Gwin schafft den Hattrick Gwin schafft den Hattrick Gwin schafft den Hattrick

Downhill Worldcup 2017 #3: Leogang Rennbericht

Gwin schafft den Hattrick

  • Adrian Kaether
 • Publiziert vor 5 Jahren

Der Worldcup in Leogang wurde auf den Sprüngen entschieden. Aaron Gwin war hier schneller als jeder andere. Bei den Damen gab es eine neue Worldcup-Siegerin. Tipp: Besonders in der Luft sehr stylisch.

Hardtail fahren macht schnell. Denn – so lautet eine alte Mountainbiker-Binsenweisheit – wer auf dem Hardtail schnell fahren kann, der fährt sauber und mit guter Technik und wird auf dem Fully nur umso schneller. Übrigens auch der Grund, warum Anfängern gerne zu Hardtails geraten wird, doch selbst das ist wohl kaum unumstritten. Und für Worldcup-Downhillfahrer gilt das erst recht nicht. Die Jungs können es ja eh schon. Trotzdem: Wenn man sich Phil Atwills Geschichte vom Wochenende anschaut, dann fühlt man sich unweigerlich wieder daran erinnert.


Schon nach dem Trackwalk wurden im Fahrerlager in Leogang vermehrt Proteste laut. Die Strecke sei zu leicht, nur auf Speed und heiße TV-Bilder getrimmt, ohne nennenswerte technisch anspruchsvolle Features. Dass man den großen Rockgarden im Mittelteil der Strecke entfernt hatte, goss in dieser Hinsicht nur Öl ins Feuer. Unter anderem war auch Phil Atwill alles andere als begeistert und um seinem Protest Ausdruck zu verleihen, schwang er sich am nächsten Tag nicht wie gewohnt auf seinen Downhill-Boliden, sondern griff zum Hardtail.

Der etwas andere Trainingslauf


Schnelle Dirtjump-Reifen, 100 Millimeter Federweg in der Front, starres Heck. Das 4X/Dirtjump-Hardtail 4Bidden von Phils Sponsor Propain ist alles andere als ein ausgefeiltes Downhill-Bike. Trotzdem erreichte Phil Atwill nach knapp sechs Minuten im ersten Traininglauf schon das Ziel. Klar, keine konkurrenzfähige Zeit, aber es ging. „Ich denke einfach, dass sowas überhaupt nicht möglich sein sollte. Man sollte einen Worldcup-Kurs nicht auf dem Hardtail fahren können“, sagte er später. Und vielleicht hat er da auch nicht ganz unrecht. Aaron Gwin und Troy Brosnan gefiel die Strecke dagegen gut, technischer Anspruch hin oder her.

Bartek Wolinski,Red Bull Content Pool Für Bernard Kerr war Leogang eines der besten Rennen seiner Karriere. Am Ende reichte es für den stylischen Briten für einen sehr guten Platz fünf.


Im Rennen zahlte sich Phil Atwills Hardtailerfahrung dann aber doch aus. In einem sehr guten Run stürzte sich der junge Brite den Berg hinunter und fuhr auf den Hotseat, auf dem er sich auch eine kurze Zeit halten konnte. Natürlich nur, weil er gehört hatte im Ziel gibt’s Bier, so jedenfalls die eigene Erklärung (letztes Jahr gabs angeblich Gin Tonic). Naja, Rock'n'Roll und so. Als Dean Lucas das Ziel erreichte, musste Phil Atwill seinen Platz jedoch räumen. Die erste richtig schnelle Zeit kam von dem Slowenen Jure Zabjek, mit einer Zeit von 3:14.783 konnte er es sich länger im Hot Seat bequem machen, Größen wie Brook MacDonald, Marcello Gutierrez Villegaz, Neko Mulally und Mark Wallace bissen sich die Zähne an ihm aus, ohne etwas zu erreichen.

Bartek Wolinski,Red Bull Content Pool Greg Minnaar blieb auch in Leogang nicht hintendran und fuhr auf Platz drei.


Erst der Beinahe-Sieger von Fort William, Jack Moir, konnte den jungen Slowenen von seinem Platz vertreiben, dann jedoch mit einem Vorsprung von mehr als einer halben Sekunde. Connor Fearon kam als nächster und war zwar nicht schneller, aber sehr nah dran. Luca Shaw läutete dann endgültig das Finale ein. Der Amerikaner war auf seinem V10 29er mehr als 1,7 Sekunden schneller als Jack Moir, kurze Zeit später fiel auch seine Zeit der Sprungexpertise von Bernard Kerr zum Opfer, die wiedrum zittern musste, als Laurie Greenland nur eine Zehntelsekunde langsamer als er das Ziel erreichte. Mick Hannah fuhr auf Platz vier und ließ dafür sogar den obligatorischen Suicide-No-Hander auf dem Zielsprung ausfallen und dann kam Loris Vergier.

Loris Vergier fährt fast zu Worldcup-Sieg Nummer 1


Wieder hatte das Santa Cruz Syndicate seine Finger kräftig im Spiel. Mit Luca Shaw wurde das Finale eingeleutet und es sah so aus als würde Loris Vergier es beenden. Zu seinen Gunsten. Mit einer schier unfassbaren Geschwindigkeit flog der Franzose über die Strecke, leistete sich kaum sichtbare Fehler, auch die vielen Sprünge nahm er nahezu perfekt. Fast drei Sekunden Vorsprung vermeldete die Anzeigetafel. Und das auf den schon eigentlich fehlerlosen Run von Teamkamerad Luca Shaw.

Bartek Wolinski,Red Bull Content Pool Loris Vergier fuhr fehlerlos und richtig schnell. Wie Aaron Gwin diese Zeit noch schlagen konnte? Wir wissen es auch nicht...


Was sollte da noch kommen? Doch die Worldcup-Downhill-Elite enttäuschte nicht. Troy Brosnan platzierte sich zwischen Shaw und Vergier, auch Greg Minnaar konnte wieder überzeugen und fuhr als dritter Santa Cruz-Fahrer direkt hinter Loris Vergier aufs Podium. So blieb nur noch der Sieger der Qualifikation, Aaron Gwin, der Worldcup-Sieger ohne Kette, im Startgate. Und wenn Greg Minnaar der „King of Fort William ist, dann ist Aaron Gwin ganz sicher der „König von Leogang“.

Aaron Gwin und Leogang: Besser wird es nicht


2015 fuhr er hier ohne Kette zum Sieg, 2016 holte er auch trotz starker Konkurrenz erneut die Goldmedaille. 2017 bot sich also die Chance zum Hattrick, zum Dreifach-Sieg, wie er Greg Minnaar vor einer Woche in Fort William gelungen war. Außerdem würde Aaron Gwin bei einem Sieg schon seinen 17. Worldcup-Sieg holen. Genauso viele wie Steve Peat, mehr als Nico Vouilloz, nur Greg Minnaar hat mit insgesamt 20 Worldcup-Siegen noch mehr Gold im Keller.

Bartek Wolinski,Red Bull Content Pool Aaron Gwin blieb maximal konzentriert. Das zahlte sich aus.


Die Chance konnte sich der Kalifornier nicht entgehen lassen und lieferte in Leogang wieder hundertzwanzig-prozentige Perfektion. Denn eigentlich waren ja schon bei Loris Vergier keine Fehler zu sehen gewesen, aber Aaron Gwin schaffte es trotzdem in fast jedem Sektor noch ein kleines bisschen schneller zu sein. Ein etwas besserer Drop hier, einige Zentimeter genauer bei diesem oder jenem Sprung, am Ende zeigte die Anzeigetafel unglaubliche 3.06.958 Minuten an, noch einmal fast eineinhalb Sekunden schneller als Loris Vergier. Es scheint, als sei Aaron Gwin in Leogang einfach nicht zu schlagen.

Bartek Wolinski,Red Bull Content Pool Hauptsache Champagner.

Rachel weiter abwesend im Damenrennen


Im Rennen der Damen musste Titelfavoritin Rachel Atherton wegen ihrer ausgekugelten Schulter noch weiter aussetzen. Zwar gehe es schon deutlich aufwärts, doch die Kraft für ein Rennwochenende habe sie noch nicht wiedererlangt. Sie wolle außerdem den Heilungsprozess nicht gefährden und müsse deswegen leider absagen, sagte sie über Facebook. So konnten die anderen Damen das Rennen unter sich ausmachen.

Bartek Wolinski,Red Bull Content Pool Myriam Nicole fuhr ein starkes Rennen in Leogang.


Besonders gut schlug sich auf der sprunglastigen Strecke von Leogang Myriam Nicole. Als einzige Frau auf großen Laufrädern konnte sie trotz einer gewissen Vorsicht auf den Sprüngen im oberen Teil der Strecke einen schnellen Run fahren und distanzierte sich um mehr als fünfeinhalb Sekunden von der Schweizerin Emilie Siegenthaler. Manon Carpenter war auf der schnellen Strecke fast genauso schnell wie Myriam Nicole, die Splits drei und vier vermeldeten sogar einen leichten Vorsprung doch in der letzten Sektion verlor sie diesen Vorsprung wieder und erreichte das Ziel mit einer halben Sekunde Rückstand.

Luftikus: Tahnee Seagrave souverän auf den Sprüngen

Bartek Wolinski,Red Bull Content Pool Fünfmal stand Tahnee Seagrave schon auf Platz zwei. Für Platz eins hat es nie gereicht.


Doch ein Sieg von ihr auf der wenig technischen Strecke wäre auch wirklich überraschend gewesen. Denn bei der Kombination Damen, Downhill und Leogang denkt man wegen der vielen Sprünge an jemand anderes: Tahnee Seagrave. Schon fünfmal fuhr sie auf den zweiten Platz, oft hinter Rachel Atherton selbst, doch für einen Sieg reichte es bis dato nie. Jetzt, in Leogang, war ihre Chance gekommen. Im Attacke-Modus flog sie durch die Kurven und über die Wurzeln, behielt auf den Sprüngen aber die Kontrolle und verlor keine Zeit. Auch die kurzen Steilstücke schreckten sie nicht und sie wurde mit zweieinhalb Sekunden Vorsprung und dem Hot Seat belohnt.

Bartek Wolinski,Red Bull Content Pool Endlich. Nach zwei Jahren an der Spitze der erste Worldcup-Sieg für Tahnee Seagrave.


Blieb nur noch Tracey Hannah. Doch die Australierin war in allen Splits etwas langsamer als Tahnee Seagrave, hatte zwischenzeitlich fast eineinhalb Sekunden Rückstand, doch im letzten Abschnitt machte sich ihre überlegene Fitness bemerkbar. Wie keine andere der Damen sprintete sie aus den unteren Kurven, behielt auch über einen extremen Hinterradrutscher noch die Kontrolle und schoß mit Highspeed auf das Ziel zu. Wäre die Strecke etwas länger gewesen, wäre es wahrscheinlich Traceys Worldcup-Sieg Nummer zwei in dieser Saison geworden. War sie aber nicht und so ging Gold in Leogang an Tahnee Seagrave, die damit endlich ihren ersten Worldcup-Sieg feiert, auf den sie nun schon so lange warten musste.

Alle Ergebnisse finden sie auf der Webiste der UCI . Die Wiederholung des Rennens gibt es außerdem auf Red Bull TV zu sehen.

Themen: Aaron GwinDownhillGreg MinnaarLeogangTahnee Seagrave


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