European Enduro Series Kronplatz: Ludwigs Diaries #8

  • Ludwig Döhl
 • Publiziert vor 6 Jahren

Stürze, Fahrfehler und Pannen kosteten Ludwig Döhl vom Cube-Action-Team bisher Top-Ergebnisse. Doch bei der European Enduro Series am Kronplatz hat Döhl in die Erfolgsspur zurückgefunden. Von seiner Strategie berichtet er in seinem Blog.

Zwei Wochen Rennpause, doch die letzten zwei freien Wochenenden bedeuteten keinesfalls Erholung pur, ganz im Gegenteil. Nach dem Rennen in Flims ging es direkt zum nächsten Flughafen, um fern ab der Heimat Bilder für den neuen Cube-Katalog zu produzieren. Nach zehntägigem Shooting wollten noch zwei Prüfungen im Studium und Teile meiner Bachelor-Arbeit geschrieben werden, bevor ich am vergangenen Freitagvormittag das Auto für den Rollout zum Kronplatz nach Italien vorbereitete.

Am sagenumwobenen Kronplatz, wo sich schon Siegesdramen beim Giro d’Italia abspielten, wurde dieses Wochenende der dritte Lauf zur European Enduro Series ausgetragen. Im Gegensatz zum Giro d’Italia kämpften wir nicht gegen, sondern mit der Schwerkraft im Rücken auf den traumhaften Bikepark-Trails um die begehrten Plätze auf dem Podium.

Neben drei Stages im Bikepark, zu welchen jedes Mal komfortabel der Lift in Anspruch genommen wurde, gesellten sich zwei tretlastige Bestien im Stadtpark von Bruneck und ein zu Stage vier umfunktionierter Wanderweg mit alpinem Charakter. Insgesamt quälten wir unsere Enduro-Bikes 2500 Höhenmeter talwärts über Stock und Stein, vor allem durch schier unendlich viele Anliegerkurven.

Durch hunderte Anlieger führten uns die Bikepark-Stages am Kronplatz.

„Besser gut erholt als schlecht trainiert“

Nach dem Stress im Vorfeld des Rennens handelte ich getreu dem Motto meines Teamkollegen André Wagenknecht: „Besser gut erholt als schlecht trainiert!“ Ich machte mir über mangelnde Trainingsstunden keinen Kopf. Ich ging total entspannt und mit lockeren Beinen zum Training, rollte die Stages easy ab und bereitete mich danach auf den Prolog vor. Da der Prolog und ich ja in der Vergangenheit schon oft gegeneinander kämpften, entschloss ich auch hier, die Sache locker angehen zu lassen, um mich nicht wieder beim nassen Wiesenslalom abzulegen.

Gelernt von meinem Missgeschick in Willingen: Den nassen Wiesen-Slalom ging ich diesmal deutlich defensiver an.

Im international starken Feld reihte ich mich als Erster unserer Nation auf Rang elf ein. „Nach dem Prolog nur noch schnell das Bike rennfertig machen und danach zum Essen“, dachte ich mir. Mein Schicksal dachte anders, als ich kurz meine Bremse in der Dämmerung entlüften wollte, entglitt mir doch tatsächlich die Entlüftungsschraube vom Bremsgriff und tauchte auf Nimmerwiedersehen in den Grautönen des Hotelparkplatzes ab. Selbst ein sechsköpfiges Suchkommando konnte hier nicht mehr helfen. Letztendlich fand sich in den Tiefen meines Busses etwa eine Stunde später eine Ersatzschraube und ich konnte die Vorbereitung für das Rennen abschließen.

In der Nacht zum Sonntag und während des Prologs gingen heftige Regenschauer auf den Strecken nieder, was besonders die ersten beiden Tretetappen im Stadtpark in ein neues Licht rückte. Die erste Kurve des Rennens warnte mich gleich mal vor den rutschigen Bedingungen, indem sie mich und mein Bike in einen fünf Meter langen Drift zwang. Zur Abwechslung realisierte ich diesmal sogar die Warnung, schaltete meinen Kopf ein und fuhr das ganze Rennen etwas unter der Schmerzgrenze, um keinen Sturz zu riskieren.

Da soll nochmal einer sagen, dass Enduro nicht anstrengend ist. Markus Reiser und ich liegen geplättet nach der zweiten Stage im Ziel.

Stage zwei zwang so ziemlich jeden Fahrer in die Knie. Gefühlt lag das Ziel hier höher als der Start und von den vier Minuten Fahrzeit lagen knapp drei Minuten Wattzahlen jenseits der 450er-Grenze am Antriebsstrang an. Angesichts des folgenden Bikepark-Geballers war dieser kleine Leistungstest aber vollkommen in Ordnung.

Langsam ist das neue Schnell

Der Rest des Rennens bestand aus richtig langen Etappen im Bikepark. Neben den erschöpften Beinen und Armen litt hier die Nackenmuskulatur durch die Beschleunigungskräfte in den Anliegern besonders. Mein Plan war einmal mehr, bei Etappen von über zehn Minuten Länge nicht zu attackieren und möglichst rund und kraftsparend die Kurse zu absolvieren. Während des Rennens fühlte sich das für mich zwar etwas komisch an: „Sollte langsam wirklich das neue Schnell sein?“ hinterfragte mein Unterbewusstsein regelmäßig. Aber die Zeiten gaben mir und meiner Taktik letztendlich Recht. Im Zielbereich spuckte die Anzeigetafel den zweiten Platz aus, welchen ich gegenüber den restlichen Fahrern, die noch auf der Strecke waren, verteidigen konnte. Die Fahrzeit von knapp unter 32 Minuten unterstrich diesmal besonders den anspruchsvollen Charakter der europäischen Serie und verlangte den Fahrern alles ab.

Finger und Unterarme dehnen vor der letzten Stage: Die langen Stages brachten die Arme zum Glühen.

Wie oft berichtete ich an dieser Stelle über misslungene Wochenenden oder Sturzfahrten? So freute es mich diesmal besonders, mal wieder Teil der Siegerehrung zu sein und zwar hinter Mathias Stonig (AUT), aber vor Marco Arnold (SUI), Lee Hayden (NSL) und Robert Williams (GBR) auf das Podest zu klettern. Ich habe das Radfahren die letzten Rennen über also nicht verlernt, die Form war stets vorhanden, aber ich war immer einen Tick zu nervös, um solche Platzierungen einzufahren.

Zurück in der Erfolgsspur: Endlich wieder auf dem Podium – was für ein gutes Gefühl.

Mit dem zweiten Platz am Kronplatz katapultierte ich mich in der Gesamtwertung nach vorne und gehe nun zuversichtlich in die abschließende Saisonhälfte. Der stete Tropfen höhlt wohl hier den Stein . Durch ständig gute Platzierungen kann ich mich in beiden Gesamtwertungen der Serien, die ich bestreite (Specialized Sram Enduro Series und European Enduro Series) auf Rang zwei einreihen. Obendrauf beflügelt mich ein richtig geiles Rennwochenende, den Speed weiter hochzuhalten und vielleicht öfter als es für Sportler von Risikosportarten üblich ist, den Kopf einzuschalten.

ride on
Ludwig

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