Dieser MTB-Klassiker ist kein altes Eisen Dieser MTB-Klassiker ist kein altes Eisen Dieser MTB-Klassiker ist kein altes Eisen

Ritchey P-650b: Modernes Stahl-Hardtail im ersten Test

Dieser MTB-Klassiker ist kein altes Eisen

  • Henri Lesewitz
 • Publiziert vor 7 Jahren

Stahl ist tot? Von wegen! Das neue Ritchey P-650b will Freunde von Mountainbike-Marathons mit robustem, zeitlosen Charakter überzeugen. Das Fahrrad wird damit aber nicht neu erfunden. Gut so!

Mit Stahlrahmen ist es ein bisschen wie mit den Gitarren-Poppern von New Order. Beide haben seit Jahrzehnten eine treue Fan-Gemeinde. Dabei waren sie all die Zeit weder "in" noch "out". New Order hat unlängst das gefühlt hundertste Album auf dem Markt gebracht. Und auch der gute alte Stahl behauptet sich noch tapfer im tosenden Ozean der Material-Trends. Er hat sämtliche Moden überdauert. Um die Jahrtausendwende herum sah es mal kurz so aus, als würde die Kohlefaser den Stahl in den Gully der Geschichte spülen. Doch das ist lange her. Neuerdings zieht die Nachfrage nach stählernen Rahmen sogar wieder an. Und das, obwohl selbst Bikes der unteren Mittelklasse mittlerweile das volle Carbon-Programm auffahren. Wie konnte das passieren?

Mountainbiken ist die umfassende symbiotische Verschmelzung von Fahrer und Fahrzeug. Die Aufgaben sind klar verteilt. Der Fahrer sorgt dafür, dass stets genügend Energie in die Kurbeln gespeist wird, während er gleichzeitig präzise Lenkung und Schalthebel bedient. Das Bike sorgt dafür, dass die Befehle des Fahrers gehorsam umgesetzt werden. Es trotzt den Tücken des Untergrunds, ohne mit allzu üppiger Bauweise das Bergauf-Tempo zu bremsen. Fieberhaft haben die Ingenieure seit der Erfindung des Mountainbikes vor Reißbrettern und Computer-Monitoren geschuftet, um sich an das Optimum aus Gewicht, Steifigkeit und Federungs-Potenz heranzutasten.

Jeder Meilenstein blieb Kompromiss

Doch so sehr sie sich auch abmühten: Jeder Meilenstein blieb doch nur ein Kompromiss. War die Downhill-Performace top, litt die Klettereigenschaft. War die Bergauf-Beschleunigung raketenartig, glich das Fahren auf ruppigem Untergrund einer Art Bullriding. Für jede Geländeart wurde eine eigene Bike-Gattung erfunden, obwohl eine gute Tour doch alle Facetten beinhaltet. Was also kaufen? Hardtail, All Mountain, Enduro, All Mountain plus, Fat Bike, oder All Mountain-Hardtail, oder, oder, oder?

Henri Lesewitz Das Ritchey P-650b begeistert die Freunde klassischer Formen mit seiner filligranen Silhouette. 

Das ist das eine Problem. Das andere ist: Das Ringen um das letzte Gramm hat die Bikes gleichförmig gemacht. Physik duldet keine optischen Spielerein. Während Bikes früher den Charakter ihrer Schöpfer widerspiegelten, wird ihr Aussehen heute von Computer-Programmen festgelegt. Die Modell-Zyklen sind kurz, die Gebraucht-Preise mickrig. Die Technik wirkt ausgereizt, dennoch werden die immer winziger werdenden Innovations-Schritte zu Weltsensationen hochgejubelt. Man kommt vor lauter Kaufen und Verkaufen kaum noch zum Biken. Gleichzeitig reicht schon ein harmloser Abflug, um ein hochgezüchtetes Carbon-Bike zum Sicherheits-Risiko werden zu lassen. Schäden in der Carbon-Struktur sind mit bloßem Auge kaum erkennbar. Alles Probleme, die die Sehnsucht nach zeitlosen, unkomplizierten Bikes befeuern.

Ritchey fertigte nicht einfach nur Mountainbike-Rahmen

Robust, langlebig, elegant. Das sind die Attribute, die Stahl selbst in Zeiten von Kohlefaser-Rahmen zu einem attraktiven Werkstoff machen. Die Wartelisten bei den Custom-Schmieden sind lang. Doch es muss ja nicht unbedingt eine Maßanfertigung sein. Der Amerikaner Tom Ritchey gehörte Anfang der Achtziger zu den Ersten, die je einen Mountainbike-Rahmen fertigten. Es waren nicht einfach nur Fahrrad-Rahmen. Es waren mit fetischistischer Hingabe gefertigte Kunstwerke.

Henri Lesewitz Blutrot auf leuchtblauem Untergrund: Das neue Ritchey-Design.

Ritchey, der seinen Siebzigerjahre-Schnauzbart so erhaben wie eine Königskrone trug, wurde von den Fans kultisch verehrt. Gary Fisher bestellte einen Rahmen bei ihm. Später, Anfang der Neunziger, wurde der Schweizer Thomas Frischknecht auf Ritchey-Bikes zum Superstar. Modelle wie das "P-23" sind heute Ikonen. Als Mitte der Neunziger die Industrialisierung der Mountainbike-Fertigung den Pionieren in ihren Garagen-Schmieden das Leben schwer machte, starben die kleinen Firmen reihenweise dahin. Der Markt wurde mit seelenlosen Günstig-Rädern überschwemmt.

Zugleich schritt die technische Entwicklung immer forscher voran. Es entbrannte ein regelrechter Kampf um die Vorherrschaft am Markt, flankiert von einem unaufhörlichen Neuheiten-Feuerwerk. Die Nische MTB wurde zu einem Multi-Millionen-Dollar-Business. Den kleinen Manufakturen aber stand das Wasser bis zum Hals. Der Name Ritchey prangte fortan nicht mehr auf handgelöteten Rahmen, sondern auf fernöstlich gefertigten Lenkern, Sattelstützen und Reifen. Was der harte Kern der Fan-Gemeinde arg bedauerte.

Früher stand da "Handmade by Tom Ritchey"

Vor ein paar Jahren dann plötzlich das Comeback. Bezahlbare Stahlrahmen, die frei sind von Schnickschnack. Zwar nicht mehr von Firmen-Boss Tom Ritchey geschweißt. Doch der Rahmenaufkleber, der früher die persönliche Handarbeit des Meisters bekundete, bemüht sich nach wie vor um den Charakter eines Qualitätssiegels: "Designed by Tom Ritchey". Fans der ersten Stunde nölen, schließlich stand da früher: "Handmade by Tom Ritchey". Aber ach, wie schön ist doch das Schwelgen in vergangenen Zeiten.

Henri Lesewitz Tom Ritchey hat die Stahlrohre zwar nicht persönlich verschweißt, aber immerhin das Design des Rahmens erdacht. Ganz klassisch: Das P-650b ist für BSA-Tretlager gebaut.

Das Ritchey P-650b mit 27,5 Zoll-Laufrädern schließt die Lücke zwischen 26er und 29er. Das Modell wurde bereits auf den 2013er Messen präsentiert. Nun rollt pünktlich zur Saison die überarbeitete Version auf die Trails. Steuerrohr und Farbe sind neu, ansonsten wurden nur Details verändert. Man muss nicht erst in die Geometrie-Tabelle schauen, um den Charakter des P-650b zu erahnen. Die leuchtblau lackierte Schönheit duckt sich lang und flach über den Schotter. Klare Sache: Das Biest giert nach Kilometern. Eine Langstrecken-Feile, das sich bei Etappenrennen ebenso wohl fühlt, wie auf der täglichen Hausrunde.

Die Geometrie basiert auf den Genen eines typischen Marathon-Bikes. Langes Oberrohr. Sportliche, nicht zu aggessive Winkel. 100 Millimeter Federweg. Obwohl das Steuerrohr hypermodern und für Gabeln mit steifen, getaperten Schäften zugeschnitten ist, verzichtet das P-650b auf Ausfallenden für Steckachsen, sowie auf ein Innenlagergehäuse für Pressfit-Lager. Ganz die klassische Linie: BSA-Lager, Ausfallenden für 9 mm-Schnellspanner. Warum? Weil es bewährt und gut ist. Möglich, dass sich der Steifigkeitsvorteil von Steckachsen errechnen lässt. Erfühlen lässt es sich nur von den Allerwenigsten. Die Aufnahme für den Scheibenbrems-Sattel wurde schick zwischen Ketten- und Sitzstrebe plaziert. Die Rohre stammen aus dem hauseigenen "Logic 2"-Sortiment und wechseln bis zu dreimal die Wandstärke.

Marathon-Biker fühlen sich auf dem Ritchey sofort wohl

Der nackte Rahmen wiegt knapp 2000 Gramm. Das ist kein Spitzenwert, schon gar nicht im Vergleich mit Rahmen aus Carbon oder Alu. Aber angesichts des verhältnismäßig günstigen Preises von 890 Euro geht das in Ordnung. Das konsequent mit Sram X0-Parts sowie Ritchey-Teilen bestückte Bike wiegt 10,5 Kilo. Ein okayer Wert. Auch wenn es ein vergleichbares Carbon-Bike auf etwa ein Kilo weniger bringt. Schließlich handelt es sich beim Ritchey um ein hochgradig robustes Bike, das wohl selbst bei einer mehrmonatigen Mongolei-Expedition nicht schlapp machen würde.

BIKE hat eines der ersten 2015er P-650b in den Dauertest genommen. Knapp 1500 Kilometer hat das Rad bisher pannenfrei abgespult. Auf schlammigen Trails und auf verschneiten Pisten. Wer das Fahrgefühl von Marathon-Bikes schätzt, fühlt sich auf dem Ritchey sofort wohl. Die Sitzposition trifft genau die Mitte zwischen komfortabel und sportlich. Die Kilometer huschen nur so unter dem Fahrer dahin, während der gutmütige Charakter der Lenkung die Steuerkünste im normalen Fahrbetrieb nicht allzu groß herausfordert. Verglichen mit den aggressiven Race-Bikes der Worldcup-Liga sorgt der eher zahme Lenkwinkel des Ritchey für stabilen Garadeauslauf, ohne dabei träge zu wirken.

Henri Lesewitz Klare Ansage: P-650b ist der Produkt-Code für das Laufradmaß 27,5 Zoll.

Die Klettereigenschaften überzeugen. Das Vorderrad bleibt auch an steileren Passagen satt am Boden, ohne dass sich der Fahrer über dem Lenker verrenken muss. Abfahrten meistert das Bike souverän. Schotterpisten bringen das P-650b nicht ans Limit. In engen Trails muss der Fahrer hin und wieder etwas arbeiten. Der Unterschied zu Carbon-Bikes ist in Sachen Fahrgefühl nicht allzu groß. Nur, wer genau drauf achtet, spürt vielleicht die etwas geringere Steifigkeit am Tretlager während brachialer Wiegetritt-Aktionen (genaue Steifigkeitswerte in der abschließenden Dauertest-Geschichte in einer der nächsten BIKE-Ausgaben). Und klar, das hohe Rahmengewicht nimmt dem Ritchey natürlich etwas die Spritzigkeit. Woran sich aber wohl nur Körperfett messende Startblock A-Fahrer mokieren werden.

Das Fahrrad ist erfunden. Mehr wäre Fetisch.

Florian Wiesmann würde die Schweißnähte kunstvoller hinbekommen. Die Jungs von Independent Fabrication würden noch ein paar mehr Gramm aus dem Material schinden. Rody Walter von Groovy Cycleworks würde eine aufregendere Lackierung zaubern. Einerlei. Das Ritchey bietet exakt soviel Bike, wie man für zügige Geländefahrten braucht. Mehr wäre Fetisch.

Man möchte den vielen emsigen Fahrrad-Ingenieuren an ihren Computer-Arbeitsplätzen am liebsten gütig die Hand auf die Schultern legen und ihnen zurufen: "Hey, ihr Lieben! Flimmerkisten aus! Das Fahrrad ist erfunden. Lasst uns Biken gehen!" New Order, so hört man, arbeitet gerade wieder an einem neuen Album. Und auch Stahl wird garantiert noch ewig weiter leben. Alleine das Ritchey P-650b wird schon dafür sorgen.


Fazit: Ein grundsolides Bike für alle, die Wert auf eine zeitlose, schnörkellose Optik sowie zuverlässige Technik legen. Etwas leichter und steifer als die Twentyniner-Version (Modellbezeichnung: P-29er). Die Lackqualität könnte etwas strapazierfähiger sein. Bei Kontakt mit Steinen zeigt sich die blaue Oberfläche empfindlich. Dennoch: Ein Bike wie ein Kumpel. Kauftipp.

Infos: Geometrie und Ausstattung Ritchey P-650b

Oberrohrlänge

598 mm

Kettenstrebenlänge

430 mm

Lenkwinkel

69 Grad

Sitzwinkel

72,4 Grad

Sitzrohrlänge

430 mm (bei Größe M)

 

 

Rahmen

Ritchey P-650b (Größe M)

Gabel

Rock Shox SID XX 100

Laufräder

Ritchey WCS Alloy Vantage 2

Schaltung

Sram X0 2x10

Bremsen

Sram X0

Preis

890 Euro (Rahmen) / 4500 Euro (komplett)


Ritchey im Internet:  www.ritcheylogic.com

Wie finden Sie das Ritchey P-650b in der Neuauflage für 2015? Braucht es mehr Bike zum Mountainbiken?

Ihre Meinung zum Rahmenmaterial Stahl können Sie uns auch in unserer Umfrage zu Stahl-MTBs mitteilen.

Themen: 27.5 ZollDauertestFahrberichtKultMarathonRitcheyStahl


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