Enduro-EM: Döhls Kampf gegen den Schlamm Enduro-EM: Döhls Kampf gegen den Schlamm Enduro-EM: Döhls Kampf gegen den Schlamm

Enduro-Blog 2015 von Ludwig Döhl #6

Enduro-EM: Döhls Kampf gegen den Schlamm

  • Ludwig Döhl
 • Publiziert vor 5 Jahren

Der 21. Juni 2015: Kalendarischer Sommerbeginn und definitiv ein Renntag, über den die Enduro-Szene noch in Jahren sprechen wird: „Weißt du noch? Damals, in Kirchberg? Eine brutale Schlammschlacht!“

Koffer packen für ein Rennwochenende: Eigentlich gibt es keine leichtere Übung für jemanden, der seit zehn Jahren fast jeden Sonntag mit einer Startnummer am Lenker verbringt. Während der Saison steht der Koffer eh meist halb gepackt in der Wohnung rum. Sonntagabends kommt die dreckige Wäsche raus, um spätestens donnerstags im sauberen Zustand und frisch gefaltet wieder verpackt zu werden. Der Sommeranfang, welcher vergangenes Wochenende bevorstand, sollte dieses Szenario eigentlich nochmals erleichtern. Ich spielte insgeheim mit dem Gedanken, schwere Pullis, Mützen und lange Hosen gegen eine kleine Flasche Autan zu tauschen und so mein Reisesortiment extrem zu erleichtern. Aber der Blick auf den Wetterbericht im Vorfeld dieses Rennwochenendes zerstörte die Gedanken einer Sommeridylle in meinem Kopf ziemlich brutal. 0-8 Grad Celsius Außentemperatur, Schneefall auf 1500 Meter über Null und unterhalb dieser Grenze heftigste Regengüsse das ganze Wochenende über. Und schon wird das Koffer packen auch nach jahrelanger Routine wieder zur Herausforderung. Regenkleidung, Winterhandschuhe, dicke Unterwäsche, Winterschuhe, ein zweiter Helm und Wäschesäcke, um die mit Dreck versehene Wäsche ohne größere Schleifspuren am Sonntag wieder in die Waschküche zu bringen. Ich rüstete meinen Koffer also 4-5 Kilo schwerer als normal auf, um für den Kampf gegen Schlamm und Kälte bei der ersten offiziellen Enduro-Europameisterschaft in Kirchberg gewappnet zu sein.

Einer Europameisterschaft würdig

Ja, nach jahrelangen Versuchen war es doch tatsächlich gelungen, die UEC von unserer jungen Sportart zu überzeugen und offizielle Europameisterschaften auszurichten. Wer hätte gedacht, dass die einstigen Spaßrennen mit ausartenden Riders Partys binnen vier Jahren zu einem Bestandteil der etwas steiferen und funktionärsgeführten UEC werden? Die Organisatoren rund um das Trailsolutions-Team gaben ihr Bestes, um den Meisterschaften in Kirchberg einen würdigen Rahmen zu bieten und scheuten keine Kosten und Mühen. Ein Startgate für den Prolog, neu angelegte Streckenabschnitte und eine echte Downhill-Zeitmessung für die finale Stage am Fleckalmtrail sollten diese Veranstaltung besonders hervorheben.

Falsches Sportgerät oder falsches Wetter?

Fünf Kilogramm Schlamm am Bike

Doch vor dem großen Showdown um den begehrten Titel war erst mal die samstägliche Streckenbesichtigung angesagt. Verpackt in etliche Schichten Gore-Tex ging es mit der Gondel zum Trail-Einstieg. Zuerst prasselten die Regentropfen laut und deutlich gegen die Blechkabine, bevor es im oberen Drittel der Seilbahn, eingehüllt im dichten Nebel, ruhig wurde. Klar, Schneeflocken machen keinen Lärm, wenn sie auf die Gondel fallen. Beim Blick aus der Bergstation verfluchte ich noch kurz die Genauigkeit des Österreichischen Wetterdienstes und stürzte mich anschließend direkt in die mit fünf Zentimetern Neuschnee bedeckte Rennstrecke. Kurscheck im Schnellverfahren war angesagt. Unnötiges Anhalten und zweimaliges Abfahren von Sektionen fiel diesmal aufgrund der Kälte aus. Oben in den Trail eingestiegen sind wir das Ding durchgeballert, um möglichst schnell wieder ins Trockene zu gelangen. Nicht die Strecke war in diesem Training das Problem, sondern die fehlende Sicht und taube Hände. So ging es im Blindflug und ohne Gefühl vom Trail direkt zum Teammechaniker, um das Bike zumindest wieder so zu präparieren, dass sich beide Räder drehten. So konnten wir die Streckenabschnitte an der Gaislachbahn noch abrutschen. Messungen am Teamtruck ergaben bis zu fünf Kilogramm Schlamm, der am Bike hing und dessen Funktion extrem beeinträchtigte. Es war zwar schade für die Veranstaltung, aber ein Segen für die Fahrer, als der Prolog wegen des schlechten Wetters am Samstagabend abgesagt wurde. So wurde jedem der eklige Moment, wenn man wieder in nasse Bike-Schuhe schlüpfen muss, erspart und man hatte etwas mehr Zeit für die Instandsetzung des Bikes. In den Stunden des Trainings überschritt die Kirchberger Bergbahn wohl ihren Jahreswasserverbrauch, um den Bikewash zu betreiben.

Rutschpartie im Schlammanlieger.

Entscheidung am Fleckalmtrail

Beim Rennen am Sonntag galt es, erst drei kurze Stages von einer Gesamtzeit von ca. 15 Minuten zu bewältigen, bevor wir in gestürzter Reihenfolge der aktuellen Rangliste zum Fleckalmtrail geschickt wurden, um dort das Finale auszutragen. Mir war klar, dass das Rennen auf dem ca. 16 Minuten langen Fleckalmtrail entschieden wurde. Ich schlingerte mich also – ohne mich groß auszupowern – durch die ersten drei Stages, um voller Kraft in das Finale zu gehen. Die Strecken am Sonntag waren in miserabelstem Zustand. Über 200 Biker vergewaltigten mit Liebe angelegte Anliegerkurven und Hangquerungen zu einem einzigen braunen Feld. Die mit Wasser gefüllten Bremswellen vom Samstag glichen eher der Mecklenburgischen Seenplatte als einer alpinen Rennstrecke. Selbst wenn man wollte, man konnte einfach nicht am Limit fahren, weil man so damit beschäftigt war, auf dem Sportgerät zu bleiben. Ich fuhr auf einem guten 15. Rang in die Zwischenpause in die Pits, um wieder mal das Bike fürs Finale zu reinigen. Eine etwas angespannte Stimmung herrschte, als ich mit den schnellsten 15 Leuten auf die Gondel zum Start der letzten Stage wartete. Alles war noch offen, nicht einmal zehn Sekunden trennten mich von den Top 10 als ich mich in den Fleckalmtrail begab. Dann lief auch noch alles wie geschmiert: Die Brille versehen mit einer Roll-Off Einheit und Anti Fog-Beschichtung sorgte für einwandfreie Sicht und ich erwischte meine Linien so gut es eben bei diesen Bedingungen ging. Doch beim ersten Gegenanstieg machte mir das Material einen Strich durch die Rechnung. Sorgen Fangopackungen beim Menschen für Entspannung, so lösten sie bei meiner Kette genau das Gegenteil aus. Wer kann es ihr schon übel nehmen, wenn sie unter diesen Bedingungen den Dienst an Kettenblättern und Ritzel verweigerte. Schlammbedingte Kettenklemmer zwangen mich bergauf zum Schieben und verwehrten jeden Antritt aus der Kurve. Im Rollmodus versuchte ich möglichst smooth und ohne Schwungverlust ins Tal zu kommen, aber die Chance auf die Top 10 war natürlich dahin. Letztendlich rollte ich auf Rang 19 ins Ziel.

Schlamm-Fango.

Die Siegerehrung mit den Nationalhymnen der Sieger und aufgezogenen Landesfahnen war ein schöner Abschluss einer würdigen ersten Enduro-Europameisterschaft. Die Titel holten sich mit Anneke Beerten und Jérôme Clementz die üblichen Verdächtigen und ich schaffte es tatsächlich, die dreckige Wäsche ohne große Schleifspuren in die Waschmaschine zu befördern. Wenigstens ein kleiner Erfolg.

Ride on, Ludwig

Gehört zur Artikelstrecke:

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