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Test 2016: 7 Race-Fullys im Speed-Test

Die schnellsten Race-Fullys im Test

Christoph Listmann am 25.11.2016

Den Temporausch mit diesen Racefullys büßt man mit Muskelschmerz – und einem leeren Konto. Sieben Super-Racer im Vollgas-Test: Welches ist das schnellste Bike der Saison?

Wer einmal an der Startlinie eines Rennens gelauert und wenig später euphorisiert den Zielstrich überquert hat, will mehr davon. Mehr Adrenalin, Laktat, Endorphin und das Gefühl von Erschöpfung danach. Entzugserscheinungen? Kommen ganz automatisch. Biken macht süchtig, das wissen wir. Je tiefer man in den Strudel dieser Sucht gerät, desto mehr verändert sich der Charakter. Man trainiert nachts auf der Rolle, wiegt sein Essen ab oder meldet sich heimlich für die 211 Kilometer-Langstrecke der Salzkammergut-Trophy an.

Der nächste Schritt ist ein neues Bike und auf einmal kriegt die Sucht eine neue Dimension. 9000 Euro für zehn Kilo – der Rennsport ist ein teurer Spaß. „Der ultimative Rausch“ haben wir die Test-Story aus BIKE 4/2016 deshalb getauft. Die sieben Racebikes, die wir darin durchs Gelände gejagt haben, sind zu schade für den Sekundenschlaf auf dem Forstweg. Sie wurden entwickelt als schnellste Verbindung zwischen Startblock und Ziellinie.

Race-Fullys von 4999 - 8999 Euro im Test

Wir haben bei den Testbikes eine extravagante Auswahl getroffen und bewusst auf einige der üblichen Verdächtigen verzichtet. Scott Spark: Schon sehr oft probiert. Cannondale Scalpel: ist bekannt (und ausverkauft). Das brandneue Merida Ninety-Six: War nicht lieferbar. Außerdem hätten wir gerne im Startblock gesehen das Pyga Stage und Yetis ASRc. Leider konnten auch diese beiden nicht rechtzeitig liefern. Dafür probieren wir mal ganz neue Rauschmittel: Norco Revolver, Müsing Petrol CR, Niners neues RKT9 und das Top Fuel von Trek. Der Preisrahmen für diesen Test sprengt den üblichen Rahmen. Vorgabe an die Firmen war 6000 bis 8000 Euro, geliefert wurde in der Spanne 4999 bis 8999 Euro.

Diese Bikes stehen im Startblock:

• Canyon Lux CF 9.9 LTD (6699 Euro) – BIKE-Tipp: Preis/Leistung
• Müsing Petrol CR1 (6199 Euro)
• Niner RKT9 RDO Race (6999 Euro)
• Norco Revolver 9.1 FS (4999 Euro)
• Simplon Cirex 29 MRS 22 (6909 Euro) – BIKE-Tipp: Testsieger
• Specialized Epic Expert Carbon Worldcup (6299 Euro)
• Trek Top Fuel 9.9 SL (8999 Euro) – BIKE-Tipp: Race

Fotostrecke: Sieben Race-Fullys im BIKE-Test

Die schwache Währung sorgt weiterhin für lange Gesichter. Vor kaum zwei Jahren bekam man für 8299 Euro noch das S-Works-Top-Modell vom Specialized Epic. Das kostet jetzt 9999 Euro, mit elektronischer XTR-Di2-Schaltung sogar 10999 Euro. Treks Top-Modell liegt ebenfalls 1000 Euro über Vorjahr. Canyon dagegen ist ausstattungsbereinigt billiger als zuvor. Das 6699 Euro teure LUX CF LTD mit der XTR Di2 stellt wohl die günstigste Möglichkeit dar, elektronisch zu schalten. Der Highend-Wechsler von Shimano hat übrigens auch einen enorm hohen Suchtfaktor.
Über die Kosten ihrer Abhängigkeit spricht die Szene nicht. Bei fast fünfstelligen Summen für ein Bike gerät man schnell ins Visier der Sozialneider. Vor der Partnerin oder dem Partner versteckt man den Kontoauszug besser (Tipp: bar zahlen). Bei den Kumpels muss man aufpassen, nicht als Angeber zu gelten. Insider entlarven Leute, die so eine Rennmaschine zum Protzen kaufen, freilich schon am Körperbau.

Weltweit gibt es nur wenige Stück von diesen Bikes. Das bedeutet: Man muss erst schnell sein beim Kauf, dann schnell werden am Berg. Die Anlagen dafür haben alle Rennmaschinen. Unser Testlabor meldet ein Durchschnittsgewicht von fahrfertigen 10,7 Kilo. Die Kohlefaser-Chassis wiegen mit Dämpfer um 2300 Gramm. Das teuerste Bike (Trek) ist erwartungsgemäß das leichteste. Fünf von sieben Modellen rollen mit Einfach-Antrieb an die Startlinie – ein zweifelhafter Trend. Während Specialized mit dem 30er-Kettenblatt an der Kurbel zumindest einen ordentlichen Klettergang serviert, setzt Trek auf Shimanos 11-Gang-Variante mit 11–40er-Kassette. Hier gehen auch einem trainierten Biker früh die Gänge aus. Nur Canyon und Simplon bieten eine breitbandige Übersetzung mit Zweifach-Kurbel. Und es sind auch nur diese beiden Firmen, deren Fahrwerke nennenswerten Fahrkomfort spendieren. Alle anderen Bikes fühlen sich ausgesprochen sportlich an. Schließlich ist es das, was die ambitionierte Kundschaft sucht. Der tatsächlich nutzbare Federweg liegt im Schnitt um die 90 Millimeter – mehr konnten wir auf der harten Testrunde selbst beim halben Meter hohen Drop nicht rausquetschen. Für die Kundschaft heißt das: Reserven gibt es nicht. Man muss hellwach sein bergab und in jeder Kurve. Die gestreckte Sitzposition mit hohem Sattel erfordert im Vergleich zum Trailbike oder All Mountain ohnehin volle Aufmerksamkeit und gute Fahrkünste. Wenn das Gelände knifflig wird, kämpft man wie mit einem Hengst beim Rodeo. Warum die Droge Racebike trotzdem kickt wie keine andere? Die Antwort heißt

Dopamin – das Glückshormon. Schon der Kauf und Besitz setzt es frei. Wenn man den Feuerstuhl dann unterjocht und auf der letzten Rille über die Strecke jagt, fügt sich alles zusammen. Mensch und Maschine – eine Einheit, gesteuert von Reflexen, angetrieben von den eigenen Muskeln, befeuert von Kohlenhydraten. Wenn es zu diesen Suchtmitteln einen Beipackzettel gäbe, würde man darauf diese Nebenwirkungen lesen: häufiges Herzrasen. Gesteigerte Aktivität. Massiver Muskelschmerz. Psychische Abhängigkeit. Gelegentlich: Realitätsverlust. Sprechen Sie also zuerst mit Ihrem Arzt – und dann mit dem Kreditberater.

Fotostrecke: Test 2015: 7 Race-Fullys im Speed-Test - Details

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Christoph Listmann am 25.11.2016