Marathon-Blog 2017: Vorbereitung

Anschlag auf die Kilometer-Bier-Balance

  • Alexander Brempel Ballester
 • Publiziert vor 4 Jahren

Marathon-Weltenbummler und BIKE-Blogger Alexander aus Mallorca hat sich dem Titan Desert und der BIKE Transalp gestellt. Doch 2017 will er in den DIN A4-Olymp der Ergebnislisten. Eine Illusion?

Saison 3.0

Nach längerer Abstinenz vom Rennzirkus und Bloggen bin ich wieder da. Nach ein paar wirklich fantastischen Rennen wie dem Andalucia Bike Race und dem Titan Desert , bei der es am Ende eher ums Überleben als die Platzierung ging, wollte ich die Saison 2016 mit einem Knaller abschließen. Der BIKE Transalp . Sechs Monate als Tourenguide und 25 Marathons in einem halben Jahr können die Form ganz schön in den Keller rauschen lassen – auch wenn mancher Trainingsfetischist das Gegenteil behaupten mag. Mein bärenstarker und nicht gerade solidarischer „Teampartner“ ließ mich die ersten beiden Tage auf 2500 Meter an seinem Hinterrad eine Atemnot nach der anderen durchleiden. Nach drei Etappen mit fixiertem Blick auf seine rot eloxierte Easton-Hinterradnabe wurde mir klar, dass ich so schnell wie möglich raus musste aus den Schweizer Alpen und ich mir unter keinen Umständen jemals ein Easton-Laufrad mit rot eloxierter Nabe kaufen würde.

Am Hinterrad leidend, bei der Königsetappe der BIKE Transalp 2016.

Die für November geplante Titan Tropic Cuba, die von denselben katalonischen Jungs geschmissen wird wie das Titan Desert, stand lange auf der Kippe und fand am Ende ohne mich und Commandante Fidel Castro statt. So habe ich mir für 2017 eine Menge vorgenommen und werde auf der BIKE-Website wieder von ein paar Rennen berichten.

Es wird eine Art Saison 3.0. Meine Saison 1.0 erlebte ich noch mit haarigen Beinen, Waschbärbauch und bei der BIKE Four Peaks bin ich tausend Tode gestorben. Die Saison 2.0 war gespickt mit Mutproben, Wüstenrennen und 15-stündigen Bike-Touren. Alles fokussiert auf das Ziel, beim Titan Desert zu finishen, um am Flughafen mit der Finisher-Medaille um den Hals am Air Europa-Schalter einzuchecken.

Die Saison 3.0 soll anders werden. Ehrgeiz hat sich in mein Leben und meinen Trainingsalltag geschlichen und hier fangen die echten Probleme auf zwei Rädern an. Es ist cool mit einem 140-Millimeter-Fully und Camelbak bei einem Etappenrennen anzutanzen. Locker lässig abends zwei Bier zu trinken und über Pulsuhren und rasierte Waden zu lästern. Das man sich im Ziel durch 15 Meter lange DIN A-4 Seiten mit Ergebnissen blättern muss, um seinen Namen zu finden, muss einem dabei egal sein. Aber das ist es mir in der Saison 3.0 nicht mehr. Abends ins Bett zu gehen mit vier Blättern Salat und zwei Gläsern Wasser im Magen ist die andere Seite des Marathon-Lifestyles. Obwohl ich davon keine Ahnung habe, muss es ein geiles Gefühl sein, vom Start weg mit den Normalsterblichen zwischen Platz 20 und 100 mitzuhalten. Vorne, wo das Herz des Rennens schlägt, in Gruppen mitzufahren, in denen es um etwas geht. Und sich zu pushen, im Wissen auf dem DIN A4-Olymp seinen Nachnamen weit vorne wieder zu finden. Machen wir uns nichts vor. Egal wie viel Eisbergsalat wir nach Sonnenuntergang essen und wie lang unsere Wochenendtouren mit hoher Durchschnittsgeschwindigkeit sind: Am Hinterrad eines germanischen Tretgottes wie Karl Platt zu schnuppern, während es in Spitzkehren volle Lotte Richtung Wolken geht, werden wir wohl nur in einem saftig bezahlten Aufenthalt in einem Resort-Hotel mit Profis als Gastschauspieler erleben.

Die Fragen, die ich mir diesen Winter gestellt habe, lauten: Wie viel ist drin? Was können meine Beine leisten, mein Herz, meine Lungen? Wie viel Schmerzen halte ich aus? Wie viele Kartoffelchips kann ich in der Tüte lassen, um die ganzen anderen, die das auch schaffen, während des Rennens in ihre Schranken zu weisen? Und die wichtigste Frage: Macht es Sinn, sich so zu schinden und sein Essen abzuwiegen, um in den DIN A4-Charts nach dem Rennen einen schicken Platz einzunehmen? Gehen Leistungsmess-Kurbeln und Gramm-Waage nicht total gegen die Tom Ritchey-Mentalität, mit guter Laune und roten Backen durch den Wald zu cruisen?

Nach einer harten Trainingseinheit zu Winterbeginn mit ausgezehrten Mallorquinern, bei der ich so abgeschlagen in der Kneipe ankam, dass im Oliventeller nur noch Kerne lagen, wusste ich, dass ich diese Saison ein gefährliches Experiment starten wollte.

Der Meister: Toni Tauler mit Katze und Maillot Jaune.

Training…

Am nächsten Nachmittag gab mir ein befreundeter Shop-Besitzer die Handynummer von Toni Tauler, einem Ex-Profi und dreimaligen Finisher der leibhaftigen Tour de France. Wenn jemand etwas von Training, Wattwerten und anaeroben Schwellen versteht, dann jemand wie er, der durch die Hölle von Roubaix und Alp d'Huez und zurück geritten ist. Er würde meine Kilometer-Bier-Balance wieder herstellen. Mit weinerlicher Stimme erzählte ich ihm vom Oliven-Desaster mit den Mallorquinern und er lud mich am nächsten Tag in sein Fahrrad-Gym ein. Ich staunte nicht schlecht an diesem regnerischen Oktobertag, als ich in seinem Haus mitsamt zum Watt-Zuchthaus getunten Garage auftauchte. Und überall ausgemergelte Jungs mit beeindruckeden Waden auf surrenden, blauen Tacx-Rollentrainern. Dort gab es verschiedenste Beinpressen wie in einer modernen Folterkammer und an einer Wand direkt hinter seinem Schreibtisch ein echtes gelbes Trikot in all seinem Glanz.

Watt-Party mit Juan Carlos Riutort  vom Team BH Burgos.

Drei Monate Knechtschaft habe ich nun hinter mir. Intervalltraining auf der Rolle: Fünf Minuten 200 Watt, fünf Minuten 270 Watt – und das stundenlang mehrmals die Woche. Ich habe also was getan, um vom Grubengaul zum Rennpferd zu werden – wenigstens ein bisschen. Wenn man jemandem Geld in die Hand drückt, der so verrückt ist, in drei Wochen 3500 km und 40000 Höhenmeter zu fahren, will man, dass er einem zeigt, wo es lang geht! Benommenheit und Schwindel sind auf einer freien Rolle schwierig zu handhaben. Kein Bier und Finger weg von jeglicher Form von Schokolade. Sadismus nenne ich so etwas. Toni nennt es Liebe zum Sport. Einige Samstagabende habe ich mit diesem Fitness-Goliath Seite an Seite auf einer surrenden Rolle verbracht. Er freihändig am Handy mit 100 Watt mehr auf dem Pedal als ich. Im Fernsehen lief Western mit Terence Hill und Bud Spencer. Sein Labrador Luna kam hin und wieder mal rein, um uns schräg anzugucken. Als die Rollen bei harten Intervallen dann dröhnten, könnte ich schwören, Luna mit dem Kopf schütteln gesehen zu haben. Bei all dem Sportler-Getue habe ich trotzdem die ein oder andere Flasche Rum geköpft und darauf geachtet, damit ich keiner dieser peinlichen Sportler werde, die sogar zum Grillabend mit Kompressionsstrümpfen und Funktionsunterwasche auftauchen.

Erster Formtest: La Santa 4 Stage Race Lanzarote

Anfang Februar geht das 4 Stage La Santa auf Lanzarote los. Ein Etappenrennen über schwarzen Lavasand mit kurzen, knackigen Etappen und einer Menge lockerer Kanarios, die braun gebrannt so richtig an der Kurbel ziehen, und Mitteleuropäern, die ein bisschen Wettkampf und Sonne nach einem kalten Winter echt gut gebrauchen können. Letztes Jahr gewann Karl Platt knapp vor dem Dänen Sören Nissen und dem Spanier Trujillo vom Berria Factory Team. Am letzten Abend saßen die Rivalen locker am  Nachbartisch und bestellten Rioja. Eine erste Offenbarung, dass Top-Leistung und genußvoller Lifestyle sich nicht komplett beissen?! Ich bin gespannt, was drei Monate Watttraining gebracht haben und freue mich auf das exotische, halb verlassene Lanzarote.

Alexander Brempel Ballester, 27 Jahre, lebt auf Mallorca und ist vom Marathon-Virus infiziert.

Gehört zur Artikelstrecke:

Marathon-Blog 2017


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  • Marathon-Blog 2017: Vorbereitung
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Themen: BlogEtappenrennenMallorcaMarathonRennbericht


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