Enduro-Blog 2016 von Raphaela Richter #1

EWS La Thuile: Rennen ohne große Vorbereitung?

  • Raphaela Richter
 • Publiziert vor 4 Jahren

Raphaela Richter vom Radon-Magura-Team gilt als größte Enduro-Hoffnung Deutschlands. In ihrem Race-Blog berichtet sie diesmal von der 4. Runde der Enduro World Series in La Thuile.

Nachdem ich mein Abitur bestanden und somit meine Schullaufbahn seit Ende Juni offiziell hinter mir habe, konnte ich mich endlich wieder auf das Radfahren konzentrieren. Meine Prüfungen waren zwar schon früher abgeschlossen, aber eine Weisheitszahn-OP und eine Erkältung warfen mich für drei Wochen aus der Bahn. Also musste ich innerhalb von zwei Wochen versuchen, mein Training so schlau wie möglich zu planen und umzusetzen, um wieder einigermaßen fit zu werden. Am meisten angeschlagen war meine Grundlagen-Ausdauer (welche vielleicht noch nie richtig gut war in dieser Saison). Deshalb schwang ich mich viel aufs Rennrad, um Kilometer und Stunden abzuspulen. Außerdem versuchte ich so viel wie möglich auf meinem Slide 160 zu fahren, um mich wieder daran zu gewöhnen und meine Skills aufzufrischen. Der zweite Teil bereitete mir zugegebenermaßen mehr Spaß. Ich hoffte, fit genug für das EWS-Rennen in La Thuile zu sein.

Am Dienstag wurde ich sanft von meinem grell tönenden Wecker aus dem Bett gerufen. Um halb vier Uhr morgens. Also mitten in der Nacht. Um 4:00 Uhr machten mein Papa und ich uns auf den Weg ins Allgäu, wo meine Mitfahrgelegenheit Jan Wittmaack auf mich wartete. Von dort aus ging es dann weiter nach La Thuile und das EWS-Abenteuer konnte beginnen. In La Thuile angekommen wurde ich von meinem Teamkollegen James erwartet. Für sechs Nächte durfte ich auf seiner Bank (dem Zweitbett im Bus) schlafen und das Van-Life genießen. Mittwoch hätte mit Trackwalk verplant sein können. War er aber nicht, denn ich war zu faul und wollte meine Beine lieber für die kommenden vier Tage schonen. Die sollten nämlich noch anstrengend genug werden.

Am Donnerstag stand das Training für die Stages 1 bis 3 auf dem Plan. Auch wenn es nicht nach sehr viel klingt, war ich den ganzen Tag damit beschäftigt, diese zu trainieren und gute Linien für das Rennwochenende zu erspähen. Doch bevor es überhaupt auf die Stages ging, galt es einen gut zwei Stunden langen Uphill zu bewältigen, welchen ich für meinen derzeitigen Fitnessstand besser verkraftete als gedacht. Nach der ersten Stage entschied James sich leider dafür, das Rennen aufgrund eines Sturzes bei der Megavalanche nicht zu starten und das Training  zu beenden. Somit musste ich mich ohne Gesellschaft auf die restlichen zwei Stages begeben. Der Fakt, dass ich mal auf mich alleine gestellt bin, war dabei nicht das Problem, sondern dass ich alleine einfach langsam gefahren bin. Ich weiß nicht, ob es daran lag, dass ich niemandem hinterher fahren konnte bzw. von niemandem gejagt wurde. Oder lag es einfach an der Kälte, da man wie tiefgefroren in die Stages startete. Auf jeden Fall nagte der erste Trainingstag ziemlich an meinem Selbstvertrauen. Meine Gedanken spielten verrückt, denn warum war ich auf einmal so langsam  und machte so viele Fehler? Machte ich die Fehler, weil ich so langsam gefahren bin? Geschwindigkeit gibt ja bekanntermaßen Sicherheit. Außerdem muss ich doch als Enduro-Fahrerin fähig sein, alleine auf einer Strecke alles zu geben und so schnell wie möglich zu fahren. Schließlich starte ich ja im Rennen auch alleine und nicht im Pulk.

Am nächsten Tag meinte es der Wettergott zum Glück wieder besser mit uns und ließ die Sonne scheinen. Für die anstehenden Stages 4 bis 6 opferten sich meine Teamkollegin Carina und Gavin, der eigentliche Teammechaniker, mit mir zu trainieren. Danke dafür! Das Gefühl auf dem Rad war zum Glück besser geworden, aber ganz schnell kam ich mir trotzdem nicht vor. Außerdem merkte ich nach zwei Tagen Training bereits, wie meine Armmuskulatur anfing, nachzugeben. Das gehört eben dazu. Wenigstens weiß ich dann, dass ich etwas getan habe. Was aber vielleicht nicht ganz dazugehörte, waren die Schmerzen in meinem rechten Oberschenkel, ausgelöst durch einen Sturz in Stage vier, bei dem ich auf eine Steinplatte gefallen bin. Nachdem ich nach dem Training immer noch Schmerzen hatte, kontaktierte ich meinen Bruder Basti, der angehender Physio ist, und bat ihn um Rat. Eine gereizte Faszie war seine Theorie. Ich sollte versuchen, meinen Oberschenkel mit den Knöcheln zu massieren. Den ganzen Nachmittag verbrachte ich also damit, meinen Oberschenkel in jeder freien Minute zu streicheln. Jedoch merkte ich anfangs keinen Unterschied. Voller Sorgen im Kopf ging ich dann ins Bett.

Um 10:12 Uhr war mein Start für den ersten Renntag angesetzt. Das heißt, ich konnte eigentlich ziemlich lange schlafen. Wenn da nicht meine Blase dazwischen gefunkt hätte. Also war ich bereits um 7:00 Uhr hellwach. Mehr als drei Stunden sind genug Zeit, um sich vor dem Start verrückt zu machen. Da waren mein verkorkstes Training und das angeknackste Selbstbewusstsein, aber auch ein zwar nicht mehr ganz so schlimm, aber immer noch schmerzender Oberschenkel. Während ich also völlig aufgelöst zu frühstücken versuchte und mich fertig machte, checkte James nochmal mein Rad und erfüllte seine neuen Pflichten als "Pitbitch" glänzend. Sobald ich aber auf dem Rad saß und merkte, dass die Bewegung meinem Bein ganz gut tat, waren meine Sorgen schon kleiner geworden. In meiner Klasse ging ich immer als Vorletzte in die Stage. Hinter mir war nur noch die Siegerin von Irland, Leah Maunsell. Gehetzt und mit der Angst überholt zu werden, ging ich also in die erste Stage. Die meisten Linien habe ich zum Glück getroffen und einen guten Flow gefunden. In dieser Stage überholte ich zwei Fahrerinnen und fuhr mit der dritten sprintend im Ziel ein. Nach der ersten Stage hechelte ich nur noch nach Luft und hoffte, nicht vom Rad zu fallen. Die dünne Luft machte sich deutlich bemerkbar. Auch in Stage zwei traf ich im oberen Teil meine Linien und fühlte mich sogar mal schnell! Doch leider konnte ich mich nur an den mittleren Teil der Wertungsprüfung nur noch vage erinnern. So war ich von manchen technischen Passagen ziemlich überrascht. Aber zum Glück sammelte ich trotzdem keine Nahtoderfahrungen. Nach einer kurzen Mittagspause hingen bereits die Zeiten der ersten Stage aus und ich hatte auf die zweitplatzierte Französin bei ca. elf Minuten Fahrzeit 13 Sekunden Vorsprung. Mit dem Ziel, keine Fehler mehr zu machen, startete ich in die dritte Stage und kam nach der letzten und tretlastigsten Stage im Ziel an. Die ersten zwei Stunden nach der Zielankunft verbrachte ich mit Nichtstun und ab und zu über meinen miserablen körperlichen Zustand zu jammern. Nicht einmal Hunger hatte ich! Wenigstens konnte ich nachts wieder richtig gut schlafen.

Mit 51 Sekunden Vorsprung begann der Sonntag für jeden eine Stunde später. Das bedeutete, dass ich in der Mittagshitze startete. Da ich einen recht komfortablen Vorsprung hatte, fuhr ich nur noch auf Sicherheit. Jedoch hatte ich bereits am Start der vierten Stage einen riesigen Fehler eingebaut, welchen es auszubügeln galt. Auch in der frischen und steilen fünften Stage wurde ich etwas von zu überholenden Starterinnen ausgebremst und stürzte in einer einfachen Passage. Wieder hangen in der Mittagspause Stagezeiten aus. Diesmal aber von 4 und 5. Somit wusste ich, dass ich vor der letzen Stage einen Vorsprung von etwas über einer Minute hatte. Also bewahrte ich einen kühlen Kopf vor der letzten Stage und fuhr nur noch runter.

Letztendlich gewann ich das Rennen in der U21-Klasse mit über 1,5 Minuten Vorsprung, rutschte aber im Vergleich mit den Elite-Frauen auf Platz zwölf zurück. Leider keine Top-10-Platzierung also. Trotzdem übernahm ich die Führung der Gesamtwertung in meiner Altersklasse. Jetzt gilt es, sich gut auf die anstehende Deutsche Meisterschaft in Schöneck vorzubereiten.


Man sieht sich!
Eure Rapha

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