DH MTB WM Lenzerheide 2018: Rennbericht

Bruni und Atherton holen WM-Titel

  • Adrian Kaether
 • Publiziert vor 2 Jahren

Vor den tobenden Fans lieferten sich die schnellsten Downhiller des Planeten bei der WM in Lenzerheide einen Kampf bis aufs Messer. Fast wäre es ein zweites „La Bresse“ geworden.

Morgens um 6:00 Uhr geweckt von Kuhglocken und Kettensägen. Was kann das anderes sein, als der letzte Tag der Mountainbike-WM im schweizerischen Lenzerheide, der Tag der Entscheidung im Downhill. Und wenn morgens um sechs schon die Kettensägen dröhnen, wie soll dann erst der Rest dieses Tages werden? Schließlich gibt es kaum einen Sport, bei dem die Fans so dermaßen ausrasten wie im Downhill.

Die Kuhglocke ist allgegenwärtig. Hier ein Exemplar von eher kleiner Größe.

Downhill-WM Lenzerheide: Nichts für zarte Ohren


Schon bei den Junioren, bei denen übrigens Kade Edwards und Vali Höll (mit 10,8 Sekunden Vorsprung!) gewannen, sind die Fans kaum zu bremsen. Und dabei sind jetzt noch die meisten irgendwo in den Pits unterwegs, für ein Selfie mit Ed Masters, oder für einen Handschlag mit Gee Atherton, der in die Schweiz angereist ist, obwohl er vom britischen Radsportverband nicht für die WM nominiert wurde und damit an diesem Wochenende gar nicht fahren darf. Eine ziemliche Frechheit übrigens, schließlich wurde er ja beim letzten Worldcup in La Bresse sogar Zweiter, aber sei es drum. Auch Bikes gab es einige zu bestaunen, die speziell für die WM aufgebaut wurden. Doch beim Finalrennen der Elite Damen sind dann doch fast alle Zuschauer an der Strecke und lärmen mit allem, was irgendwie Krach macht.

Myriam Nicole war stark, konnte Rachel aber nicht einmal ansatzweise das Wasser reichen.


Motorsägen, Felgen, Lenker in Rahmen, Megaphone, Vuvuzelas, ja sogar einige Musikinstrumente – Trompeten und Posaunen – schaffen es bis an die Strecke und die Schweizer haben natürlich Kuhglocken dabei. So von einem halben Meter Durchmesser etwa, jeder zwei, die er mit einem Joch auf dem Rücken trägt.

Vali Höll im Vollgasmodus. Dass sie nach dieser Saison Weltmeisterin wird, war fast schon unausweichlich.

Das Podium der Juniorinnen. Anna Newkirk, Vali Höll und Mille Johnset.

Kade Edwards, der Sieger der Junioren.

Frankreich legt vor: Cabirou und Nicole mit guten Zeiten


Bei den Damen ist es, wie zu erwarten, Marine Cabirou, die die erste richtig schnelle Zeit einfährt. Davor hatte Emilie Siegenthaler eine Zeit lang im Hot Seat gesessen, aber die junge Französin schlug ihre Zeit doch um einige Sekunden. Sicher auch, weil sie als eine der ersten Fahrerinnen fast immer die direkteren Race-Lines einschlug, anstatt Hindernisse eher zu umfahren. Doch Cabirous Zeit sollte ebenfalls keinen langen Bestand haben, dass Myriam Nicole noch schneller sein würde, wurde ja irgendwie auch erwartet.


Und das passierte auch. Die Französin konnte ihr Bike gut auf Linie halten und profitierte ebenfalls von vielen französischen Fans an der Strecke. Doch die Abstände im Damen-Downhill sind groß und der von Nicole zu Cabirou war zwar mit knapp über fünf Sekunden stattlich, aber wahrscheinlich nicht groß genug für den Weltmeistertitel. Tracey Hannah war schnell, aber auch ihr fehlte die Klasse, die wir in jedem Rennen zumindest von einer der beiden britischen Kontrahentinnen Rachel Atherton und Tahnée Seagrave sehen. Sie reihte sich wenige Hundertstel hinter Cabirou ein.

Tahnée Seagrave fuhr knapp vor Myriam Nicole auf den zweiten Platz. Sicher hatte sie auf mehr gehofft, aber Atherton war einfach ziemlich unschlagbar gut.

Rachel Atherton: Am Ende doch völlig unschlagbar


Nach einem starken Run von Seagrave, mit dem die Britin mit knappem Vorsprung auf Myriam Nicole in den Hot Seat fuhr, ging dann Rachel Atherton als Letzte aus dem Startgate. Und was soll man dazu noch sagen? Sie ist ohne Zweifel wieder ganz die Alte. Kein einziger Fehler, kein Zögern auch nur im Ansatz zu erkennen, schon im ersten Split lag sie gleich mehrere Sekunden vorne, am Ende waren es 9,983 Sekunden. Unglaublich, schließlich sind Nicole und Seagrave beide gut dabei im Moment und die Waliserin schenkt ihnen beiden einfach zehn Sekunden ein. Ein wirklich verdienter Sieg, mit dem auch Rachel Atherton deutlich zeigt, dass sie noch immer oder wieder die „Queen of Downhill“ ist. Wie in la Bresse wurde Nina Hoffmann in ihrer ersten Elite-Saison auch bei der WM wieder die beste Deutsche. Sie holte Platz neun.

Die glücklichen Gewinnerinnen.

Rachel Atherton freut sich über ein verdientes Gold.

Männerrennen: 81 Starter im Finale


Und dann kam das Highlight, auf das in Lenzerheide am Sonntag die meisten der 20000 Fans gewartet hatten. Das Finale der Downhill Men Elite. Vorneweg gesagt, es war ein sehr langes Finale. Insgesamt 81 Fahrer hatten sich qualifiziert und obwohl die ersten Fahrer natürlich eher wenig Chancen auf den Sieg hatten, wurde jeder einzelne von den Fans gefeiert wie ein Gott und mit frenetischem Jubel und ohrenbetäubendem Lärm begrüßt. Da die Startreihenfolge sich aus den UCI-Punkten und der Qualifikation ergab, starteten einige der Favoriten erstaunlich früh. Greg Minnaar ging bereits als 26. Fahrer von 81 aus dem Startgate und übertrumpfte die bis dahin schnellste Zeit um gute fünf Sekunden. Keine Welt, aber doch ein deutliches Ergebnis.

Ein früher Start für Greg Minnaar. Der Südafrikaner saß dadurch ziemlich lange im Hot Seat und wurde am Ende Achter.


Und so mancher scheiterte nun in der Folge an der frühen, guten Zeit des Südafrikaners. Bis zu dem einen Mann, dem Sieger von La Bresse, dem EWS-Fahrer Martin Maes. Maes startete in gewohnter Enduro-Manier eher kräftesparend und etwas vorsichtiger, leistete sich aber keine Fehler und fand schnell in einen Rhythmus, in dem er nur noch schneller und schneller wurde. Als die Downhiller gegen Ende der Strecke schon wieder Speed zu verlieren begannen, setzte er nur noch überall einen drauf und wie in La Bresse kam der ein oder andere Fahrer zwischenzeitlich nah an Maes heran, doch in den unteren Sektionen verloren sie alle. Die meisten um die 1,5 Sekunden auf nur wenigen Metern irgendwo in den letzten Sprüngen.

Martin Maes legte einen Vollgasritt sondergleichen hin. Vor allem im unteren Drittel war er praktisch nicht zu schlagen.

Der Enduro-Racer im Downhill-Zirkus. Martin Maes kann wohl einfach alles.

La Bresse 2.0 – Maes wieder im Hot Seat


Maes saß auf dem Hot Seat und die Top-Worldcup-Fahrer prallten einfach nur an ihm ab. Erst Fahrer wie Mark Wallace, Dakotah Norton, Remi Thirion oder Charlie Harrison, dann auch die Top 10 des Worldcups: Aaron Gwin, Jack Moir, Dean Lucas oder Eddie Masters, Connor Fearon, Brook MacDonald, Connor Fearon und Luca Shaw. Würde Lenzerheide ein zweites la Bresse werden? Könnte ein Enduro-Pilot wirklich bei einer Downhill-WM den Sieg davontragen? Das blieb abzuwarten.

Der Worldcup-Sieger Amaury Pierron stürzte. Dadurch war für ihn das Rennen gegen Bruni gelaufen und er hatte etwas Zeit für Style.

Bruni im WM-Modus


Nun ging der amtierende Weltmeister auf die Strecke und Loïc Bruni zeigte wieder einmal, dass bei den Weltmeisterschaften doch manchmal leicht andere Regeln gelten, als in den sonstigen Wettbewerben. Gerade er, Bruni, ist ein Spezialist dafür, ganz besonders dann zu zeigen, was er eigentlich kann, wenn es wirklich darauf ankommt. Wie bei der WM eben, einen besseren Anlass gibt es im nicht-olympischen Downhill ja nicht.
Schon der erste Split zeigte Grün an und jetzt steigerte sich die Intensität im Talkessel unterhalb des Parpaner Rothorns noch einmal. Dann machte Bruni einige kleinere Fehler und fiel wieder leicht zurück, doch er fing sich wieder, attackierte erneut und war der erste und dann auch der Einzige, der Maes im unteren Sektor noch schlagen konnte. Besser gesagt der Einzige überhaupt, der Maes insgesamt schlagen konnte.

Heute war Aaron Gwin machtlos. Die WM ist wohl wirklich nicht sein Ding.


Sonst gelang das nämlich niemandem mehr. Loris Vergier lag zwar ab der Hälfte der Strecke in Führung, gab aber die Goldmedaille auf den letzten Metern wieder aus der Hand, Danny Hart fuhr ebenfalls extrem schnell, sauber und gleichmäßig und setzte sich so am Ende noch vor Vergier, während Brosnan keinen guten Start erwischte und nur knapp hinter Greg Minnaar auf Platz neun landete. Insgesamt war aber doch alles am Ende ziemlich eng gesteckt. Maes verpasste den Sieg am Ende nur um 0,2 Sekunden, 0,1 Sekunden dahinter lag Hart, 0,4 Sekunden hinter Hart besetzte Vergier den vierten Platz, vor Aaron Gwin auf Rang fünf. Bester Deutscher wurde Max Hartenstern auf Rang 37. Der alte Weltmeister ist damit der neue Weltmeister: „Superbruni“ ist tot, lang lebe „Superbruni“, oder so ähnlich.

Danny Hart wird die Zeit von Maes nur ganz knapp verpassen. Er holte am Ende Bronze.

Alle Ergebnisse finden Sie auch auf der Website der UCI , das Replay ist auf Redbull.tv zu sehen.

Champagnerdusche für alle. Danach nimmt Bruni selbst einen Schluck aus der Pulle. Wobei Schluck ist untertrieben: Ganze zwölf Mal zuckt der Kehlkopf nach oben, ohne dass Bruni die Flasche absetzt. Er hat es sich wirklich verdient.

3... 2... 1... Das Weltmeisterbike!

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