Downhill Worldcup 2017 #2: Fort William

29 Zoll ist Trumpf

  • Adrian Kaether
 • Publiziert vor 3 Jahren

Während Rachel Atherton verletzt aussetzen muss, machen die anderen Damen das Rennen unter sich aus. Bei den Herren gewinnt der größte Downhill-Racer aller Zeiten. Schon zum 20. Mal, aber auf 29 Zoll.

Wir kennen ihn: Schon lange. Und wir wussten: Er kann es schaffen. Jetzt, endlich mit einem passenden fahrbaren Untersatz erst recht. Natürlich kann hier nur von einem die Rede sein: Greg Minnaar, der 35-jährige Südafrikaner, Mr. Minn, eine der größten Legenden die der Downhill-Worldcup, je gesehen hat. Kein anderer Mann hat über die Jahre mehr Siege eingefahren, kein anderer Mann hat sich so lange so erfolgreich an der Spitze des Downhill-Worldcups halten können. Und beim zweiten Downhill-Worldcup 2017 in Fort William sollte Greg Minnaar wieder zuschlagen. Legendärer Typ, legendäre Strecke und eine (sieg)reiche Historie verbinden die beiden, das musste ja irgendwie passen.

Doch der Druck in Fort William war groß. Mit seinem Sieg in der Qualifikation hatte Greg Minnaar zwar gezeigt, dass die Pace stimmt, doch sich gleichzeitig auch die im Mountainbiken wenig vorteilhafte letzte Startposition gesichert. So musste er mitansehen, wie seine Kollegen mächtig vorlegten. Erste schnelle Runs von Laurie Greenland und Mick Hannah gaben das Tempo vor, Troy Brosnan fuhr eine gute Zeit ein und landete im Hotseat, obwohl das mittlere Waldstück ganz entgegen seinem sonstigen Style ziemlich unkontrolliert aussah.
Überhaupt: Der Wald. Schon seit dem ersten Worldcup im Jahr 2002 ist das Waldstück auf der Hälfte der Strecke eine der zentralen Schlüsselstellen. In diesem Jahr wurde die Sektion etwas flacher, die Wurzeln und Löcher im Boden blieben aber gleich und selbst die Topfahrer hatten Mühe, hier nicht stecken- oder hängenzubleiben. Den Damen gelang eine saubere Durchfahrt der Passage fast gar nicht, auch bei den Herren mussten einige Favoriten hier die Hoffnung fahren lassen.

Starke Vorstellung mit kleinem Fehler von Aaron Gwin


Troy Brosnan gehörte nicht dazu. Zwar schlitterte er auf dem glitschigen, halbgetrockneten und daher nur umso schlimmeren Matsch quer über die Strecke und musste einen Fuß absetzen, aber auch so stimmte der Speed einigermaßen und der Hot Seat war ihm sicher. Danny Hart dagegen stürzte, auch Loic Bruni verlor, wahrscheinlich ebenfalls durch einen Sturz im Wald, den Anschluss und das Rennen. Schnell waren acuh Connor Fearon und Neko Mulally, beide landeten nur knapp hinter Brosnan.

Kein Wunder, dass hier viele die Kontrolle verloren. Aaron Gwin schlug sich jedoch gut.


Remi Thirion drehte dann richtig auf. Auf seinem nagelneuen Commencal Supreme 29 Zoll Downhiller machte er Kleinholz aus der Strecke, schlug Brosnan aber nur um wenige Zehntel. Bei 4.45.020 blieb die Uhr stehen, wer ihn schlagen wollte musste als in den 4.44er Bereich fahren. Bei derartigen Bedingungen keine leichte Sache. Aber Aaron Gwin ließ sich nicht einschüchtern. Mehr als vier Sekunden Vorsprung hatte Aaron Gwin beim zweiten Split herausgefahren; doch dann ein kapitaler Fehler. In einer unbedachten Sekunde in einer eigentlich harmlosen Kurve verliert Gwin den Grip am Vorderrad und der Schwung ist weg. Fast drei Sekunden sind durch den kleinen Fehler futsch aber die Zeittafel am Ende zeigt Grün, Gwin geht in den Hot Seat und ärgert sich trotzdem, denn er weiß: Da wäre mehr drin gewesen.

Remi Thirion war auf dem 29-Zoll-Bike in seinem Element.

Jack Moir: ein Worldcup-Sieg für Intense?


Marcello Gutierrez Villegaz folgt als nächster. Er fährt ein starkes Rennen und holt am Ende durch überragende Fitness auf der eher flachen "Motorway"-Sektion fast drei verlorene Sekunden wieder auf. Für den Sieg reicht das nicht, doch für eine gute Platzierung. Noch drei Fahrer oben im Startgate. Als nächster ist Jack Moir an der Reihe. Der junge Australier ist auf einem neuen Intense Prototypen 29er unterwegs, den der Firmenchef kaum zehn Tage vor dem Rennen selbst zusammengeschweißt hat. Doch Bike und Fahrer verstehen sich prächtig. Mit überlegener Balance zirkelt Moir um die Kurven, springt todesmutig und doch sicher in die Rockgardens und wieder hinaus und hält auch im schlammigen Waldstück seine Linie. Fast eine Sekunde Vorsprung auf Aaron Gwin, der Rookie sitzt im Hot Seat und eigentlich kann man nur denken: Das ist es gewesen, der erste Worldcup Sieg für Jack Moir.

Marcello Gutierrez Villegaz holte Platz vier hinter Aaron Gwin auf Platz drei.


Nur ein kleines Wunder kann das noch verhindern, denn mittlerweile hat auch der Regen mit zunehmender Stärke eingesetzt. Loris Vergier kann nicht liefern und stürzt, doch für Wunder ist eben auch ein anderer zuständig. Greg Minnaar. 19 Worldcupsiege insgesamt, alleine sechs davon in Fort William. In den letzten zwei Jahren hat er beide Rennen hier gewonnen, als ihn nicht wenige schon zum Alteisen schieben wollten. Inzwischen hat es heftig zu regnen begonnen, die Sicht ist schlechter geworden, die Strecke selbst scheint noch nicht stark betroffen zu sein. Dem Südafrikaner ist das aber eigentlich auch egal. Auf seinem 29 Zoll V10 bläst er mit Highspeed über die Strecke, nur 0,2 Sekunden trennen ihn in der ersten Sektion vom kurvengierigen Connor Fearon, der hier die Bestzeit hinlegte, im Wald dann rasten die Zuschauer völlig aus. Fast drei Sekunden Vorsprung vermeldet die Anzeigetafel, jedem Fan schießt der Puls auf 180. Kann Greg es wirklich schaffen? Worldcup-Sieg Nummer 20? Mit 35 Jahren, wieder in Fort William?

Jack Moir fuhr auf seinem 29 Zoll Intense Prototypen um ein Haar den Sieg ein. Auch so ist es mit Abstand das beste Ergebnis seiner Karriere.


Er kann. Weder die Nerven, noch die Fitness lassen ihn im Stich, auch auf dem "Motorway" verliert Greg Minnaar fast keine Zeit, erlaubt sich fast keine Fehler, bei fast drei Sekunden Vorsprung auf unschlagbar erscheinende Zeit von Moir bleibt die Uhr bei 4.40.344 Minuten stehen. Worldcup-Sieg Nummer 20, Worldcup-Sieg Nummer sieben in Fort William, der dritte Sieg hier in drei Jahren. Fans, Freunde, Kommentatoren ticken völlig aus, begraben den Sieger unter einem Haufen von Menschen, obendrauf liegt Steve Peat "Peaty" auf dem Rücken und stemmt jubelnd das Bike von Greg Minnaar in die Höhe. Bilder die sich in die Netzhaut brennen und die Fort William ein weiteres Mal unvergesslich machen.

Selbst in den schlammigen Stücken behielt Greg Minnaar die Kontrolle.

Ist 29 Zoll damit der neue Standard im Downhill?


Doch Fort William war nicht nur ein Duell der Fahrer. Das Rennen sollte auch eine Antwort auf die Frage bringen, welches Konzept denn nun schneller ist. Wird 29 Zoll auch im Downhill das neue Maß der Dinge? Nach Fort William kann man überzeugt sagen: Jain. Die lange, schnelle und raue Strecke war ideal für die Überolleigenschaften der großen Räder, der bessere Grip machte sich insbesondere in der matschigen mittleren Sektion bemerkbar und die Plätze eins und zwei gehen an das neue Laufradmaß. Doch am Ende waren die Fahrer entscheidend.


Ohne seinen Fehler im unteren Teil der Strecke wäre Aaron Gwin auf den "kleinen" Laufrädern fast genauso schnell wie Greg Minnaar gewesen. Troy Brosnan, Marcello Gutierrez Villegaz, Neko Mulally, Laurie Greenland, sie alle waren auf dem gewohnten Laufradmaß unterwegs und bewegten sich auf Augenhöhe mit den großen Laufrädern. In Zukunft wird es wahrscheinlich also einfach eine Koexistenz beider Laufradgrößen geben und die Fahrer werden sich je nach Strecke und eigenen Vorlieben für das eine, oder das andere entscheiden, wie es beispielsweise in der Enduro World Series gängige Praxis ist.

Rachel Atherton verletzt


Bei den Damen musste Favoritin Rachel Atherton vom Rennen zurücktreten. In ihrem letzten Trainingsrun am Vormittag war die Britin gestürzt und hatte sich den Arm ausgekugelt. Ein Zuschauer konnte Ersthilfe leisten und den Arm wieder einrenken, doch starten konnte sie so nicht mehr. Der Unfall verlief aber den Umständen entsprechend recht glimpflich, Teammanager Dan Brown glaubt, dass Rachel vielleicht in Leogang schon wieder am Start stehen wird.

Die Schweizerin Emilie Siegenthalter war im Matsch besonders schnell. Am Ende reichte es für Platz drei. Ein Karrierehighlight.


So mussten die anderen Damen das Rennen unter sich ausmachen. Morgane Charre legte eine gute Zeit hin und blieb lange im Hot Seat. Tahnee Seagrave stürzte in dem notorischen Waldstück, eine gute Figur machte dort dagegen die Schweizerin Emilie Siegenthaler. Sie durchfuhr die Sektion mit Abstand am Flüssigsten und landete damit prompt im Hot Seat. Manon Carpenter konnte dem nur wenig entgegensetzen, Myriam Nicole war als einzige Frau auf großen Laufrädern insbesondere im oberen Teil der Strecke schnell, doch fast sechs Minuten Rennzeit zehrten an ihr und auf den großen Sprüngen auf dem "Motorway" gingen ihr die Körner aus. Schneller als Siegenthaler war sie trotzdem, doch der Sieg ging am Ende an Tracey Hannah. Die Australierin zeigte keine echten Schwächen und eine gute Fitness, fuhr flüssig durch das Waldstück und hatte auch am Ende noch Kraft genug um ins Ziel zu sprinten. Die zweijährige Siegessträhne von Rachel Atherton ist damit unterbrochen, doch die Britin bleibt vorerst trotzdem ungeschlagen.

Tracey Hannah fuhr ein fehlerloses Rennen und holte einen verdienten Sieg.

Alle Ergebnisse finden sie auf der Website der UCI , die Wiederholung des Rennens ist auf Red Bull TV zu sehen.

"King of Fort William". Das ist er auf jeden Fall.

Schlagwörter: Aaron Gwin Downhill fort william Greg Minnaar Rachel Atherton Rennbericht UCI Worldcup


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