Downhill Worldcup-Finale 2017 in Val di Sole

Gwin und Nicole holen Gesamt-Worldcup

  • Adrian Kaether
 • Publiziert vor 3 Jahren

Beim Finale des Downhill-Worldcups in Val di Sole wurde es noch einmal spannend. Myriam Nicole setzte auf Kalkül, Aaron Gwin wollte auch dieses Rennen auf jeden Fall noch gewinnen.

Der Downhill-Worldcup in Val di Sole ist jedes Jahr eins der Highlights der Saison. Gleich aus mehreren Gründen: Die Strecke ist lang, extrem steil, voller fieser Wurzeln und Absätze und doch spektakulär schnell, gefährlich und materialmordend. Außerdem fällt Val di Sole immer eine Schlüsselrolle im Worldcup-Kalender zu. Die Weltmeisterschaft im Downhill wurde hier 2016 ausgetragen, 2017 wie die Jahre davor war Val di Sole immer das letzte Rennen im Rennkalender und damit Finale und Höhepunkt zugleich.


Und auch dieses Jahr versprach vielversprechend zu werden. Schon im Training erschütterte ein Video die Downhill-Szene. Greg Minnaar heizt mit Vollgas über ein Wurzelfeld, das Vorderrad rutscht minimal weg, das Rad will Minnaar zum High-Sider in die Luft schießen, doch plötzlich steht der Mann aufrecht wieder da, unter ihm ein unförmiger Haufen Carbon-Schrott, man kann es kaum begreifen. Der Rahmen war gebrochen! Und Minnaar hatte nicht mal einen Kratzer und fuhr in der anschließenden Qualifikation trotzdem auf Platz zwei.


Zunächst waren jedoch die Damen dran und – wie nicht anders zu erwarten – pushten die italienischen Fans ihre Landsfrau Eleonora Farina zu einer frühen Top-Zeit. Ein weiteres starkes Ergebnis der Italienerin in dieser Saison. Marine Cabirou überschätzte den Grip ihres Hinterrades und befand sich im unteren Viertel der Strecke in einer langsamen Kurve plötzlich quer zur Fahrtrichtung, dann kam Myriam Nicole.

Myriam Nicole mit taktischem Kalkül


Die Französin fuhr ein vorbildliches, sehr professionelles Rennen. Sie gab exakt 99,9 Prozent, wohlwissend, dass bereits Platz vier ihr den lang ersehnten ersten Weltcup-Gesamtsieg sichern würde. Wahnsinnig schnell war sie auch so, mit viel Kontrolle und präziser Fahrweise fegte sie über die Strecke und fuhr mehr als sechs Sekunden Vorsprung auf Farina heraus. Das würde ziemlich sicher für Platz vier reichen, das war Nicole schon im Ziel klar.

Myriam Nicole ging ein kalkuliertes Risiko ein und fuhr lieber den Gesamtsieg sicher nach Hause. Trotzdem ein starker und extrem präziser Run.


Rachel Atherton dagegen sendete nach ihrem Wahnsinns-Run in Monte-Sainte-Anne gemischte Signale. Zwar war sie im oberen Bereich sehr schnell unterwegs, doch die vielen Wurzeln waren wohl etwas zu viel für die noch immer nicht regenerierte Schulter und Atherton wurde langsamer und langsamer und erreichte das Ziel mit über drei Sekunden Rückstand auf Nicole.

Rachel Atherton kämpfte sichtlich mit ihrer Schulter. Nur so ist die zweite Hälfte ihres Runs zu erklären.

Tahnee Seagrave gibt alles


Wo Nicole eiskalt das Risiko kalkulierte, da hielt Tahnee Seagrave einfach drauf. Die Britin hatte wenig Chancen auf den Gesamtsieg, erst recht mit der starken Performance von Nicole und fuhr daher nach dem Motto: „Alles oder Nichts“. Vollgas aus dem Startgate, immer auf 110 Prozent, perfekt ausbalanciert und doch ständig nah an einem Crash. Doch eben nur nah. Tahnee Seagrave gelang die schwierige Gratwanderung zwischen zu sicher und zu risikobereit perfekt und sie wurde mächtig belohnt: Mit einer Zeit von 4:14,831 noch einmal gute drei Sekunden schneller als Nicole. Da konnte dann auch Tracey Hannah nichts mehr ausrichten. Die Australierin hat ihr Augenmerk ohnehin mehr auf die WM in zwei Wochen in Cairns gerichtet. Der Worldcup-Gesamtsieg geht damit an Myriam Nicole. Der zweite Titel der Saison, der WM-Titel, wird dann im nächsten Rennen vergeben.

Tahnee Seagrave war bei den Damen dieses Mal in einer eigenen Liga. Es scheint, als hätte sie nach den Siegen in Monte-Sainte-Anne und Leogang den Bogen endlich raus.

Erst den zweiten Worldcup-Sieg holte Myriam Nicole Mitte des Jahres in Vallnord. Jetzt hat sie auch den Gesamtsieg in der Tasche.

Aaron Gwin gegen Greg Minnaar


Bei den Männern war von Anfang an klar, in Val di Sole würde es Aaron Gwin gegen Greg Minnaar heißen. Und so verwundert es vielleicht auch etwas weniger, das Greg Minnaar trotz des heftigen Sturzes im Training schon in der Qualifikation wieder das Gas voll stehen ließ und auf Platz zwei fuhr. Doch zwei junge Fahrer wollten sich unbedingt noch in den Kampf der Giganten einmischen.


Der erste war – auch das nach seiner Performance vom letzten Jahr vielleicht wenig überraschend – Laurie Greenland. Dass er in Val di Sole schnell ist, das wusste er spätestens seitdem er 2016 nur von seinem eigenen Teamkollegen Danny Hart geschlagen wurde. Und dieses Selbstbewusstsein konnte Greenland erneut in eine Top-Zeit umsetzen, die am Ende trotzdem nur für Platz sechs reichte.


Die echte Überraschung war Amaury Pierron: Schon als der Franzose aus dem Startgate sprintete, war klar, er ist nicht wieder für Platz 22 hier. Aggressiv sprintete aus jeder Ecke, drückte sein 29-Zoll-Commencal in die Ecken als gäbe es kein Morgen. Auch Kommentator Rob Warner konnte nur ungläubig zusehen, was der Franzose hier in den Staub brannte. Ganze 2,5 Sekunden Vorsprung auf Laurie Greenland am Ende, das will in Val di Sole eine Menge heißen.

Wer hätte das gedacht? Amaury Pierron war in Val di Sole einfach Weltklasse. So etwas wollen wir von ihm in Zukunft gerne häufiger sehen.


Selbst die Top-Fahrer konnten ihn am Ende bis auf einen nicht schlagen. Loic Bruni, Troy Brosnan, Loris Vergier, sie alle fuhren gute Rennen, doch an den Wahnsinn von Amaury Pierron reichten sie nicht heran und so blieben nur noch zwei Fahrer im Startgate zurück. Greg Minnaar war als Erster an der Reihe, verhinderte knapp einen Überschlag, war aber schnell und wurde schneller. Doch dann plötzlich das Desaster: Auf einem Wurzelfeld vor einer engen Linkskurve platzte der Hinterreifen, Minnaar konnte nicht richtig bremsen und schoss durch das Flatterband. Zwar fuhr er die Felge noch zu Schrott, doch das Rennen war gelaufen, der Gesamtsieg ging damit fast schon sicher an Aaron Gwin.

Bitter. Greg Minnaar platzte der Reifen, er musste auf der Felge nach Hause fahren. Als auch die aufgab, da lief er eben. Immerhin ein Bild, was man so schnell nicht vergessen wird: Der erfolgreichste Downhill-Worldcup-Fahrer zu Fuß unter dem Zielbogen...


Aber der Amerikaner ist nicht der Typ, der deswegen den Gesamtsieg sicher nach Hause fährt und andere gewinnen lässt. Auch er ging volles Risiko. Mit einer beachtlichen Ruhe peitschte er sein YT Tues über die Wurzeln, dass der Staub dazwischen in alle Richtungen spritzte. Da half auch Amaury Pierrons Glückstag nichts mehr, Aaron Gwin scheint im Moment immer noch die nötigen Zehntel zu finden. Und so auch hier: 1,4 Sekunden Vorsprung zeigte die Tafel am Ende an, Worldcup-Sieg Nummer 19, Gesamtsieg Nummer fünf für Aaron Gwin.

Aaron Gwin holt den Sieg und den Gesamtsieg. Und nimmt die Huldigungen gerne entgegen.


Die Wiederholung des Rennens gibt es wie immer auf Red Bull TV zu sehen, die vollständigen Ergebnisse finden Sie auf der Website der UCI.

Das Podium der Herren in Val di Sole: Loris Vergier, Amaury Pierron, Aaron Gwin, Loic Bruni und Troy Brosnan (von links).

Schlagwörter: Aaron Gwin Downhill Myriam Nicole Rennbericht Tahnee Seagrave UCI Worldcup Val di Sole


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