Hardtail

Weltmeister-Bike: Canyon Exceed im Test

Stefan Loibl

 · 04.10.2016

Weltmeister-Bike: Canyon Exceed im TestFoto: Robert Niedring

Bei Alban Lakatas Ritt zu Marathon-Gold 2015 hatte das Canyon Exceed seinen ersten, großen Auftritt. Ohne Startnummer haben wir den Carbon-Racer über Trails gejagt und im Labor in die Mangel genommen.

Hätte Hollywood ein Drehbuch zum neuen Canyon Exceed schreiben müssen, hätte es wahrscheinlich so geklungen: Wenige Tage vor dem großen Showdown des Jahres, der Marathon-WM, bekommt Mitfavorit Alban Lakata einen ersten Protoypen geliefert. Alles "top secret" natürlich. Er testet, tüftelt und wagt das Experiment, mit neuem Material an die Startlinie zu gehen. Lakata kämpft, leidet und schafft das schier Unmögliche. Im ersten Rennen mit dem Carbon-Racer holt der Österreicher auf Anhieb den Weltmeistertitel. Im Konfettiregen trägt Lakata sein Sieger-Bike unter Tränen über die Ziellinie – eine dramatische Inszenierung, die im Juni 2015 genau so in Gröden geschah.

Das Exceed CF löst beim Koblenzer das verdiente Grand Canyon CF ab, das jahrelang mit der Marathon-Equipe von Topeak-Ergon Rennerfolge einfuhr und auch in unseren Tests regelmäßig zum Kreis der Sieganwärter zählte – in Alu als auch Carbon. Warum dann das Exceed? Weil der Vorgänger in die Jahre gekommen ist und die Konkurrenz wie BMC, Focus und Cube vorgelegt hat. Federleichte 870 Gramm ruft Canyon für den Exceed-CF-Rahmen aus. Kleine Rohrquerschnitte, abgemagerte Knotenpunkte und hochwertigste Carbon-Fasern sparen im Vergleich zum Vorgänger fast 300 Gramm. Unsere Waage blieb zwar bei 992 Gramm stehen, doch wir messen traditionell mit Steckachse und Sattelschnellspanner (zusammen 103 Gramm). Die Top-Bikes aus dem Hardtail-Test aus BIKE 12/2015 lässt das Exceed damit hinter sich.

  Anschlagbegrenzer: Simple Lösung, großer Nutzen – die Impact Protection Unit verhindert, dass sich der Bremshebel bei Stürzen ins Oberrohr bohrt. Statt dem Rahmen bricht der austauschbare Anschlag. Foto: Robert Niedring
Anschlagbegrenzer: Simple Lösung, großer Nutzen – die Impact Protection Unit verhindert, dass sich der Bremshebel bei Stürzen ins Oberrohr bohrt. Statt dem Rahmen bricht der austauschbare Anschlag. 
  Umwerfersockel: Die Umwerferschraube dient gleichzeitig zur Befestigung des Umwerfersockels. So wird eine zusätzliche Schraube eingespart. Auch Flaschenhalterschrauben sind von Werk aus keine dran.Foto: Robert Niedring
Umwerfersockel: Die Umwerferschraube dient gleichzeitig zur Befestigung des Umwerfersockels. So wird eine zusätzliche Schraube eingespart. Auch Flaschenhalterschrauben sind von Werk aus keine dran.
  Komfortgarant: Bestwerte in Sachen Flex liefert die zweiteilige "Blattfederstütze". Fast einen Zentimeter gibt die Stütze bei großen Schlägen nach, wenn man im Sattel sitzt. Das ist in der Praxis deutlich spürbar. Foto: Robert Niedring
Komfortgarant: Bestwerte in Sachen Flex liefert die zweiteilige "Blattfederstütze". Fast einen Zentimeter gibt die Stütze bei großen Schlägen nach, wenn man im Sattel sitzt. Das ist in der Praxis deutlich spürbar. 
  Rahmenschutz: Am Tretlager schützt eine Alu-Platte den 1500 Euro teuren Rahmen. Und die Kettenstrebe packt Canyon in einen Neoprenschlauch. Nur eine Folie am Unterrohr hätten wir uns noch gewünscht.Foto: Robert Niedring
Rahmenschutz: Am Tretlager schützt eine Alu-Platte den 1500 Euro teuren Rahmen. Und die Kettenstrebe packt Canyon in einen Neoprenschlauch. Nur eine Folie am Unterrohr hätten wir uns noch gewünscht.

Steif und direkt im Antritt, flexend und komfortabel, wenn man im Sattel sitzend über Wurzelteppiche rumpelt: Diesen Spagat zwischen Steifigkeit und Komfort meistert das Exceed souverän. Überhaupt passt dem 9,19 Kilogramm leichten Carbon-Racer das Handling mit dem etwas flacheren Lenkwinkel äußerst gut. Denn die direkte Lenkung am aufgeräumten Cockpit reagiert gütmütig und verzeiht auch mal einen Fahrfehler, der sich im Renneinsatz mit Puls 180 schon mal einschleichen kann. Wie es sich für einen waschechten Racer gehört, giert das Exceed nach Geschwindigkeit. Die neuen Carbon-Laufräder von DT (3561 Gramm komplett) sichern den Vorwärtsdrang. Der steile Sitzwinkel lässt das Exceed leichtfüßig durch Steilrampen klettern wie eine Gämse durchs Hochgebirge. Aber Vorsicht: Wer die Lycra-Pelle überzieht, riskiert brennende Oberschenkel und Blutgschmack im Mund. Denn das Exceed verführt zum Rasen, ob mit Startnummer am Lenker oder Strava-KOM im Hinterkopf. Wer auf dem Exceed lange Marathons und Etappenrennen bestreiten will, wird mit der 1x11-Übersetzung möglicherweise an seine Grenzen stoßen. Doch anders als viele andere Hersteller bietet Canyon sein Top-Hardtail auch mit verschiedenen Zweifach-Varianten an. Weiteres Tuning-Potenzial bieten die Laufräder. Mit einer Umrüstung auf Tubeless lassen sich noch einige Gramm herauskitzeln. Den Leichtbau auf die Spitze getrieben, kann das Exceed sogar die 8-Kilo-Marke knacken – wie Canyon mit der LTD-Version zeigt.

  Canyon Exceed - GeometriedatenFoto: BIKE Magazin
Canyon Exceed - Geometriedaten
  Hellblaue Balken: absolute Steifigkeit in Newton pro Millimeter – graue Balken: Komfortmessung am Sattel, maximale Auslenkung in Millimetern bei 102 Kilo Belastung im Sattel.Foto: BIKE Magazin
Hellblaue Balken: absolute Steifigkeit in Newton pro Millimeter – graue Balken: Komfortmessung am Sattel, maximale Auslenkung in Millimetern bei 102 Kilo Belastung im Sattel.


Die Alternative: Identischer Rahmen, gleiche Komfort- und Steifigkeitswerte: Das Exceed CF SLX 9.9 Race kostet 1200 Euro weniger als die Pro-Version. Die Renngene sind allerdings dieselben. Bei 400 Gramm mehr soll die Waage stehen bleiben. Die elf Gänge wechselt eine Sram X01, um die Steckachsen drehen sich DT-Swiss-XR-1501-Laufräder.

  Die Alternative: Das Canyon Exceed CF SLX 9.9 Race kostet regulär 3699 Euro. Derzeit (Stand: Oktober 2016) ist es auf der Website des Versenders für 3299 Euro zu haben.Foto: Hersteller
Die Alternative: Das Canyon Exceed CF SLX 9.9 Race kostet regulär 3699 Euro. Derzeit (Stand: Oktober 2016) ist es auf der Website des Versenders für 3299 Euro zu haben.

Test-Fazit zum Canyon Exceed CF


„Aufgrund des neuen BIKE-Testsystems lässt sich das Exceed zwar nicht 1:1 mit den Top-Hardtails aus BIKE 12/15 vergleichen. Aber allein durch die überzeugenden Messwerte hätte es um den Testsieg mitgekämpft. Der federleichte Rahmen zählt zur absoluten Speerspitze, ohne Kompromisse bei der Steifigkeit einzugehen. Wegen des hohen Sitzkomforts wäre es mit Zweifach-Antrieb meine erste Wahl bei Etappenrennen und harten Eintages-Marathons.“ (Stefan Loibl, BIKE-Testredakteur)

  Stefan Loibl, BIKE RedakteurFoto: Robert Niedring
Stefan Loibl, BIKE Redakteur

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