Seite 1: Test 2016: All Mountain Fullys 29 Zoll um 3000 Euro

10 All Mountain-Fullys um 3000 Euro im Test

  • Ludwig Döhl
 • Publiziert vor 4 Jahren

Wir haben die aktuellen All Mountains über die harte Testrunde am Gardasee gejagt und den Status Quo der Generation 2016 überprüft. Den vollständigen Test der zehn 29er finden Sie hier.

Auf der Fahrt von München nach Riva, den T5-Transporter vollgepackt mit zehn Test-Bikes, Werkzeugkisten und Reisetaschen, entwickelte sich unter den Testfahrern eine Diskussion. Diese mündete in einer Hypothese: "Hätten sich die Bike-Entwickler die letzten Jahre nicht mit Plus-Format, Fatbikes und E-Antrieben beschäftigt, wären 29er-All-Mountains schon ein Stück weiter." Hätte, wäre, wenn und aber – der Konjunktiv hat in der Geschichte selten Probleme gelöst.


Doch beginnen wir von vorn: Was ist überhaupt ein All Mountain?
In der letzten BIKE-Ausgabe haben wir unser neues Testsystem vorgestellt und die Kategorien neu sortiert. Statt All Mountain Sport und All Mountain Plus, unterscheiden wir ab sofort die Kategorien Trailbikes und All Mountains. Bei den 29ern, also Bikes mit 29 Zoll großen Laufrädern, bedeuten Trailbikes für uns leichte, sportlich orientierte Fahrwerke mit etwa 110–120 Millimetern Federweg. Die Kategorie 29er-All-Mountain beginnt bei 120 Millimetern Federweg, dazu gehört eine entsprechend robuste Ausstattung. Aus der Praxis wissen wir, dass man die Eigenschaften eines Bikes nicht alleine am Federweg ablesen kann. Zu dieser Testgruppe haben wir bewusst ein paar Modelle eingeladen, bei denen wir uns unsicher sind, weil sie bezüglich des Federwegs ausscheren, aber dennoch wie ein All Mountain wirken. Das Marin etwa, mit weniger Hub als die Konkurrenz, ist aber mit Downhill-Reifen und Teleskopstütze viel versprechend ausgerüstet. Das Cube Stereo 120 haben wir bestellt, weil die Waldershofer das 29er-Stereo-140 in dieser Preisklasse nicht anbieten. Fuji, Orbea und Trek liegen mit 120 Millimetern Federweg an der Untergrenze unserer Definition. Rocky Mountain, BMC, Specialized und Radon erfüllen die Anforderungen gut. Beim Felt trifft viel Federweg auf einen sportlichen Charakter, andererseits ist es zu schwer, um als flinkes Trailbike durchzugehen. Überhaupt – das Gewicht. Der Titel für diesen Test lautet: Schwerathleten.


Die Testergebnisse dieser zehn All Mountain Fullys finden Sie hier:

• BMC Speedfox 29 SF03
• Cube Stereo 120 HPC Race 29
• Felt Virtue 3
• Fuji Rakan 29 1.3
• Marin Rift Zone 29er 7
• Orbea Occam TR H10 120
• Radon Slide 130 10.0 HD
• Rocky Mountain Instinct 930 MSL
• Specialized Stumpjumper Comp 29
• Trek Fuel EX 8 29

Test: 10 All Mountain-Fullys für 2016

10 Bilder

Stellen Sie sich mal einen Gewichtheber beim Berglauf vor. Und damit kommen wir zur Erklärung der eingangs genannten Hypothese: Beim Blick auf diese zehn Testbikes entsteht bei uns der Eindruck: Die Entwicklung tritt auf der Stelle. Im direkten Vergleich mit der Testgruppe aus dem Vorjahr ( BIKE 4/15 ) muss man den Fortschritt mit der Lupe suchen. Wenn wir von Weiterentwicklung sprechen, meinen wir vor allem das Gewicht. Bei den 29er-All-Mountains in der 3000-Euro-Liga kriegt man viel fürs Geld – viel Material. Im Schnitt wiegen die Testbikes 13,7 Kilo. Wer unsere Gewichtstabelle auf der rechten Seite studiert, entdeckt vor allem sehr schwere Laufräder. Bis zu fünf Kilo für den kompletten Satz mit Reifen, Kassette und Bremsscheiben dämpfen die Agilität und die Kletterfähigkeit spürbar. Warum das so ist, darüber haben wir schon häufiger berichtet: Die Währungsschwankungen sind schuld. Die Produkt-Manager standen im Frühjahr 2015 vor der Wahl, schwächer zu spezifizieren, um den Preispunkt zu treffen, oder den Preis zu erhöhen – die Rede ist von 12–15 Prozent Teuerung. Beim BMC beispielsweise mündet die Währungskrise in einem Mehrgewicht von 600 Gramm gegenüber dem Vorjahr. Und da ist noch keine Teleskopstütze dabei.

Teleskopstützen sind in dieser Preisklasse keine Selbstverständlichkeit. Im Felt steckt eine, sie muss man aber manuell am Sattel bedienen.

So zeigt sich die Testgruppe alles andere als homogen. Es trifft Alu- auf Carbon-Fahrwerk, Einfach- auf Zweifach-Antrieb, man muss sich zwischen 1x11 sowie Zweifach mit 20 oder 22 Gängen (Shimano-XT-8000er-Serie) entscheiden. Für einen Carbon-Rahmen beispielsweise opfert der Produkt-Manager in der Regel an anderer Stelle Ausstattungsqualität, oder die Teleskopstütze. Wer sich für elf Gänge entscheidet, weiß, dass ihm früher oder später ein bis zwei Gänge fehlen. Schnell rollende 2,2er-Reifen (z. B. am Fuji) wehren scharfe Felsen nicht so gut ab wie robust gebaute 2,4er. Eine 140er-Gabel besitzt mehr Reserven als eine 120er. Damit erzählen wir regelmäßigen BIKE-Lesern nichts Neues. Doch dann kommt der neue Boost-Standard ins Spiel (siehe Lexikon Seite 100). Die um fünf bis sechs Millimeter breitere Laufradabstützung ermöglicht kürzere Kettenstreben, mehr Reifenfreiheit und steifere Laufräder – klassische 29er-Kritikpunkte. Damit erkauft man sich subjektiv spürbare Vorteile im Trail, was die Steifigkeit betrifft. Wer jedoch vorhat, seine vorhandenen 29er-Laufräder in ein auf Boost konstruiertes Bike zu stecken, den wird die mangelhafte Kompatibilität enttäuschen. Auf Boost setzen schon Orbea, Fuji und, wie bereits schon in 2015, der Pionier Trek.

Dafür sind die All Mountains gemacht: anspruchsvolle Trails. Hier spielen sie ihre Stärken aus. Fürs Mittelgebirge reicht auch ein Trailbike aus.

Genug gejammert. Der Lago di Garda und die Teststrecke oberhalb von Torbole empfangen uns Anfang Dezember mit sonnigem Herbstwetter und trockenen Trails. Die 29er zeigen gleich auf der ersten der zahlreichen Runden ihren Charakter. Der steile Anstieg auf Betonplatten – zäh. Die Schlüsselstellen über hohe Felsstufen bergab – super sicher. Die enge 90-Grad-Rechts – mal mehr, mal weniger eckig. Je nach Radstand und Länge der Kettenstreben. Diese Bikes sind eindeutig nicht für die VO2max-Fraktion entwickelt, auch nicht für die Langstrecken-Fans (Ausnahme Cube). Hier geht es um grobes Gelände und das Bewältigen von schwierigen Passagen. Das Aufmacherfoto beweist: Klettern über Felsbrocken gelingt mit der Kombination aus viel Federweg und 29-Zoll-Rädern viel einfacher als mit 27,5ern oder gar der aussortierten 26-Zoll-Spezies. Die großen Laufräder nehmen hohen Stufen ihren Schrecken, wirken stets souverän und überlegen. Einmal mehr ist sich die Testcrew einig, dass Twentyniner konzeptbedingt die besseren Bikes sind. Je anspruchsvoller das Terrain, desto spürbarer wird der Vorteil gegenüber den 27,5-Zöllern. Ab etwa 1,80 cm Körpergröße sind 29er die richtige Wahl – das ist unsere Meinung. Wir wissen aber auch, dass 27,5er im Handel gern als "die goldene Mitte" verkauft und gekauft werden, und wir beobachten, dass immer mehr Firmen ihren Schwerpunkt auf 27,5er setzen oder die Laufradgröße mit der Rahmengröße mitwächst. Beispielsweise liefert der Hersteller Größe S bis L in 27,5 Zoll und L bis XL in 29 Zoll. Bei Größe L hat der Kunde die Wahl. Im Marketing-Slang heißt das dann "size split" oder "size specific". Daher lautet unser Appell: Liebe Entwickler, spendiert den Twentyninern ein Facelift. Etwas Botox, etwas Fett absaugen und ein paar Übungen für die Haltung wären nicht schlecht – die Geometrie der Bikes ist teilweise in die Jahre gekommen. Orbea macht es vor: Der Boost-Standard ermöglicht kurze Kettenstreben, dadurch schließen sich 29er und agiles Handling nicht mehr aus. Wie überlegen ein 29er mit einem 120er-Fahrwerk fahren kann, zeigen die Basken eindrucksvoll. Unser ideales 29er-All-Mountain hätte das Boost-Chassis des Orbeas, die Schaltgruppe vom Fuji sowie Reifen und Federwege des Specializeds. Und es dürfte nicht mehr wiegen und kosten als das Cube.


Fazit Luwig Döhl, BIKE-Testredakteur

Kein super, nur vier Mal "sehr gut", sechs Mal "gut". So ähnlich hatten wir das erwartet, denn unser Testsystem urteilt schärfer als zuvor. Zudem fordert der starke US-Dollar seinen Tribut. Wer seine Befriedigung bergauf sucht, liegt bei dieser Kategorie gänzlich falsch. Wer bergab Gas geben will mit einem fahrstabilen Bike, das technisch anspruchsvolles Terrain erleichtert, hat hier freie Auswahl. Die 29er-All-Mountains aus dieser Testgruppe wirken robust, wiegen aber schwer. Unser Tipp: Riskieren Sie vor dem Kauf einen Blick aufs nächst teurere Modell. Der Überraschungssieger kommt aus dem Baskenland und heißt Orbea Occam TR.

Ludwig Döhl, BIKE-Testredakteur

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