Hardtails: 12 leichte Teile Hardtails: 12 leichte Teile Hardtails: 12 leichte Teile

Hardtails: 12 leichte Teile

  • Henri Lesewitz
 • Publiziert vor 18 Jahren

Bisher waren zehn Kilo die magische Grenze der Oberliga. Doch immer mehr Hersteller liefern fast die gleiche Technik zum halben Preis – eine Kampfansage. Wir haben die Flaggschiffe bis 5300 Euro mit den Leichtgewichten um 2300 Euro verglichen.

Wie in einer Hexenküche rührten die Specialized-Ingenieure die Zutaten für den geheimen Material-Cocktail an. Steifer und leichter sollte der Rahmen mit dem Code „M5“ werden. Noch besser eben, als sein Vorgänger „M4“. Der Aufwand war gigantisch. Schließlich steckten schon in der letzten Stumpjumper-Reihe über 20 Jahre Entwick-lung. Fünf verschiedene Beimischungen wurden ins geschmolzene Alu gestreut, um den veredelten Rohstoff dann zu kunstvoll konifizierten Rohren zu verarbeiten. Lohn der Mühe: 50 Gramm weniger Gewicht. „Das Thema Gewicht ist ausgereizt, da geht fast nichts mehr“, sagt Stefan Götz von Specialized. Der stattliche Preis von 4500 Euro für das 9,8 Kilo leichte Komplettbike scheint allein durch den Aufwand relativiert.

Das Cube „SC Elite“ wiegt nur 150 Gramm mehr, kostet aber nur knapp die Hälfte. Es hat die gleiche Geometrie und eine ähnlich hochwertige Ausstattung wie das Specialized „M5“. Mogelparts? Sucht man vergeblich. Eng kalkulierter Kampfpreis? Fehlanzeige! „Wir lassen unsere Rahmen in USA schweißen und haben eine ganz normale Händlerspanne. Entweder nehmen andere zu viel, oder wir zu wenig“, sagt Firmen-Sprecher Klaus Wachs-mann, der in diesem Jahr eine rasant ansteigende Nachfrage nach leichten Hardtails feststellt. Die wachsende Zahl der Marathonfahrer scheint einer der Hauptgründe dafür zu sein. Immer im Visier der Zielgruppe: die magische Zehn-Kilo-Grenze.


Teurer Kultstatus
Vor ein paar Jahren noch war die Formel einfach: je leichter, desto teurer. Inzwischen hat sich die Hardtail-Oberliga in eine Zweiklassen-Gesellschaft gespalten: zum einen in die elitäre Schicht der „Kultschmieden“; bis ins Detail ausgereizte Bikes mit hohem Image-Faktor. Bikes, mit denen die Profis im Worldcup um den Sieg kämpfen. Zum anderen in die Schicht der „Brot-und-Butter“-Hardtails: Bikes, die von Anfang an auf das optimale Preis-Leistungs-Verhältnis ausgelegt sind.

Gerade bei den Top-Hardtails machen sich geringere Entwicklungskosten und Marke-ting-Ausgaben enorm bemerkbar. Zwar setzen Marken wie Cannondale, Specialized oder Prinzipia nach wie vor die Trends – doch diese Position zu behaupten, kostet Geld. Geld, das in teure Entwicklung, Rennteams oder Image-Werbung investiert werden muss. Andere Hersteller wie Cube, Soil oder KTM profitieren indirekt von den technischen Innovationen und können gleichzeitig preisgünstiger anbieten. Ein 1600 Gramm leichter Rahmen ist heutzutage keine Hexerei mehr und selbst für eine asiatische Fließband-Schweißerei problemlos zu realisieren. Ein cleveres Teile-Konzept – fertig ist das Zehn-Kilo-Hardtail. Vorteil für die Biker: volles Fahrvergnügen für die Hälfte des Geldes.

Mit dem Image billiger Stangenwaren haben die Preisbrecher schon lange nichts mehr zu tun. Aufwändige Rohr-Konifizierun-gen und gute Verarbeitung sind in der Preisklasse bis 2300 Euro Standart. Fast jeder Rahmen präsentiert sich mit individuellen Details. Der elegant geformte Monostay-Hinterbau des KTM zum Beispiel könnte auch ebenso zu einem 5000-Euro-Bike gehören. Manche Räder sind sogar mit neuen XTR-Parts ausgestattet. „Die Biker, die sich ein Hardtail in dieser Preisklasse kaufen, können meist sehr gut fahren. Die würden Mogelpackungen sofort enttarnen. Deshalb sparen wir auch nicht an verdeckten Parts wie Lagern oder Naben“, erklärt Lorenz Hoser von Hawk. Das 9,9 Kilo leichte „Pro Team CC“ der Berliner kostet mit SID-Gabel, XT-Teilen, Hügi-Naben und Tune-Stütze faire 2159 Euro.


Herzens-Angelegenheit
Trotzdem sollte man vor dem Kauf gut hinsehen. Einige unserer Testbikes entpuppten sich beim Nachwiegen als leichte Übergewichte. „Ohne Pedale möglichst unter zehn Kilo“, hieß es in der Testanforderung. Das 5299 Euro teure Cannondale rettet sich mit schmalen, 1,75er-Reifen unter die Zehn-Kilo-Grenze. Beim Trek 8500 zeigte die Waage deftige 11,0 Kilo an. Das Nishiki „Accelerator“ disqualifizierte sich sogar mit 11,2 Kilo vom Test. Es sind die Details, durch die sich die Premium-Klasse von den Preisbrechern unterscheidet. Die elektronisch blockierbare Carbon-Gabel am Cannondale zum Beispiel; die bissigen XTR-Scheiben-bremsen am Specialized; oder der bis zu 0,6 Millimeter dünne, hauseigene Superleicht-Rohrsatz des Prinzipia. Der gleiche übrigens, wie bei den Profi-Straßenrädern der dänischen Schmiede. „Das ist schon Handwerkskunst“, gerät Entwickler Boris Sirmanoff ins Schwärmen: „Einfach sau-, sau-, sau-aufwändig.“

Ob man also 2000 Euro oder das Doppelte für sein Hardtail auf die Ladentheke legt, sollte nicht zuletzt auch das Herz entscheiden. Skoda und Aldi-Sekt oder Mercedes und Champagner – eine Frage der Kreditkarte und der persönlichen Philosophie.


Alle Bikes in diesem Test
Cannondale F3000 SL, Chaka Mauna Superlight, Cube Elite Teamline, Hawk Custom Race Hardtail, HiTec XCR 2000, KTM Team Race, Principia MSL E Pro Light, Red Bull Scandium Pro 600, Scott Team Issue, Soil PH2, Specialized S-Works, Trek 8500

Themen: CaronHardtail

  • 0,99 €
    Test: 12 leichte Hardtails 07/2003

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