Familien-Flow in Celerina Familien-Flow in Celerina Familien-Flow in Celerina

Flowtrail-Wochenende mit der Familie

Familien-Flow in Celerina

  • Judith Lell-Wagener
 • Publiziert vor 3 Monaten

Ein alpines Bike-Wochenende mit der ganzen Familie: Kommt dabei jeder auf seine Kosten? Wir haben's ausprobiert im Schweizer Flowtrail-Mekka Celerina im Engadin.

Wir sind in Celerina gelandet, der kleinen, aber ganz und gar nicht unscheinbaren Nachbargemeinde von St. Moritz im Oberengadin. Glanz und Schein bringt hier vor allem die Sonne, denn im Herzen der weiten Talebene gelegen, geöffnet nach gleich drei Himmelsrichtungen, genießt das charmante Dorf von allen Orten im berühmten Engadiner Hochtal die meisten Sonnenstunden und -tage. Ansonsten geht es in Celerina eher gemütlich zu – ein angenehmer Kontrast zum quirlig-mondänen High Society-Nachbarort und damit eine perfekte Location für ein Familien-Wochenende auf dem Mountainbike.

Johannes Herden Der türkise Bergsee ist nur eines der Highlights des Bike-Trips.

Doch uns interessiert vor allem die Bergwelt rundherum und das, was sie für uns als bikebegeisterte Familie zu bieten hat. Natürlich ist uns die Region zwischen Bernina- und Maloja-Pass ein Begriff als Winter- und Wassersport-Paradies, doch auch als Bike-Mekka hat sie sich in den letzten Jahren einen klangvollen Namen gemacht. Das liegt zum einen an der wahrhaft gewaltigen Naturkulisse, zum anderen aber auch an einer gezielten Förderung des Bikesports, der mit umfangreichem Trailbau und einem funktionierenden Transportnetz einher geht. Hier fühlt man sich als Mountainbiker ernsthaft willkommen – dank einer gelebten Trail-Sharing-Kultur auch auf den Wanderwegen, die den Bikern hier bis auf wenige Ausnahmen grundsätzlich offenstehen. Dabei ist der Anspruch kein geringer, möchte man in der Region doch die verschiedensten Bike-Zielgruppen – vom Touren- bis zum Enduro-Fahrer, vom Einsteiger bis zum Könner und nun ganz explizit auch Familien – gleichermaßen ansprechen und begeistern.

Johannes Herden Für die ganze Familie: Auf dem neuen Marmotta-Flowtrail können selbst Einsteiger und Kinder jede Kurve genießen.

Dreh- und Angelpunkt des Bike-Geschehens ist die Corviglia, der Hausberg der St. Moritzer mit mittlerweile vier Flowtrails sowie Zugang zu zahlreichen anspruchsvollen Natur-Trails. Just an diesem Wochenende hat der Marmotta-Flowtrail seine Pforten geöffnet und wir sind eine der ersten, die den genussvollen Rollercoaster-Ride unter die Stollen nehmen dürfen. Als „hellblauer“ Trail schlängelt er sich über gut zwei Kilometer in sanftem Gefälle von der Corviglia hinunter nach Marguns und soll vor allem Einsteiger und Familien glücklich machen. Und das tut er! Unsere 6-Jährige jauchzt über die top-geshapten Wellen und wir mit ihr. Und wüssten wir es nicht besser, würden wir fast denken, diesen Trail gibt es schon seit Jahren – so sattgrün eingewachsen und fern jeglicher Baustellen-Optik erfreut er dank einer äußerst behutsamen und aufwändigen Bauweise, die Natur und Mensch gleichermaßen im Blick haben musste, zugleich auch das Auge.

Johannes Herden Der Marmotta-Flowtrail schlängelt sich als hellblauer Trail von der Corviglia nach Marguns.

Unten angekommen fordert Luna die Qual der Wahl – nochmal bequem per Sessellift hoch oder doch zuerst eine kurze Pause auf dem großen Spielplatz gleich neben dem frisch renovierten Bergrestaurant Marguns? Wir entscheiden uns für eine zweite Fahrt, und eine dritte. Vom Lift aus beobachten wir flinke Murmeltiere, deren Bauten flächendeckend über den Hang verstreut sind und als Namenspaten für den neuen Trail erwählt wurden. Fast möchte man meinen, sie sind genauso amüsiert über das bunte Treiben auf den frisch gewalzten Wellen wie wir über ihr possierliches Treiben.

Johannes Herden Käse satt: Zur Stärkung gibt es Schweizer Käse.

Nach der wohlverdienten Pause sind wir noch lange nicht satt und so stört es uns nicht, dass es direkt von Celerina zwar einen bequemen Weg per Gondel zum Trail hinauf, aktuell aber von dort aus noch nicht wieder hinunter gibt. Wer die Schotterstraße und breiten Wiesenwege von Marguns hinab ins Tal fährt, für den führt der Weg aktuell nur hinauf Richtung Corviglia – eine kleine Lücke im Trailnetz, die aber in den kommenden Jahren geschlossen werden soll. Die Planungen laufen bereits auf Hochtouren. Der Tag ist noch jung, die Sonne blinzelt zunehmend hinter den Wolken hervor und so stehen auf unserem nachmittäglichen Menüplan die beiden anderen blauen Corviglia-Flowtrails . Vom Sessellift aus sind die wenigen Meter hoch zum WM-Flowtrail rasch geschafft, doch auch der Trail selbst fordert noch ein paar Kurbelumdrehungen, bevor er so richtig in Schwung kommt. Spürbar anspruchsvoller mit ein paar steilen Kurven und holprigen Stellen führt er uns entlang der ehemaligen Ski-WM-Strecke und spuckt uns nach 280 Tiefenmetern und vier Kilometern mit einem Grinsen in drei Gesichtern wieder aus. Für die berühmte 360-Grad-Kurve fehlte uns zwar etwas der Schwung, aber spannend war sie trotzdem. Noch besser aber gefällt uns der Foppettas-Trail mit seinen engen, verspielten Kurven, leichten Holzelementen und den gut zu fahrenden „Mini-Rockgardens“, der uns schließlich durch den lichten Märchen-Arven-Wald bis hinab ins Tal nach Champfer leitet. Staubig, durstig und trailgesättigt beschließen Luna und ich den Bike-Tag und rollen gemütlich zurück ins Hotel nach Celerina, Stefan zweigt nochmal kurz auf den versteckten und durchaus anspruchsvollen Bob-Trail ab, bevor auch er das Rad in die Bikegarage einfährt.

Johannes Herden Der Foppettas-Flowtrail ist mit verspielten Kurven, "Mini-Rockgardens" und leichten Holzelementen gespickt.

Am Abend ziehen wir hoch oben auf Muottas Muragl (ein absoluter Pflichtbesuch!) mit weitem Blick über das Tal und die im sanften Dämmerlicht schimmernden Engadiner Seen ein erstes Resümee: Flowtrails kann man mögen oder nicht, doch eines ist sicher: Für Kinder und Familien sind sie ideal. Flüssiges Fahren in Kombination mit Achterbahnfeeling machen Laune und bringen schnelle Erfolgserlebnisse – und begeistern so schon die Kleinsten fürs Biken. Die Region St. Moritz-Celerina setzt seit ein paar Jahren konsequent darauf und plant auch für die kommenden Jahren einen weiteren Ausbau in diese Richtung.

Johannes Herden Durch die offenen Wagen des Bernina Express ist die Natur auch im Zug zum Greifen nah.

Doch von Celerina aus steht uns mindestens noch eine weitere Himmelsrichtung offen, die wir am nächsten Tag erforschen wollen. So stehen wir in der kühlen Morgenluft noch etwas fröstelnd mit zwei befreundeten Familien am Bahnhof und warten auf die „kleine Rote“, den Bernina Express , der uns kräfteschonend hinauf zum Berninapass schnaufen wird. Auch der ÖV ist im Bergbahnticket enthalten, das es in diversen Bike-Hotels ab der zweiten Übernachtungen kostenfrei mit dazu gibt. Das erweitert den Radius und die Möglichkeiten enorm und erleichtert die Familienkasse spürbar. Allein die Fahrt ist schon ein Erlebnis, wenn nicht gar DAS Erlebnis des Wochenendes. Denn im offenen Waggon sind wir hautnah dran – am rauschendkühlen Fahrtwind, an den Gletscher- und Seenblicken und am Geisterbahnfeeling im düsteren Lawinenschutztunnel. Fast wären wir ein wenig traurig, dass die Fahrt nach einer guten halben Stunde bereits zu Ende ist, hätten wir vom Zug aus nicht bereits unseren Trail entdeckt. In stetem Auf und Ab schaukeln wir auf dem insgesamt einfach zu fahrenden Naturweg von der Passhöhe über den heute türkis glitzernden Stausee über bunte Herbstwiesen hinab zum Fuße des Morteratsch-Gletschers. Allein das umwerfende Panorama zwingt uns Erwachsene immer wieder zu kurzen Stopps, bevor wir den kleinen Trailfexen weiter hinterhereilen.

Johannes Herden Das Panorama zwingt die Erwachsenen immer wieder zum Anhalten und Staunen.

Jetzt haben wir Hunger und freuen uns auf eine Brotzeitpause in der idyllisch gelegenen Morteratscher Alp-Schaukäserei , in der die Kinder nicht nur beim Käsen zuschauen, sondern begeistert auch gleich mitmachen dürfen. Hier wird mit Hand, Herz und Seele gearbeitet, das sieht und schmeckt man. Gestärkt nehmen wir mit der Verlängerung des Bernina-Trails bis hinab nach Pontresina noch ein letztes Trailschmankerl in Angriff und rollen schließlich zufrieden am Bach entlang zurück nach Celerina – natürlich nicht ohne einen kurzen Abstecher auf den riesigen Pumptrack in Pontresina.

Johannes Herden In der Kids Bike Academy feilen Kinder spielerisch an ihrer Fahrtechnik.

So klingt ein Wochenende ganz nach unserem Geschmack aus. Nicht nur die Kinder, auch wir Erwachsene sind dabei auf unsere Kosten gekommen – was nicht zuletzt an einer kleinen Auszeit lag, die wir uns am ersten Vormittag gegönnt hatten. Denn was im Skisport bereits Standard ist, setzt sich auch im Mountainbiken zunehmend durch: Regionale Bike-Schools, die ähnlich wie die Skikurse im Winter das spielerischere Lernen unter Gleichgesinnten und vor allem unter Gleichaltrigen ermöglichen. Auch Celerina hat die Kids Bike Academy zu bieten, in deren herzlich-offenen Atmosphäre Luna sofort Anschluss gefunden und uns schon nach wenigen Minuten vergessen hat – ein seltener Freiraum, den wir für eine Fahrt hinauf zum über 3000 Meter hohen Piz Nair mit seinen anspruchsvollen Trails durch die fast mystisch anmutende Mondlandschaft genutzt haben. Mit allseits leuchtenden Augen trafen wir uns schließlich in Marguns wieder, am Fuße des neuen Marmotta-Flowtrails.

Themen: EngadinFamilienFamilienrevierFamilienurlaubFlowtrailOberengadin


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