BIKE Header Campaign
La Santa 4 Stage Race Lanzarote La Santa 4 Stage Race Lanzarote

La Santa 4 Stage Race Lanzarote

Im Renntempo über einen wilden, staubigen Diamanten

Alexander Brempel Ballester am 21.02.2017

Mit dem La Santa-Etappenrennen auf Lanzarote hat BIKE-Blogger Alexander seine Saison 3.0 eröffnet. Ein Bericht über kanarische Lavapisten, drei Carbon-Bikes leichte Kletterflöhe und Peloton-Kämpfe.

1. Etappe: UCI-Status = glühende Waden

Training, angeordnet in hoher Dosis, mit Watt und dem ganzen sportwissenschaftlichen Pipapo bringt was! Jede Maßnahme trägt schließlich irgendwann Früchte. Auch ohne Bier und Schokoladen-Abstinenz kann man schon einen großen Schritt nach vorne machen. Letztes Jahr war ich auf der identischen, mit Sandbänken gespickten Rüttelpiste beim La Santa-Etappenrennen auf Lanzarote satte 15 Minuten länger unterwegs! Im vergangenen Jahr wäre ich mit meiner Zeit ein paar DIN A4-Seiten weiter vorne gelandet.

Bei seiner 15. Austragung im Jahr 2017 ist das viertägige La Santa-Rennen zum UCI 2.1-Rennen aufgestiegen, quasi in die zweite Liga der Marathon-Spießrutenlauf-Events. Das Level ist enorm hoch. Die Biker, die sich in den Top 100 bewegen, sehen fast alle nach Podiumfahrern bei kleineren Events aus. Ich bin trotz maximalem Zug auf der Kette nach zwei Stunden Gehechel über kanarische Karrenwege mit drei kämpferischen Mädels und einem Österreicher mit besorgniserregendem Leichtbau-Fully durch den Zielbogen gerollt. Weit hinter dem mit Venen überzogenen vorderen Drittel. Die letzten Kilometer der Etappe ging es über einen brachialen Trail aus aufgeborstenen Lavaplatten. Unglaublich, was manche Fahrer auf diesem Teilstück an Equipment verloren haben. Man hätte damit locker einen kleinen Bike-Shop ausstatten können. Das haben die UCI Punkte-geilen Maschinen von ihrem Speed!

La Santa 4 Stage Race Lanzarote

Wie hier auf der zweiten Etappe findet man sich auf Lanzarote oft in einer Mondlandschaft.

Im Ziel bin ich dem Podest-Kandidaten Sören Nissen über den Weg gelaufen, der wieder einmal auf dem zweiten Platz gelandet ist, aber versprochen hat, morgen wieder am Anschlag zu fahren. Ich gehe davon aus, dass seine Lauf-Gabel nicht die optimale Wahl für diese Bandscheiben-Killerpisten ist. Viele der Favoriten, so wie der spanische Etappensieger Sergio Mantecon vom Trek Factory Racing Team, haben sich auf dem Race-Fully sicher wohler gefühlt. Meine Handgelenke können die Lavabrocken der nächsten Tage zumindest kaum erwarten.

La Santa 4 Stage Race Lanzarote

Ausspannen im Club La Santa am Strand.

Zweite Etappe: Windkante 2.0

Ich habe bei Etappenrennen, bei denen das morgendliche Aufstehen Tag für Tag unsäglicher wird, immer die schwache Hoffnung, dass mit dem Verstreichen der Tage die Ego-Kämpfe am Berg ausgefochten sind und jeder ein bisschen rausnimmt, so dass man halbwegs komfortabel durchs Gelände rollt. Ohne mit verschwommenem Blick bei 50 km/h auf Schotterpisten seine Gräten zu riskieren. Heute wäre fast so ein Tag gewesen, wenn kein brutaler Seitenwind erst den Zielbogen und danach das komplette Fahrerfeld fast von der Insel geblasen hätte.

Nach den ersten Kilometern auf Asphalt, bei denen ich mich im Herz eines unkontrolliert bremsenden und immer wieder hart antretenden, fluchenden Pelotons versteckt gehalten habe, ging es auf dem ersten erkalteten Lavastrom voll zur Sache. Durch die ständigen Kurven und den irregulären Boden wechselte ich ständig die Linie, von links nach rechts und wieder zurück. Wo der tiefe Lavasand anfängt, ist die gut fahrbare Spur quasi zu Ende. Bei einer Windstaffel, bei der die Fahrer leicht versetzt hintereinander fahren, verliert der letzte Fahrer viel Kraft und Positionen, da er einfach keinen Platz mehr hat für den nächsten Fächer. Zwei Dinge, die man unbedingt vermeiden will und so steigt das Gedränge und der Stresspegel in ungesunde Höhen. Fein war die Etappe trotzdem, Lanzarote ist ein wilder staubiger Diamant. Bei dem Chaos konnte ich die Bikes der anderen Starter kaum begutachten. Doch das ist eigentlich mein Zeitvertreib Nr.1 im Rennen.

Gestern im Fahrerlager hat mir der bekannte Profi-Mechaniker Jorge Delgado ein paar Bikes der Topleute gezeigt, die zum Teil mit schicken Spezial-Set-Ups den sandigen Pisten die Stirn bieten. Trotz dem ganzen wilden Gestrampel auf dem Bike kann man es hier auf Lanzarote ganz gut aushalten.

La Santa 4 Stage Race Lanzarote

Zu Besuch beim Profi-Mechaniker Jorge Delgado.

Dritte Etappe: Bergzeitfahren Pico de la Nieves

Heute sind wir die für mich schönste Etappe des Rennens gefahren. Ein Zeitfahren über 21 Kilometer, 800 Höhenmeter vom coolen Surfer-Städtchen Famara rauf zum Pico de las Nieves. Die Strecke hat wirklich alle möglichen Arten von Steigungen zu bieten. Von Asphalt-Serpentinen, grobschottrigen breiten Rumpelpisten bis zu über 30 Prozent steilen Trail-Passagen, die einen alle fünf Sekunden panisch zum Schalthebel greifen lassen, um wieder und wieder festzustellen, dass die Kassette längst auf dem größten Ritzel läuft und der nächste Zentimeter nach links die Kette nur schmerzvoll in ein langsam drehendes Laufrad werfen würde.

La Santa 4 Stage Race Lanzarote

Am Famara Beach, im Hintergrund der Pico de las Nieves, auf den das Bergzeitfahren hinauf führte.

Es geht über zwei Ebenen, erst am Hang entlang acht Kilometer relativ steil hinauf, danach in einen von gemeingefährlichen Kakteen bewohnten Trail auf die andere Seite des Bergkamms und schließlich etwas flacher mit Gegenwind Richtung Wetterstation. Nach zwei kurzen, aber schnellen Etappen den Motor wieder hochzufahren, das ist gar nicht so einfach. Normalerweise starten beim Zeitfahren die in der Gesamtwertung geführten Fahrer in umgekehrter Reihenfolge. Der letzte zuerst gegen 9:00 Uhr, Sergio Mantecon, der Leader der Gesamtwertung, dann gegen 12:15 Uhr. So bewahrt man sich das Spektakel bis zum Schluss auf. Diese Austragungsform kommt eigentlich vom Straßenradsport. Die im Gesamtklassement relevanten starten so gegen Mittag. Zur besten Fernseh-Sendezeit, was bessere Einschaltquoten garantiert. Zu Jan Ullrichs besten Zeiten wurde in so manchen Betrieben an entscheidenden Juli-Nachmittagen kurz die Arbeit niedergelegt. So einen Status werden selbst die unverschämt fitten Jungs, die das La Santa auf Lanzarote dominieren, wohl nie erreichen.

Bei der diesjährigen Austragung wurde zwar wie gehabt nach der Gesamtwertung gestartet, aber in getrennten Kategorien. Ich durfte als einer der letzten Elite-Fahrer zwar ausschlafen, hatte dafür aber den nach Powerbar riechenden Atem der 50 besten Piloten im Nacken. Ein gewaltiges Spektakel von 450 Watt tretenden Typen überholt zu werden. Ich war mittendrin statt nur dabei: Als leidender, rasender Reporter live dabei beim Kampf der Titanen. Die wirklichen großen Jungs haben mich zwei Kilometeter vor dem Ziel eingeholt. Der portugiesische Marathon-Meister David Rosa hat seinen 1,50 Meter großen, keine drei Carbon-Bikes schweren Körper im Wiegetritt auf dem zweitkleinsten Ritzel fahrend an mir vorbei gepresst als wäre ich ein verdorrter Kaktus am Wegesrand. Ich habe sogar extra einen Gang rausgenommen, um den nervigen Tunnelblick bei Puls 178 los zu werden und nichts zu verpassen. 100 Meter vorm Ziel hatte ich sogar die Frechheit, den laut schnaufenden schwedischen Sunnyboy Calle Friberg, 13. der Gesamtwertung und fast 20 Minuten nach mir gestartet, anzugreifen.

La Santa 4 Stage Lanzarote 2017

Der portugisische Meister und Kletterfloh David Rosa.

La Santa 4 Stage Race Lanzarote

Im Ziel der dritten Etappe, den Atem der Profis im Nacken.

Das Resultat kann man sich ja denken. Das es am Ende 200 Höhenmeter mehr waren – geschenkt. Zurück vom Pico de las Nieves habe ich mit ein paar anderen Jungs eine „Abkürzung“ genommen, die uns im Riesenbogen bei vollem Gegenwind fast auf die andere Seite der Insel führte. Fast 30 Kilometer extra standen am Ende auf meinem Tacho.

Der Trail und Sandbank-Anteil wird morgen weitaus höher sein und mein Magen steht vor lauter englischem Hotelfutter kurz vor der Revolte.

Vierte Etappe: die XL-Stage

Wer seine Königsetappe mit der aus der Textilindustrie stammenden übergroßen Buchstabenkombination etikettiert, kann nur Böses im Schilde führen. Diese 87 Kilometer lange Etappe ist der totale Hammer. Das hatte ich vor lauter Rennen im Vorjahr echt verdrängt. Wüstenpanoramen und Jeep-Pisten, 100 Prozent Titan Desert-Feeling, Dehydration bei 27 Grad um kurz nach zehn Uhr inklusive!

Außer für die mit UCI-Punkten bestückten Fahrer gibt es beim La Santa keine getrennten Startblocke. Das bedeutet: Wenn man vor Etappenstart noch einmal kurz hinterm Gebüsch verschwinden muss, hat man gute Chancen, 150 Biker vor sich zu finden, die hinter einem platziert sind. So lange Etappen kann man nicht mit voll aufgedrehtem Motor angehen wie eine 40-Kilometer-Etappe. Trotzdem macht es Sinn, sich so weit wie möglich nach vorne zu mogeln, um beim ersten Trail-Einstieg oder Engpass wenigstens ungefähr mit den Leuten im Peloton zu sitzen, die man von den anderen Tagen kennt. Also die, deren Tritt, Schaltwerkmodell und Trikot-Aufdruck man zum Zeitvertreib studiert hat.

Bei mir ist das heute ein bisschen schief gelaufen. Kein Grund sich in den Hintern zu beißen, es geht schließlich darum, sich und seinen Körper auszuwringen und den Spaß an dem Gehetze. Trotzdem habe ich ein wenig doof aus der Wäsche geguckt, als ich nach den ersten 15 rasenden Kilometern kaum bekannte Gesichter im Sichtfeld hatte. Ich bin auch die anderen Tage relativ weit hinten gestartet, hatte aber immer die Beine gehabt, um mich aus dem Schlamassel rauszukurbeln Richtung Mittelfeld. Mit verkorkstem Magen und wunden Beinen war das heute nicht drin.

Der Trail vom höchsten Punkt der Etappe, bei der geisterhafte Quellwolken über den Bergkamm wehten, die über unsere nassgeschwitzten Körper wie ins Kühlfach gesteckte Wattebällchen gestreift sind, war der Kampf um die gute Platzierung in der Gesamtwertung endgültig gegessen. Besagter Trail wäre wegen seinem sanften Gefälle vielleicht sogar als Flowtrail durchgegangen. Aber nur ohne die messerscharfen, Tennisball-großen und in Unmengen vorhandenern Lavabrocken. Für meine ausrangierte Federgabel, die mir der Radladen kurz vor Abflug wegen einem Defekt an meiner nagelneuen Fox 32 SC noch eingebaut hatte, war das Gerüttel einfach zu viel. Durch die fehlende Lockout-Fernbedienung konnte ich auch nicht den niedrigen Luftdruck fahren, den ich gewohnt bin, weil ich sonst im Wiegetritt wie ein Wahnsinniger über die Pisten gewippt wäre.

Vorm Ziel die bekannten Dünen und versandeten Pisten. Zeit, etwas Druck vom Pedal zu nehmen und ein geniales Etappenrennen noch einmal im Kopf Revue passieren zu lassen. Lanzarote im Februar ist bei der Wetterlage, wie wir sie diese Woche hatten, der Knaller. Selbst für jemanden, der auf Mallorca lebt, sind Füße im Wasser, Eis am Stiel und schwedische Surfergirls nicht selbstverständlich. Durch den gehobenen UCI-Status ist das Level enorm gestiegen, trotzdem geht es familiär zu.

Heute Abend ist Finisherparty, wie immer meine Lieblingsetappe.

La Santa 4 Stage Lanzarote 2017

Trek-Pilot Sergio Mantecon wurde seiner Favoritenrolle gerecht und gewann die Gesamtwertung.

La Santa 4 Stage Race Lanzarote

Meine Lieblingsetappe: die Finisher-Party samt Siegerehrung.

Im März geht es weiter an die Algarve.

Bis dahin, mucho gas!
Alexander

La Santa 4 Stage Race Lanzarote

Vor dem Start zum Bergzeitfahren ist noch Zeit, ein paar Zeilen für den Blog zu schreiben.

Alexander Brempel Ballester am 21.02.2017