Einzeltest: Cannondale F 4000 SL 2006

  • Henri Lesewitz
 • Publiziert vor 14 Jahren

Meuterei auf dem krummen V – Das Eine zu hart, das Andere zu krumm: Um die neu rekrutierten Superstars zufriedenzustellen, mixte Cannondale die Sahnestücke der Produktpalette zur F-Serie zusammen. Seit zwölf Jahren sind die Bikes auf den Rennpisten dieser Welt erfolgreich.

Das Ding sah aus wie nach einem Auffahrunfall. Die Schulter passte nicht rein und man verdurstete drauf. Nein, mit einem „Delta V“, dessen zweiteiliges Oberrohr an ein besoffenes V erinnerte, wollten die neuen Cannondale-Stars nicht auf die Rennstrecke gehen. Und Cannondale-Stars gab es 1994 plötzlich eine ganze Menge, nachdem Firmen-Chef Scott Montgomery auf Volvo-Rechnung fast alle Stars des Worldcup-Zirkus’ rekrutieren durfte. Es war die Zeit, die als „die Goldene“ in die Geschichtsbücher des Bike-Sports eingegangen ist. Die Zeit, als die Rennstrecken Arenen glichen – im Staub vor den Flatterbändern die gottähnlichen Radhelden, dahinter ekstatische Groupie-Massen. Die Zeit, als der Weltverband UCI das traditionelle 100-Kilometer-Mannschaftszeitfahren aus dem Olympiaprogramm kegelte, um den Bikern Platz zu machen. Die Zeit eben, als die neuen Volvo/Cannondale-Stars Tinker Juarez und Alyson Sydor das „Delta V“ degradierten, weil es sich kaum schultern ließ und im Rahmendreieck kein Platz für große Flaschen war. Wegen der skurrilen Optik hätten sie ja vielleicht noch ein Auge zugedrückt. Cannondale musste schnell eine Lösung finden.

Das Problem: Zwar hatte die Firme eine „M“-Serie mit klassischem Diamantrahmen im Programm, doch die hatte keine Frontfederung. Die ebenfalls heckstarre „Delta V“-Serie dagegen war zwar mit den firmeneigenen „Headshok“-Gabeln ausgestattet, wurde aber verschmäht. Also wurde aus „M“ plus „V“ eben „F“ – Cannondales erstes Hardtail mit Federgabel und Diamantrahmen, das „F 3000“. „F“ – wie Frontsuspension. Beim 94er-Worldcup-Auftakt in Madrid bekam es unser damaliger „Dirty Pages“-Reporter Eddie Wagner erstmals vor die Linse: ein aggressiv gestyltes Rad mit hoch bauender Gabel, tief abfallendem Vorbau und der neuen Coda- Antriebseinheit, die von der Firma Magic Motorcycle entwickelt worden war. Der „CAAD 3“-Rohrsatz war am Computer ausgetüftelt worden, um den höchstmöglichen Quotienten aus Steifigkeit und Gewicht zu erzielen.

Bis heute sind die „F“-Bikes erfolgreich. Die Ausfallenden haben sich in zwölf Jahren verändert, der Hinterbau, die Wandstärken der Rohre und beim Topmodell „F 4000 SL“ auch die Bauart der Gabel. Grob betrachtet war es das aber schon. Ein bisschen Ehrfurcht fährt mit, wenn man das rote Ur-Modell durch den Trail steuert. „Frank Roman“ steht auf dem Oberrohr – der Downhiller war 1994 einer der Volvo/Cannondale-Stars und benutzte das Bike für das allgemeine Fitness-Training. Dass er dabei nur locker kurbelte, dürfte unwahrscheinlich sein. Das Bike verlangt nach Zug auf der Kette. Von der eingespeisten Energie verpufft kaum etwas in schwammigen Rahmen rohren oder wabbeligen Gabelholmen. Das „F 3000 Worldcup“ ist ein supersteifes, leichtes Gesamt system, vom Rahmen über die Kurbel bis zur Gabel. Diese gleitet dank 88facher-Nadellagerung agil über ihr 70 Millimeter kurzes Arbeitsfeld (im Testrad war die Nachfolgegeneration der ursprünglichen „Fatty 50“ mit 50 Millimetern verbaut).

Nächste Runde, diesmal mit dem aktuellen Topmodell „F 4000 SL“. Zunächst die große Überraschung an der Waage: die 2006er- „F“-Version ist 100 Gramm schwerer, als das Original. Im Gelände ist der kleine Unterschied nicht zu spüren. Ganz im Gegenteil: Das „F 4000 SL“ ist eine rassige Speed-Maschine. Die Kraftübertragung ist gewaltig, die „Lefty“-Gabel puffert zuverlässig, die SRAM-Schaltung sortiert die 27 Gänge schnell und reibungsarm. Das Meutern der Profis gegen das „V“ hat sich 1994 übrigens gelohnt: Sydor und Juarez holten auf ihren „F“-Bikes im selben Jahr WM-Gold und Silber.


ALT –


NEU

Starrsinn: Der steife hinterbau war seit jeher ein Markenzeichen der "F-Modelle". Damals setzte Cannondale auf einen dicken Monostay, heuten reichen dünne Hightech-Rohre.

Lagerarbeit: Die enorm steife Coda-Tretlagereinheit wurde einst von Magic Motorcycle entwickelt. Die Hollogram-Einheit am "F 4000 SL" (rechts) ist ein Spross dieser Ur-Version. Die Lager sind eingepresst.

Fronteinsatz: Die "F-"-Serie startete 1994 mit der "Fatty 50"-Gabel. Heute kann man zwischen verschiedenen "Fatty"- und "Lefty"-Ausführungen wählen. Die wuchtigen Steuerlager sind geblieben.


Cannondale F 4000 SL 2006


Herstellerangaben:

Vertrieb: Cannondale, Tel. 0031/541589898, www.cannondale.com
Preis: 4.999 Euro


Messdaten:

Gewicht ohne Pedale: 10,05 Kilo
Lenkwinkel: 70°
Sitzrohrwinkel: 73,5°
Oberrohrlänge: 592 mm
Federweg: 110 mm


Ausstattung:

Gabel/Dämpfer: Headshok Lefty Speed Carbon DLR2
Kurbeln/Schaltung: Cannondale SI Hollogram/SRAM X.O (mit Trigger)
Bremsanlage: Magura Marta SL
Laufräder: Mavic Crossmax SL, Maxxis Larsen TT UST 2.0

Renngene: Schon die windschlüpfrige Sitzposition des "F 4000 SL" schreit nach ordentlich Pedaldruck.

Themen: CannondaleF-Serie


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