Mountainbike

Im Zweifel zugreifen!

Henri Lesewitz

 · 02.08.2021

Im Zweifel zugreifen!Foto: Max Fuchs

Wohl noch nie haben Biker wie Händler so sehnsüchtig auf die neuen Kollektionen gewartet. Der Markt ist leer gefegt, Nachschub an Bikes und Zubehör wird dringend benötigt. Dass sich die Situation mit den Herbstmessen entspannt, ist aber leider unwahrscheinlich.

Es war, als hätte eine hungrige Raupe den aktuellen 2021er-Modelljahrgang mit einem Happs verschlungen. Obwohl es bedingt durch die Pandemie weder eine Eurobike-Messe noch schillernde Neuheiten-Präsentationen gab, war der Markt innerhalb kürzester Zeit leer gekauft. Erstaunlich: Nicht etwa spannende Innovationen waren der Nachfragetreiber, sondern eine pure, urplötzlich aufgeflammte Lust am Mountainbiken, die das ganze Land ergriffen hatte. Die Hypernachfrage, wie Branchen-Insider das aktuelle Phänomen nennen, hat den kompletten Fahrradmarkt durcheinandergewirbelt. Bis zu 800 Tage müssen Hersteller inzwischen auf Ware der überlasteten Zulieferfirmen aus Fernost warten. Für kleine Marken, die beim massiv tobenden Kampf um Anbauteile und Produktions-Slots nicht so durchsetzungsfähig sind wie die Marktgiganten, ist der aktuelle Bike-Boom – so irre das klingt – eine ernste Existenzbedrohung. Erste Firmen, so hört man von Branchen-Insidern, seien bereits in finanziellen Schwierigkeiten, weil bestellte Räder nicht ausgeliefert werden können.

Spricht man mit Geschäftsführern und Produkt-Managern, zeichnet sich überall ein ähnliches Bild. Die Lager sind leer. Die neue Ware aber lässt auf sich warten, oder tröpfelt nur in unzureichenden Mengen ein. Egal, ob Hersteller von Antrieben, Bremsen, Reifen oder Kleinteilen: Alle sind von der gewaltigen Nachfrage förmlich überrannt. Vorübergehende, Pandemie-bedingte Firmenschließungen in Fernost haben den Auftragsstau noch verschärft. Dazu kommt die explosionsartig gestiegene Nachfrage nach Übersee-Containern auf dem Weltmarkt, was ein zusätzliches Nadelöhr geschaffen hat. Und selbst, wenn die Ware in Deutschland ist, müssen Firmen bei den ebenfalls gut ausgelasteten Speditionen oft um Transport-Kapazitäten kämpfen.

Ungewohnt für Kunden, Händler und Bike-Hersteller

„Es ist eine ungewohnte Situation für alle. Für Kunden genauso wie für Händler und Hersteller. Als wenn es beim Bäcker plötzlich nicht mehr das gibt, was sonst täglich verfügbar war. Bisher war die Auslage immer voll und nun gibt es nur noch manchmal Semmeln. So ungefähr ist das“, bringt Anatol Sostmann, Produkt-Manager bei Rose Bikes, das Gefühl aller auf den Punkt.

  Anatol Sostmann von Rose Bikes aus Bocholt, einem der größten deutschen Fahrradhersteller und Direktversender.Foto: Privatfoto
Anatol Sostmann von Rose Bikes aus Bocholt, einem der größten deutschen Fahrradhersteller und Direktversender.

Die Situation ist nicht nur für Kaufinteressenten, sondern auch für Händler frustrierend. Einerseits erleben sie eine nie dagewesene Nachfrage. Doch die nutzt nichts, wenn Mountainbikes und Teile nicht verfügbar sind.

„Im Moment ist es mein tägliches Geschäft, Kunden zu vertrösten, oder zu erklären, warum es was nicht gibt“, sagt Tino Zieger, der in seinem Shop Elbbikes im sächsischen Pirna Mountainbikes und Rennräder verkauft. Es sei surreal, erzählt er. Normalerweise ordere er im Herbst die Ware für die nächste Saison. Dieses Frühjahr habe er eine ausgefüllte Excel-Liste von seinem Vertreter vorgelegt bekommen. Eine Art Zuteilungsliste. Darauf: Nur ein Bruchteil dessen, was Zieger gerne geordert hätte. „Das ist natürlich krass. Aber letztlich ist es ja gut, dass Radfahren so boomt. Die vielen Räder müssen ja gewartet werden“, gibt sich Zieger trotz der angespannten Situation zuversichtlich. Wobei: Selbst für Service-Arbeiten fehlen im Moment zum Teil die nötigen Teile. Weswegen Zieger ein Netzwerk mit anderen Händler-Kollegen aufgebaut hat, um sich gegenseitig mit Teilen auszuhelfen.

  Lange Wartezeiten gibt's derzeit nicht nur für neue Bikes, sondern auch bei Verschleißteilen wie Ketten, Kassetten und Bremsbelägen muss man teils lange auf Nachschub warten.Foto: Georg Grieshaber
Lange Wartezeiten gibt's derzeit nicht nur für neue Bikes, sondern auch bei Verschleißteilen wie Ketten, Kassetten und Bremsbelägen muss man teils lange auf Nachschub warten.

Bernd Weihermann, der in Filderstadt bei Stuttgart den Highend-Shop „Bernd's Radsportecke“ betreibt, hat die aktuelle Situation auch schon einiges an Nerven gekostet. Tagtäglich muss er Kunden in seinem Fahrradladen vertrösten. Mal werden aus ursprünglich drei Monaten Lieferzeit plötzlich sechs Monate. Mal muss er dem Kunden nach Monaten des Wartens mitteilen, dass das bestellte Bike vom Hersteller gar nicht mehr geliefert wird. Ein Alptraum.

„Wir können den Händlern nicht sagen, in welcher Kalender-Woche das georderte Bike lieferbar sein wird. Die Zulieferfirmen in Asien sind völlig überbucht, die können die Aufträge nur nach und nach abarbeiten. Die Kapazitäten lassen sich leider nicht nach Belieben hochfahren“, so Centurion-Boss Wolfgang Renner, den das Ganze – genau wie die Chefs anderer Bike-Firmen – seit knapp einem Jahr auf Trab hält. Ausstattungslisten müssen der Liefersituation angepasst, Alternativ-Teile aufgetrieben und geplante Neuheiten-Präsentationen verschoben werden. Ein irrer Stress, der laut Renner wohl so schnell kein Ende hat.

Für 2022 erst einmal keine Entspannung in Sicht

Die Branchen-Experten sind sich einig. Entspannung ist erst mal nicht in Sicht. Kein Wunder also, dass auch diesen Herbst kein großes Neuheiten-Feuerwerk zu erwarten ist – obwohl mit der Eurobike und der IAA Mobility zwei großen Messen anstehen. Priorität für viele Firmen hat das Abarbeiten der langen Bestelllisten. Die Trends, die sich für 2022 abzeichnen, sind keine Meilensteine wie Twentynine oder 1x12-Schaltungen. Der Innovationsgrad der 2022er-Kollektionen wird viele auch nur am Rand interessieren. Es gibt neue Ware, vor allem das zählt. Und die wird vom Markt verschlungen werden, wie von einer hungrigen Raupe.

  Neu für 2022: Stevens bringt sein Carbon-Hardtail Sonora in einer Variante mit der kabellosen Sram GX AXS-Funkschaltung. Dazu gibt's für 3399 Euro eine Rockshox SID Select+-Gabel, Shimano-XT-Bremsen und DT Swiss X1900-Laufräder.Foto: Hersteller
Neu für 2022: Stevens bringt sein Carbon-Hardtail Sonora in einer Variante mit der kabellosen Sram GX AXS-Funkschaltung. Dazu gibt's für 3399 Euro eine Rockshox SID Select+-Gabel, Shimano-XT-Bremsen und DT Swiss X1900-Laufräder.

Unser Tipp: Wer ein neues Bike sucht, der sollte flexibel sein. Die Geometrie und die generelle Ausstattung müssen natürlich passen. Doch wenn es um Farbe oder Modell-Details geht, dann sollte man im Zweifel lieber zugreifen als auf ein besseres Angebot warten. Schnelles Zugreifen empfiehlt sich noch aus einem weiteren Grund: Die explodierenden Transport-Kosten werden sich wohl schon bald in den Preisen der Bikes widerspiegeln. So manches Modell wird 2022 also teurer werden.

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