar nicht!

Ich muss zugeben, das ich mich nach diesem Wochenende mit den Marathon-Yonkis, von denen ich weiß, dass ich sie in irgendwelchen Zweite-Welt-Ländern in Lycra gehüllt wiedersehen werde, ein bisschen normaler fühle.

Und deshalb sind solche Reisen wie zur Belgian Mountainbike Challenge immer eine Reise wert, auch wenn die Form nicht stimmt und die Platzierungen nicht wie gewünscht ausfallen.


Bis zum nächsten Mal, Mucho Gas!
Alexander

Veranstalter Alexander ist auf Mallorca zuhause, für Etappenrennen zieht es ihn in die entferntesten Ecken der Welt.

Themen: BelgienBlogEtappenrennenMarathon


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