DH Worldcup #4 2018: Leogang (AUT) DH Worldcup #4 2018: Leogang (AUT)

Downhill Worldcup 2018 #4 Leogang: Rennbericht

Kein Sieg für Gwin in Leogang

Adrian Kaether am 11.06.2018

Aaron Gwin lieferte in Leogang, für den Sieg reichte es aber am Ende nicht. Mit dem Commençal/Vallnord Team steigt außerdem eine neue Macht im Downhill-Worldcup an die Spitze.

Andorra ist für vieles berühmt: Käse, Würste, als Steueroase und größter Wintersportort der Pyreneäen sowie natürlich für das Mountainbiken. Kein Wunder, dass der Zwergenstaat auch eine eigene große Mountainbikemarke hervorgebracht hat. Commençal baut moderne, abfahrtslastige Bikes mit gutem Preis-Leistungsverhältnis, die im Direktversand zu haben sind. Dieses Jahr produziert Commençal auch noch etwas anderes en Masse, das den Branchenriesen zu Denken geben wird: Worldcupsiege!

DH Worldcup #4 2018: Leogang (AUT)

Die Fans sorgten für Stimmung in Leogang.

Myriam Nicole fuhr in Losinj den Sieg ein, Amaury Pierron schnappte sich den Sieg in Fort William. Und das Team ist stark wie nie. Remi Thirion kämpft sich zurück an die Spitze, Reece Wilson fuhr in Schottland auf Platz vier und im Juniorenworldcup räumt Thibaut Dapréla mächtig ab. Leogang sollte aber nicht das Wohlfühlprogramm für die Commençal-Fahrer sein. Eigentlich.

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Luca Shaw ist unglaublich schnell im Moment. Nur für einen Sieg im Rennen hat es bisher nicht gereicht.

Aaron Gwin: Race-Run mit ausgerenktem Daumen

Bei den Männern war es wieder Dakotah Norton, der Überraschungskandidat aus Losinj, der die erste wirklich schnelle Zeit einfuhr. Mit gut 3 Minuten 13 Sekunden unterbot er die schnellste Zeit aus der Qualifikation, die Zeit von Luca Shaw, bereits deutlich. Er leistete sich wenige Fehler und profitierte wohl auch von dem starken Rückenwind auf den offenen Teilen der sprunglastigen Strecke. Mit einem Vorsprung von einer guten Sekunde wies er den bis dahin schnellsten Fahrer, Micheal Jones aus Großbritannien, deutlich in die Schranken.

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Nahezu unglaublich, mit welcher Geschwindigkeit Gwin sein YT Tues über die Wurzeln im mittleren Streckenabschnitt jagte.

Danny Hart konnte ihm nicht Paroli bieten, Marcelo Gutierrez-Villegaz und Dean Lucas hatten ebenfalls das Nachsehen. Dann stand schon Aaron Gwin am Startgatter. Über dem Amerikaner schwebte ein sprichwörtliches Fragezeichen: In Fort William hatte er sich eine Woche zuvor bei seinem Sturz den Daumen ausgerenkt und konnte in Leogang nur wenige Trainingsläufe fahren. Nach der Qualifikation saß der Daumen aber wieder vollständig an seinem alten Platz und beruhigte sich wieder.

Gwin lieferte daraufhin ab: Fehlerlos auf den offenen, weiten Streckenteilen, mit brachialem Vollgas durch die engen Wurzelabschnitte und über die Off-Camber-Sektionen. Anzumerken war Gwin von seiner Daumenverletzung nichts. Ein nahezu optimaler Run, nur in den letzten zwei Kurven ließ Gwin einige Sekundenbruchteile liegen.

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Amaury Pierron im Attacke-Modus.

Kann Amaury Pierron Gwin in Leogang schlagen?

Mark Wallace, Remi Thirion und Connor Fearon waren chancenlos, auch Troy Brosnan und Laurie Greenland, sogar Loris Vergier mussten sich trotz guter Läufe meist mehrere Sekunden hinter Gwin einordnen. Dann stand Amaury Pierron am Startgate. Der junge Franzose hatte erst eine Woche zuvor in Fort William seinen ersten Worldcup gewonnen. Nun, auf einer völlig anderen Strecke, noch dazu die Lieblingsstrecke von Aaron Gwin, rechnete sich Pierron wenig Chancen aus.

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Loris Vergier konnte dieses Jahr in Leogang nicht zum Sieg fahren. Platz fünf wurde es immerhin trotzdem.

Aber probieren geht über studieren. Und Pierrons Team Commençal ist im Moment ganz sicher das heißeste Team im Downhill-Worldcup. Das neue 29-Zoll-Bike scheint perfekt zu funktionieren, gleich mehrere Fahrer mit dem Schriftzug der Firma aus Andorra drängen im Moment an die Spitze. Pierron in Fort William, das war nicht Glück und auch keine Eintagsfliege sondern die Kombination aus wahnsinnig viel Talent des Fahrers und offenbar perfektem Teamspirit.

Ein neuer Sieg für Commençal

Also sprintete Pierron aus dem Startgate und schoss die Strecke hinunter. Unaufgeregt wirkte er, im ersten Split lag er gegenüber Gwin leicht zurück. Doch Pierron fing sich, wurde immer schneller und plötzlich muss es Gwin so richtig heiß geworden sein im Hot Seat seiner geliebten Strecke. Denn Pierron drückte auf die Tube und kämpfte sich Meter um Meter an Gwin heran, überholte ihn in den langen Sprüngen, ließ wieder eine Zehntelsekunde liegen, machte dann den Hahn richtig auf und schoss durch die letzten beiden Kurven und über den großen Sprung ins Ziel. Und es wurde wieder einmal klar: Man kann Gwin schlagen, auch in Leogang. Wie Pierron zum Beispiel, mit einer halben Sekunde Vorsprung.

Die letzten beiden Starter, Brook MacDonald und Luca Shaw konnten wenig ausrichten. MacDonald war insgesamt nicht schnell genug, Luca Shaw hingegen legte mächtig vor und fuhr ebenfalls ein Wahnsinnsrennen, bis ihm im unteren Drittel der Strecke das Vorderrad entglitt und er in der Bande landete. Pech für Shaw, er gewann aber bereits schon die zweite Qualifikation in Folge und ist auch im Rennen schnell genug. Es scheint nur eine Frage der Zeit, bis der junge Amerikaner ebenfalls seinen ersten Sieg holt. Der ging in Leogang also wieder an Amaury Pierron, der damit wie aus dem Nichts zwei Worldcup-Siege in Folge holte. 

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Das Podium der Herren: Troy Brosnan, Aaron Gwin, Amaury Pierron, Laurie Greenland und Loris Vergier.

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Er war schnell. Amaury Pierron war schneller. Aaron Gwin muss sich also geschlagen geben.

Myriam Nicole verpasst den Sieg knapp

Im Rennen der Damen gab es zwar keinen Sieg für Commençal, das Team schrammte aber nur um Haaresbreite daran vorbei. Nach dem Sieg in Leogang im letzten Jahr und dem Sieg in Fort William vor wenigen Tagen sowie in der Qualifikation für Leogang dieses Jahr, waren alle Augen auf Tahnee Seagrave gerichtet. Rachel Atherton war die eindeutige Gegnerin, aber ein Sturz machte bei ihr eine gute Zeit in der Qualifikation unmöglich.

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Tahnee Seagrave hatte keinen guten Tag. Sie lag zurück, dann wurde sie disqualifiziert.

Sie startete deswegen früh und da war sie wieder, die Rachel Atherton, die Rekordsiegerin. Ihre Linienwahl war nicht unbedingt außergewöhnlich und keine eindeutigen Stärken erkennbar. Aber das liegt auch nur daran, dass Rachel Atherton einfach überall brilliert. Sie fuhr eine Top-Zeit ein und machte es sich im Hot Seat bequem.

Die europäische Meisterin Monika Hrastnik hatte einige gute Momente und sollte am Ende sogar auf Platz vier landen, die Schweizerin Emilie Siegenthaler fuhr auf Platz fünf. Tracey Hannah war schnell, aber doch fast vier Sekunden langsamer als Rachel Atherton. Auch Tahnee Seagrave erwischte überhaupt keinen guten Tag. Sie war langsamer im oberen Teil der Strecke, der Rückenwind auf den großen Sprüngen sorgte dafür, dass sie mehrfach deutlich über die Landung hinausschoss und dabei alle Energie verlor. Am Ende nahm sie sogar einige Pfosten der Streckenbegrenzung mit, ihre Reifen walzten das Band nieder. Die UCI-Kommissäre blieben hart und gerecht: Disqualifikation wegen Verlassen der Strecke. Nicht der Tag, den Seagrave sich gewünscht hätte.

Sieg für Atherton, Nicole in Topform

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Myriam Nicole fuhr ein großartiges Rennen. Den Sieg verpasste sie nur knapp, dabei liegt ihr die Strecke in Leogang angeblich nicht einmal.

Überraschen konnte dagegen Myriam Nicole. In Interviews hatte sie mehrfach zugegeben, dass sie sich in Leogang nicht wirklich wohlfühle. Im Rennen war aber davon nichts zu merken. Auf den flachen Stücken und den Sprüngen war sie etwas langsamer als Rachel Atherton, holte sich die verlorene Zeit aber in zwei heftigen Steilstücken wieder zurück. Dann kurz vor dem Ziel ein mächtiger Fehler: Über einer Stufe sprang ihr das Hinterrad um fast einen Meter zur Seite, nur blitzschnelle Reflexe verhinderten, dass Nicole zu Boden ging. Zwar ließ sich die Französin nicht beirren, doch sie verlor durch das Manöver etwa eine Sekunde und die fehlte ihr am Ende.

Rachel Atherton trug also einen knappen Sieg davon, Myriam Nicole holte für Commençal Platz zwei – ein sehr gutes Ergebnis, gerade auf einer Strecke, die Nicole angeblich nicht liegt. Die Französin ist in Topform und Rachel Atherton aber auch Tracey Hannah und Tahnee Seagrave werden sich strecken müssen, um Nicole im Juli in Val di Sole und Vallnord zu schlagen.

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Das Podium der Damen: Monika Hrastnik, Myriam Nicole, Rachel Atherton, Tracey Hannah und Emilie Siegenthaler.

Und Vali Höll? Die hat fast schon wie selbstverständlich die Junioren-Wertung gewonnen. Bei den Elite-Damen hätte es mit ihrer Zeit von knapp über 3:56 Minuten dieses Mal doch "nur" für Platz sieben gereicht. Trotz eines kleineren Sturzes! Da werden der 16-jährigen Österreicherin auch viele aus dem Elite-Damenfeld Respekt gezollt haben.

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Vali Höll gewann die Juniorenwertung trotz eines Sturzes mit fünfzehn Sekunden Vorsprung. Für Platz sieben hatte das selbst noch in der Elite gereicht.

Alle Ergebnisse zum Worldcup in Leogang finden sie auf der Website der UCI. Die Wiederholung des Rennens ist auf Redbull.tv zu sehen.

Adrian Kaether am 11.06.2018