Seite 1: Test 2016: Enduro Bikes um 3800 Euro

Alleskönner: 7 Enduros im Test

  • Peter Nilges
 • Publiziert vor 4 Jahren

Technisch ausgereift, potent bergab und absolut zuverlässig. Sieben neue Enduros um 3800 Euro im Test.

Ich bin Enduro, du bist Enduro, wir sind Enduro. Kaum ein Trend wurde über die letzten Jahre hinweg so vehement befeuert wie die überaus hippe Enduro-Bewegung. Wer will, kann jedes Wochenende ein Enduro-Rennen fahren, dazu eine spezielle Enduro-Brille tragen, seinen Kopf in einen Enduro-Helm packen, einen Enduro-Rucksack aufsetzen und mit der Enduro-Pedal-/Schuhkombination Teil des Enduro-Gefühls werden. Die totale Endurosierung als Lifestyle-Bekenntnis. Doch was können die Bikes dieser Gattung eigentlich wirklich, und wer wird überhaupt damit glücklich?


Diese Enduro-Bikes finden Sie im Test:

• Bionicon Edison Evo
• Centurion Trailbanger EXC 2000 2,7
• Ghost FR AMR LC 8
• Kona Process 153 (BIKE-Tipp: Fachhandel)
• Mondraker Dune R
• Radon Slide Carbon 160 9.0 HD 
• Rose Uncle Jimbo 2 (BIKE-Tipp: Testsieger)

Neue Test 2016: Enduro Bikes um 3800 Euro

7 Bilder

Technisch ausgereift, potent bergab und absolut zuverlässig. Die Enduros in dieser Testgruppe empfehlen sich als ideale Partner für fahrtechnische Herausforderungen. Doch eignen sie sich auch als Touren-Begleiter? Sieben neue Modelle um 3800 Euro im Test. 


Ein Plus an Federweg toleriert fahrfehler und bietet sicherheitsreserven – das spricht für Enduros gegenüber All Mountains. 

Punkt eins: Ein Enduro kann erst ab einem bestimmten Preisgefüge ein echter Allrounder sein. Federweg hat sein Gewicht. Erst ab einem gewissen Ausstattungsniveau dringt man in einen Gewichtsbereich vor, der auch ausgedehnte Touren mit ausgezackten Höhenprofilen gut ermöglicht. Aus diesem Grund haben wir sieben Enduros zwischen 3500 und 4000 Euro ausgiebig getestet – ein Preisbereich, der ziemlich genau der Ausgabebereitschaft unserer Leser für das nächste Enduro entspricht.

Spannend wird dieser Preisbereich zusätzlich durch die Tatsache, dass nicht ausschließlich Alu als Rahmenmaterial eingesetzt wird. Allen voran setzt Versender Radon auf einen kompletten Vollcarbon-Rahmen, der sich beim Gewicht mit bis zu einem Kilo von der Alu-Konkurrenz abhebt. Diesen Vorsprung nimmt das Slide 160 auch beim Gesamtgewicht mit, weshalb die Waage inklusive Pedale bei knapp unter 13 Kilo stehen bleibt. Ein sehr guter Wert für ein Bike mit 160 Millimetern Federweg, das weniger als 4000 Euro kostet. Neben Radon ist auch Ghost mit dem komplett neu entwickelten FR AMR beim Thema Carbon mit von der Partie. Zumindest was den Hauptrahmen angeht. Mit 2433 Gramm ohne Dämpfer ist der Rahmen, den Ghost auch für sein 150-Millimeter-All-Mountain-SL-AMR verwen­det, der zweit leichteste im Vergleich. Die reinen Alu-Rahmen im Test sind 600 bis 800 Gramm schwerer. Mit 13,67 Kilo stellt Versender Rose Dank guter Ausstattung das leichteste Alu-Enduro auf die Reifen. Mon­draker markiert mit weiteren 700 Gramm das Schlusslicht im Test.

Punkt zwei: Je nach Ausstattung zeigt sich, wie der jeweilige Produkt-Manager Enduro definiert. Alleine der Blick auf die gewählten Reifen verrät vieles und birgt zum Teil gewaltiges Tuning-Potenzial. Mit dem vierten Durchschlag im oberen Teil des Tschilli-Trails in Latsch keimte auch bei uns der Wunsch nach soliden Einheitsreifen, wie sie unser Schwester-Magazin FREERIDE benutzt. Uns ist durchaus bewusst, dass nicht jeder Enduro-Käufer auch Rennen auf der Agenda hat oder bergab ans Limit geht. Allerdings bringen auch nicht alle Enduristen ausgezehrte 75 Kilo oder weniger auf die Waage, wie das Gros unserer Testcrew. Ein gewisser Pannenschutz ist, vor allem sobald es steinig wird, absolut unabdingbar. Zarte 700-Gramm-Reifen, noch dazu in einer wenig dämpfenden Gummimischung à la Schwalbe Nobby Nic in Pace Star Compound (Ghost), haben an einem Enduro nichts verloren und dienen in erster Linie dazu, Gewicht zu schinden. Erst mit 1,8 bar vorne und 2,1 bar hinten konnte der Testbetrieb ohne häufige Zwischenstopps ablaufen. Der Maxxis High­roller 2, Minion DHF sowie der Schwalbe Magic Mary hinterließen auf den Trails in Latsch den besten Eindruck.

Teilweise unstimmig präsentiert sich auch die Wahl der Federelemente. Centurion spendiert seinem neuen Longtravel-Enduro Trailbanger üppige 170 Millimeter Federweg an Front und Heck und schlägt damit klar eine abfahrtslastige Richtung ein. Beim Dämpfer verzichten die Schwaben aber auf einen Ausgleichsbehälter, der bergab für eine konstantere Dämpfung sorgen würde. Wohl eher eine Frage des Preises, wie der Blick auf das nächst teurere Trailbanger-Modell mit Piggy-Bag-Dämpfer zeigt.

Draufhalten und drüber, oder spielerisch umfließen? Die Geometrien der Enduros unterscheiden sich zum Teil stark und richten sich an verschiedene Fahrertypen.

Punkt drei: Wer braucht überhaupt ein Enduro? Um dieser Fragestellung nachzugehen, packten wir zum Quervergleich ein Cube Stereo 140 (Bild S. 33) mit Alu-Rahmen für 3199 Euro mit ein. Mit 13 Kilo ohne Pedale ist das All Mountain rund 500 Gramm leichter als der Durchschnitt unsere Test-Enduros. Mit halbwegs potenten Reifen (Schwalbe Hans Dampf und Rock Razor) sowie einer Rock-Shox-Pike-Gabel mit 150 Millimetern Federweg zudem recht solide bestückt. Hinzu kommt der für ein All Mountain außergewöhnlich flache Lenkwinkel von 66,5 Grad, der für genügend Laufruhe sorgt. So aufgestellt, konnte das All Mountain seitens der Geometrie und des Handlings in vielen Passagen der Teststrecke gut mithalten. In schnellen, verblockten Abschnitten kommt der Hinterbau auf Grund der Dämpfung und des Federwegs früher an seine Grenzen, zumal das Heck etwas leblos arbeitete. Auch wenn sich der kürzere Federweg auf richtigen Rumpel-Trails als Nachteil erweist und weniger Fehler toleriert, was kein unerhebliches Argument ist, spielt er auf einfachen Trails sein direkteres Fahrgefühl aus. Man versackt weniger im Federweg, was selbst bei einem leichten Enduro im Eins-zu-eins-Vergleich spürbar ist. Ein Grund, warum selbst Enduro-Profis in ausgwählten Rennen gerne auf weniger Federweg zurückgreifen. Wer sein Einsatzgebiet genau kennt, darf daher auch gerne in Richtung abfahrtslastigem All Mountain schielen, zumal die Übergänge zwischen den fein gesplitteten Bike-Gattungen mittlerweile fließend sind. Aber: Nicht jedes All Mountain besitzt eine so abfahrtslastige Ausrichtung wie unser gewähltes Referenzmodell.

Punkt vier: Manche Teile nerven. Enduros stehen für maximale Trail-Tauglichkeit, Abfahrtsspaß und solide Technik. Schade, wenn es einzelne Teile oder Punkte gibt, die den Leistungsumfang unnötig beschneiden. Gleich an zwei Bikes machte sich der Steuersatz negativ bemerkbar. Das Knarzen am Ghost konnte durch eine Fettpackung beseitigt werden, während sich der Acros-Steuersatz im Radon auf Grund eines falschen Zen­trierringes nicht spielfrei einstellen ließ. Ein kleines Manko trat bei allen verbauten Kindshock-Teleskopstützen auf. Nach längerer Absenkung hängt die Stütze und lässt sich erst wieder mit einem beherzten Druck auf den Sattel ausfahren. Besonders nervig fiel dagegen der permanent wandernde Druckpunkt der Shimano-XT-Bremsen am Ghost aus. Der Druckpunkt blieb zwar jederzeit fest, änderte aber seine Lage bei unruhigem Untergrund, ohne, dass Hitze eine Rolle spielte. Mit sechs von sieben Enduros gibt Sram beim Antrieb klar den Ton an. Ebenfalls eindeutig: der Trend zum Einfach-Kettenblatt. Lediglich Mon­draker setzt auf eine 2x10-Gruppe mit Sram/Shimano-Mix, bei der uns regelmäßig in den Abfahrten die Kette vom Kettenblatt fiel. Ein echter Nachteil gegenüber der Narrow-wide-Technik der Einfach-Kettenblätter. Hoch zum Madritschjoch auf 3000 Meter Höhe war das Mondraker mit seinem 22er-Kettenblatt jedoch heiß begehrt.

Um das volle Potenzial eines Enduros zu entfalten, muss an vielen Stellen geschraubt werden. Fahrwerk und Kettenführung wollen penibel justiert werden. 


Fazit Peter Nilges, BIKE-Redakteur

"Rose und Kona geben bergab den Ton an. Die beiden Enduros zählten innerhalb weniger Abfahrten zu den Lieblingen der Tester, was sich in der höchsten Punktzahl beim Handling und dem Fahrwerk niederschlägt. Durch seine gute Allround-Performance streicht das Rose zudem den Testsieg nach Punkten ein. In der Gesamtwertung liegt das breitbandige Radon Slide dicht dahinter und besticht durch die beste Performance bergauf, was dem leichtesten Bike im Test einen breiten Einsatzbereich beschert. Bionicon, Centurion und Mondraker kommen ebenfalls auf ein Sehr gut."

Peter Nilges, BIKE-Testredakteur


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