Test 2015: Specialized Stumpjumper Expert Carbon Evo 29

Specialized Stumpjumper Expert Carbon Evo 29 im Test

  • Christoph Listmann
 • Publiziert vor 6 Jahren

Wer ein 29er mit viel Federweg für hartes Gelände sucht, hat 2015 nur eine überschaubare Auswahl. Trek Remedy Carbon 29, Cube Stereo 140 und das Stumpjumper Expert in der Evo-Ausführung. Hier im Test.

Fairfax in Marin County, Kalifornien, ist ein historischer Ort. Wenn nicht sogar DER Ort, den ein Mountainbiker besucht haben muss. Hier steht die Wiege des Mountainbikes: Joe Breeze schweißte hier das erste MTB und hier fand in den Siebzigerjahren das legendäre Repack-Rennen statt. Fairfax nennt man in einem Atemzug mit Gary Fisher, Charlie Kelly, Mount Tamalpais und in Kürze steht der Ort auch für die MTB Hall of Fame. Immer noch ist Fairfax ein eher verschlafenes Nest, durch das der Spirit von Love & Peace weht. Wer nach Fairfax reist, dreht meist eine Runde auf den Tamarancho-Trails – ein Wegenetz, das auf dem Terrain der Boy Scouts liegt und von diesen gepflegt wird.

Auf dem Rundkurs kann man sich nicht verfahren, die Runde dauert etwa 1,5 Stunden und hat 500 Höhenmeter.

Wenn mir also Ben Capron, Marketingchef von Specialized, ein brandneues Bike zum Test bereitstellt, wohin fahre ich dann? Klar, hinauf zum Camp Tamarancho. Ich bin zusammen mit Ben im Jahr 1998 die erste Transalp-Challenge gefahren und seitdem treffen wir uns alle paar Jahre zum Biken irgendwo auf der Welt. Jetzt hat er mir ein grellgelbes Stumpjumper Expert Evo 29 mitgebracht, ein 2015er-Modell aus der US-Testflotte.

Ein Traum: Biken im Ursprungsland, im Hintergrund der Mount Tamalpais.

Das Stumpjumper 29 Expert Carbon Evo stammt aus der US-Testflotte

Evo steht dabei für die abfahrtsorientierte Version des Klassikers. Während das 29er-Stumpjumper mit 130er-Federwegen und 32er-Gabel ausgerüstet ist, trumpft die Evo-Version mit 135 mm hinten sowie einer 35er-Pike-Gabel und 140 Millimeter Federweg auf. Für 5299 Euro gibt es dazu den Carbon-Hauptrahmen mit Alu-Hinterbau, Einfach-Kurbel mit Kettenführung, eine große Shimano XT-Bremsanlage sowie grobe, 2,3 Zoll-breite Reifen auf 29 Millimeter breiten Felgen. Wer lieber mit kleineren Laufrädern unterwegs ist – das Expert Evo gibt es baugleich auch als 27,5-Zoll-Version mit 150 Millimeter Federweg.

Das Expert Evo kommt mit einem 30er-Kettenblatt und Kettenführung. Passt super zum Einsatzbereich.

Von Downtown Fairfax führt ein breiter Forstweg zwei Meilen hinauf Richtung Trailhead (Start der Trails). Moderate Steigung, ideal zum warm werden. Man fühlt sich auf dem Stumpjumper sofort daheim, die 29er-Geometrie passt perfekt. In Größe XL steuert man allerdings eine große, lange Maschine. Die Bedienung des Bikes stellt einen nicht vor Rätsel. Rechts schaltet man elf Gänge, links sitzt der Hebel für die Teleskop-Stütze. An mehr braucht man nicht denken und das ist gut so.

Die 200er-Bremsscheibe (Shimano XT) passt zum Einsatzbereich des Expert Evo.

Denn schon im ersten Abschnitt, dem Alchemist, muss man sich auf Untergrund und Streckenführung konzentrieren. In den Serpentinen bergauf gilt es, sauber zu fahren, die Kurve voll auszunutzen. Hinterrad an Stufen entlasten, schalten, anbremsen, durch enge Bäume lenken. Gut 500 Höhenmeter bergauf hat die Runde, die meisten davon erarbeitet man sich in gut ausgefahrenen Spitzkehren. An die Grenzen der Einfach-Übersetzung mit 30/10-42 Zähnen stößt man dabei nicht. Shimano-XT-Schalter oder Gripshift wären mir persönlich lieber als die Sram Trigger X01, weil die Schaltgeschwindigkeit dabei noch höher liegt.

Specialized hat einen neuen Hebel für die Bedienung der Command Post-Sattelstütze entwickelt. Funktioniert wie ein Schalthebel, sehr ergonomisch.

Während man die Gabel geöffnet lassen kann, passt der Trail-Modus am Fox-Dämpfer zum Terrain am besten. Den Climb-Mode braucht man nur auf hartem Untergrund bergauf. Er ist aber kein straffer Lockout, etwas Bewegung lässt die Abstimmung zu – ein Vorteil gegenüber dem Brain-System.

Der neue Specialized-Slaughter-Hinterreifen hinterlässt einen sehr guten Eindruck.

Hirnlos: Beim Evo-Modell verzichtet Specialized auf seinen Brain-Dämpfer, stattdessen dämpft ein Fox-Federbein mit Autosag-Abstimmungshilfe.

In den USA zählt Grip mehr als Rollwiderstand

Die Specialized-Butcher- und Slaughter-Reifen funktionieren sehr gut. Hängende Kurven, loser Untergrund verlangen nach Grip und Stabilität und das liefern die neuen Modelle. Keinesfalls möchte man vom handtuchbreiten Pfad ins Grün schlittern, wo giftiges Poison Oak lauert.

Nur das Evo kommt mit 135 Millimeter Federweg hinten, außerdem besitzt das Bike das SWAT Kit mit Multitool unterm Flaschenhalter und Kettenwerkzeug im Steuerror.

Nach dem Abschnitt Wagon Wheel eine kurze Verschnaufpause. Der Blick nach Süden zeigt den Gipfel des Mount Tamalpais, dahinter liegt die Golden Gate Bridge. Links führt eine steile Fireroad zu den White Hills, dahinter liegt nur noch der Pazifik. Gut, dass der B17-Trailabschnitt nach Norden führt, erstmal ordentlich bergab. Der ausgewaschene Weg rumpelt ins Fahrwerk, das sich jedoch unbeeindruckt zeigt. Die Hindernisse der Tamarancho-Runde lassen das Stumpjumper Evo kalt. Das Fahrwerk wirkt recht straff, ist allerdings übermotorisiert für dieses Terrain, wo es keine Falllinie, keine Vollgas-Sektion und Hüpfer von maximal 40 Zentimetern gibt.

Kurz darauf entscheide ich mich an der Abzweigung gegen die Passage Broken Dam und für den neu gebauten Endor Flow Trail. Die Boy Scouts waren fleißig und haben hier Steilkurve an Steilkurve geschaufelt, unterbrochen von Tables, Doubles und Bodenwellen – Fahrspaß für Jedermann! Das Steilkurven-Surfen geht mit dem 29er-Stumpjumper nicht so druckvoll wie bei einem Bike mit kleineren Laufrädern, Größe XL wirkt sich hier nochmal stärker aus. Dabei wirkt das Expert Evo nicht etwa unpräzise – nein die steife Pike-Gabel setzt den Lenkbefehl direkt um – es handelt sich eben um den Radstand und die durch die großen Laufräder insgesamt enorme Länge des Bikes. Wenn man 29ern etwas vorwerfen kann, dann sind es die systembedingten Abmessungen. Auch auf dem Rückweg nach Fairfax, in den engen Kehren des Alchemist bergab, muss man konzentriert lenken, das XL-Bike fühlt sich etwas sperrig an.

Fazit:

Insgesamt kann das Stumpjumper Evo seine besonderen Stärken auf der Tamarancho-Runde nicht ausspielen. Die stecken nämlich in der Laufruhe bergab und der Fähigkeit, schwere Trails, wie es sie beispielsweise in Sölden gibt, souverän und gelassen zu meistern. Dafür ist das Evo-Modell ausgerüstet, dort kennt es nur wenige Gegner.

Beim obligatorischen Weißbier im Gestalthaus mit Chicken Burrito vom Grillys fälle ich mein Urteil: Das Stumpjumper Evo 29 ist ein Vollblut-All-Mountain mit Enduro-Fähigkeiten, ein echtes Mountainbike und ganz sicher kein Cruiser. Es ist ein Bike, das sich in normalem Gelände langweilt. Ein Bike, das für schwere Aufgaben geschaffen wurde. Anspruchsvolle Biker finden hier eines der besten 29er für die Saison 2015.


Hier finden Sie den Artikel zum Tamarancho Supertrail aus BIKE 9/2008

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