Enduro-Blog 2015 von Ludwig Döhl #10: SSES

Racediaries Schöneck: Vertrautes Neuland

  • Ludwig Döhl
 • Publiziert vor 5 Jahren

Selbst im Rennzirkus kann sich manchmal Routine einschleichen. Für Blogger Ludwig Döhl hörte die aber spätestens auf, als er den Track in Schöneck unter die Stollen nahm. Warum erklärt er hier.

"Und täglich grüßt das Murmeltier" – Als Rennfahrer ist man an eine gewisse Eintönigkeit gewohnt, klappert man doch Jahr für Jahr meist die gleichen Rennorte ab, um sich auf denselben Strecken wie im Vorjahr mit der nahezu identischen Konkurrenz zu messen. Größte Variable während der Saison bleibt nur das Wetter. Jedoch sticht für mich immer wieder eine Veranstaltung im Jahr besonders heraus, wenn es darum geht, die Rennfahrerroutine zu durchbrechen.

Schöneck im Vogtland hat in den letzten vier Jahren fünf Enduro-Rennen ausgerichtet und für mich war jedes Mal ein Highlight dabei, welches sich nicht in die Schublade "Murmeltierfeeling" stecken lässt. Die Roll&Rock-Veranstaltungen, ausgetragen vom Vogtlandbike e. V., waren seit 2012 immer ein Garant für sensationelle Riderparties und zahlreiche Zuschauer bei der finalen Nachtetappe in der Bikewelt Schöneck. Ich erinnere mich gerne an die Abende zurück, an denen das Fahrerfeld nach der Siegerehrung am Fuße der Liftstation gemeinsam an der Bar die unsportliche Seiten des Lebens genoss und den Leistungssportgedanken mal für ein paar Stunden in den Hintergrund rücken ließ.

Airtime garantiert in der Bikewelt Schöneck.

Die Bikewelt Schöneck schlägt Wellen in der Szene

Vergangenes Jahr wurden Mitte Oktober hier dann die ersten Deutschen Meisterschaften ausgetragen, bei denen mein Teamkollege André Wagenknecht sich den ersten Titel der Endurogeschichte holte und ich nur ganz knapp auf Platz 4 eine Medaille verpasste. Dieses Jahr richteten die Vogtländer erstmals einen Wertungslauf der Specialized Sram Enduro Series aus. Die Ridersparty wurde diesmal zwar auf ein Bier und Essen gekürzt, aber auch 2015 hatten die Vogtländer ein Highlight in petto. Schon seit Anfang des Jahres schlägt die neu angelegte Bikewelt Schöneck Wellen in der Szene und es vergeht kein Wochenende, bei dem nicht ein Helmkameravideo von der Jumpline Schöneck in meiner Facebook-Timeline auftaucht.

Einen hohen sechsstelligen Betrag hat die Region in die Bikewelt investiert und sich damit zu einem der attraktivsten deutschen Bikeparks gemausert. Erstaunlich, wie vielseitig man einen Bikepark gestalten kann, an einem Hang mit gerade mal 130 Höhenmetern. Beim Training am Samstag tummelten sich vormittags alle Fahrer im Bikepark, um die Wertungsprüfungen 1, 4 und 7 unter die Lupe zu nehmen. Es war super interessant, während der Liftfahrt die Konkurrenz zu beobachten und sich eventuell sogar die eine oder andere Linie abzuschauen.

Man muss nicht nach Übersee reisen, um geile Bikeparks zu haben.

Auch Sprünge für echte Profis in Schöneck

Beim ersten Abrollen des Jumptrails wurde mir auch gleich klar, dass die Strecke nicht nur mit Sprüngen bespickt war, welche einem Anfänger sämtliche Fehler verzeihen, sondern sich auch ein paar hochkarätige Doubles mit ordentlich Luftstand und steilen Absprüngen im Lineup des sächsischen Bikeparks befanden. Auch die restlichen Stages waren größtenteils komplett neu, oder zumindest neu kombiniert, so dass die Streckenführung zum Vorjahr doch erheblich variierte. Z. B. wurde das sagenumwobene Tretstück der Stadtetappe wegen zu viel "Pippi in den Augen" einiger DM-Teilnehmer vergangenes Jahr gestrichen. Der Prolog wurde in alter Vogtlandbike-Manier in der Dämmerung mit Flutlicht und Stirnlampen in der Bikewelt Schöneck ausgerichtet.

Neben der astreinen Leistung von Michal Prokop, der den Prolog für sich entschied, brachte vor allem David Schatzki das Publikum und die Teilnehmer zum Staunen. Der ehemalige Downhiller löst schon lange keine Lizenz mehr und hat die Rennfahrerkarriere gegen Familie und Fahrradladen getauscht, aber beim Prolog zeigte er nochmal sein Talent und fuhr die zweitschnellste Zeit. Ich reihte mich mit nur etwas über einer Sekunde Rückstand auf das Podium auf Rang sechs ein. Eine top Ausgangslage für das Rennen am Sonntag und so ging es mit gekürzter Ridersparty, oder sagen wir nach getanem Abendessen, ins Bett.

Kein Rennsieg ohne Rutschen und Querfahren

Am Sonntag gingen wir Lizenzfahrer als Letzte auf die Strecke. Gegen 10:30 Uhr befand ich mich am Start der ersten Stage und feuerte den Hang der Bikewelt hinunter. Es war super trocken und der Staub machte die ganze Sache etwas rutschig. Mir war klar, um hier schnell zu fahren, musst du viel riskieren, aber irgendwie wollte mein Unterbewusstsein nicht so richtig. Ich brachte einen astreinen Lauf nach unten, ohne Rutscher oder Patzer und da wusste ich eigentlich schon: Wenn du hier nicht rutschst und querfährst, bist du einfach zu langsam.

Zu zweit trainiert sich's besser als allein. Leo Putzlechner und Ludwig Döhl auf der Jumpline in Schöneck.

Auch im weiteren Rennverlauf baute ich keine großen Fehler ein, aber kam auch nicht so richtig ins Rollen. Beim langen Transfer zur Skischanze Klingental und wieder zurück merkte ich auch, dass ich nicht nur mental einen Gang unter meinen üblichen Verhältnissen fuhr, sondern auch meine Fitness etwas zu wünschen übrig ließ. Die Anstrengungen der letzten drei Wochen hingen wohl noch zu sehr in meinen Knochen. Immer wieder musste ich zwischen den fordernden Rennwochenenden in Samerberg, Reschen und Schöneck zu Fotoshootings für Hauptsponsor Cube ausrücken, worunter natürlich die Erholung extrem litt.

Etwas abgekatert und KO fand ich mich im Ziel auf Rang sieben wieder, hatte aber dennoch extrem viel Spaß auf den neuen Strecken in und rum um die Bikewelt Schöneck, nur der Rennmodus hat noch etwas gefehlt. Der Tscheche Michal Prokop gewann am Ende mit einem brachialen Vorsprung vor seinem Landsmann Pemek Tejchman und Markus Reiser. Es schien, als würde Prokop in seiner eigenen Welt fahren. Mit super unscheinbaren, aber extrem sauberen Runs distanzierte er bei rund 13 Minuten Renndauer den Zweitplatzierten über 13 Sekunden und unterstrich einmal mehr seine Klasse.

Zwischen all den Sprüngen gab's auch immer wieder ordentliche Wurzelmassaker.

Veranstaltungen wie Treuchtlingen und das Rennen in Schöneck zeigen, dass es nicht immer eine professionelle Eventagentur braucht, um ein geiles Rennen auf die Beine zu stellen. Der Vogtlandbike e. V. kniet sich Jahr für Jahr mit all seinen Mitgliedern ordentlich ins Zeug und lieferte auch diesmal für alle Teilnehmer ein einwandfreies Rennwochenende ab. Auch wenn ich nicht gedacht hätte, dass es noch passiert, aber es gab doch tatsächlich mal kein Genörgel seitens der Fahrer. Und nach dem Motto "Nicht geschimpft ist gelobt genug!" machten sich am Sonntag alle Rennfahrer wieder auf den Heimweg. Ich bin erst mal etwas KO und verabschiede mich im August in die Sommerpause. Endlich mal Zeit, wieder ordentlich an Form und Technik zu feilen, um für die nächsten Rennen im September gerüstet zu sein.

Ride on,

Euer Ludwig

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