Enduro-Blog 2015 von Ludwig Döhl #04

SSES 2015 #2 Riva: Lago-Kalkstein und seine Tücken

  • Ludwig Döhl
 • Publiziert vor 6 Jahren

DNF: „Did not finish“ – Das Rennen der Specialized SRAM Enduro Series am Gardasee wird Cube-Pilot Ludwig Döhl schnell verdrängen. Erst ein Platten im glitschigen Lago-Kalkstein, dann der Ausstieg.

Die Rennsaison hat gerade mal begonnen und trotzdem haben wir schon das dritte Rennen hinter uns gebracht. Drei Wochen hintereinander derselbe Rhythmus: freitags Startnummern abholen, am Samstag trainieren und sonntags Leistung im Rennen abrufen. Eigentlich ganz leichte Prozesse, die hier vom Sportler abverlangt werden, wären da nicht noch weitere äußere und innere Umstände, die das teils extrem erschweren. Der Gedanke an die Gesunderhaltung des eigenen Körpers, das Wetter, das ständige Leben aus dem Koffer und Wettkampfstrecken, die einem manchmal mehr, manchmal aber auch weniger liegen.

Teamkollege Laughland knockt sich beim Trainieren aus

Vom ersten Stopp der European Enduro Series in Punta Ala reiste unser komplettes Team direkt weiter nach Riva, um beim BIKE-Festival den oben erläuterten Wochenendablauf abzuspulen. Während der Woche vertrieben wir uns die Zeit mit Trainingseinheiten am Anaconda- oder Skull-Trail rund um Nago oder beschäftigten uns im Detail mit unserem Fahrwerks-Setup bei einem Testtag auf den Rennstrecken von Terlago. Langeweile herrschte also selten und leider mussten wir auch während der Woche schon den schmierig rutschigen Bedingungen Tribut zollen. Teamkollege Scott Laughland beförderte sich durch Feindkontakt mit einem Baum und einer daraus resultierenden Gehirnerschütterung ins Aus. Er verbrachte das Wochenende quasi auf der Reservebank. Der Rest des Teams inklusive mir versuchte, sich an die Prozess-Struktur zu halten. Das Abholen der Startnummer war wohl mit Abstand das Leichteste an diesem Wochenende. Den Startunterlagen liegt auch immer ein Streckenplan bei, welcher zum Vorschein bringt, wo und wie die Rennstrecken gesteckt sind.

Trainings-Run im Trockenen, am Renntag war dann alles nass und glitschig.

Neue Strecken und die alte Leier mit dem Kalkstein

Die Veranstalter hatten sich Mühe gegeben und versucht, völlig neue Trails zu erschließen. Kein leichtes Unterfangen in einem Gebiet, das seit über 20 Jahren von jeglicher Art von Mountainbikern akribisch abgegrast wird. Der Gardasee knauserte aber auch auf den neuen Strecken keineswegs mit seiner Spezialität: Kalkstein in jeglicher Art und Form. Manchmal lose, manchmal fest im Boden verankert, manchmal in Plattenform und manchmal als einzelne Steinbrocken. Eins haben all diese Formen aber gemeinsam: einen gegen Null gehenden Reibungskoeffizienten in Verbindung mit jeglichen Gummiarten. Kurz gesagt, wer hier Grip sucht, der kann auch zum Baden in die Sahara fahren, denn es gibt ihn einfach nicht. Nach dem Trainingstag am Samstag fühlte sich so ziemlich jeder Starter, als wäre er zum ersten Mal auf dem Bike gesessen. Eine eher riskante Streckenführung mit etlichen Highspeed-Passagen, quasi Null Auslauf- oder Sturzzonen und wenig Bremsmöglichkeiten steuerten ihren Teil zum Unwohlsein etlicher Enduristen bei. Einige verletzten sich bereits beim Training und konnten den Schritt „Leistung im Wettkampf abrufen“ daraufhin abschreiben. Der übliche Prolog am Samstag fiel aufgrund des straffen Programms des dreitägigen BIKE-Festivals ins Wasser. Aber nicht nur der Prolog viel ins Wasser, zu allem Überfluss setzte bei den eh schon schwierigen Bedingungen in der Nacht auf Sonntag Regen ein, was die Strecken noch unberechenbarer machte.

Ludwig diskutiert mit anderen Fahrern über die Streckenführung.

Bremsen bedeutet Kontrollverlust

Vor dem Start am Sonntag wurde viel unter den verbliebenen Enduro-Piloten diskutiert, ob die Strecken überhaupt zu meistern seien. Auch während dem langen Transfer zur ersten Stage rissen die von Angst begleiteten Diskussionen nicht ab. Die meisten Äußerungen basierten jedoch nur auf Vermutungen und so blieb uns nichts anderes übrig, als die Probe aufs Exempel zu machen. Je näher wir dem ersten Startpunkt kamen, desto dichter wurde der Nebel, welcher die Sicht auf wenige Meter begrenzte. Ich startete verhalten in Stage 1 und merkte bald, dass es sich nicht lohnt, mehr zu riskieren. Denn die Zustände der Strecke waren katastrophal. Jedes Zucken am Bremshebel wurde durch gnadenlosen Kontrollverlust bestraft. Die Reifen rutschten und holperten im Rodeo-Style die Strecke hinab, verzögern war praktisch unmöglich und gefühlt wechselte ich meine Position auf dem Bike vom Piloten zum Passagier. Überflüssigerweise verkantete sich mein Vorderreifen in irgendeiner Steinscharte und verlor daraufhin massiv Luft. Mit Platten – aber ohne Kontrolle – kämpfte ich mich frustriert und ein bisschen beängstigt ins Ziel der ersten Wertungsprüfung. Ich hatte keinen Meter der Rennstrecke unter  Kontrolle und an mehreren Stellen war es nur Glück, dass ich nicht gestürzt bin. Nachdem ich den Reifen aufgepumpt hatte, rackerte ich mich zur zweiten Stage hoch. Der Nebel nahm zu und der unkontrollierte Blindflug von Stage 1 wiederholte sich in Stage 2.

Skeptischer Blick – mit der Strecke am Gardasee konnte sich niemand so richtig anfreunden.

Gesundheit wichtiger als ein paar Punkte

Nach diesen zwei Harakiri-Fahrten entschloss ich für mich, meinem Bauchgefühl zu folgen und beendete das Rennen frühzeitig. Meine Zeit war aufgrund des platten Vorderreifens auf Stage 1 sowieso hinüber und ich sah keinen Sinn, weiterhin meine Gesundheit aufs Spiel zu setzen, nur um am Ende im Ziel anzukommen. Manche mögen sagen, dass gehört sich nicht für einen Sportler, frühzeitig das Handtuch zu werfen, aber im Nachhinein bin ich mit meiner Entscheidung zufrieden. Viele Enduro-Racer unterschiedlichsten Niveaus haben sich kleinere oder größere Verletzungen bei Stürzen auf Stage 3 und 4 zugezogen. Mit einer ganzen Saison vor mir wollte ich dieses Risiko nicht eingehen. Letztendlich muss es jeder selbst wissen, welchen Situationen er sich aussetzt. Man kann die Verantwortung nicht nur auf den Veranstalter abwälzen, aber mit etwas mehr Vorsorge beim Stecken des Kurses hätten vielleicht viele Verletzungen verhindert werden können. Respekt denen, die es bis zum Ende durchgezogen haben. Am Ende siegte bei den Herren mein Teamkollege Nico Lau vor Daniel Schemmel und Fabian Scholz. Bei den Damen heimste Anneke Beerten vor Caro Gerig den Sieg ein. Die dritte Stufe des Podiums erklomm Raphaela Richter mit auf Stage 4 gerissenen Außenbändern.


Alle Ergebnisse der Specialized-SRAM Enduro Series in Riva del Garda

Zur Person: Ludwig Döhl (25)

Der ehemalige BIKE-Junior-Teamfahrer hat 2011 vom Cross-Country- ins Enduro-Lager zum Cube Action Team gewechselt und zählte schnell zu Deutschlands besten Enduro-Piloten. International hat er noch nichts gerissen, doch das kann sich ändern. Wir wissen: Döhl ist fit und enorm ehrgeizig. Er will 2015 bei vielen Rennen starten. Ludwig kennt die Szene und berichtet in seinem Race-Blog, was sich im Enduro-Fahrerlager tut.

Ludwig Döhl vom Cube Action Team.

Gehört zur Artikelstrecke:

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Schlagwörter: Döhl Enduro Race Race-Blog Rennen riva2015 Riva del Garda Specialized-Sram Enduro Series


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