Folgenschwerer Rampage-Sturz von Paul Basagoitia

Rampage: Paul Basagoitia droht Querschnittslähmung

  • Stefan Loibl
 • Publiziert vor 5 Jahren

Der Sturz von Paul Basagoitia bei der Rampage 2015 scheint ein trauriges Nachspiel zu haben. Der US-Amerikaner spürt seine Beine nicht mehr. Das wirft die Frage auf: Ist die Rampage zu gefährlich?

Die Red Bull Rampage 2015 ist längst vorbei, doch die Mountainbike-Welt diskutiert noch immer wild darüber. Zum einen über die Punkte-Bewertung der Judges, zum anderen über die vielen Stürze. Anlass ist der kapitale Crash von Paul Basagoitia bei seinem Run, bei dem er sich den 12. Brustwirbel brach. Viele Fahrer stürzten bereits im Training oder in der Quali und mussten sich das Finale auf Krücken gestützt oder per Live-Stream vom Krankenhausbett aus anschauen. Beim Sturz von Nicholi Rogatkin im Training blieb vielen der Mund offen stehen, das Sturz-Video ging durch die sozialen Netzwerke.

Das Video von Rogatkins Sturz betitelte Red Bull auf seiner Website als „härtester Sturz der Rampage-Historie". Mittlerweile wurde der Artikel und das Video aber entfernt.

Beim Finale dann ein ähnliches Bild: Der Franzose Antoine Bizet überraschte mit einem trickgeladenen Lauf, stürzte bei einem der letzten Sprünge allerdings so hart, dass er sich den Arm brach. Paul Basagoitia glänzte mit einer gewagten Linie, geriet nach seiner Landung ins Schlingern und explodierte förmlich in einer Rauchwolke. Folge: ein gebrochener Brustwirbel. Wenig später wünschten ihm viele seiner Fahrerkollegen Genesungswünsche. Auch sein Kumpel Cam Zink:

Basagoitia wurde nach seinem Sturz sofort in Krankenhaus geflogen und dort neun Stunden lang operiert. Davon bekamen die Zuschauer des Live-Streams aber nichts mit, denn Red Bull zeigte die Bilder der Helicopter-Rettung nicht. Seine Beine spürt der fünfmalige Rampage-Teilnehmer immer noch nicht. Momentan wird Basagoitia im Krankenhaus von Experten behandelt. Die Fahrer haben unter dem Hashtag #irideforpaul eine Spendenaktion für Paul Basagoitia eingerichtet. Mit diesem Geld sollen die teuren Reha-Maßnahmen bezahlt werden, die auf Basagoitia und seine Familie jetzt zukommen. Denn selbst die beste Versicherung schließt nicht alle nötigen Behandlungen mit ein. Basagoitia kämpft, um wieder auf die Beine zu kommen. Über Facebook verschickte er diese Nachricht vom Krankenbett:

Ist die Rampage zu gefährlich?

Diese Stürze werfen natürlich eine Frage auf: Ist die Rampage zu gefährlich geworden? Allerdings ist diese Diskussion nicht neu. Jedes Mal, wenn die inoffizielle Weltmeisterschaft der Freeride-Mountainbiker von schlimmen Stürzen überschattet wird, kommen solche Zwischenrufe. Zwischen 2005 und 2007 wurde das Freeride-Event sogar ausgesetzt, seit 2012 findet die Rampage aber wieder jährlich statt. Auf das Spektakel, die Fernsehaufnahmen und extremen Fotos will der Brausehersteller als Veranstalter anscheinend nicht verzichten. Im Internet wird derzeit heftig diskutiert, wer denn nun Schuld ist? Red Bull als Veranstalter? Die Medien, die nur ausführlich berichten, wenn die Sprünge noch höher, weiter und gefährlicher sind als zuvor? Oder die Fahrer, die für ein paar Dollar ihr Leben leichtfertig aufs Spiel setzen?

Wenige Sekunden vor dem Sturz: Hier hatte Paul Basagoitia noch alles unter Kontrolle.

Unter dem Hashtag #fuckrampage beziehen Kritiker des Freeride-Spektakels in den sozialen Netzwerken und Blogs klar Stellung gegen die Rampage und Red Bull. Angestoßen dazu hatte Basagoitias Kumpel Cam Zink, der selbst Sechster wurde und dieses Kürzel in seinen Genesungswünschen für Paul Basagoitia verwendet hatte. Bei Red Bull scheint die Werbemaschinerie dagegen so weiterzulaufen, als wäre nichts passiert. Die Wiederholung läuft weiterhin auf Red Bull TV, die deutsche Website verliert nicht mehr als „Gute Besserung“ über Paul Basagoitia. Nur auf der US-Website von Red Bull findet sich eine kurze Meldung zum Gesundheitszustand und der Spenden-Aktion. BIKE hat bei einem nachgefragt, der bis auf eine Ausnahme seit 2004 jede Rampage live vor Ort miterlebt hat: Tarek Rasouli, der Inhaber von Rasoulution arbeitet viel mit Athleten und Red Bull zusammen. Er selbst kennt Paul Basagoitia gut.

Tarek Rasouli: „Nicht gefährlicher als früher"


BIKE: Das Netz diskutiert nach einigen Stürzen über die Rampage. Ist die Rampage gefährlicher als früher?
Tarek Rasouli: Die Rampage fand dieses Jahr zum 10.Mal statt und meines Erachtens ist nicht der Event als solches gefährlicher als in den früheren Jahren, jedoch pushen sich die Fahrer natürlich immer mehr. Das fahrerische Level steigt enorm in Sachen Tricks, großen Sprüngen und schwierigen Lines, die sich die Athleten selbst schaufeln.


Die Sprünge werden immer schwieriger und höher. Wie kann man als Veranstalter da noch für die Sicherheit garantieren?
Ich kann nicht direkt für den Veranstalter sprechen, aber aus meiner Erfahrung steht für Red Bull die Sicherheit der Fahrer immer an höchster Stelle. Als Profi-Sportler weiß man, dass es auch mal schlimmere Unfälle geben kann, sogar wenn du zu den besten Mountainbikern der Welt gehörst. Das weiß ich zu gut aus eigener Erfahrung. Leider kann man bei solchen Sportarten niemals für 100-prozentige Sicherheit sorgen! Jedoch wenn man sich die Entwicklung ansieht, wurden die großen und gefährlichen Features bereits letztes Jahr reduziert. 2013 hatte Cam Zink den größten Backflip-Drop der Bike-Geschichte gezeigt. Danach hatte man entschieden, solch ein Feature überhaupt nicht mehr seitens des Veranstalters zu bauen. Wenn dann ein Rider sich eine Line mit so einem Drop selbst bauen würde, wäre es seine Entscheidung und vom Veranstalter aus nicht gepusht bzw. im Kurs direkt angeboten. Meines Erachtens zählt das gleiche für das Canyon Gap, das in der Vergangenheit eine anspruchsvollere Anfahrt hatte und dann auch eine wesentlich kleinere Landung. Nun hat man das optimiert und bei diesem doch sehr großen Sprung ist nichts Gravierendes passiert!


Muss man die Veranstaltung nach solchen Stürzen überdenken bzw. etwas ändern?
So wie ich Red Bull kenne, werden sie sich wie jedes Jahr mit den erfahrendsten Athleten und der sportlichen Leitung zusammensetzen, um den Event weiter zu entwickeln. Bestimmt wird man auch auf das Thema Sicherheit eingehen, um zu sehen, ob Anpassungen einen Unterschied machen können. Fakt ist, dass man die Progression der Athleten nicht aufhalten kann. Einen Double-Backflip-Versuch an einem großen Sprung gab es bisher noch nie, doch dieses Jahr schon. Ich bin mir sicher, dass jeder Rider einfach sein Bestes zeigen möchte, weil es der einzige Event dieser Art ist, obwohl sich die Fahrer mehr Rampage-artige (Big Mountain)-Events wünschen!


Wie geht man von Seiten des Veranstalters mit dem Sturz von Paul Basagoitia und den schwerwiegenden Folgen um? Welche Hilft kann er erwarten?
Es ist definitiv keine einfache Situation. Doch Red Bull wird Paul sicherlich in verschiedener Art und Weise bei seiner Reha helfen. Red Bull kümmert sich immer am meisten um Athleten und deshalb werden sie Paul sicherlich so gut wie möglich unterstützen. Ich weiß, dass Athletenbetreuer von Red Bull schon ihm im Krankenhaus zu Besuch waren.

Stürze gehören zur Rampage-Historie

Für die Fahrer ist die Einladung zur Rampage wie ein Ritterschlag. Nur die besten Freeride-Mountainbiker und Slopestyle-Profis dürfen überhaupt antreten. Wer auf dem Treppchen landet, kassiert zwar kein Millionen-Preisgeld – insgesamt werden unter den Rampage-Finalisten nur 100.000 Dollar ausgeschüttet –  doch es winken lukrative Werbe- und Sponsorenverträge für die nächsten Jahre. Die Fahrer kennen das Risiko, auf das sie sich einlassen, aber riskieren trotzdem Kopf und Kragen, wenn ihre Sprünge schief gehen. Aber haben sie eine andere Wahl? Liegt es an den Fernsehbildern, die in die ganze Welt gesendet werden? Der erste Rampage-Sieger Wade Simmons antwortet darauf: „Das ist schwer einzuschätzen für mich. Schließlich wissen nur sie, was sie können. Doch alle sind alt genug, um für ihr Handeln selbst verantwortlich zu sein. Doch Fakt ist auch, dass du deine Komfortzone verlassen musst, wenn du was reißen willst.“.

Stürze wie hier von Cam Zink 2012 gab es immer wieder bei der Rampage. Doch wie dieser gingen die meisten davon glimpflich aus.

Trotz hartem Training und Linien, die jeder Fahrer selbst plant und baut, bleibt ein Restrisiko übrig. Stürze gibt es bei der Rampage – wie bei allen Sportarten auf Profi-Niveau – immer wieder. Doch so folgenschwer wie der Sturz von Paul Basagoitia gingen sie in zehn Rampage-Auflagen nie aus. „Stürze gab’s bei der Rampage schon immer und die Athleten wissen auch, dass sie dabei schwer stürzen und sich schwer dabei verletzten können – jedem Fahrer ist bewusst, welches Risiko er eingeht", sagte Rob J Heran dazu im PULS-Interview dem BR .

Einige fragen sich, ob man die Strecke nicht besser absichern kann. Das würde im aktuellen Wettkampf-Modus, den viele Fahrer begrüßen, nicht funktionieren. Denn da jeder seine individuelle Linie wählt, ist es nahezu unmöglich, das Gelände großflächig mit Zäunen und Matten abzusichern. Bei Downhill-Strecken im Worldcup beispielsweise gibt es nur einen schmalen Flatterband-Korridor. Dort kann man gefährliche Felsen und Bäume polstern oder Absätze mit Fangnetzen absichern. Bei der Rampage wäre das allerdings nicht möglich – zumindest im aktuellen Format.

„Grösser, weiter, geiler: Aber wo sind die Grenzen?“

Wie jedes Jahr hat Bike-Profi Andi Wittmann die Rampage per Live-Stream am Bildschirm verfolgt. Als ehemaliger Downill-Racer und Slopestyler weiß Wittmann, was die Jungs in Utah leisten. Auch mit Verletzungen kennt sich der Oberbayer aus. Momentan kämpft er sich zurück aufs Bike, nachdem er sich Anfang August bei einem Sturz beide Beine gebrochen hat. Wir haben mit ihm über die Rampage, das Risiko und die Reaktionen gesprochen:

Andi Wittmann im Gespräch zur Rampage 2015.


BIKE: Du hast Paul Basagoitia nach dem Sturz Genesungswünsche per Facebook geschickt. Ich nehme an, du hast den Sturz im Livestream gesehen, oder?
Andi Wittmann: Ich habe Pauls Crash live gesehen und dachte erst nicht an eine derartige Verletzung. Aber das geht schnell, wenn es blöd läuft.


Bei der Rampage in diesem Jahr gab es mehrere Stürze: Rogatkin, Bizet, Basagoitia. Woran liegt das? Ist die Rampage mittlerweile zu gefährlich?
Verletzungen, wie bei Bizet ein gebrochener Arm, schockieren mich nicht. Das gehört dazu. Ich sehe eher, dass zehn von 40 Fahrern wegen Verletzungen nicht starten konnten – das sind 25 %. Das ist zu viel! Ich sehe das Ganze gerade selbst seit drei Monaten aus einer anderen Perspektive, nicht nur 50 cm niedriger, sondern mit mehr Abstand und eventuell minimal mehr Vernunft als vor meinem Sturz.


Die Sprünge werden immer höher, weiter und es wird mehr getrickst. Müssten im Gegenzug nicht auf die Sicherheitsmaßnahmen deutlich erhöht werden?
Klar, wir Fahrer würden das alles auch ohne Sponsoren und Geldgeber machen, weil es einfach unsere Passion ist und mega Spass macht. Jedoch stellt sich mir die Frage, ob es hier in die richtige Richtung geht: mit Events, die die Limits noch weiter zu pushen, was wir Fahrer aber eh schon genug machen.


Oder muss man die Veranstaltung komplett überdenken?
Grösser, weiter, geiler – ja, aber wo sind die Grenzen? Muss erst etwas derart Schlimmes passieren, um das zu realisieren? Wir haben keine Sprungnormen oder Speedvorgaben wie beim Freestyle Motocross beispielsweise – ein kleiner Fehler und es endet fatal.


Gehen die Fahrer ein zu hohes Risiko bei ihren Linien und Sprüngen ein?
Ich sehe den Sport an einem unglaublichen Punkt, der durch die Progression der Fahrer und mit gewachsenen Events erreicht wurde. Jedoch sind Kalkulierbarkeit und Sicherheit dadurch deutlich auf der Strecke geblieben und darüber sollte man nachdenken. Am besten bevor weitere große Dinge passieren. Und ich bin mir sicher, dass es Wege gibt, die auch alle Fahrer befürworten!

Schlagwörter: Paul Basagoitia Rampage Red Bull Sturz Utah Verletzung


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